Politik und Sprache "Obama erreicht die Leute nicht mehr"

Wenn der US-Präsident heute den Friedensnobelpreis entgegennimmt, wird er sich einmal mehr vorhalten lassen müssen, dass er die Hoffnungen vieler Wähler enttäuscht hat. Der amerikanische Linguist George P. Lakoff erklärt, wie es dazu kommen konnte.

"Sprache ist immer eine Reflexion der dahinter liegenden Moral. Und die ist verloren gegangen", sagt George Lakoff über Obama

"Sprache ist immer eine Reflexion der dahinter liegenden Moral. Und die ist verloren gegangen", sagt George Lakoff über Obama

ZEIT ONLINE: Ist Barack Obama der erste Präsident, der einen Friedensnobelpreis für seine Kunst der Rede bekommt?

George P. Lakoff: Nein. Er bekommt den Friedensnobelpreis für seine Kunst der Diplomatie.

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ZEIT ONLINE: Wirklich? 30.000 zusätzliche Soldaten für Afghanistan, bis jetzt keine Schließung von Guantánmo, kein Abzug aus dem Irak, keine Gesundheitsreform, keine ernsthaften Klimaversprechen, Schwule sind weiterhin aus dem Militär ausgeschlossen und ...

George P. Lakoff
George P. Lakoff, 58, ist einer der bekanntesten US-amerikanischen Linguisten. Er lehrt seit 1972 an der Berkeley Universität in Kalifornien. Mit "Don't think of an elephant!" schrieb er einen Bestseller über die Macht der Sprache.

George P. Lakoff, 58, ist einer der bekanntesten US-amerikanischen Linguisten. Er lehrt seit 1972 an der Berkeley Universität in Kalifornien. Mit "Don't think of an elephant!" schrieb er einen Bestseller über die Macht der Sprache.

Lakoff: Moment. Denken Sie bitte daran, dass die Vereinigten Staaten keine Firma sind, die von Obama geleitet wird. Ohne den Kongress kann er wenig machen. Und der Kongress ist höchst konservativ, der oberste Gerichtshof ist ebenfalls höchst konservativ – das macht es schwierig. Er kommt auch ohne Zugeständnisse an das Militär nicht aus. Alle Abgeordneten haben viele ehemalige Soldaten in ihrem Wahlkreis, sie müssen sich auch nach ihnen richten.

ZEIT ONLINE: Aber sein Versprechen war "Change" für das Volk, sogar für die ganze Welt. Zahlt Obama jetzt den Preis für seine rhetorischen Ansprüche?

Lakoff: Nein, Sie haben seinen Reden nicht richtig zugehört. Er sagte: "Change" kann nur durch euch kommen. In jedem einzelnen Punkt. Die Veränderung muss vom amerikanischen Volk kommen, indem es sie von seinen Repräsentanten fordert und darauf besteht. Aber natürlich hat Obama auch Fehler gemacht.

ZEIT ONLINE: Welche?

Lakoff: Der erste Fehler war, das konservative Mediensystem zu unterschätzen. Obama dachte, dass es reiche, wenn er seine Wahlkampagne einfach weiterlaufen lässt. Dieselben Leute, die damals E-Mails bekommen haben, bekommen auch heute noch E-Mails. Aber das sind eben nur seine Unterstützer – er hat die Wahl aber nur knapp gewonnen. Die Konservativen dagegen erreichen mehr, sie haben eine wahre Meinungsmaschine. 80 Prozent der Sprecher im Fernsehen sind Konservative. In jedem Radio, in jeder Kirche reden sie – jeden Tag und den ganzen Tag.

Der zweite Fehler war, dass er den Beraterstab Clintons übernommen hat. Dadurch konnte er seine Ideen nicht weiterentwickeln. Er hatte zwar ein paar Hundert, junge, eigene Leute um sich herum, aber um eine Regierung zu führen, braucht man 3000 Berater. Und das sind Clintonleute, die weiter rechts stehen als Obama und technokratischer sind. Sie sind nicht in Kommunikation geschult, sondern in Politik. Sie denken nicht in erster Linie moralisch, sondern praxisbezogen: Welche Budgets gibt es? Wie hoch sind sie? Welcher Kongressabgeordnete hat in seinem Bezirk welche Probleme, wie muss man deshalb mit ihm reden? Das Resultat: Die übergeordnete Idee geht verloren und wird heruntergebrochen in viele kleine Teile. Obama hatte keine Chance, nicht seine Ideen haben sich verändert, sondern seine Verwaltung. Sprache ist immer eine Reflexion der dahinter liegenden Moral. Und die ist verloren gegangen.

ZEIT ONLINE: Nennen Sie ein Beispiel.

Lakoff: Die Gesundheitsreform wurde zur "Public Option", einer Versicherungsmöglichkeit - das ist Politikergeschwätz. Anstatt zu sagen "Medizin für alle" oder "Der amerikanische Plan" oder meinetwegen auch "Staatliche Krankenversicherung", benutzt Obama jetzt standardisierte Politikerausdrücke. Damit erreicht er die Leute nicht mehr.

Die Konservativen propagieren dagegen jeden Tag, dass die Reform eine Art feindliche Übernahme sei, ein Angriff auf die Freiheit und auf die Gesundheit jedes einzelnen. Außerdem führe sie zum Staatsbankrott. Das versteht jeder. Versicherungsgesellschaften haben Millionen von Anzeigen im Fernsehen geschaltet, das setzt demokratische Abgeordnete von konservativen Staaten unter Druck, und die sind bei den Abstimmungen später problematisch. Dagegen kommt Obama nur schwer an.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    bei bush war es einfach, der hat das gesagt was er dann auch getan hat, auch wenn es irre war

    der obama sagt vernünftiges, handelt aber im endeffekt wie bush

    "yes we can" sind seine worte, er hat bis jetzt nur bewiesen er kann es nicht

    so einen "umfallerkaiser" wie den habe ich selten gesehen

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    Haetten Sie das Interview, das Sie komentieren, gelesen, wuerde Ihnen eine differenzierte Begruendung fuer Obamas Schwierigkeiten bewusst.

    Es ist ein generelles Problem, dass diejenigen, die mit Ehrlichkeit sachlich, differenziert und diplomatisch vorgehen wollen, immer einen Nachteil gegenueber denen haben, die die Mittel durch den Zweck rechtfertigen, wenn die Zielgruppe den Unterschied nicht durchschaut.

    Reiche Progressive sollen sich in die Medien einkaufen, um die Presse nach ihren Vorstellungen tanzen zu lassen? Das steht diametral zur Pressefreiheit und Aufklaerung, aber die Republikaner interessiert das nicht und haben auch noch Erfolg damit.

    Wie soll eine Bevoelkerung, die nicht begreift, dass sie sich selbst zu dem Zustand, den sie beklagt, hat ueberreden lassen, verstehen, dass der Wandel ebenfalls aus ihnen heraus kommen muss?
    Barack Obama laeuft Gefahr, an der Rueckstaendigkeit der amerikanischen Gesellschaft zu scheitern. Die Menschheit sind noch nicht bereit fuer einen solchen Praesidenten, und Obama hat ihre Bereitschaft vielleicht ueberschaetzt.

    Man kann nur hoffen, dass es sich doch noch zum Guten wendet. Obamas Faehigkeit zur Selbstkritik laesst diese Moeglichkeit durchaus noch realistisch erscheinen.

    Haetten Sie das Interview, das Sie komentieren, gelesen, wuerde Ihnen eine differenzierte Begruendung fuer Obamas Schwierigkeiten bewusst.

    Es ist ein generelles Problem, dass diejenigen, die mit Ehrlichkeit sachlich, differenziert und diplomatisch vorgehen wollen, immer einen Nachteil gegenueber denen haben, die die Mittel durch den Zweck rechtfertigen, wenn die Zielgruppe den Unterschied nicht durchschaut.

    Reiche Progressive sollen sich in die Medien einkaufen, um die Presse nach ihren Vorstellungen tanzen zu lassen? Das steht diametral zur Pressefreiheit und Aufklaerung, aber die Republikaner interessiert das nicht und haben auch noch Erfolg damit.

    Wie soll eine Bevoelkerung, die nicht begreift, dass sie sich selbst zu dem Zustand, den sie beklagt, hat ueberreden lassen, verstehen, dass der Wandel ebenfalls aus ihnen heraus kommen muss?
    Barack Obama laeuft Gefahr, an der Rueckstaendigkeit der amerikanischen Gesellschaft zu scheitern. Die Menschheit sind noch nicht bereit fuer einen solchen Praesidenten, und Obama hat ihre Bereitschaft vielleicht ueberschaetzt.

    Man kann nur hoffen, dass es sich doch noch zum Guten wendet. Obamas Faehigkeit zur Selbstkritik laesst diese Moeglichkeit durchaus noch realistisch erscheinen.

  2. Zumindest kann heute eines von O. behauptet werden:

    Man weiß nicht genau, woran man bei ihm und seinen schönen Worten ist.

  3. diese meinungsmaschine der konservativen nennt sich übrigens fox. und diese meinungsmaschine beeinflusst die zuschauer in einer art und weise, dass sie die falsche politik für die richtige halten - und umgekehrt. ich bin fassungslos.

    sehr gutes interview, vor allem diese antwort:

    "Change" kann nur durch euch kommen. In jedem einzelnen Punkt. Die Veränderung muss vom amerikanischen Volk kommen, indem es sie von seinen Repräsentanten fordert und darauf besteht.

    DAS ist der springende punkt.

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    • keox
    • 10.12.2009 um 15:59 Uhr

    und das gilt auch für D-Land.

    Ein winziges Beispiel:

    Die Lebensmittelampel wurde erwartungsgemäß in die Tonne getreten. Und nun? Wir kaufen einfach bevorzugt Waren, die sie freiwillig aufweisen, oder dem zumindest nahe kommen.

    step for step

    • keox
    • 10.12.2009 um 15:59 Uhr

    und das gilt auch für D-Land.

    Ein winziges Beispiel:

    Die Lebensmittelampel wurde erwartungsgemäß in die Tonne getreten. Und nun? Wir kaufen einfach bevorzugt Waren, die sie freiwillig aufweisen, oder dem zumindest nahe kommen.

    step for step

    • fanta4
    • 10.12.2009 um 12:13 Uhr

    Die Analyse von Lakoff trifft's 100%.

    Obama hatte nur eine Chance: Sofort, vom ersten Amtstag an seine Politik umzusetzen. Damit hätte er dem gesamten "System Amerika" - vom Militär über Geheimdienste usw. - kräftig gegen den Strich gebürstet.

    Aber seine Wähler wären noch mobil gewesen und hätten ihn, auch auf der Straße, unterstützt.

    Anstatt dessen hat wurde er vom System gefressen. Aus der Traum.

    Man sieht überdeutlich, welche enormen Schäden die andauernden Kriege, die Amerika führt, auch im Inneren verursacht haben.
    Wie Krank Amerika geworden ist.

    • Midway
    • 10.12.2009 um 12:13 Uhr
    5.

    Unfassbar. Was bilden eigentlich die Meckle unter euch und ZEIT ein?
    Dass Obama nach fast einem Jahr die Welt in ein Paradies verwandeln hätte können?
    Für mich geht es auch schleppend voran. Aber vill liegt es daran, dass er kein Diktator oder desgleichen ist und die Menschen weiterhin machen können, was sie wollen. siehe Israel.

    ihr solltet euch mal schämen.^^

  4. Die Analyse Lakoffs erscheint mir nachvollziehbar. Die Beschreibung der konservativen Meinungsmaschine ist erschreckend, zumal wenn man Lakoff folgt, man sich vorstellen kann, dass Obama weiterhin große Schwierigkeiten haben wird, wenn er im kommunikativen Bereich keine Änderungen vornimmt.
    Lakoff sollte sein Berater werden.

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    • keox
    • 10.12.2009 um 16:14 Uhr

    Möglicherweise war das ja wirklich ein Bewerbungsschreiben, dann aber ein recht überzeugendes.

    "Die Beschreibung der konservativen Meinungsmaschine ist erschreckend...", das kennen wir in D-Land, nix Neues also.

    Also alles was verfügbar ist nutzen:

    Flugblätter, Flyer, e-mails, sms, blogs, twitter, es gibt sogar mainstreamferne Magazine, und und und...

    Man kann sogar mit ganz real wirklichen Menschen reden.

    Und wenn wir dann noch den Fernseher ausmachen, ist die Propagandamaschine immerhin schon leicht in´s Stolpern geraten.

    • keox
    • 10.12.2009 um 16:14 Uhr

    Möglicherweise war das ja wirklich ein Bewerbungsschreiben, dann aber ein recht überzeugendes.

    "Die Beschreibung der konservativen Meinungsmaschine ist erschreckend...", das kennen wir in D-Land, nix Neues also.

    Also alles was verfügbar ist nutzen:

    Flugblätter, Flyer, e-mails, sms, blogs, twitter, es gibt sogar mainstreamferne Magazine, und und und...

    Man kann sogar mit ganz real wirklichen Menschen reden.

    Und wenn wir dann noch den Fernseher ausmachen, ist die Propagandamaschine immerhin schon leicht in´s Stolpern geraten.

  5. Haetten Sie das Interview, das Sie komentieren, gelesen, wuerde Ihnen eine differenzierte Begruendung fuer Obamas Schwierigkeiten bewusst.

    Es ist ein generelles Problem, dass diejenigen, die mit Ehrlichkeit sachlich, differenziert und diplomatisch vorgehen wollen, immer einen Nachteil gegenueber denen haben, die die Mittel durch den Zweck rechtfertigen, wenn die Zielgruppe den Unterschied nicht durchschaut.

    Reiche Progressive sollen sich in die Medien einkaufen, um die Presse nach ihren Vorstellungen tanzen zu lassen? Das steht diametral zur Pressefreiheit und Aufklaerung, aber die Republikaner interessiert das nicht und haben auch noch Erfolg damit.

    Wie soll eine Bevoelkerung, die nicht begreift, dass sie sich selbst zu dem Zustand, den sie beklagt, hat ueberreden lassen, verstehen, dass der Wandel ebenfalls aus ihnen heraus kommen muss?
    Barack Obama laeuft Gefahr, an der Rueckstaendigkeit der amerikanischen Gesellschaft zu scheitern. Die Menschheit sind noch nicht bereit fuer einen solchen Praesidenten, und Obama hat ihre Bereitschaft vielleicht ueberschaetzt.

    Man kann nur hoffen, dass es sich doch noch zum Guten wendet. Obamas Faehigkeit zur Selbstkritik laesst diese Moeglichkeit durchaus noch realistisch erscheinen.

    Antwort auf "Kommentar Nr. 1"
  6. Im ersten Teil des Interviews klagt Lakoff die Obama-Administration leide darunter das sie die Ideen des Wahlkampfes nun zu sachbezogen behandeln würde und im zweiten Teil behauptet er die Stärke der Konservativen wäre es mit Ideen anzufangen und diese dann im Nachhinein sachpolitisch aufzudröseln. Verstehe ich den Herren falsch oder ist das nicht genau das Selbe?
    Ansonsten ist es doch nicht verwunderlich das die Medien hinter den Konservativen stehen. Die Medien werden von der superreichen Geldelite geführt, natürlich sind diese konservativ, schliesslich sind sie die Gewinner des Systems. Die Demokraten mögen für soziale Gerechtigkeit oder 'den kleinen Mann' einstehen, aber es ist eben nicht 'der kleine Mann' welcher die Medien kontrolliert.
    Obama zu einem Menschen zu machen der bewusst seine Ideale aufgibt halte ich für etwas überzogen. Aber wer geglaubt hat, seine Wahlversprechen würden sich alle eins zu eins in die Tat umsetzen lassen, der ist nicht nur naiv sondern ermangelt jeglichen Verständnisses von politischer Machtbildung. Es war doch von vornherein glasklar das sich seine Versprechen nicht in die Tat umsetzen lassen würden, dazu waren sie einfach zu gut. Aber man muss ihm zugute halten dass seit seines Amtantritts die arrogante Selbstgefälligkeit der Bush-Administration verschwunden ist. Und dies allein ist Grund genug zur Freude...

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