ZEIT ONLINE: Ist Barack Obama der erste Präsident, der einen Friedensnobelpreis für seine Kunst der Rede bekommt?

George P. Lakoff: Nein. Er bekommt den Friedensnobelpreis für seine Kunst der Diplomatie.

ZEIT ONLINE: Wirklich? 30.000 zusätzliche Soldaten für Afghanistan, bis jetzt keine Schließung von Guantánmo, kein Abzug aus dem Irak, keine Gesundheitsreform, keine ernsthaften Klimaversprechen, Schwule sind weiterhin aus dem Militär ausgeschlossen und ...

Lakoff: Moment. Denken Sie bitte daran, dass die Vereinigten Staaten keine Firma sind, die von Obama geleitet wird. Ohne den Kongress kann er wenig machen. Und der Kongress ist höchst konservativ, der oberste Gerichtshof ist ebenfalls höchst konservativ – das macht es schwierig. Er kommt auch ohne Zugeständnisse an das Militär nicht aus. Alle Abgeordneten haben viele ehemalige Soldaten in ihrem Wahlkreis, sie müssen sich auch nach ihnen richten.

ZEIT ONLINE: Aber sein Versprechen war "Change" für das Volk, sogar für die ganze Welt. Zahlt Obama jetzt den Preis für seine rhetorischen Ansprüche?

Lakoff: Nein, Sie haben seinen Reden nicht richtig zugehört. Er sagte: "Change" kann nur durch euch kommen. In jedem einzelnen Punkt. Die Veränderung muss vom amerikanischen Volk kommen, indem es sie von seinen Repräsentanten fordert und darauf besteht. Aber natürlich hat Obama auch Fehler gemacht.

ZEIT ONLINE: Welche?

Lakoff: Der erste Fehler war, das konservative Mediensystem zu unterschätzen. Obama dachte, dass es reiche, wenn er seine Wahlkampagne einfach weiterlaufen lässt. Dieselben Leute, die damals E-Mails bekommen haben, bekommen auch heute noch E-Mails. Aber das sind eben nur seine Unterstützer – er hat die Wahl aber nur knapp gewonnen. Die Konservativen dagegen erreichen mehr, sie haben eine wahre Meinungsmaschine. 80 Prozent der Sprecher im Fernsehen sind Konservative. In jedem Radio, in jeder Kirche reden sie – jeden Tag und den ganzen Tag.

Der zweite Fehler war, dass er den Beraterstab Clintons übernommen hat. Dadurch konnte er seine Ideen nicht weiterentwickeln. Er hatte zwar ein paar Hundert, junge, eigene Leute um sich herum, aber um eine Regierung zu führen, braucht man 3000 Berater. Und das sind Clintonleute, die weiter rechts stehen als Obama und technokratischer sind. Sie sind nicht in Kommunikation geschult, sondern in Politik. Sie denken nicht in erster Linie moralisch, sondern praxisbezogen: Welche Budgets gibt es? Wie hoch sind sie? Welcher Kongressabgeordnete hat in seinem Bezirk welche Probleme, wie muss man deshalb mit ihm reden? Das Resultat: Die übergeordnete Idee geht verloren und wird heruntergebrochen in viele kleine Teile. Obama hatte keine Chance, nicht seine Ideen haben sich verändert, sondern seine Verwaltung. Sprache ist immer eine Reflexion der dahinter liegenden Moral. Und die ist verloren gegangen.

ZEIT ONLINE: Nennen Sie ein Beispiel.

Lakoff: Die Gesundheitsreform wurde zur "Public Option", einer Versicherungsmöglichkeit - das ist Politikergeschwätz. Anstatt zu sagen "Medizin für alle" oder "Der amerikanische Plan" oder meinetwegen auch "Staatliche Krankenversicherung", benutzt Obama jetzt standardisierte Politikerausdrücke. Damit erreicht er die Leute nicht mehr.

Die Konservativen propagieren dagegen jeden Tag, dass die Reform eine Art feindliche Übernahme sei, ein Angriff auf die Freiheit und auf die Gesundheit jedes einzelnen. Außerdem führe sie zum Staatsbankrott. Das versteht jeder. Versicherungsgesellschaften haben Millionen von Anzeigen im Fernsehen geschaltet, das setzt demokratische Abgeordnete von konservativen Staaten unter Druck, und die sind bei den Abstimmungen später problematisch. Dagegen kommt Obama nur schwer an.