Afghanistan "An mehr Truppen geht kein Weg vorbei"
Kein Strategiewechsel sondern Ratlosigkeit beherrsche die deutsche Afghanistan-Politik, sagt der Experte Kaim im Interview. Mit den Taliban zu reden sei unvermeidbar.
© Michael Kappeler/ AFP/ Getty Images

"Weite Teile Afghanistans sind für westliche Wiederaufbaubemühungen nicht zugänglich", sagt der SWP-Experte Kaim. Die Politik habe darauf keine Antwort
Frage: Herr Kaim, gibt es gemäßigte Taliban?
Markus Kaim: Die Erfahrung lehrt uns, dass Bürgerkriege dauerhaft nur beendet werden können, wenn es gelingt, die kämpfenden Parteien ins politische System zu integrieren. Wenn wir in drei bis fünf Jahren unsere Truppen aus Afghanistan abziehen und eine selbsttragende Sicherheit haben wollen, dann führt kein Weg daran vorbei, die Taliban einzubinden.
Frage: Lassen sich die Gemäßigten von den Nichtgemäßigten überhaupt unterscheiden?
Kaim: Das ist das Problem: Es ist eine Fiktion zu glauben, wir könnten uns die Guten aussuchen, um mit denen zu verhandeln. Die "Bösen" sind so mächtig, dass man moralisch Kompromisse machen muss. Das betrifft die Taliban mit ihren Vorstellungen von Erziehung und Bildung von Mädchen zum Beispiel. Noch viel eklatanter aber ist das bei den Warlords, Leuten, die Blut an den Händen haben.
Frage: Gibt es rote Linien, die auf keinen Fall überschritten werden dürften?
Kaim: Schwierig zu sagen. Wir müssen uns angewöhnen, an vielen Punkten die Afghanen selber bestimmen zu lassen. Ein Grundfehler des Einsatzes bisher war es, unsere Ordnungsvorstellungen an den Hindukusch exportieren zu wollen. Das ist im Desaster geendet. Wir müssen uns damit begnügen, bestimmte Mindeststandards, zum Beispiel einer guten Regierungsführung, durchzusetzen.
Frage: Kündigt sich jetzt ein Strategiewandel an?
Kaim: Da wäre ich vorsichtig. Was die deutsche Politik im Moment charakterisiert, ist eine gewisse Ratlosigkeit. Wir sehen, dass trotz erhöhten Engagements die Resultate bescheiden sind: Die Sicherheitslage hat sich verschlechtert, die Wahlen waren von Manipulationen überschattet.
Frage: Was ist überhaupt noch zu erreichen?
Kaim: Es hat eine gewisse Nüchternheit Einzug gehalten. Deshalb sind, was vor zwei Jahren noch zurückgewiesen wurde – Gespräche mit Taliban – heute eher denkbar als ein Instrument, Afghanistan erst einmal zu befrieden und dann zumindest militärisch verlassen zu können.
Frage: Was wäre politisch das am dringendsten Gebotene, um bald abziehen zu können?
Kaim: In der Vergangenheit wurden zwei Fehler gemacht. Wir haben uns verzettelt und zu viele Dinge gleichzeitig gewollt. Und wir haben geglaubt, die Aufgabe sei in verhältnismäßig kurzer Zeit mit überschaubaren Mitteln zu bewältigen.
Frage: Was muss jetzt passieren?
Kaim: Wir müssen zurück zum UN-Mandat und Sicherheit im gesamten Land gewährleisten, um den zivilen Wiederaufbau gewährleisten zu können.
Frage: Das heißt, auf die militärische Komponente kann nicht verzichtet werden?
Kaim: An einer Erhöhung der Truppenstärke geht angesichts der begrenzten Zeit in Afghanistan und der sich verschlechternden Sicherheitslage kein Weg vorbei.
Frage: Bisher haben Kanzlerin und Außenminister wenig Sympathie dafür erkennen lassen – und die SPD wandelt sich in der Opposition gerade zur Friedenspartei...
Kaim: Wenn wir die Mission Afghanistan so ernst nehmen, wie die Politik dauernd behauptet, geht es nicht anders. Wenn wir sehen, dass die Erfolge bisher ausgeblieben sind, dann müssen diejenigen, die sagen, wir brauchen Ausbilder statt Kampftruppen, eine Antwort darauf geben, wie sie damit umgehen wollen, dass bereits heute weite Teile Afghanistans für westliche Wiederaufbaubemühungen nicht zugänglich sind. Ich sehe diese Antwort nicht.
Markus Kaim ist Leiter der Forschungsgruppe Sicherheitspolitik der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Das Gespräch führte Michael Schmidt. (Erschienen im Tagesspiegel vom 23.12.2009)
- Datum 23.12.2009 - 17:23 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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wer die Taliban eigentlich finanziert!
Woher kommen die Gewehre, die Munition, die Raketen die Minen, die Handys...?
Das kostet doch alles eine Menge Geld!
das frage ich mich auch schon lange.Die Mudshahedin hatten CAI, die Saudis, Pakistan, kurz alle Gegner der Sowjetunion hinter sich.
Mit denenen wurde diese dann auch in keiner Weise fertig. (ähnlich wie heute )
Wo kommt heute der Nachschub für die Taliban her ? Zum Bezahlen haben sie sicher genug Drogengeld. Aber die Logisttk. Wer produziert, liefert und transportiert die Waffen ? Durch welche Länder werden diese geliefert ? Wer verdient daran?
Da hört und liest man komischerweise überhaupt nichts darüber.
Wäre es nicht einen Versuch wert, diesen Nachschub auszutrocknen? Mindestens könnte man die Unterstützer öffendlich machen.
Fex2009, die Finanzierung erfolgt primär über die Opiumvorkommen in Afghanistan, deren Verkauf die wichtigste Einnahmequelle des Landes darstellt. Die Taliban kontrollieren hier einen bedeutenden Teil der Felder und nutzen die Kanäle der globalisierten Schattenwirtschaft zur Generierung finanzieller Mittel.
das frage ich mich auch schon lange.Die Mudshahedin hatten CAI, die Saudis, Pakistan, kurz alle Gegner der Sowjetunion hinter sich.
Mit denenen wurde diese dann auch in keiner Weise fertig. (ähnlich wie heute )
Wo kommt heute der Nachschub für die Taliban her ? Zum Bezahlen haben sie sicher genug Drogengeld. Aber die Logisttk. Wer produziert, liefert und transportiert die Waffen ? Durch welche Länder werden diese geliefert ? Wer verdient daran?
Da hört und liest man komischerweise überhaupt nichts darüber.
Wäre es nicht einen Versuch wert, diesen Nachschub auszutrocknen? Mindestens könnte man die Unterstützer öffendlich machen.
Fex2009, die Finanzierung erfolgt primär über die Opiumvorkommen in Afghanistan, deren Verkauf die wichtigste Einnahmequelle des Landes darstellt. Die Taliban kontrollieren hier einen bedeutenden Teil der Felder und nutzen die Kanäle der globalisierten Schattenwirtschaft zur Generierung finanzieller Mittel.
"Ein Grundfehler des Einsatzes bisher war es, unsere Ordnungsvorstellungen an den Hindukusch exportieren zu wollen. Das ist im Desaster geendet."
Stimmt, dass dürfte niemanden entgangen sein.
"Wir müssen uns damit begnügen, bestimmte Mindeststandards, zum Beispiel einer guten Regierungsführung, durchzusetzen."
Das müssten wir vor allem hier bei uns wieder durchsetzen!
Und in Italien und in Frankreich...
mutiert eben leider nicht zur Friedenspartei. Nur weil sie seit 2 Tagen nicht dem politischen Mainstream der Transatlantiker nach mehr Soldaten und Eskalation folgt und sich an die erst vor 2 Wochen erfolgte Mandatsverlängerung hält, werden wieder Legenden aufgebaut.
Ein wunderbares Beispiel der Meinungsmanipulation.
...er impliziert, dass Ordnung und Sicherheit für die Bevölkerung eine notwendige Bedingung ist und dazu Gespräche und Deals mit unlieben sogar mörderischen Menschen oft nötig sind. Es dauert lange eine stabile Demokratie zu schaffen, während man eine Autokratie schneller bewerkstellen kann. Das war eine Erkenntnis, die zB die USA im Kalten Krieg erlernen mußten. Die sovietische Erfahrung in Afghanistan und die amerikanische in Vietnam weisen aber auch auf Grenzen und notwendige Rahmenbedingungen hin.
Auch hat er Recht, dass es sowohl wesentliche als auch diverse Kräfte und Mittel braucht dazu. Die Amerikaner haben 100,000 Soldaten im Land und eine Bevölkerung von ca 300 Mio. Das zeugt deren Schätzung der Notwendigkeiten. Deutschland hat eine Bevölkerung von ca 80 Mio.
Worüber er etwas schnellhinweggeht sind die Durchhaltefähigkeit, die bei uns eine ordentliche politische Organisation erfordert und die Gründe des bisherigen Versagens ordentlicher politischer Strukturen in Afghanistan. Wir haben es nämlich nie richtig versucht. So waren die USA im Irak eingespannt und abgelenkt, während die Allierten mit wenigen Ausnahmen sich nicht voll einbrachten. Deutschland etwa hat seine Zusagen zur Polizeiausbildung entsetzlich vernachläßigt und erlaubt, dass bspw die Talban einen massiven Handel in Opiaten aufbauten. Ohne Polizei ist schwer vorstellbar wie Afghanistan gegen gut finanzierte Aufständige Ordnung und Sicherheit durchsetzen will.
Eigentlich hat der Experte auf keine Frage eine befriedigende Antwort gegeben. Was macht ihn dann zum Experten?
Der Krieg in Afghanistan wurde begonnen um das Terror-Regime der Taliban zu beseitigen, weil dieses Ausbildungslager ermöglicht hat und dann 9/11. Inzwischen wissen wir, dass das eine mit dem anderen gar nicht so viel zu tun hat. Ausbildungslager brauchen keine Taliban. Jetzt geht es noch um Mädchenschulen. Ob die nun durch die Anwesenheit deutschen Militärs besser existieren? Und die viel notwendigere Polizeiausbildung ist komplett ausgefallen. Von Aufbau eines Rechtsstaates ganz zu schweigen. Alles Vorwände - völlig unrealistisch und auch gar nicht in Ansätzen versucht. Es ist die bloße US-Gefolgschaft, weil die USA in dieser Region seit Jahrzehnten einem okkulten Wahn folgend die Vorherrschaft haben möchte.
Und dieses Interview hat gezeigt, es gibt nichts was vernünftig wäre, nichts zu retten, ausser der eigenen Haut.
Die Afghanen sollen ihr Schicksal selbst bestimmen. Ihr Leid werden wir mit diesen Militäreinsätzen und so wenig mit der Bevölkerung verbunden nicht mindern können.
das frage ich mich auch schon lange.Die Mudshahedin hatten CAI, die Saudis, Pakistan, kurz alle Gegner der Sowjetunion hinter sich.
Mit denenen wurde diese dann auch in keiner Weise fertig. (ähnlich wie heute )
Wo kommt heute der Nachschub für die Taliban her ? Zum Bezahlen haben sie sicher genug Drogengeld. Aber die Logisttk. Wer produziert, liefert und transportiert die Waffen ? Durch welche Länder werden diese geliefert ? Wer verdient daran?
Da hört und liest man komischerweise überhaupt nichts darüber.
Wäre es nicht einen Versuch wert, diesen Nachschub auszutrocknen? Mindestens könnte man die Unterstützer öffendlich machen.
...in ARD oder ZDF? Man sah hinter herumstahenden Soldaten blühenden Mohn bis zum Horizont. Die Stimme erklärte, wieso die Bundeswehr die Anpflanzung nicht stoppen wolle noch dürfe.
Verarbeitet kaufen die Ernte dann grossteils europäische Jugendliche und die Taliban hat daraus sein Geld.
...in ARD oder ZDF? Man sah hinter herumstahenden Soldaten blühenden Mohn bis zum Horizont. Die Stimme erklärte, wieso die Bundeswehr die Anpflanzung nicht stoppen wolle noch dürfe.
Verarbeitet kaufen die Ernte dann grossteils europäische Jugendliche und die Taliban hat daraus sein Geld.
Es sieht doch so aus, dass der Auftrag des Parlaments für den Afganistaneinsatz an den Realitäten scheitert und ohne Strategiewechsel nur weiter gegen die Wand gefahren wird. Deshalb sollte das Parlament bald die Frage nach einer realistischen Zielsetzung des Einsatzes aufgreifen und den Auftrag neu formulieren, ggf. auch stornieren.
Das Parlament hat diese Chance aber bereits vertan, obwohl sich die Voraussetzungen, die Einschätzungen, die Akteure längst gewandelt haben. Der Beamten-Feudalimus in Berlin hat seine Unfähigkeit erneut unter Beweis gestellt. Der Untersuchungsausschuss kann bestenfalls als PR-Gag des Bundestags verstanden werden.
Gesichtsverlust ist verkraftbar, Realitätsverlust aber auf Dauer nicht, da hilft auch der
Klein-e-Dienstweg nicht.
Ausbilder haben das Ziel, Ordnung und Sicherheit zu organisieren. Daneben müßte eine Rechtsordnung aufgebaut werden.
Ein bürgerliches Gesetzbuch neben dem Koran wird aber von den Taliban und den Paschtunen nicht akzeptiert.
Was bleibt, ist der Versuch, Ordnung und Sicherheit zu schaffen ? Das Ziel soll geschafft werden in kurzer Zeit ? Fragen über Fragen.
Auch noch: In kurzer Zeit soll die Bundeswehr den Aufbau von Ordnung und innerer Sicherheit unterstützen. Wie denn?
Nach 1945 sind die Alliierten länger als 60 Jahre in Deutschland präsent. Wieso soll das in Afghanistan schneller gehen?
Ich denke, die Zeit ist vorbei.
Die Allierten sind aber nicht seit 60 Jahren in D präsent, um Recht und Ordnung zu schaffen. Das tun sie schon seit 1949 schon nicht mehr.
Seit dem Ende des kalten Krieges sind ohnehin nur noch Briten und Amerikaner dauerhaft hier stationiert. Die Amerikaner, weil sie eine Operationsbasis in Europa benötigen und die Briten, weil ihr Verteidigungskonzept darin besteht mögliche Feinde lieber auf dem europäischen Festland zu bekämpfen, bevor sie den Kanal erreichen...
Allerdings stimme ich Ihnen zu: unsere Rechtsordnung und unsere Werte werden dort nicht akzeptiert, deshalb sollte man aufhören zu versuchen sie den Menschen dort aufzuzwingen. Die einzigen, die die Taliban letzendlich besiegen können, sind die Afghanen selbst.
...Beobachtung aufgeschrieben. Die Truppen auf deutschem Boden waren auch zur Stabilisierung des Landes bei der Einführung und Einübung demokratischer Prozesse. Sie blieben später auch, um die Grenze zu stabilisieren, aber eben auch um der Bevölkerung genügend Zeit zu geben, sich in den Prozess politischer Ordnung einzufinden.
Untersuchungen zeigen, dass der Verbleib einer Truppe die Wahrscheinlichkeit einer stabilen, funktionierenden Demokratie wesentlich anhebt, wenn man sich 3 oder 4 Wahlperioden Zeit mit dem abzug nimmt. Geht man früher, so war in der Vergangenheit die Überlebenswahrscheinlichkeit einer neuen Demokratie gering.
Die Allierten sind aber nicht seit 60 Jahren in D präsent, um Recht und Ordnung zu schaffen. Das tun sie schon seit 1949 schon nicht mehr.
Seit dem Ende des kalten Krieges sind ohnehin nur noch Briten und Amerikaner dauerhaft hier stationiert. Die Amerikaner, weil sie eine Operationsbasis in Europa benötigen und die Briten, weil ihr Verteidigungskonzept darin besteht mögliche Feinde lieber auf dem europäischen Festland zu bekämpfen, bevor sie den Kanal erreichen...
Allerdings stimme ich Ihnen zu: unsere Rechtsordnung und unsere Werte werden dort nicht akzeptiert, deshalb sollte man aufhören zu versuchen sie den Menschen dort aufzuzwingen. Die einzigen, die die Taliban letzendlich besiegen können, sind die Afghanen selbst.
...Beobachtung aufgeschrieben. Die Truppen auf deutschem Boden waren auch zur Stabilisierung des Landes bei der Einführung und Einübung demokratischer Prozesse. Sie blieben später auch, um die Grenze zu stabilisieren, aber eben auch um der Bevölkerung genügend Zeit zu geben, sich in den Prozess politischer Ordnung einzufinden.
Untersuchungen zeigen, dass der Verbleib einer Truppe die Wahrscheinlichkeit einer stabilen, funktionierenden Demokratie wesentlich anhebt, wenn man sich 3 oder 4 Wahlperioden Zeit mit dem abzug nimmt. Geht man früher, so war in der Vergangenheit die Überlebenswahrscheinlichkeit einer neuen Demokratie gering.
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