Venezuela Zwischen Sozialismus und KriegsgetöseSeite 3/3

Die weit verbreitete Unzufriedenheit verwundert nicht. Auf Maschinen der staatlichen Fluggesellschaft muss man zum Beispiel schon mal fünf Stunden warten, ohne irgendeine Information zu bekommen. Viele Häuser können nicht fertig gebaut werden, weil der Zement fehlt. Überall klagen Menschen, weil irgendetwas nicht funktioniert.

Sozialprogramme für die Armen

"Wenn du etwas über Chávez wissen willst, musst auch du die richtigen Leute fragen", sagt Toto. Er ist Fremdenführer und begleitet uns durch die venezolanischen Anden. Auch er kann von der Politik nicht lassen. Die Regierung habe schließlich auch überzeugte Anhänger, sagt er. Nur finde man die nicht bei den Reichen und Privilegierten. Wo denn? Bisher haben sich fast alle, die wir befragt haben, reichlich kritisch geäußert. Toto hebt die Hand: "Bei mir zum Beispiel."

Anzeige

Und dann erzählt er. Totos Eltern waren arme Bauern, sie lebten in einer entlegenen Provinz von dem, was sie selbst anbauten. Dank Chávez hätten sich ihre Lebensbedingungen um ein Vielfaches verbessert. Die Regierung kümmere sich um die Bedürftigen, nicht um die Bonzen, sagt Toto. Sie gebe ihnen Kredite, biete Schulungen an und fördere den sozialen Wohnungsbau.

Tatsächlich ermöglichte Chávez den unteren Schichten mit Hilfe der Öleinnahmen einen kostenlosen Zugang zum Bildungs- und Gesundheitssystem. Die Alphabetisierungsquote stieg in den vergangen zehn Jahren beträchtlich, Straßen und Brücken wurden auch außerhalb der Städte gebaut. Die Sozialprogramme machen fast die Hälfte des Staatshaushalts aus.

Toto sagt, die wirklich Radikalen säßen in der Opposition. Ihnen seien die Belange der Armen egal. Früher hätten sie Geld und daher auch das Recht und die Privilegien für sich gepachtet. 80 Prozent der Studenten kamen früher von den Privatschulen. Gut, dass es nicht mehr so sei.  

Toto steuert das Auto nach Altamira, ein kleines Dschungeldorf am Fuße der Anden. Ein Haus, ganz vorn am Dorfplatz, ist mit roten Sternen besprüht. Hier wohnt Coco, 40 Jahre, ein Lebenskünstler. Eigentlich ist Coco Brasilianer, aber die Begeisterung für den Sozialismus hat ihn in den Norden Lateinamerikas getrieben. Erst ging er nach Kuba, nach Chávez' Machtübernahme kam er dann nach Venezuela.

Coco liebt britische Popmusik. Nächtelang verbringt er damit, zu Liedern von John Lennon und Elton John zu singen. In Deutschland würde man ihn vielleicht für einen späten Hippie halten. In Altamira ist er, der stramme Sozialist, ein geachteter Bürger. Er spielt mit den Schulkindern, unterhält sich mit Touristen, reinigt den Dorfplatz, scherzt mit den Jungs mit den Maschinengewehren auf der Polizeistation.

Die chávistische Revolution hat eine andere Schicht nach oben gebracht: Menschen ohne Besitz, ohne Privilegien, ohne große Bildung, die früher keine Chance hatten, wurden Teile der neuen Elite – wenn sie sich der Ideologie von Chávez anschlossen. Raul Zelik, einer der besten Venezuela-Kenner in Deutschland, hat genau dies bei seinen Besuchen am meisten fasziniert: dass die Bewegung tatsächlich "von unten" getragen wird.

Aber auch sie, die Rothemden, unterstützen nicht alles vorbehaltlos, was die Regierung plant. Die Kriegsrhetorik gegen Kolumbien zum Beispiel besorgt auch viele von ihnen. Schon im August drohte Chávez dem Nachbarland, das auf seinem Territorium Militärbasen der USA akzeptieren will, mit militärischer Gewalt. Regelmäßig schürt er die Furcht vor einem "Angriff des Imperialismus". Im Herbst reiste er nach China, Russland und Iran, um Panzer und ein paar "Raketchen" zu kaufen, wie er es verniedlichend nannte. Und um sich über Atomtechnologie zu informieren. "Wir müssen fähig sein, unser Territorium bis zum letzten Millimeter zu verteidigen", begründete er seine Einkaufstour. Notfalls werde man bei einem Angriff der USA die heimischen Ölfelder in die Luft sprengen.

Toto, den Anden-Führer, bekümmern solche martialischen Sprüche. "Mehr Diplomatie" wäre gut, sagt er. Aber die ist von Chávez nicht zu erwarten, der vor laufender Kamera schon Israels Botschafter ausgewiesen hat und in seiner eigenen TV-Show gern Volkslieder singt und zotige Witze erzählt. "Chávez spricht die Sprache der armen Bevölkerung", sagt Toto. Das sei zwar gut, weil er besser als jeder Präsident zuvor ihre Probleme verstehe. Aber außenpolitisch sei er eine große Gefahr. "Hoffentlich nehmen die Ausländer ihn nicht zu ernst", seufzt er.

Mitarbeit: Anne Grüttner

 
Leser-Kommentare
  1. 1. ...

    Gott...ist dat naiv!

  2. 2.

    Die "DDR" lebt! Zumindest bis alle Ressourcen und Reichtümer
    des Landes verdummt sind.

  3. "Seine Versprechungen hätten sich längst als "hohle Phrasen" entpuppt."
    Ob das nicht auch für Obama, Merkel, Westerwelle oder wen auch immer gilt?
    Chavez ist genau so wenig lupenreiner Demokrat wie der Ex-Mächtigste der Welt, Bush. Aber er hat seit Amtsantritt vor 10 Jahren stets demokratisch durchgeführte Wahlen mit absoluter Mehrheit gewonnen, trotz Propaganda der Oberen Zehntausend im eigenen Land und der abfälligen Berichterstattung der westlichen Medien.
    Gelten demokratisch erreichte Wahlergebnisse nur dann, wenn sie den 1. Welt-Regierungen genehm sind?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Rodorn
    • 04.12.2009 um 13:08 Uhr

    gelten demokratische Wahlen unabhängig vom Ergebnis. Allerdings müssen sich auch demokratisch legitimierte Regierungen Kritik und Anfeindungen gefallen lassen.

    Die Auswüchse des Systems Chavez genügen wenn auch vlt. demokratisch legitimiert zumindest nicht rechtsstaatlichen Standards.

    • Rodorn
    • 04.12.2009 um 13:08 Uhr

    gelten demokratische Wahlen unabhängig vom Ergebnis. Allerdings müssen sich auch demokratisch legitimierte Regierungen Kritik und Anfeindungen gefallen lassen.

    Die Auswüchse des Systems Chavez genügen wenn auch vlt. demokratisch legitimiert zumindest nicht rechtsstaatlichen Standards.

    • Rodorn
    • 04.12.2009 um 13:08 Uhr

    gelten demokratische Wahlen unabhängig vom Ergebnis. Allerdings müssen sich auch demokratisch legitimierte Regierungen Kritik und Anfeindungen gefallen lassen.

    Die Auswüchse des Systems Chavez genügen wenn auch vlt. demokratisch legitimiert zumindest nicht rechtsstaatlichen Standards.

    Antwort auf "Chavez, kein Pudel"
  4. Auf dem ersten Bild steht "Venezuela hat sich befreit und es hat sich für immer befreit." Auf dem vierten Bild heißt "Si, vamos con todo." "Ja, wir gehen mit voller Kraft (voran)" (bezieht sich garantiert auf eine der Volksabstimmungen). Bitte um Korrektur.

  5. Mal ein Artikel über Venezuela, der beide Seiten anspricht (zumindest kurz auf Seite 3). Was ich jetzt mal interessant finden würde, wäre eine Auseinandersetzung mit der Zeit VOR Chavez. Dann wäre auch das eine oder andere handeln Chavezes vielleicht verständlicher.

    Ich finde generell, dass die Aufklärung über Südamerika in unseren Medien viel zu kurz kommt. Warum sind die Menschen dort so sozialistisch...so amerikafeindlich? Könnte es vielleicht sein, dass Südamerika die hässliche Fratze des Kapitalismus schon viel füher und heftiger zu Gesicht bekommen hat?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Südamerika ist amerikafeindlich? Das bezog sich sicher auf die USA.
    Ich kenn zwar nur das nördliche Lateinamerika, aber fast alle Lateinamerikastaaten hatten unter dem kolonialen Einfluß der USA zu leiden. Es wurden bestimmte Gruppen in einem Land unterstützt, die dann Chaos verursachten. Der frei gewählte Salvator Allende wurde mit Hilfe der USA weggeputscht, in Honduras wurden Verstaatlichungen von Grund und Boden verhindert um die eigene Bananenexporteure zu schützen. Es gibt noch eine Menge mehr solcher Beispiele, die dann zu Bürgerkriegen u.ä. im jeweiligen Land geführt haben. Das führt zuerst mal zu einer Wut auf die Nordamerikaner (USA) und auch derren System. Als Tourist merkt man einen Unterschied, ob man US Bürger oder Europäer ist.
    Lateinamerika hat daneben auch eine andere Lebensphilosophie als wir "Westler". Es gab hier in der Zeit bereits Artikel von Constantin von Barloewen, der dies genauer erklärt. Das ist nach meinem Verständis auch ein Grund, warum die Leute sozialistischen Ideen eventuell offener gegenübertreten als wir.
    Eine Kapitalismuskritik der Lateinamerikaner sehe ich weniger. Nach meinen eigenen Beobachtungen leiden die Leute weniger unter dem globalen Kapitalismus direkt, sondern vor allem an der Korruption der staatlichen Eliten. Die wiederum sind (in Venezuela waren) diejenigen mit Kapital und Macht.

    Südamerika ist amerikafeindlich? Das bezog sich sicher auf die USA.
    Ich kenn zwar nur das nördliche Lateinamerika, aber fast alle Lateinamerikastaaten hatten unter dem kolonialen Einfluß der USA zu leiden. Es wurden bestimmte Gruppen in einem Land unterstützt, die dann Chaos verursachten. Der frei gewählte Salvator Allende wurde mit Hilfe der USA weggeputscht, in Honduras wurden Verstaatlichungen von Grund und Boden verhindert um die eigene Bananenexporteure zu schützen. Es gibt noch eine Menge mehr solcher Beispiele, die dann zu Bürgerkriegen u.ä. im jeweiligen Land geführt haben. Das führt zuerst mal zu einer Wut auf die Nordamerikaner (USA) und auch derren System. Als Tourist merkt man einen Unterschied, ob man US Bürger oder Europäer ist.
    Lateinamerika hat daneben auch eine andere Lebensphilosophie als wir "Westler". Es gab hier in der Zeit bereits Artikel von Constantin von Barloewen, der dies genauer erklärt. Das ist nach meinem Verständis auch ein Grund, warum die Leute sozialistischen Ideen eventuell offener gegenübertreten als wir.
    Eine Kapitalismuskritik der Lateinamerikaner sehe ich weniger. Nach meinen eigenen Beobachtungen leiden die Leute weniger unter dem globalen Kapitalismus direkt, sondern vor allem an der Korruption der staatlichen Eliten. Die wiederum sind (in Venezuela waren) diejenigen mit Kapital und Macht.

  6. Südamerika ist amerikafeindlich? Das bezog sich sicher auf die USA.
    Ich kenn zwar nur das nördliche Lateinamerika, aber fast alle Lateinamerikastaaten hatten unter dem kolonialen Einfluß der USA zu leiden. Es wurden bestimmte Gruppen in einem Land unterstützt, die dann Chaos verursachten. Der frei gewählte Salvator Allende wurde mit Hilfe der USA weggeputscht, in Honduras wurden Verstaatlichungen von Grund und Boden verhindert um die eigene Bananenexporteure zu schützen. Es gibt noch eine Menge mehr solcher Beispiele, die dann zu Bürgerkriegen u.ä. im jeweiligen Land geführt haben. Das führt zuerst mal zu einer Wut auf die Nordamerikaner (USA) und auch derren System. Als Tourist merkt man einen Unterschied, ob man US Bürger oder Europäer ist.
    Lateinamerika hat daneben auch eine andere Lebensphilosophie als wir "Westler". Es gab hier in der Zeit bereits Artikel von Constantin von Barloewen, der dies genauer erklärt. Das ist nach meinem Verständis auch ein Grund, warum die Leute sozialistischen Ideen eventuell offener gegenübertreten als wir.
    Eine Kapitalismuskritik der Lateinamerikaner sehe ich weniger. Nach meinen eigenen Beobachtungen leiden die Leute weniger unter dem globalen Kapitalismus direkt, sondern vor allem an der Korruption der staatlichen Eliten. Die wiederum sind (in Venezuela waren) diejenigen mit Kapital und Macht.

    Antwort auf "Mal ein Artikel über"
  7. 8. Re...

    gern geschehen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service