GeheimberichtHat Oberst Klein das US-Militär bewusst getäuscht?

Der geheime Nato-Bericht dokumentiert: Oberst Klein hat gezielt gelogen, um US-Bomber zum Angriff auf zwei entführte LKW nahe Kundus zu bewegen. Die Piloten wurden bestraft.

Bei dem Nato-Luftangriff auf zwei entführte Tanklaster am 4. September sind bis zu 142 Menschen ums Leben gekommen

Bei dem Nato-Luftangriff auf zwei entführte Tanklaster am 4. September sind bis zu 142 Menschen ums Leben gekommen  |  © Massoud Hossaini/AFP/Getty Images

Der Bundeswehroberst Georg Klein wollte, dass US-Truppen am 4. September 2009 die von Taliban entführten Tanklaster bombardieren – dafür hat er sie bewusst mit Falschinformationen versorgt. Wie der Spiegel unter Berufung auf einen geheimen Nato-Bericht schreibt, gab Klein dies vor Nato-Ermittlern zu. Er habe auf Nachfrage der US-Piloten seinen Fliegerleitoffizier eine "akute Bedrohung" melden lassen. Bei der Bombardierung starben bis zu 142 Menschen.

Laut Spiegel habe Klein wider besseren Wissens den Eindruck erweckt, Feindkontakt ("troops in contact") zu haben. Ihm sei klar gewesen, dass er nur so die gewünschte Luftunterstützung bekäme. Seinen Fliegerleitoffizier habe er gegenüber dem US-Militär antworten lassen, er habe Informationen, wonach sich die Entführer zweier Tanklaster neu formieren und das Camp Kundus angreifen wollten. Nur so konnten die Piloten bombardieren, ohne eine Genehmigung aus dem Isaf-Hauptquartier einzuholen. Der 500 Seiten lange Bericht der Nato zeige jedoch, dass es keine Hinweise auf einen geplanten Angriff gegeben habe. 

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Schon vorher wurde bekannt, dass die US-Kampfpiloten das Bombardement der Tanklastzüge hinterfragt hatten: So hätten sie fünf warnende Tiefflüge vorgeschlagen. Der deutsche Fliegerleitoffizier habe des jedoch abgelehnt und verlangt, das Ziel sofort anzugreifen. Außerdem habe der Offizier sechs Bombenabwürfe verlangt. Die Besatzung der US-Kampfjets vom Typ F-15 habe dem widersprochen, es seien nur zwei Bomben nötig.

Die beiden am Luftschlag beteiligten US-Piloten sollen dafür bestraft worden sein. Wie die Süddeutche Zeitung (SZ) berichtet, seien sie wenige Tage nach dem Vorfall im September strafversetzt worden. Isaf-Kommandeur Stanley McChrystal habe damit auf die Verletzung von Einsatzregeln reagiert.

Eine Abberufung Kleins, wie sie McChrystal gefordert hatte, habe das deutsche Verteidigungsministerium abgelehnt, berichtet die SZ. Das Ministerium soll befürchtet haben, mit einem solchen Quasi-Schuldeingeständnis staatsanwaltschaftliche Ermittlungen zu beschleunigen.

Allerdings scheint sich die Angelegenheit für Klein erledigt zu haben: Die Generalbundesanwaltschaft will nach Informationen derSZ die Ermittlungen gegen den Oberst einstellen. Dabei beruft sie sich auf das humanitäre Völkerrecht: In einem nicht-nationalen bewaffneten Konflikt verlören Zivilisten demnach ihren Schutzanspruch, wenn sie sich in eine Konfliktsituation begeben. Ein militärischer Schlag wäre in diesem Falle zulässig.

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Leserkommentare
  1. "In einem nicht-nationalen bewaffneten Konflikt verlören Zivilisten demnach ihren Schutzanspruch, wenn sie sich in eine Konfliktsituation begeben. Ein militärischer Schlag wäre in diesem Falle zulässig."

    Jetzt verstehe ich, warum Afghanistan kein Krieg sein darf.

    Ich wüsste gern, was die Regierung unter dem Begriff "Krieg" versteht. Kriege werden manchmal schon Konflikte bezeichnet, bei denen ein Konfliktpartner ein Staat ist, der organisiert am Konflikt teilnimmt.

    • ddkddk
    • 16. Januar 2010 14:07 Uhr

    Klein ging es doch nicht um die Tanklastzüge, sondern um die "Vernichtung" von Menschen.

    "Die beiden am Luftschlag beteiligten US-Piloten sollen dafür bestraft worden sein.", obwohl sie belogen und getäuscht wurden. Der Lügner und Täuscher soll aber straffrei ausgehen?

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    • a17
    • 16. Januar 2010 23:56 Uhr

    Oberst Kelin wollte sich ein paar Scharten in seinen Colt ritzen.

    Dafür hat er auch den Bündnispartner belogen.

    @2
    Das muss so sein.
    Wollen Sie etwa die ganze Bundesregierung mit einsperren?
    oder glauben Sie da gäbe es einen oder eine, die das nicht gewusst hat

    Oberst Klein wollte wohl beides: die Tankfahrzeuge und die Terroristen vernichten. Offenbar überfordert es Sie intellektuell noch immer, daß die Handlungen eines Menschen durchaus von mehreren Ursachen bestimmt sein können. Oder insistieren Sie so vehement auf Ihrer monokausalen Begründung, um Ihre Rabulistik daran abzuarbeiten?

    • chief
    • 16. Januar 2010 14:10 Uhr

    Durch eine nicht verurteilung von disem General, werden wir zur einer noch größeren Zielscheibe für die Taliban, danke auch!
    Was hat sich der Typ dabei bloß gedacht?????
    Dahinter steckt bestimmt etwas anderes warum sollte jemand
    Grundlos lügen um Menschen zu töten.

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    • ddkddk
    • 16. Januar 2010 14:26 Uhr

    Ist der Lügner und Täuscher, wenn nicht gar Mörder, jetzt auch noch befördert worden?

  2. Sogar die Piloten, die der Lüge des Herrn Klein aufgesessen sind, müssen Konsequenzen tragen, nur die verantwortlichen Deutschen nicht.
    Und Bundeswehr, Verteidigungsminister (alter und neuer) Kanzlerin, früherer Außenninister, alle diese Leute decken diese TÖDLICHE TÄUSCHUNG.
    Dürfen wir jetzt diese (auch ehemaligen) Regierungsmitglieder eine kriminelle Vereinigung nennen?
    Nach meinem Gefühl schon.

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    • Proceed
    • 16. Januar 2010 22:55 Uhr

    Da stimme ich Ihnen vollkommen zu, besonders wenn man bedenkt, dass ein Pilot die Bombe unter Umständen abwerfen muss die keine Möglichkeit zur Einschätzung lassen ...

    • ddkddk
    • 16. Januar 2010 14:26 Uhr

    Ist der Lügner und Täuscher, wenn nicht gar Mörder, jetzt auch noch befördert worden?

    Antwort auf "Zielscheibe"
  3. die Truppen abziehen aber schnell, wie lange soll denn noch
    ueber diesen "Angriff" diskutiert werden ?

  4. Also wenn die Regierung über diese Täuschung Bescheid wusste, dann wird die Entlassung zu Guttenbergs wohl nicht ausreichen. Ganz ehrlich, ich habe überhaupt keene Lust auf Neuwahlen, dann würde ich wie viele andere auch wohl zu hause bleiben.

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    Guttenberg hat seine Einschätzung revidiert und die Klärung der Generalbundesanwaltschaft übertragen.
    Damit trägt der ehemalige Verteidigungsminister Jung und möglicherweise Schneiderhan die aufsichtsrechtliche Verantwortung, vielleicht wusste noch Steinmeier etwas darüber.
    Damit sind schon alle Beteiligten in die Wüste geschickt worden.

    H.

  5. Ich habe lange im Ausland gelebt und kenne daher die nicht ausgesprochenen, aber gleichwohl vorhandenen Vorbehalte gegen unser Land. Diese wurden durch das überaus schlimme Verhalten dieses Militärs bestätigt. Dass er dafür nicht bestraft wird, ist eine Schande - wie auch das Verhalten der Juristen, die das Grundgesetz brechen, um ihn zu nicht anklagen zu müssen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Georg Klein | Nato | Verteidigungsministerium | Besatzung | Ermittlung | Information
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