Afghanistan Die konstruierte Abzugsperspektive
Die gute Nachricht der Afghanistan-Konferenz ist: Endlich verfolgt der Westen eine gemeinsame Strategie. Ohne Autosuggestion kommt er dabei aber nicht aus. Ein Kommentar
© Paul Rogers /WPA Pool/Getty Images

Bis 2014 will Afghanistan selbst Verantwortung für die Sicherheit übernehmen, verspricht Präsident Karsai - die Isaf-Länder hören das gern
Was immer die Londoner Afghanistan-Konferenz im einzelnen beschlossen hat, um dem Land am Hindukusch eine Zukunftsperspektive zu geben – neu und vielleicht entscheidend an den Beschlüssen ist, dass ihnen dieses Mal auch eine gemeinsame Strategie zugrunde liegt.
Anders als in der Vergangenheit gibt es nach London ein gemeinsames internationales Konzept, in dem die militärische Strategie zum Schutz der Bevölkerung und die Maßnahmen zum Wiederaufbau des Landes zusammengedacht und aufeinander abgestimmt werden. In Zukunft wird es, hoffentlich, nicht mehr widerstrebende Ansätze geben, nach denen die einen in erster Linie militärische, die anderen zivile Initiativen für den Erfolg versprechenden Weg halten, das Land aus der Misere zu befreien.
Acht Jahre hat die Staatengemeinschaft für diesen Prozess gebraucht. Dass es jetzt immerhin dazu gekommen ist, ist zuallererst dem amerikanischen Kurswechsel unter Präsident Barack Obama zu verdanken. Der kühlen Analyse des Isaf-Befehlshabers, US-General Stanley McChrystal, war nicht entgangen, dass eine Strategie, die vor allem auf militärische Aufstandsbekämpfung setzt, sich als aussichtslos erweisen würde. Dass sich die Sicherheitslage in den vergangenen beiden Jahren immer weiter verschlechtert hat, war der entscheidende Grund für den Neuansatz, in dem nun der militärische Schutz der Bevölkerung, die Ausbildung einheimischer Sicherheitskräfte und der Aufbau ziviler Infrastruktur im Vordergrund stehen sollen.
Betrachtet man diese neue Schwerpunktsetzung des internationalen Afghanistan-Engagements, könnte man meinen, nun habe sich vor allem das seit Jahren von deutscher Seite vertretene Konzept "vernetzter Sicherheit" durchgesetzt. Doch die Lage im Norden Afghanistans, in dem die Deutschen seit Jahren die Verantwortung tragen, erzwingt eine weit skeptischere Perspektive. Gerade weil das Londoner Kommuniqué mit seiner klaren Orientierung auf zivilen Aufbau so ganz und gar der "deutschen" Philosophie entspricht, muss es besonders irritieren, dass gerade der deutsche Verantwortungsbereich im vergangenen Jahr zur neuen afghanischen Krisenregion geworden ist. Der Norden ist nicht befriedet, er steht auf der Kippe. Kein Grund also für deutsche Selbstgerechtigkeit – zumal die nun verfolgte Strategie des partnering, also gemeinsam mit afghanischen Sicherheitskräften Präsenz in der Fläche zu zeigen, eine Idee der Amerikaner ist und von ihnen schon seit einiger Zeit praktiziert wird. Ob aus einem vernünftig klingenden Ansatz am Ende wirklich die nachhaltige Verbesserung der Sicherheit und Lebensperspektive der Bevölkerung erwächst, muss sich in der Praxis erweisen.
Vor diesem Test steht nun die in London beschlossene Strategie. Sie basiert, neben der Verzahnung militärischer und ziviler Ansätze, vor allem auf der engen Kooperation zwischen der Staatengemeinschaft und der Regierung Karsai. Wie der afghanische Präsident, der in jüngster Zeit eher als Teil des Problems denn als seiner Lösung wahrgenommen wurde, nun plötzlich als Garant des künftigen Erfolges erscheint, zeigt, wie viel Autosuggestion die optimistischen Bekundungen des Westens enthalten. Allzu gerne will man den Beteuerungen Karsais glauben – vor allem seinem Versprechen, bis zum Jahr 2014 die Sicherheit des Landes in afghanische Verantwortung zu überführen. Das ist ein erstaunlich ehrgeiziges Ziel. Und trotzdem beziehen sich die westlichen Regierungen darauf, als ließe sich aus Karsais Ankündigung schon heute die ersehnte "Abzugsperspektive" konstruieren.
Dass der Westen sich noch einmal zu großen Anstrengungen verpflichtet, an einer friedlichen Zukunft für Afghanistan zu bauen, ist die positive Botschaft von London. Sie wäre überzeugender, wenn dahinter nicht vor allem der Wunsch nach einem schnellen Rückzug stünde. Die Intensität des kommenden Engagements damit zu begründen, dass es bald enden soll, mag als Trick durchgehen, den unpopulären Einsatz gegenüber der Bevölkerung zu rechtfertigen. Ehrlicher wäre es, zuzugeben, dass es unabsehbare Zeit brauchen wird, die in London formulierten Ziele für Afghanistan wirklich durchzusetzen.
- Datum 29.01.2010 - 12:20 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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"Die Intensität des kommenden Engagements damit zu begründen, dass es bald enden soll, mag als Trick durchgehen, den unpopulären Einsatz gegenüber der Bevölkerung zu rechtfertigen. "
Wenn es ein Trick sein soll, dann ist das schon eigentümlich. Wenn man sich nicht sofort entfernen will und das schiene verantwortungslos, so muss man den Afghanen eine Situation relativer Ruhe ermöglichen. Wie will man das anders erreichen, als durch eine vergrösserte Anstrengung?
Wir hätten sofort abziehen können und die Afghanen machen lassen können, was sie immer wollen. Letztes Mal lief das halt so schlecht, dass wir das nicht wollten.
So muss ich Sie doch fragen, was Sie meinen mit "Trick"? Jeder weiss doch, dass wir lediglich _beginnen_ die Kontrolle bald zu über geben und wir b.a.w. Truppen dort belassen werden müssen, wenn wir nicht einer Diktatur oder einem Bürgerkrieg den Bügel gehalten haben wollen. Oder meinen Sie die Bürger und Leser sind zu dumm oder uninformiert um das mitbekommen zu haben?
Guttenberg erklärt ja bis heute, er habe sich mit seiner Einschätzung hinter die Truppe stellen wollen. Außerdem hätten die ihm damals vorliegenden Papiere gar keinen anderen Schluss zugelassen, als dass der Angriff auf zwei im Sand steckende Tanklaster alternativlos gewesen sei. Erst viel später habe er aus mehreren Berichten erfahren, dass bei dem Luftschlag Fehler passiert seien.
Das jedoch stimme nicht - behauptet die Süddeutsche Zeitung. Der Einsatzführungsstab seines Hauses habe Guttenberg schon Anfang November ein Papier vorgelegt, in dem seine Militärs zur gleichen Einschätzung kommen wie zuvor die Nato: dass nämlich Oberst Klein Fehler machte.
Guttenberg gerät unterdessen in zusätzliche Erklärungsnot. Der CSU-Politiker hatte Anfang November erklärt, der tödliche Luftschlag, bei dem bis zu 142 Menschen getötet wurden, sei unvermeidlich gewesen. Laut «Süddeutscher Zeitung» enthält aber ein jetzt bekanntgewordenes Papier seines Einsatz-Führungsstabs, das Guttenberg seinerzeit vorlag, dafür keine Anhaltspunkte. Es unterstreicht vielmehr die von der Nato festgestellten Fehler des Kommandeurs Klein, der den Luftschlag angeordnet hatte. Das Papier des Stabes enthält laut «SZ» auch alle wesentlichen Kritikpunkte, die Guttenberg erst aus späteren Berichten erfahren haben will, die ihm zunächst nicht vorgelegen hätten. Sie führten letztlich zur Entlassung von Staatssekretär Peter Wichert und Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan.
Unter dem Datum 3. November analysierte der Einsatzführungsstab demnach den geheimen Nato-Untersuchungsbericht, der am 28. Oktober, dem Tag der Amtsübernahme Guttenbergs, im Verteidigungsministerium eingegangen war. Über diesen Nato-Bericht unterrichtete Guttenberg am 6. November die Bundestagsfraktionen. Anschließend sagte der Minister auf einer Pressekonferenz, dass der Luftschlag als «militärisch angemessen» zu bewerten sei. Darüber hinaus erklärte er mehrmals, dass es zwar «Verfahrensfehler» gegeben habe, es aber auch ohne diese Fehler zu dem Angriff hätte «kommen müssen».
Aus dem Papier geht laut «Süddeutscher Zeitung» hervor, dass der Luftschlag keineswegs, wie vom Ministerium wochenlang dargestellt, nur die Zerstörung der beiden Tanklaster zum Ziel gehabt hat. Vielmehr habe Klein auch die Taliban selbst «bekämpfen» wollen, die sich bei den Lastern auf der Sandbank im Kundus-Fluss aufhielten. Deshalb habe er auch den Vorschlag der US-Piloten abgelehnt, die Rebellen durch niedrige Überflüge zu verjagen. Darüber hinaus habe Klein den Einsatz der US-Kampfbomber durch die wahrheitswidrige Aussage erreicht, Truppen hätten Feindberührung. Dies ist eine der Voraussetzungen, unter denen Luftunterstützung in Afghanistan angefordert werden kann. Guttenberg revidierte seine Einschätzungen Anfang Dezember. Wie er angesichts der ihm vorliegenden Informationen überhaupt zu dieser Bewertung gekommen ist, wird er dem Untersuchungsausschuss erklären müssen.
Mal in "eine" Zukunft gedacht:
Welche Gefühle und Gedanken würden afghanische Piloten begleiten, wenn sie in einem bewaffneten internationalen Konflikt über deutschen Rohheitsgebiet alle militärische Freiheit hätten und sich ihrem Gesellschaftssystem verbunden fühlten???
Wenn sich NomadenStämme wie z.B. die Kuchis auf internationale Wanderungen erweitern???
Was würden Sie uns "bringen" - was haben wir dorthin gebracht???
Wen immer sie abziehen wollen - wie sehen die Folgen auf lange Sicht aus???
Was werden die 500 Menschen mehr in Afghanistan den Einheimischen dort von unseren Werten vorleben???
Für erschöpfende Antworten bin ich zu ungebildet, aber diese Fragen stellen sich mir - und ein Gefühl bildet sich.
Vielen Dank für Ihre Zeit
p.s. freundlichen Dank für Ihre Zusammenfassung jps-mm
Eine Untersuchung eines Instituts der Marburger Universität ergab in 2009: Von 10 deutschen Entwicklungsprojekten der letzten Jahre sind alle mehr oder weniger und zum großen Teil sogar total gescheitert!
Ganz krass die Energieversorgung: Unter der Talibanherrschaft war Kabul prozentual deutlich besser mit elektrischen Strom versorgt als heute nach 8 Jahren bemühen der Deutschen Seite, die 100e Millionen EURO verschleudert hat. (privatisiert auch an deutsche Auftragnehmer)!
Oder die Polizei: Deutschland will 25.000 der 80.000 Polizisten Afghanistans in den letzten 8 Jahren ausgebildet haben. Die Polizei ist die verhassteste, weil korrupteste und kriminellste Institution, die auch vor Entführungen in Afghanistan auf eigene Rechnung nicht zurückschreckt.
Deutschland hat seinen Ruf total verpielt.
Bloss raus da, aus diesem Land des Opiums und des Islams!!
Besser heute als morgen!!
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