Was immer die Londoner Afghanistan-Konferenz im einzelnen beschlossen hat, um dem Land am Hindukusch eine Zukunftsperspektive zu geben – neu und vielleicht entscheidend an den Beschlüssen ist, dass ihnen dieses Mal auch eine gemeinsame Strategie zugrunde liegt.

Anders als in der Vergangenheit gibt es nach London ein gemeinsames internationales Konzept, in dem die militärische Strategie zum Schutz der Bevölkerung und die Maßnahmen zum Wiederaufbau des Landes zusammengedacht und aufeinander abgestimmt werden. In Zukunft wird es, hoffentlich, nicht mehr widerstrebende Ansätze geben, nach denen die einen in erster Linie militärische, die anderen zivile Initiativen für den Erfolg versprechenden Weg halten, das Land aus der Misere zu befreien.

Acht Jahre hat die Staatengemeinschaft für diesen Prozess gebraucht. Dass es jetzt immerhin dazu gekommen ist, ist zuallererst dem amerikanischen Kurswechsel unter Präsident Barack Obama zu verdanken. Der kühlen Analyse des Isaf-Befehlshabers, US-General Stanley McChrystal, war nicht entgangen, dass eine Strategie, die vor allem auf militärische Aufstandsbekämpfung setzt, sich als aussichtslos erweisen würde. Dass sich die Sicherheitslage in den vergangenen beiden Jahren immer weiter verschlechtert hat, war der entscheidende Grund für den Neuansatz, in dem nun der militärische Schutz der Bevölkerung, die Ausbildung einheimischer Sicherheitskräfte und der Aufbau ziviler Infrastruktur im Vordergrund stehen sollen.

Betrachtet man diese neue Schwerpunktsetzung des internationalen Afghanistan-Engagements, könnte man meinen, nun habe sich vor allem das seit Jahren von deutscher Seite vertretene Konzept "vernetzter Sicherheit" durchgesetzt. Doch die Lage im Norden Afghanistans, in dem die Deutschen seit Jahren die Verantwortung tragen, erzwingt eine weit skeptischere Perspektive. Gerade weil das Londoner Kommuniqué mit seiner klaren Orientierung auf zivilen Aufbau so ganz und gar der "deutschen" Philosophie entspricht, muss es besonders irritieren, dass gerade der deutsche Verantwortungsbereich im vergangenen Jahr zur neuen afghanischen Krisenregion geworden ist. Der Norden ist nicht befriedet, er steht auf der Kippe. Kein Grund also für deutsche Selbstgerechtigkeit – zumal die nun verfolgte Strategie des partnering, also gemeinsam mit afghanischen Sicherheitskräften Präsenz in der Fläche zu zeigen, eine Idee der Amerikaner ist und von ihnen schon seit einiger Zeit praktiziert wird. Ob aus einem vernünftig klingenden Ansatz am Ende wirklich die nachhaltige Verbesserung der Sicherheit und Lebensperspektive der Bevölkerung erwächst, muss sich in der Praxis erweisen.

Vor diesem Test steht nun die in London beschlossene Strategie. Sie basiert, neben der Verzahnung militärischer und ziviler Ansätze, vor allem auf der engen Kooperation zwischen der Staatengemeinschaft und der Regierung Karsai. Wie der afghanische Präsident, der in jüngster Zeit eher als Teil des Problems denn als seiner Lösung wahrgenommen wurde, nun plötzlich als Garant des künftigen Erfolges erscheint, zeigt, wie viel Autosuggestion die optimistischen Bekundungen des Westens enthalten. Allzu gerne will man den Beteuerungen Karsais glauben – vor allem seinem Versprechen, bis zum Jahr 2014 die Sicherheit des Landes in afghanische Verantwortung zu überführen. Das ist ein erstaunlich ehrgeiziges Ziel. Und trotzdem beziehen sich die westlichen Regierungen darauf, als ließe sich aus Karsais Ankündigung schon heute die ersehnte "Abzugsperspektive" konstruieren.

Dass der Westen sich noch einmal zu großen Anstrengungen verpflichtet, an einer friedlichen Zukunft für Afghanistan zu bauen, ist die positive Botschaft von London. Sie wäre überzeugender, wenn dahinter nicht vor allem der Wunsch nach einem schnellen Rückzug stünde. Die Intensität des kommenden Engagements damit zu begründen, dass es bald enden soll, mag als Trick durchgehen, den unpopulären Einsatz gegenüber der Bevölkerung zu rechtfertigen. Ehrlicher wäre es, zuzugeben, dass es unabsehbare Zeit brauchen wird, die in London formulierten Ziele für Afghanistan wirklich durchzusetzen.