Milliarden für Schmiergeld Bestechung ist Alltag in Afghanistan

Einer UN-Studie zufolge zahlt jeder zweite Afghane Schmiergeld. Viele haben daher das Vertrauen in die staatlichen Institutionen, aber auch ausländische Helfer verloren.

Afghanischer Polizist in Herat. Viele seiner Kollegen fordern von den Bürgern Schmiergeld ein

Afghanischer Polizist in Herat. Viele seiner Kollegen fordern von den Bürgern Schmiergeld ein

Im vergangenen Jahr ist in Afghanistan Bestechungsgeld von umgerechnet 1,75 Milliarden Euro geflossen. Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC). In dem Bericht heißt es, jeder zweite Afghane habe 2009 mindestens einmal einen Vertreter des Staatsapparats wie etwa Polizisten, Richter oder Regierungsmitglieder bestochen. UNODC-Mitarbeiter hatten zwischen August und Oktober 2009 rund 7600 Menschen in zwölf Provinzhauptstädten sowie 1600 Dörfern befragt.

Durchschnittlich seien jeweils umgerechnet 110 Euro bezahlt worden – und das bei einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von knapp 300 Euro. Die Gesamtsumme allen Bestechungsgeldes entspreche 23 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Afghanistans und falle genauso hoch aus wie die Einnahmen aus dem Opiumhandel.

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Die Initiative zur Bestechung geht der Studie zufolge zumeist von den Staatsbediensten aus: In 56 Prozent aller Fälle hätten sie Schmiergeld eingefordert. Zudem seien derartige Praktiken vor allem im ländlichen Raum verbreitet: 80 Prozent der dortigen Bevölkerung hätten zu Protokoll gegeben, dass ihrer Meinung nach die Korruption in den letzten fünf Jahren deutlich gestiegen sei. Doch auch in Städten habe dieser Wert noch 40 Prozent betragen.

Die Korruption stellt für die Afghanen daher auch das größte Problem im Land dar: 59 Prozent stuften sie dem Bericht zufolge noch vor der mangelnden Sicherheit (54 Prozent) und der Arbeitslosigkeit (52 Prozent) ein. Knapp zwei Drittel hätten zudem jedes Vertrauen in die staatlichen Institutionen verloren. Auch ausländischer Hilfe begegneten die Afghanen misstrauisch: Mehr als die Hälfte glaubt der Studie zufolge, dass internationale Organisationen sowie Nichtregierungsorganisationen (NGOs) bestechlich sind und sich nur in Afghanistan engagieren, um sich zu bereichern. Infolgedessen sähen sich viele Afghanen gezwungen, Hilfe bei "kriminellen oder gegen die Regierung gerichteten Kräften" zu suchen, schreiben die Autoren.

Der Chef von UNODC, Antonio Maria Costa, sagte, die weitverbreitete Korruption sei das größte Hindernis, um Sicherheit, Entwicklung und ein funktionierendes Staatswesen in Afghanistan zu gewährleisten. Schließlich gingen mit ihr oftmals auch Drogenhandel und Terrorismus einher. Costa forderte den afghanischen Präsidenten Hamid Karsai auf, zügig Strukturen zu etablieren, die sich "unabhängig, furchtlos und ausreichend finanziert" dem Kampf gegen die Korruption widmen. "Im Moment ist dies nicht der Fall", sagte Costa.

Allerdings haben bei weitem nicht alle Afghanen auch ein ausgeprägtes Bewusstsein für korrupte Handlungen: Rund 40 Prozent sagten den UNODC-Meinungsforschern, dass es in Ordnung sei, wenn Staatsbedienstete Geld einforderten oder wegen ihrer Familienbande eingestellt würden. "In der sozialen Akzeptanz bestimmter Praktiken zeigt sich der Nährboden für Korruption", schreiben die Autoren der Studie.

 
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