Präsidentenwahl Chile zwischen Liberalismus und WohlfahrtsstaatSeite 2/2

Ähnlich kritisch beurteilen die beiden Enkel der chilenischen Protagonisten die Konzentration von Reichtum und Macht in ihrer Heimat. Die ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung müssen mit nur etwa zwei Prozent aller Ausgaben der Privathaushalte auskommen. Die reichsten zehn Prozent verfügen hingegen über mehr als 40 Prozent. "Vom chilenischen Modell profitieren nur die Großunternehmen und die Banken, die haben die Beute unter sich aufgeteilt. Kleine und mittlere Betriebe, die eigentlich die Arbeitsplätze schaffen, und die Angestellten der Mittelschicht haben die größte Last an Steuern und Bürokratie zu tragen", kritisiert Pinochet Molina.

Für Meza Allende bleibt der Mittel- und Unterschicht in Chile im aktuellen Modell nur die Alternative zwischen Konsumverzicht oder Verschuldung. Und der Wirtschaftsliberalismus habe dazu geführt, dass man heute dank vieler Freihandelsverträge zwar Waren aus der ganzen Welt in Chile erhalte, die Exporte aber auf landwirtschaftliche Produkte und Rohstoffe beschränkt blieben.

Seit 1990 siegten in Chile stets die Mitte-Links-Kräfte über die Konservativen. Diesmal jedoch sprechen Umfrageinstitute Piñera einen knappen Vorsprung zu. Es wäre der erste Wahlsieg der Rechten in Chile seit 1958. Am Sonntag werden die rund acht Millionen in die Wahlregister eingeschriebenen Chilenen das letzte Wort haben.

 
Leser-Kommentare
  1. Die Politik der Concertación war immer sehr neoliberal, keinesfalls "Wohlfahrtsstaat". Das wird sich auch nicht ändern.
    Wenn ich höre, dass in der Rechten von "immer mehr Sozialhilfprogrammen" geredet wird, dann frag ich mich, wo diese Leute eigentlich leben. Welche Sozialhilfeprogramme meinen die? Aber es zeigt ganz deutlich, in welche Richtung die nächsten Jahre gehen werden, denn Piñera redet ja selbst, noch, von "immer mehr Sozialhilfprogrammen". Bis zur Wahl, danach wird es für die meisten seiner Wähler ein böses Erwachen geben.

  2. Wohl kaum!
    Der Liberalismus geht von der Annahme aus, dass Menschen unterschiedlich sind und daher jeder, jedenfalls soweit er damit nicht die andern schädigt, die Möglichkeit haben sollte selbst sein Glück zu verwirklichen. Davon hält ihn aber nicht nur Zwang vom Staat ab, sondern mindestens genauso problematisch können zB Machtkonzentration bei privaten Akteuren oder gesellschaftliche Moralvorstellungen sein soweit sie Zwang auf Individuen ausüben und sie so daran hindern ihr Glück zu verwirklichen. Mit "Markt" (worunter der moderne, angepasste Journalist wohl nach wie vor Deregulierung und Steuererleichterung für Wohlhabende zu verstehen scheint) hat politischer Liberalismus erstmal nicht viel zu tun.

    Mal ganz abgesehen davon: Wenn wir wirklich "Markt" wollten müssten wir erstmal die vielen massiven Wettbewerbsverzerrungen beseitigen zB das Umweltzerstörung den Verursacher häufig nichts (oder zu wenig) kostet oder die vielen Oligopole und übergroße private Institutionen ("too big to fail") zerschlagen oder den massiven Einfluß auf die Politik durch mächtige private Interessengruppen loswerden.

  3. "Augusto Pinochet Molina ... fürchtet um das liberale Erbe seines Großvaters"

    Einige tausend Ermordete und Verschwundene unter der Diktatur von Pinochet zeugen wahrlich für Liberalität. Aber die inzwischen neoliberale ZEIT hält es nicht für nötig darauf hinzuweisen.

  4. Sogar der eingefleischteste der chilenischen Neoliberalen weiß, dass der Export von Gütern mit Know-How Mehrwert ohne ein funktionierendes Bildungssystem nicht möglich ist. Hier liegt aber der Hund begraben: Man müsste über die Rolle des Staates beim Aufbau eines funktionierenden Bildungssystems reden. Spätestens dann, wenn klar ist, dass die nötigen Investitionen in diesem Bereich immens sind, wird man zwangsläufig über das Einkommen des Staates und über das Steuersystem reden müssen. Das aber, wäre für die Klientel von Piñera, (und auch von Frei) höchst unangenehm.
    Die mittlerweile eklatanten Defizite im Bildungssystem des südamerikanischen „Tigers“, neuerdings mit Gütesiegel durch die Mitgliedschaft in der OECD, sind weder von Kandidaten, von Gesetzgebern noch von den letzten Regierungen der „concertación“ angesprochen geschweige denn ausgeglichen worden. Es sind Bürgerbewegungen wie der „Aufstand der Pinguine“ oder der Verein „Educación 2020“ die dies zu ihrer Aufgabe gemacht haben. Die „Pinguine“, 1,3 Millionen Oberschüler und Schülerinne, die wegen ihrer schwarz-weißen Schuluniformen so genannt wurden, führten in 2006 einen monatelangen Protest gegen die Organisation des Bildungswesens in Chile durch.

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    Sehr wahr. Überhaupt ist das sehr geringe Steueraufkommen ein Problem. Solange der Staat grundsätzlich nicht in der Lage ist zu handeln, werden viele Dinge liegen und in den Händen von kleinen Krautern bleiben. Für mich ist übrigens der Transsantiago, ein gigantisches Nahverkehrsprojekt für Santiago mit staatlicher Subvention, trotz aller Probleme ein Schritt in die richtige Richtung. Und selbst darin sehen viele, meist Piñera nahestehende Politiker sowjetische Planwirtschaft.
    Allerdings würde jeder Politiker, unabhängig welcher Richtung, der Steuererhöhungen laut anspräche, sofort öffentlich gelyncht. Die angebliche Alternative "mehr Markt" oder "Wohlfahrtsstaat" steht nicht auf diesem Wahlzettel.

    Sehr wahr. Überhaupt ist das sehr geringe Steueraufkommen ein Problem. Solange der Staat grundsätzlich nicht in der Lage ist zu handeln, werden viele Dinge liegen und in den Händen von kleinen Krautern bleiben. Für mich ist übrigens der Transsantiago, ein gigantisches Nahverkehrsprojekt für Santiago mit staatlicher Subvention, trotz aller Probleme ein Schritt in die richtige Richtung. Und selbst darin sehen viele, meist Piñera nahestehende Politiker sowjetische Planwirtschaft.
    Allerdings würde jeder Politiker, unabhängig welcher Richtung, der Steuererhöhungen laut anspräche, sofort öffentlich gelyncht. Die angebliche Alternative "mehr Markt" oder "Wohlfahrtsstaat" steht nicht auf diesem Wahlzettel.

  5. „Educación 2020“, ein von einem deutschstämmigen Professor für Ingenieurwesen Dr. Mario Waissbluth initiierter Bürgerverein, nimmt sich die titanische Aufgabe vor, das chilenische Bildungswesen bis 2020 substantiell zu verbessern. Dieser Verein hat die erstaunliche Leistung vollbracht, das Thema Bildung zu einem der zentralen Themen der Präsidentschaftskandidaten zu machen.
    Die Probleme dieses Hundes, der am liebsten als brüllender Tiger gesehen würde, sich aber im Kreis dreht und den eigenen Schwanz beißt, werden zum Erstaunen aller von niedlichen Pinguinen gelöst. ;-)
    Ignacio Mujica Alvarado

  6. Sehr wahr. Überhaupt ist das sehr geringe Steueraufkommen ein Problem. Solange der Staat grundsätzlich nicht in der Lage ist zu handeln, werden viele Dinge liegen und in den Händen von kleinen Krautern bleiben. Für mich ist übrigens der Transsantiago, ein gigantisches Nahverkehrsprojekt für Santiago mit staatlicher Subvention, trotz aller Probleme ein Schritt in die richtige Richtung. Und selbst darin sehen viele, meist Piñera nahestehende Politiker sowjetische Planwirtschaft.
    Allerdings würde jeder Politiker, unabhängig welcher Richtung, der Steuererhöhungen laut anspräche, sofort öffentlich gelyncht. Die angebliche Alternative "mehr Markt" oder "Wohlfahrtsstaat" steht nicht auf diesem Wahlzettel.

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