Einst war Haiti die "Perle der Antillen", heute gilt der westliche Teil der Karibikinsel Hispaniola als "gescheiterter Staat". Ein Land, mit dem es wirtschaftlich seit der Unabhängigkeit 1804 stetig bergab ging und das seit dem Sturz der Duvalier-Diktatur 1986 nicht mehr zu Stabilität gefunden hat. Ergebnis einer "Gesellschaft entwurzelter ehemaliger Sklaven, die auch 200 Jahre nach der Unabhängigkeit noch völlig fragmentiert ist und kein gemeinsames Verantwortungsbewusstsein für ihre Nation gefunden hat", sagt der Soziologe Gerard Pierre Charles.

In die Machtkämpfe in dem Land haben sich auch immer wieder Staaten der Region eingemischt, nicht zuletzt die USA, die zuletzt 1994 in Haiti einmarschierten, um den gestürzten Präsidenten Jean-Bertrand Aristide wieder einzusetzen. Der ehemalige Armenpriester entpuppte sich allerdings nur als ein weiterer kleptokratischer Despot, der später davon gejagt wurde.

Tod, Schrecken, Verzweiflung: Bilder aus dem Katastrophengebiet © Juan Barreto/AFP/Getty Images

Haiti ist bis heute ein überaus korrupter Beutestaat, in dem sich rivalisierende Clans um Macht und Pfründe reißen. Die Entwicklungshilfe ist eine davon. Das Beben hat nun die letzten Reste des Staatsapparats zerstört und das Land vollständig abhängig gemacht von ausländischer Hilfe.

Das wissen auch die Nachbarländer, allen voran die USA. Die Katastrophenhilfe genieße absolute Priorität für seine Regierung, verkündete Präsident Barack Obama. Er schickte einen Flugzeugträger, ein schwimmendes Hospital sowie 2000 Marine-Soldaten für die Rettungsarbeiten und versprach eine erste Wiederaufbauhilfe von 100 Millionen Euro. US-Außenministerin Hillary Clinton und Verteidigungsminister Robert Gates sagten Auslandsreisen wegen der Katastrophe ab, um die Hilfe zu koordinieren. Dafür werden medienwirksam auch die früheren Präsidenten Bill Clinton und George Bush eingespannt.

Die USA haben ein geostrategisches Interesse an Haiti. Das Land befindet sich knapp tausend Kilometer von Miami entfernt, rund eine Million Haitianer leben in den USA. Der völlige politische und ökonomische Kollaps und die Bebenkatastrophe könnten eine neue gewaltige Flüchtlingswelle auslösen, sorgt sich die Regierung in Washington, die im eigenen Land noch mit den Auswirkungen der Wirtschaftskrise zu kämpfen hat.

Außerdem ist Haiti ein Drehkreuz für den Drogenschmuggel – und ein weiteres Puzzlestück im regionalen Machtpoker um den Einfluss in Lateinamerika. Auch der Gegner hat bereits Zeichen gesetzt: Das erste Flugzeug, das nach der Katastrophe in Port-au-Prince landete, kam aus Venezuela. Der dortige Machthaber Hugo Chavez, Obamas linker Rivale, will die Nase vorn haben im bizarren Wettlauf um die Solidarität. 

Chavez lieferte der Halbinsel bereits seit Jahren Erdöl zu Vorzugspreisen, und auch sein Verbündeter, das kommunistische Kuba, ist seit Langem präsent auf Haiti: 400 kubanische Ärzte arbeiten seit Ende der neunziger Jahre in dem Karibikstaat und haben einen wichtigen Beitrag zum Erhalt eines bis zu dem Erdbeben halbwegs funktionierenden Gesundheitssystem geleistet. Nun bietet das Beben beiden Ländern die Gelegenheit, ihren Einfluss auszuweiten.

Im Zweikampf um Haiti hat sich seit einigen Jahren ein drittes Land eingeschaltet: Brasilien führt seit 2004 die UN-Stabilisierungstruppe Minustah an und hat dabei durchaus Erfolge vorzuweisen. So gelang es den Blauhelm-Soldaten unter brasilianischer Führung, die kriminellen Banden in den Armenvierteln einzudämmen. Das Ansehen der Brasilianer in der Bevölkerung ist hoch, wozu auch die Popularität der brasilianischen Fußballmannschaft beiträgt, die schon mal zu einem Freundschaftsspiel nach Port-au-Prince kam. 

Brasiliens Präsident Luiz Inacio Lula da Silva hat sein Land bereits als führenden Koordinator der Katastrophen- und Wiederaufbauhilfe ins Spiel gebracht. Für Brasilien ist Haiti vor allem ein Trampolin auf dem Weg zur Weltmacht – und wenn möglich in den UN-Sicherheitsrat als ständiges Mitglied.

Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich hingegen spielt nur noch kulturell und symbolisch eine Rolle. Die politischen Fäden ziehen längst andere. Zuletzt kam es 2003 zu französisch-haitianischen Verwicklungen, als der damalige haitianische Präsident Aristide die Rückzahlung einer historischen Schuld von 21 Milliarden Dollar forderte. Frankreich hatte diese Summe nach den blutigen Unabhängigkeitskriegen von Haiti als "Entschädigung" gefordert – und erhalten. Es war der Preis dafür, dass Frankreich, die USA, Großbritannien und Spanien seinerzeit die Unabhängigkeit anerkannten. Einige Historiker machen die historische Last mitverantwortlich für den wirtschaftlichen Niedergang der einst reichsten französischen Kolonie.

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