Nach dem Beben: Zerstörte Häuser in Port-au-Prince, Haiti © Frederic Dupoux/Getty Images

Haiti ist ein gescheiterter Staat, ein failed state. Und das in einer besonders krassen Form. Haiti, das auf der Karibikinsel Hispaniola liegt, hatte in der jüngeren Geschichte kaum eine Gelegenheit, zu einem funktionierenden Staat zu werden. Die Folge sind bis heute soziale Missstände von bedrückendem Ausmaß. Weder vor der Gewalt der Banden, noch vor der gravierenden Armut kann der Staat die Bürger schützen.

Über neun Millionen Menschen leben in Haiti, mehr als die Hälfte der Einwohner müssen täglich mit weniger als einem Dollar auskommen, knapp 80 Prozent mit weniger als zwei Dollar. Die Kindersterblichkeit ist erschreckend hoch: 60 Todesfälle kommen auf 1000 Geburten. 2,2 Prozent der zwischen 15- und 49-Jährigen sind HIV-positiv. Mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von umgerechnet knapp 400 Euro ist Haiti das ärmste Land Amerikas. Trotz internationaler Hilfen liegt die Wirtschaft am Boden. 80 Prozent der staatlichen Investitionen und 40 Prozent des Staatsetats werden international finanziert. Neben der ewigen Misswirtschaft haben sowohl Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Zyklone, als auch die Abholzung – fast der gesamte Baumbestand Haitis wurde geschlagen – zur Verarmung der einst reichen französischen Kolonie Haiti beigetragen.

Der schwache Staat zeigt sich der Bevölkerung vor allem am fehlenden Schutz gegen die latente Gewalt. Dabei ist es nicht nur die ausufernde Bandenkriminalität, die den Menschen zu schaffen macht, sondern auch die Tatsache, dass die herrschenden Fraktionen immer auch mit paramilitärischen Milizen ihre Macht sicherten und die Bevölkerung terrorisierten. Auch Polizei und Militär wurden von Politikern als Mittel zur Unterdrückung der Bevölkerung missbraucht, und das nicht nur zu Zeiten der Diktatur. Am meisten gefürchtet sind bei den Haitianern die bewaffneten Gangs und die ausufernden Entführungen. Und bis vor kurzem noch waren häufig auch korrupte Polizeibeamte in Entführungen verwickelt.

Die Menschenrechtsorganisation amnesty international weist darauf hin, dass besonders Kinder in Haiti einem höheren Risiko ausgesetzt sind, entführt zu werden. Die UN sprechen zudem von hunderttausenden Kindern, vor allem Mädchen, die aus zumeist mittellosen Familien als Hausangestellte verkauft werden. Diese Kinder würden wenig oder nicht entlohnt und sind oft Opfer von Misshandlungen, auch sexuellen.

Die sozialen Bedingungen Haitis sind insgesamt schlecht. Rund 50 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung ist arbeitslos, ähnlich hoch ist die Quote bei der Unterernährung und der Alphabetisierung. Wegen des vielerorts verwitterten und unfruchtbaren Bodens können die Bauern laut Welthungerhilfe nur noch knapp die Hälfte des Nahrungsmittelbedarfs decken. Grundnahrungsmittel sind für viele Menschen unbezahlbar. Auch der Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, Wasser und akzeptablem Wohnraum ist vielen Menschen auf der überbevölkerten Inselhälfte verwehrt. In einem der größten Slums der Welt, Cité Soleil, einem fünf Quadratkilometer großen Elendsviertel im Norden der Stadt Port-au-Prince mit mehreren hunderttausend Einwohnern, sind 90 Prozent der Bewohner arbeitslos. In Cité Soleil es gibt keine Kanalisation, beherrscht wird das Viertel von bewaffneten Banden.

Besonders frappierend sind diese Zustände angesichts der Tatsache, dass der Nachbarstaat, die Dominikanische Republik, ein beliebtes Touristenziel ist, während sich nach Haiti kaum ein Ausländer freiwillig begibt. Wie konnte es soweit kommen?

So etwas wie eine Demokratie hatte es in Haiti nie gegeben. Fundamental für diese katastrophale Entwicklung, zumindest für den Übergang in die industrialisiert-globalisierte Welt von heute, war die fast drei Jahrzehnte währende Terrordiktatur des Duvalier-Clans. Erst 1986 endete sie. Zwar wurde darauf der frühere katholische Priester Jean-Bertrand Aristide 1990 Haitis erster frei gewählter Präsident. Ein Jahr später jedoch wurde er bei einem Militärputsch entmachtet, doch mit US-Unterstützung wieder eingesetzt. Durch eine blutige Rebellion, angeführt von früheren Soldaten, wurde Aristide 2004 dann ins Exil gezwungen. Auch Aristide war ein Demagoge und Kleptokrat, der eigene Milizen zur Unterdrückung der Opposition beschäftigte.