Die Ermordung des iranischen Atomwissenschaftlers Massud Ali Mohammadi schürt die Spannungen zwischen der Islamischen Republik und dem Westen. Die Regierung in Teheran beschuldigte die USA und Israel, hinter dem Bombenanschlag auf den Forscher zu stecken. Beide Staaten würden Atomwissenschaftler des Landes aus Angst vor einer iranischen Atombombe gezielt "eliminieren".

"Der Terroranschlag deutet auf das Dreieck der Bösartigkeit", erklärte das Außenministerium in Teheran. Erste Ermittlungen hätten gezeigt, "dass die USA, das zionistische Regime und deren Söldner in diesen terroristischen Akt verwickelt sind". Doch die "Ausschaltung unserer Atomwissenschaftler wird den technologischen Fortschritt unseres Landes bestimmt nicht negativ beeinflussen, eher beschleunigen", fügte ein Sprecher hinzu.

Ähnliche Vorwürfe erhob das iranische Regime bereits im Juni. Damals war der am Atomprogramm beteiligte Wissenschaftler Schahram Amiri während einer Pilgerfahrt nach Mekka verschwunden. Die Führung in Teheran warf Saudi-Arabien vor, den Forscher an die USA ausgeliefert zu haben. Experten zufolge sei es aber höchst unwahrscheinlich, dass die USA oder Israel zum Mittel der gezielten Tötung von Wissenschaftlern greifen würden. Dazu sei die Zahl der qualifizierten Forscher und Ingenieure mittlerweile zu groß. Allerdings habe Israel in der Vergangenheit Atomwissenschaftler getötet, deren Arbeit der jüdische Staat als gefährlich eingestuft habe.

Iran beschuldigte die USA, Israel und "ihre Agenten" immer wieder für Anschläge und Angriffe oder unliebsame Vorkommnisse im eigenen Land verantwortlich zu sein. Beweise konnte die Regierung nie liefern. Als "Söldner" oder "Agenten" wird meist die iranische Oppositionsgruppe Volksmudschahedin bezeichnet, die das Mullah-Regime bekämpft.

Die Volksmudschahedin dementierten jede Verantwortung für den Anschlag auf Mohammadi. In einer Erklärung hieß es, der "in Iran regierende Faschismus" verfolge seine eigenen politischen Ziele und versuche "nicht zum ersten Mal", dem Widerstand die Verantwortung in die Schuhe zu schieben. Die Volksmudschahedin hätten mit diesem Mord "nichts zu tun".

Die Vorwürfe seien absurd, heißt es auch aus dem US-Außenministerium. Der israelische Handelsminister Benjamin Ben-Elieser wiederum sagte voraus, dass sein Land sicherlich mit dem Anschlag in Verbindung gebracht werden würde. "Aber ich habe keine Ahnung, was passiert ist, wer es getan hat, aber ich nehme auch an, dass wir es nicht waren", sagte er im israelischen Rundfunk. Die internationale Atomenergiebehörde IAEA in Wien wollte sich zu dem Mord nicht äußern.

Der Wissenschaftler Massud Ali-Mohammadi war bei einem Bombenanschlag in der iranischen Hauptstadt getötet worden. Medienberichten zufolge war der an einem Motorrad versteckte Sprengsatz in der Nähe seines Hauses explodiert. Der Tatort im Norden Teherans wurde zur Spurensuche von der Polizei abgeriegelt, die Leiche Mohammadis zur Untersuchung in die Gerichtsmedizin gebracht. Anwohner berichteten, dass ihnen zunächst untersagt worden sei, ihre Häuser zu verlassen. Festnahmen gab es nach Angaben der Staatsanwaltschaft zunächst nicht.

Unklar war, ob der Atomforscher am umstrittenen iranischen Atomprogramm arbeitete. Nach Angaben des Teheraner Chefanklägers Abbas Dschafari Dolatabadi war der 50-Jährige an der Universität der Hauptstadt tätig. Dort arbeitete er nach Einschätzung westlicher Experten als theoretischer Physiker. In seinen Publikationen befasste er sich demnach überwiegend mit Kosmologie, Hochenergie-Physik und Quantenphysik. Diese Arbeiten zeigen keinen direkten Zusammenhang mit dem iranischen Atomprogramm.

Widersprüche tauchten im Zusammenhang mit der politischen Orientierung des getöteten Professors auf. Ali-Mohammadi wurde von der Staatsanwaltschaft als loyal und regierungstreu und im staatlichen Fernsehen als glühender Anhänger der Islamischen Revolution eingestuft. Laut halbamtlicher Nachrichtenagentur Fars hat Ali-Mohammadi bis 2003 mit den regimetreuen Revolutionsgarden zusammengearbeitet. Zudem habe er an zwei Hochschulen unterrichtet, die den Garden nahe gestanden hätten. Die oppositionelle Website Jaras beschrieb ihn dagegen als Gefolgsmann von Oppositionsführer Mir Hussein Mussawi. Mohammadi habe zusammen mit Hunderten anderer Kollegen einen Wahlaufruf für den Politiker unterschrieben.

Der Anschlag auf den Wissenschaftler ereignete sich zu einer Phase erhöhter Spannungen – sowohl innen- als auch außenpolitisch. Die Auseinandersetzungen zwischen Regierung und Opposition erreichten nach der umstrittenen Präsidentenwahl im Juni unlängst einen neuen Höhepunkt. Vor allem an den Universitäten formiert sich Widerstand gegen die Clique um Präsident Mahmud Ahmadineschad. Studenten bilden das Rückgrat der Reformbewegung.

Unterdessen drohen Iran im Atomstreit mit der Staatengemeinschaft neue Sanktionen. Am Wochenende wollen die fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats und Deutschland darüber beraten. Zwischen den USA und China gibt es allerdings Streit darüber, ob die Zeit für neue Strafmaßnahmen reif sei.

Für Unmut sorgten auch die jüngsten Äußerungen des US-Generals David Petraeus über "Notfallpläne" für mögliche Militärschläge gegen iranische Nuklearanlagen. Noch vor dem Anschlag auf Mohammadi, hatte die iranische Führung Washington vorgeworfen, den Atomstreit gezielt eskalieren zu lassen. "Das ist unverantwortlich, das Gegenteil der neuen Politik, die die neue US-Regierung verspricht, und stattdessen eine Rückkehr zu früheren Fehlern", hieß es aus Teheran.