Wie viel ist ein Leben wert? Diese unangenehme Frage muss gestellt werden, findet Karim Popal. Die Frage, vor der sich die Bundesregierung, das Verteidigungsministerium und die Bundeswehr am liebsten drücken würden.

Bis zu 142 Menschen starben, als am 4. September amerikanische Kampfjets auf Geheiß des deutschen Oberst Georg Klein zwei von Taliban entführte Tanklastzüge bombardierten, darunter nach einem Nato-Bericht eine unbekannte Zahl von Zivilisten. Popal geht davon aus, dass fast alle Opfer keine Kämpfer waren. Nur fünf der Getöteten seien Taliban gewesen, sagt der 53-Jährige, der selbst aus Afghanistan stammt. Seit dem Zwischenfall, dem gravierendsten in der Geschichte der Bundeswehr, wird in der Öffentlichkeit wieder heftig über den Sinn des Afghanistaneinsatzes debattiert, und über die Frage, wer wann was gewusst hat.

Popal geht es aber nicht um diese großen Fragen. Seit Wochen verhandelt er mit dem Verteidigungsministerium über Entschädigungszahlungen für die Angehörigen der Opfer. In Medienberichten, aber auch von amnesty international und den Grünen wurde allerdings zuletzt in Zweifel gezogen, mit welcher Legitimation er dabei eigentlich handelt. Und es wurde ihm vorgeworfen, um eine hohe Entschädigung zu pokern, um daran selbst zu verdienen.

Deshalb brach er nun am Donnerstag das mit dem Ministerium vereinbarte Stillschweigen und ging in die öffentliche Offensive, um sich gegen die Vorwürfe zur Wehr zu setzen. Und da Popal kein Mann der leisen Töne ist, stellte er die unangenehme Frage laut und vernehmlich: Wie viel ist ein Leben in Afghanistan wert, in der Region Kundus, die in Gewalt und Grausamkeit versinkt?

Mehrere Millionen Euro fordert der Jurist mit deutschem und afghanischem Pass für seine Mandanten. „Mit 200.000 Euro lässt sich nicht die Hilfe für 20 Jahre finanzieren“, sagt er mit Blick auf Kinder der Opfer und die Witwen. Aus Bundeswehrkreisen war zu hören, dass diese Summe viel zu hoch sei. Beide Seiten sind sich bislang offenbar nicht näher gekommen. Während das Verteidigungsministerium auf eine außergerichtliche Einigung drängt, kann Popal sich durchaus einen großen Prozess gegen die Bundesregierung vorstellen.

Was für die Betroffenen der Bombardierung besser ausgehen würde, ist fraglich. Afghanische Behörden, Experten und deutsche Juristen warnen davor, große Geldsummen direkt an die Angehörigen auszuzahlen. Dies könne zu weiteren Gewalttaten, Erpressungen und Entführungen führen. Und vermutlich würde viel von dem Geld in den Händen korrupter Beamter oder direkt bei den Taliban landen.

Das sieht Popal auch so. Deshalb schlägt er vor, einen Fonds für die Opfer zu schaffen. Mit dem Geld sollen der Bau und Unterhalt eines Waisenhauses, der Kauf von Ackerland und Immobilien für die Familien sowie die Gründung einer Genossenschaft und eine Teppichknüpferei finanziert werden, damit die Witwen arbeiten können. 

„Frauen ohne Mann haben in Afghanistan keine Rechte“, sagt Popal. Er drängt auf schnelle Hilfe. Denn die zum Teil erst 17 Jahre alten Witwen könnten neu – auch gegen ihren Willen – verheiratet werden. Die neuen Ehemänner würden die Kinder dann nicht in ihre Familie aufnehmen. „Allein in Kabul gibt es 360.000 Bettler, die meisten davon sind Witwen und kleine Kinder“, sagte der Anwalt.