Am Vormittag war es endlich so weit: Im Pariser Justizpalast wurde das mit großer Spannung erwartete Urteil im sogenannten "Clearstream-Prozess" verkündet. In dem ausgesprochen verwickelten Prozess war es um die Frage gegangen, wer im Jahr 2004 die verleumderischen Listen angeblicher Schmiergeldkonten bei dem Luxemburger Finanzhaus Clearstream aufgeschrieben und verbreitet hat, auf denen auch der Name des damaligen Innenministers Nicolas Sarkozy stand. Es ging um Korruptionsgelder aus einem Waffengeschäft. Mitangeklagt war – und das machte die Sache so brisant – Dominique de Villepin, zur Tatzeit Außen- und später Innenminister, schließlich sogar Premierminister und spinnefeind mit seinem Parteikollegen und heutigen Präsidenten Sarkozy.

Der war Nebenkläger, hat heute Geburtstag, und ganz Paris fragt sich: Gibt es ein Geburtstagsgeschenk der Justiz für den Präsidenten? Denn eine Verurteilung Villepins hätte wohl das politische Aus für seinen alten Rivalen bedeutet.

Der Andrang im Justizpalast war entsprechend gewaltig. Glücklich, wer eine Erlaubnis ergattert hatte, in den überfüllten Gerichtssaal zu gelangen; alle anderen mussten sich mit einer Videoübertragung begnügen.

Dann Stille. Es folgte eine umständliche, mehr als zwei Stunden währende Verlesung des Urteils, dessen schriftliche Fassung sich auf 326 Seiten erstreckt. Und siehe da: Es gibt einen Hauptschuldigen, den ehemaligen EADS-Spitzenmanager Jean-Louis Gergorin, außerdem einen Mittäter, einen früheren EADS-Informatiker. Beide wurden der Verleumdung und des Missbrauchs gefälschter Dokumente schuldig gesprochen.

Aber dem wichtigsten Angeklagten de Villepin konnte die Anklage nicht nachweisen, dass er wissentlich an den Machenschaften beteiligt war. Das Gericht kam zu dem Schluss, dass der konservative Politiker nicht gewusst hat, dass die Belege gefälscht waren. Villepin habe "ohne böse Absicht" gehandelt, als er seinerzeit die Ermittlungen gegen Sarkozy laufen ließ.

Die Urteilsbegründung widersprach Villepin zwar in einigen Punkten, was ihm wehtun mag. Aber außer leichten Blessuren trägt er aus dem Prozess nichts davon.

Das Wichtigste jedoch für ihn ist: Er hat gewonnen, Sarkozy hat verloren, und er kann nun seinen politischen Feldzug gegen den Präsidenten fortsetzen. Der frühere Premier versucht nach wie vor, Unzufriedene im regierenden Parteienbündnis UMP um sich zu scharen, um 2012 selber als Präsidentschaftskandidat gegen seinen langjährigen Rivalen anzutreten.

Darüber mag man heute noch schmunzeln, angesichts der nach wie vor starken Position Sarkozys. Aber die politische Rechte in Frankreich ist ein Gebilde, das zwischen Auflösung und Verfestigung oszilliert, und in den Übergangsphasen sind chaotische Entwicklungen stets möglich.

Groß sind die Chancen Villepins, eines groß gewachsenen, selbstverliebten Schönredners und Autors umfänglicher Bücher, nach jetzigem Stand nicht. Doch allerlei Unheil im rechten Lager kann er anrichten – bis dann womöglich ein Dritter auftaucht, als Alternative zu einem angeschlagenen Sarkozy.

Den allerdings darf man wahrlich nicht unterschätzen. Sarkozy hat schon mehrfach trübe und schwierige Phasen in seiner politischen Karriere durchgemacht. Und hat sie bis heute alle am Ende erfolgreich überstanden.