Ukraine Die Wahl der Enttäuschten

Fünf Jahre nach der orangen Revolution wählt die Ukraine den neuen Präsidenten. Gewinnen könnte der einstige vermeintliche Wahlfälscher, berichtet Ann-Dorit Boy aus Kiew.

Eine Spur ist geblieben von der Hoffnung und dem Überschwang der orangen Revolution auf dem Maidan von Kiew. "Wir haben gesiegt!", haben die Demonstranten im Winter 2004 an eine Säule der Hauptpost geschrieben. Die Inschrift ist hinter Plexiglas bewahrt, aber die Euphorie ist verflogen. An diesem kalten Sonntag fünf Jahre später steht Präsident Wiktor Juschtschenko fast allein vor seinem Wahllokal auf dem zentralen Platz der ukrainischen Hauptstadt. Nur ein Dutzend Journalisten und eine Handvoll Bürger sind gekommen, um zu beobachten, wie der Hoffnungsträger von damals seine Stimme abgibt bei der ersten Präsidentschaftswahl nach der politischen Wende. Juschtschenko, der Held der demokratischen Revolution, für dessen Sieg Hunderttausende Bürger tagelang bei Eiseskälte auf dem Maidan ausharrten, kann sich bei dieser Wahl schon über ein einstelliges Resultat freuen.

Nach ersten Prognosen hat Oppositionsführer Wiktor Janukowitsch die Wahl gewonnen. Er konnte danach 35 Prozent der Stimmen holen. Regierungschefin Julia Timoschenko erhielt 27 Prozent der Stimmen, Präsident Juschtschenko nur etwas mehr als fünf Prozent. Damit werden Janukowitsch und Timoschenko am 7. Februar in einer Stichwahl gegeneinander antreten.

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"Der Präsident hat ein hohes Gehalt, ich habe nur eine kleine Pension", klagt eine Rentnerin im grünen Anorak vor den Kameras der ukrainischen Fernsehteams. Enttäuscht sei sie, wie die meisten anderen. Dass die Frau sich so offen über einen Politiker äußern kann, ist ein Verdienst der orangenen Revolution, die aus der autoritären Ukraine des Präsidenten Kutschma eine Demokratie mit Presse- und Meinungsfreiheit gemacht hat. Abgesehen davon ist die Bilanz nach fünf Jahren orangener Führung enttäuschend. Das Land steht wirtschaftlich vor dem Bankrott, das Bruttoinlandsprodukt ist um 15 Prozent gesunken, bei einer  Inflationsrate von 16 Prozent. Wirtschaftliche Reformen hat Juschtschenko versäumt; von seinem Ziel, die Ukraine in die Europäische Union und die Nato zu bringen, ist er weit entfernt. Stattdessen nutzte der Präsident die vergangenen Jahre vor allem dazu, sich mit seiner einstigen Mitstreiterin, der Premierministerin Julia Timoschenko, zu streiten.

Profitiert hat von diesen Kämpfen ausgerechnet der vermeintliche Wahlfälscher von 2004, der prorussische Kandidat Wiktor Janukowitsch. Wirkliche Begeisterung ist bei dessen Anhängern allerdings nicht zu spüren. Zum Wahlkampfabschluss konnte der Vorsitzende der Partei der Regionen den Platz vor der Sophienkathedrale von Kiew nur deshalb füllen, weil er seinen Demonstranten rund fünf Euro zahlte. Die fröstelnden jungen Leute schwenkten brav ihre blauen Fahnen, der Applaus aber blieb verhalten. "Wir wollen vor allem eine Veränderung," sagt Wladimir, ein 42-jähriger Taxifahrer, der sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält. Schlimmer als es mit Juschtschenko war, könne es auch mit Janukowitsch nicht werden.

Der Politiker, der bei der Wahl 2004 offen vom russischen Präsidenten Putin unterstützt wurde, will in Zukunft die Beziehungen zu Russland wieder verbessern und vor allem wirtschaftlich mit dem großen Nachbarn zusammenarbeiten. Trotz seiner prorussischen Haltung hat  Janukowitsch zuletzt auch eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union nicht ausgeschlossen. In diesem Punkt hat er sich an seine Mitbewerberin Timoschenko angenähert, von der man eine ausbalancierte Politik zwischen Russland und EU erwartet. Unter dem eindeutig prowestlichen Juschtschenko hatte sich das Verhältnis zu Russland dramatisch verschlechtert. Der russische Präsident Dmitri Medwedjew hatte im Sommer in einer Videobotschaft auf seiner Internetseite angeprangert, dass die ukrainische Führung eine offen feindliche Politik gegenüber Russland führe. Wiktor Juschtschenko hatte seinen georgischen Kollegen Michail Saakaschwili im Blitzkrieg gegen Russland im August 2008 unterstützt.

Im aktuellen Präsidentschaftswahlkampf haben sich die Kandidaten auf vollmundige soziale und wirtschaftliche Versprechungen konzentriert, obwohl sie diese nur mit Unterstützung des Parlaments und des Premierministers werden realisieren können. Insgesamt war eine bunte Schar von 18 Präsidentschaftskandidaten angetreten. 

Neben den drei großen Figuren der ukrainischen Politik wurde allerdings nur zwei anderen Kandidaten ein Überraschungserfolg zugetraut. Arseni Jatseniuk, der ehemalige Wirtschafts- und Außenministerminister und Sergej Tigipko, ein mächtiger Geschäftsmann und ehemaliger Chef der ukrainischen Nationalbank, hatten sich als pragmatische und unverbrauchte Kandidaten empfohlen. Während der prowestliche Jatsenuik sich durch eine katastrophal schlecht geführte Kampagne von ursprünglich 15 Prozent Zustimmung ins Aus manövrierte, könnte Tigipko, dessen gigantische Plakate überall im Land aushingen, es auf einen dritten Platz hinter Janukowitsch und Timoschenko schaffen.

 
Leser-Kommentare
  1. Merkwuerdig ruhig zu den Wahlen in der Ukraine. Wo sind auf einmal die Medien , die uns noch vor 5 Jahren wochenlang vollgedroehnt haben , von wegen Freiheit und Gerechtigkeit , Revolution mit Orange Geschmack ganz nach dem Szenario der ' Eventmanager '.
    Farbrevolutionen haben nun einmal nicht das Zeugs , um wirkliche Veraenderungen und Reformen zu bewirken , vor allem wenn sie ferngesteuert sind ; sie sind sozusagen nicht ' genuin '.
    Bald wird auch Georgien dasselbe Schicksal ereilen . Beide Laender sollten in die Nato / EU , die Russen sollten umzingelt werden , damit sie nicht aufmuepfig werden und andere ' Schweinereien '. Laeuft jetzt ziemlich dumm fuer einige Farbrevolutionsplaner , dabei war alles so schoen geplant und sollte als Exportschlager in alle Welt exportiert werden ,
    shit happens.......

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    • Midway
    • 17.01.2010 um 19:44 Uhr

    shit happens
    Ja dass könnte stimmen. Allerdings nur für die Freiheit und Demokratie. Sie ziehen über Demonstranten her, die dafür gesorgt habem, dass kein Betrüger an die Macht kommt. Dies hat sich gelohnt.

    Ahja, da Sie ja über den möglichen Wahlsieger Wiktor Janukowitsch so frohlocken, möchte ich mal daraufhinweisen, dass bereits schonwieder über 1000 Beschwerden über manipulierte Stimmzettel eingingen.

    • Midway
    • 17.01.2010 um 19:44 Uhr

    shit happens
    Ja dass könnte stimmen. Allerdings nur für die Freiheit und Demokratie. Sie ziehen über Demonstranten her, die dafür gesorgt habem, dass kein Betrüger an die Macht kommt. Dies hat sich gelohnt.

    Ahja, da Sie ja über den möglichen Wahlsieger Wiktor Janukowitsch so frohlocken, möchte ich mal daraufhinweisen, dass bereits schonwieder über 1000 Beschwerden über manipulierte Stimmzettel eingingen.

    • Midway
    • 17.01.2010 um 19:44 Uhr
    2. ^^

    shit happens
    Ja dass könnte stimmen. Allerdings nur für die Freiheit und Demokratie. Sie ziehen über Demonstranten her, die dafür gesorgt habem, dass kein Betrüger an die Macht kommt. Dies hat sich gelohnt.

    Ahja, da Sie ja über den möglichen Wahlsieger Wiktor Janukowitsch so frohlocken, möchte ich mal daraufhinweisen, dass bereits schonwieder über 1000 Beschwerden über manipulierte Stimmzettel eingingen.

    Antwort auf "Farbrevolutionen"
  2. Und woher haben Sie die Informationen über die Beschwerden her? Doch nicht etwa aus Waschington oder?...

    Die Ukrainer wurden betrogen, dafür wird Juschenko und seine Nato-Freunde die Rechnung bekommen. Niemand in der Ukraine will sich von Russland trennen, niemand will in die Nato.

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    • Midway
    • 17.01.2010 um 21:17 Uhr

    Niemand will in die NATO? Nunja, da sagen aber 27 % der Stimmen was anderes ,)
    Washington hat mit den Wahlen in der Ukraine nichts zu tun.
    Naja typisch wiedermal wenn Leute wieder gegen den Westen wettern.

    Zehn Prozent der Stimmen wurden womöglich gefälscht. In diesem Umfang rechneten schon die ukrainischen Stellen.

    • Midway
    • 17.01.2010 um 21:18 Uhr

    Mal abgesehen davon, will der womöglich neue Präsident ebenfalls einen Dialog mit der EU beginnen ,)

    • Midway
    • 17.01.2010 um 21:17 Uhr

    Niemand will in die NATO? Nunja, da sagen aber 27 % der Stimmen was anderes ,)
    Washington hat mit den Wahlen in der Ukraine nichts zu tun.
    Naja typisch wiedermal wenn Leute wieder gegen den Westen wettern.

    Zehn Prozent der Stimmen wurden womöglich gefälscht. In diesem Umfang rechneten schon die ukrainischen Stellen.

    • Midway
    • 17.01.2010 um 21:18 Uhr

    Mal abgesehen davon, will der womöglich neue Präsident ebenfalls einen Dialog mit der EU beginnen ,)

    • Midway
    • 17.01.2010 um 21:17 Uhr
    4. ^^

    Niemand will in die NATO? Nunja, da sagen aber 27 % der Stimmen was anderes ,)
    Washington hat mit den Wahlen in der Ukraine nichts zu tun.
    Naja typisch wiedermal wenn Leute wieder gegen den Westen wettern.

    Zehn Prozent der Stimmen wurden womöglich gefälscht. In diesem Umfang rechneten schon die ukrainischen Stellen.

    Antwort auf "@ Midway"
    • Midway
    • 17.01.2010 um 21:18 Uhr
    5. ^^

    Mal abgesehen davon, will der womöglich neue Präsident ebenfalls einen Dialog mit der EU beginnen ,)

    Antwort auf "@ Midway"
  3. Kutschma war wirklich kein Lichtblick.Die Medienfreiheit
    war fürchterlich.Gonadse,den Chefredakteur einer Zeitung
    hat er kaltblütig ermorden lassen.
    Natürlich gab es Milliardäre im Westen die ,die Ukraine
    durch die orange Revolution ändern wollten.
    (Das war übrigens auch bei der kommunistischen
    Revolution so)
    Wenn wirtschaftlich-strategische Interessen leider diese
    Revolution so kläglich dahin glimmen ließen,so waren
    die Triebfedern und Ideen dieser Revolution eben nur auf sehr kurze Zeit geplant.Obama hat das vor nicht allzu langer
    Zeit so ähnlich ausgedrückt: Wenn wir unser Militär nur
    nach den Plänen der Rüstungslobby strukturieren und
    eben auf einen Kampf gegen Rußland richten.......
    Ja wenn eben nicht nur die Wirtschaft die Haupttriebfeder
    dieser Revolution gewesen wäre,dann wären jetzt nicht
    so viele enttäuscht.
    Es gab eine Revolution in Frankreich,da waren die
    Ideale Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit
    Freiheit für die Wirtschaft??? Den Untergang dieser
    Idee erleben wir gerade.
    Die Ukraine hat auch die Idee sehr schmerzhaft erleben
    müssen,dass die Gleichheit im Kommunismus alles andere
    erdrückt hat.
    Wie wäre es mit Freiheit in Religion,Wissenschaft,Kunst
    Bildung ?
    Gleichheit vor dem Gesetz.Dass die Oligarchen eben auch
    Steuer zahlen müssen z.B .......
    Und Brüderlichkeit in der Wirtschaft ?
    Wenn die Werte stimmen,so werden Veränderungen
    Erfolg haben können !

  4. Sie haben mir nicht auf meine Frage geantwortet. Wo haben Sie nun ihre Informationen her?

  5. Hören Sie bitte auf, Ihre antiamerikanistischen 68er-Zuckungen an Sachverhalten auszulassen, von denen Sie keine Ahnung haben. Oder gehören Sie zu der Gruppe Mensch, die meinen intellektuell zu sein, wenn sie immer gegen den mainstream sind?
    Für Sie steht jedenfalls die NATO offensichtlich für Imperialismus - weil Sie aus einem reichen Land stammen, das lange Zeit unter der Kontrolle einer Besatzungsmacht stand. Für die Ukrainer steht sie für westliche Unabhängigkeit. Wieso? Weil z.B. Russland sich erlaubt, vor meiner Heimatstadt einen Kriegskreuzer vor Anker zu lassen. Oder weil es die Ukrainer mit den Gaslieferungen politisch erpresst. Oder weil es geschichtlich von vielen als eine den Nazis ebenbürtige, wenn nicht schlimmere (so Bandera-Anhänger) Imperialmacht erscheint.
    Juschteschenko hat -wie im Artikel richtig dargestellt- nicht verloren, weil das Volk ihn, wie Sie meinen, als eine Marionette der USA erkannt hat, sondern weil er seine Versprechen nicht durchsetzen konnte, das Volk unnötig gespalten hat (durch Beleidigungen russischstämmiger Ukrainer wie mich) und in seine Amtszeit obendrein die Finanzkrise fiel.

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