Der Minister stritt in Brüssel für sein Land, derweil das Land gegen sich selbst kämpfte. In der EU-Zentrale versuchte Finanzminister Giorgos Papakonstantinou seine Amtskollegen davon zu überzeugen, dass Griechenland beim Sparen gut vorankommt. Zuhause in Athen demonstrierten seine Beamten das Gegenteil. Hier in der griechischen Hauptstadt reichen sich die Staatsangestellten die Streikstaffel weiter. Erst waren es die Zollbeamten, dann die Finanzkontrolleure im Ministerium, dann die Steuereintreiber, am Ende die Taxifahrer. Sie alle warnen ihre Regierung: Kürzen dürft ihr, aber nicht bei mir!

Wie viel Aussicht haben die griechischen Versprechen, dauerhaft zu kürzen und zu sparen? Wann darf die Eurozone mit besseren Nachrichten aus Athen rechnen?

Eine Hoffnung strahlt allemal von hier nach Nordeuropa: Auch dieser harte Winter hat irgendwann ein Ende. In Athens Innenstadt sitzen die Leute schon bei 18 Grad in den Korbstühlen der Straßencafés, ein Krisenbild will sich nicht recht aufdrängen. Aber alle reden über die Krise. Und es besteht in den Korbstühlen eine gewisse Einigkeit, dass es mit dem Leben auf Pump ein Ende haben muss, dass Griechenland sich ändern soll, dass die Schuldenspirale schleunigst abgeknickt werden muss. Das Problem ist: wie?

Das heutige Griechenland ist ein Labyrinth aus wachsenden Ansprüchen an den Staat, vielschichtiger Versorgung treuer Wähler der Staatsparteien, großzügigen Rentengarantien und Zusatzprämien, überzogenen Krediten und ungedeckten Wechseln auf die Zukunft. Aber beileibe nicht alles ist Wohlleben: Griechenland ist zugleich ein Land der wachsenden Armut, der Deindustrialisierung und der Wirtschaftskrise.

Um aus diesem Labyrinth herauszukommen, wird es nicht reichen, dass die Finanzminister der EU dem Land alle vier bis fünf Wochen noch härtere Maßnahmen abringen, noch kürzere Fristen zur Umsetzung aufnötigen, noch mehr Druck ausüben. Nötig ist nichts weniger als eine Revolution, die mehr als fünf Wochen zur Umsetzung braucht. Die Ansprüche hier und die Schulden da, die Versorgung und das Absinken in die Armut gehören zu einem Mentalitätskosmos, in den Griechenland in den achtziger Jahren eingetreten ist. Populistische Politiker des frischgebackenen EWG-Lands verbanden seither die politische Öffnung des Landes mit dem Versprechen, dass für jeden gesorgt werde – durchaus in dem Bewusstsein, dass von nun an vielfältige Hilfe aus Brüssel floss. Das Land hat keine neuen Industrien gegründet und sich nicht fit für die Moderne gemacht, im Gegenteil, es wurde teurer, langsamer und verlor seine Industrie.

In Athen und auch in Brüssel hat man darüber jahrzehntelang hinweg gesehen. Europäische, vor allem deutsche Firmen nutzten den griechischen Markt als Expansionsfläche, derweil die lokalen Produzenten wegstarben. Die Differenz zahlte der griechische Staat, erst mit EWG-, dann mit EU-Geld, schließlich mit immer mehr Schulden.