Mittlerer Osten Saudi-Arabiens verschlungener Weg in die Zukunft

Keine Kinos, aber Filmdebatten, keine Frauenrechte, aber eine Frauen-Uni – an widersprüchlichen und wunderlichen Details herrscht in Saudi-Arabien kein Mangel. Und doch tut sich Erstaunliches: Der alte Monarch wagt den Wandel.

Männer und Traditionen bestimmen das Leben in Saudi Arabien. Doch es zeichnet sich ein langsamer Wandel ab. Im Bild: Männer bei einer Zeremonie zu Ehren des Kronprinzen

Männer und Traditionen bestimmen das Leben in Saudi Arabien. Doch es zeichnet sich ein langsamer Wandel ab. Im Bild: Männer bei einer Zeremonie zu Ehren des Kronprinzen

Leise säuselt die libanesische Diva Fayrouz aus den Lautsprechern. In den Ecken sitzen junge Paare und halten Händchen. Einige Freundinnen entspannen sich bei Tee und Orangensaft vom Basketballtraining im Gold’s Gym nebenan. Sie alle haben sich hinter die schwarz getönten Scheiben der Fratelli Lounge in Dschidda verzogen – rechtzeitig vor dem abendlichen Pflichtgebet in der Moschee. Ahmed Bakri sitzt in einem samtig-grünen Sessel und zieht genüsslich an seiner Wasserpfeife. "Im Westen gibt es nur Klischees über Saudi-Arabien", sagt der 33-jährige Computerspezialist: "Wir sind superreich, misshandeln unsere Frauen und lassen sie nicht Auto fahren." Einen kräftigen Zug von der Pfeife später gibt er zu, dass sein Land es Kritikern aber auch nicht besonders leicht mache.

In Saudi-Arabien werden Menschen öffentlich ausgepeitscht oder mit dem Schwert enthauptet. Menschenrechtsorganisationen gehen von zwei Hinrichtungen pro Woche aus. Auf den Einreisekarten, die am Flughafen des Königreichs verteilt werden, steht in fetten Lettern: "Warnung – Todesstrafe für Drogenkuriere". Bis 1962 hielt man hier Sklaven, und Frauen werden bis heute behandelt wie Minderjährige. Sie haben kein Wahlrecht, dürfen weder arbeiten noch reisen oder einen Arzt aufsuchen ohne Genehmigung eines männlichen Familienmitglieds. Sie müssen sich per Gesetz mit langen, schwarzen Abayas verhüllen, und ein Vater kann seine zwölfjährige Tochter mit einem 80-Jährigen verheiraten. Und am vergangenen Sonntag, dem Valentinstag, rückte die Religionspolizei aus und beschlagnahmte alles, was die Farbe der Liebe hatte: Rosen, Pralinendosen in Herzform, selbst Geschenkpapier.

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Trotzdem gibt es in dem Land, das der weltgrößte Erdölproduzent ist, viele Leute, die mit Hingabe über Kunst und Kultur philosophieren – auch wenn im ganzen Land nicht ein einziges Theater oder Kino existiert. An widersprüchlichen und wunderlichen Details herrscht wahrhaft kein Mangel. Und doch tut sich Erstaunliches. Seit König Abdullah vor gut vier Jahren den Thron bestieg, herrscht Aufbruchstimmung im Land – "nichts Schnelles und Mutiges, aber die Richtung stimmt", formuliert es ein Diplomat. Und so sehen es auch die Menschen im Land. Das Königreich suche einen Weg in eine offenere Zukunft, versichern alle – auch wenn den einen das Tempo der inneren Modernisierung atemberaubend schnell, den anderen viel zu langsam vorkommt.

Zwei Drittel der 27 Millionen Saudis sind jünger als 30 Jahre. Zehntausende gehen mittlerweile zum Studium in die USA oder nach Europa, kehren voller Ideen heim und sind entschlossen, sich neue Spielräume zu erobern. Wie der Kreis von drei Dutzend junger Frauen und Männer, die sich jeden Mittwochabend im ersten Stock des Cafés Andalusia an der Prinz-Sultan-Straße treffen. Andalusien – das stand im islamischen Mittelalter für Kultur und Geist, Aufklärung und religiöse Vernunft, Poesie, Literatur.

Im Kreis stehen breite, dunkelblaue Sofas. An den Wänden Bücherregale und zeitgenössische Kunst. Die Atmosphäre erinnert an literarische Salons im kommunistischen Osteuropa, wo man unzensiert reden und seine Gedanken ausprobieren konnte. Hier heißen die Salons Diwaniyyas, und vor allem in Dschidda und Riyadh gibt es von ihnen immer mehr.

Das wöchentliche Thema im Andalusia wird per Facebook vereinbart, Moderator ist Abdullah Hamidaddin, der in Jordanien und Saudi-Arabien Linguistik und internationale Politik studiert hat. "Wir leben zerrissen zwischen zwei Welten, der traditionell-religiösen und der modernen, und ich weiß nicht, wie das enden soll", sagt er. Bei dem Abend über Erotik und Anziehung platzte der Clubraum in dem wohl prüdesten Staat der Welt aus allen Nähten. Zum Thema Gebet debattierten überzeugte Atheisten höflich mit jungen Frommen, die Angst vor der Hölle haben. Vergangene Woche ging es um den Oscar-gekrönten Hollywood-Film "Vergiss mein nicht": Eine Frau versucht nach der Scheidung, sich ihre Erinnerungen an die gemeinsame Zeit von einem Arzt aus dem Gedächtnis löschen zu lassen, um noch mal von vorne zu beginnen. Intensive zwei Stunden dreht sich die Diskussion um das Verhältnis von Erinnerung und Identität. "Ich bin hier, um mich persönlich weiterzuentwickeln", sagt am Ende ein 24-jähriger Ingenieur, der beim staatlichen Ölkonzern Aramco arbeitet. Er lebe gerne in Saudi-Arabien, "aber manchmal ist es richtig hart". Früher seien Dinge erlaubt oder verboten gewesen, jetzt sei oft unklar, ob man eine Grenze "schon überschreiten kann oder nicht".

König Abdullah, der 85-jährige Monarch, hat Bildung und Justiz ins Zentrum seiner Reformagenda gerückt – bislang die wichtigsten Themen der stramm konservativen religiösen Autoritäten. Über diese beiden Hebel, so sein Kalkül, lässt sich die Gesellschaft langfristig öffnen. Doch die Geistlichen sträuben sich, auch unter den 4000 Prinzen der Königsfamilie gibt es mächtige Blockierer.

Leser-Kommentare
  1. Nichts neues, ein System stirbt, ein neues kommt langsam oder schneller zu geltung, seit 7000 Jahren es ist gleich, und auch für die Zukunft werden immer alles neues, und neues, und neues, und neues...die Menschen treffen. Anders wäre so langweilig!!!!

  2. die so entrecht, gedemütigt und verfolgt werden, ginge ein Aufschrei um die Welt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich mir ihr Szenarion vorgestellt. Dabei empfand ich ein größeres Gefühhl von Ungerechtigkeit, als ich sie bei dieser Ungleichbehandlung gegenüber Frauen empfand.
    Woher kommt das?

    Vielleicht, weil die Ungleichbehandlung der Frau mit der Religion gerechtfertigt wird. In Religionsfragen denke ich, muss beachtet werden, dass die Menschen so erzogen wurden, und durch ihre Handlungen ein ewiges Leben erreichen wolllen.
    Bei Ungleichbehandlung gegen Schwarze fehlt mir durch die überhebliche, absichtlich manipulierte phrenologische "Untersuchungen" und die Idee der Ausrottung von Menschen, jedes Verständnis.

    Aber ich weiß es selber nicht genau.

    worin genau besteht denn jetzt ihr problem mit dem artikel?

    • nux
    • 24.05.2010 um 14:05 Uhr

    Nun in Saudi sind es nicht Schwarze die schlechter behandelt werden als Frauen, sondern die Hunderttausenden, wenn nicht gar Millionen, phillipinischen, bangladeschischen oder pakistanischen Abeiter und vor allem Maids die ins Land kommen.
    Ihnen wird nach der Einreise der Pass weggenommen und sie mssen dann für Hungerlöhne monatelang schhuften.
    Die Maids werden zu Hause von ihren Dienstherren geschlagen, gedemütigt und oft vergewaltigt.
    Und dass ist keine Übertreibung, dass kann man so in der saudischen Presse nachlesen.
    Wo ist also der Aufschrei der um die Welt geht?
    Denn diese Menschen werden so misshandelt, weil sie als minderwerig angesehen werden, und nicht weil sie Frauen sind.
    Die Wahrheit ist doch, dass es für die Industrieländer einfach unmöglich ist sich mit Saudi schlechtzustellen, da es über die größten Erdölreserven der Welt verfügt, und noch braucht jede Wirtschaftsnation Öl in rauhen Mengen.
    Deshalb ist es unwahrscheinlich, dass sich etwas an den katastrophalen Bedingungen für Frauen und nicht-westliche Ausländern auf westlichen Druck hin ändern wird. Denn diesen Druck möchte niemand ausüben.

    Ich mir ihr Szenarion vorgestellt. Dabei empfand ich ein größeres Gefühhl von Ungerechtigkeit, als ich sie bei dieser Ungleichbehandlung gegenüber Frauen empfand.
    Woher kommt das?

    Vielleicht, weil die Ungleichbehandlung der Frau mit der Religion gerechtfertigt wird. In Religionsfragen denke ich, muss beachtet werden, dass die Menschen so erzogen wurden, und durch ihre Handlungen ein ewiges Leben erreichen wolllen.
    Bei Ungleichbehandlung gegen Schwarze fehlt mir durch die überhebliche, absichtlich manipulierte phrenologische "Untersuchungen" und die Idee der Ausrottung von Menschen, jedes Verständnis.

    Aber ich weiß es selber nicht genau.

    worin genau besteht denn jetzt ihr problem mit dem artikel?

    • nux
    • 24.05.2010 um 14:05 Uhr

    Nun in Saudi sind es nicht Schwarze die schlechter behandelt werden als Frauen, sondern die Hunderttausenden, wenn nicht gar Millionen, phillipinischen, bangladeschischen oder pakistanischen Abeiter und vor allem Maids die ins Land kommen.
    Ihnen wird nach der Einreise der Pass weggenommen und sie mssen dann für Hungerlöhne monatelang schhuften.
    Die Maids werden zu Hause von ihren Dienstherren geschlagen, gedemütigt und oft vergewaltigt.
    Und dass ist keine Übertreibung, dass kann man so in der saudischen Presse nachlesen.
    Wo ist also der Aufschrei der um die Welt geht?
    Denn diese Menschen werden so misshandelt, weil sie als minderwerig angesehen werden, und nicht weil sie Frauen sind.
    Die Wahrheit ist doch, dass es für die Industrieländer einfach unmöglich ist sich mit Saudi schlechtzustellen, da es über die größten Erdölreserven der Welt verfügt, und noch braucht jede Wirtschaftsnation Öl in rauhen Mengen.
    Deshalb ist es unwahrscheinlich, dass sich etwas an den katastrophalen Bedingungen für Frauen und nicht-westliche Ausländern auf westlichen Druck hin ändern wird. Denn diesen Druck möchte niemand ausüben.

  3. Die Wahabiten bringen mit viel Geld Islamisierung und die Reislamisierung in der Islamischen Welt (Taliban) und der Nichtislamischen Welt (König Faqht Akademie, Bonn und Ulm) voran. Sie lassen sich von Amis und Briten hochrüsten und führen 2 Mal pro Woche eine Exekution durch und lassen die Muslimas nicht unbeaufsichtigt aus dem Haus.
    Das von Allah geschenkte Öl macht das alles möglich.
    So lange die Saudis Öl und damit Geld haben wird sich nichts gravierendes ändern, warum auch.
    Frankreichs Revolution gegen den Absolutismus kam ja auch erst als die Hungersnöte grassierten und der Staat bankrott war.
    Es ist gut wenn die Saudis so konservativ bleiben, noch eine islamistische Rvolution verträgt die islamische und die westliche Welt nicht.
    Es ist schon dekadent, wenn ein 85-jähriger Monarch plötzlich reformistische Anwandlungen haben soll.
    Wer will das!
    Wasserpfeife und Kut passt doch besser zu den Minaretten.

  4. Ich mir ihr Szenarion vorgestellt. Dabei empfand ich ein größeres Gefühhl von Ungerechtigkeit, als ich sie bei dieser Ungleichbehandlung gegenüber Frauen empfand.
    Woher kommt das?

    Vielleicht, weil die Ungleichbehandlung der Frau mit der Religion gerechtfertigt wird. In Religionsfragen denke ich, muss beachtet werden, dass die Menschen so erzogen wurden, und durch ihre Handlungen ein ewiges Leben erreichen wolllen.
    Bei Ungleichbehandlung gegen Schwarze fehlt mir durch die überhebliche, absichtlich manipulierte phrenologische "Untersuchungen" und die Idee der Ausrottung von Menschen, jedes Verständnis.

    Aber ich weiß es selber nicht genau.

  5. worin genau besteht denn jetzt ihr problem mit dem artikel?

  6. es gibt in der eu drei länder in denen männer länger arbeiten müssen als frauen, für die landesverteidigung und somit sterben , gewaltausübung gilt per strafandrohung in der eu nur für männer, im gesundheitswesen passiert für männer recht wenig, weniger geld, weniger vorsorge, im bereich justiz werden männer bei selben straftaten härter bestraft als frauen

    schon irre und hier ertreistet man sich über fehlende gleichberechtigung im arabischen raum sich aufzuregen - vor der eigenen haustür kehren, wäre da angesagt

    gestze müssten unabhängig vom geschlecht für alle gleich gelten, tun sie aber nicht und rechtsanwält(innen) und richter(innen) brauchen einen grundkurs im grundgesetz

    • FahadA
    • 21.02.2010 um 21:06 Uhr

    New Scientist berichtete vor ein paar Tagen, dass der Iran, einem Diskussionpapier von Science Metrix zufolge, das schnellste wissenschaftliche Wachstum aufweist, viermal schneller als der globale Durchschnitt.

    http://www.science-metrix...

    Die UAE und der Oman weisen ein vergleichbares Wachstum auf. Von den Staaten im Mittleren Osten wuchsen Saudi Arabien, Israel und Iraq langsamer, als der Durchschnitt. Kuwait, Bahrain und Ägypten stagnierten.

    Das alles hat natürlich nichts mit Menschenrechten zu tun oder dem dümmlichen Geschwätz der amerikanischen Außenministerin kürzlich, die den Diktatoren in Saudi Arabien Angst vor denen im Iran machen wollte.

    http://aliqapoo.wordpress...

  7. Der Iran hat durchaus verstanden, dass es gewisse Technologien braucht, um sich als Regionalmacht etablieren zu können. Und als Öl-Staat ist auch die nötige Finanzierung da um strategische Wissenschaften zu fördern.

    Mag sein, dass Iran ein Hochkulturland ist, aber ich persönlich traue der Führung in Iran kein Stück. Ich hoffe, dass ich unrecht habe, aber mein Tipp wäre, dass Iran den Rest der Welt (und mit Hilfe der Chinesen, die Interesse daran haben, dass Iran dem Westen ans Bein pinkelt) so lange hinhält, bis die Bombe einsatzbereit ist. Und Atomwaffen in Händen bekennender Islamisten ist keine sonderlich angenehme Vorstellung.

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