Türkei Etappensieg für die türkische Demokratie
Die Regierung in Ankara hat Machtbefugnisse des Militärs für Einsätze im Innern eingeschränkt. Ein wichtiger Schritt, dem weitere folgen sollten. Von G. Seufert
© dpa

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan
Nur Wenige in der Türkei hatten die Abkürzung Emasya je gehört, doch was dahinter stand, hat in den letzten 13 Jahren das Leben von großen Gruppen der Bevölkerung beeinflusst. Auf sechs Millionen wird die Zahl derer geschätzt, die aufgrund von Emasya auf schwarzen Listen landeten, auf denen "Vaterlandsverräter", "Separatisten", "religiöse Radikale" und "vom Ausland eingekaufte Personen" notiert worden sind. Fleißig gesammelt hat das Militär und anschließend Planspiele ausgeheckt, wie all diese gefährlichen Elemente wohl in den Griff zu kriegen sind.
Emasya stand für "Zusammenarbeit zum Zweck der Öffentlichen Ordnung" und war ein Protokoll, das es dem Militär erlaubt hat, in einzelnen Provinzen der Türkei die Macht zu übernehmen, ohne dass es dazu von der Landräten oder von Gouverneuren ermächtigt werden musste. Für diesen Fall wurden im Vorfeld über alles und jeden Informationen angehäuft. Besonders im mehrheitlich kurdisch besiedelten Südosten haben die Gouverneure der Regierung mit den Soldaten in dieser Sache perfekt kooperiert.
Seit Donnerstag ist damit Schluß. Auf Drängen der Regierung Recep Tayyip Erdogan setzte Mehmet Eröz, Kommandierender General für die Eingreiftruppe im Generalstab, seine Unterschrift unter eine Vereinbarung, die die Emasya-Regeln aufhebt. Jetzt fordern Menschenrechtler wie der Dozent und Journalist Ali Bayramoglu, dass alle die Listen vernichtet werden, auf denen Lehrer, Landräte und Polizisten, Journalisten, Künstler und Unternehmer nach politischer Orientierung, nach religiöser und ethnischer Herkunft sowie nach ihrem sozialen und wirtschaftlichen Umfeld registriert worden sind.
Die Aufhebung Emasyas ist ein wichtiger Schritt und doch nur ein Etappensieg in dem Bemühen der Regierung, die Generäle der Türkei an demokratische Regeln zu gewöhnen. Denn in dem Nato-Mitglied und EU-Kandidatenland Türkei kann von Kontrolle der Regierung über das Militär nur schwerlich die Rede sein. Die Generäle regeln alle Beförderungen unter sich, und der Staatspräsident und sein Premierminister begnügen sich damit, die Akten abzuzeichnen. Die Ausgaben des Militärs bleiben dem Rechnungshof verborgen. 2005 wurde ein neues Finanzkontrollgesetz für Behörden erlassen, doch als die Kontrolleure in die Kommandanturen kamen, waren die Türen zu. Auch über den tatsächlichen Haushalt des Militärs können Zivilisten nur Mutmaßungen anstellen. Denn neben dem normalen Haushalt fließen dem Militär aus vielen Quellen Mittel zu. Da ist der Fond zur Unterstützung der Verteidigungsindustrie, das ist die Stiftung zur Stärkung des Militärs, die an 15 Waffenfirmen Beteiligungen hält, und da sind extra Haushalte für die Gendarmerie und für die Küstenwache. Den Überblick über all das hat nur der Generalstab.
Doch allem Anschein nach sind manche Generäle mit diesem Stand der Dinge nicht zufrieden und möchten das Land ganz direkt regieren. Darauf deuten der bunte Reigen von Putschplänen hin, welche im letzten und in diesen Jahr bekannt geworden sind. Sie tragen so prägnante Namen wie "Handschuh", "Mondlicht", "Meerlicht", "Käfig" und ganz zuletzt "der Vorschlaghammer". Als Ausgangspunkte haben sie Wahlsiege der Regierung Erdogan, die Zypernpolitik dieser Regierung, die Wahl des jetzigen Staatspräsidenten und immer wieder auch die Angst vor der 'islamischen Gefahr'. Die Pläne werden seit geraumer Zeit der Presse zugespielt. Das deutet darauf hin, dass auch im Militär ein Umbruch vor sich geht.
Drei Staatsstreiche, 1960, 1971 und 1980, hat das türkischen Militär seit der Geburt der Republik im Jahre 1923 schon hinter sich gebracht, und 1997 hat es nur schwach bemäntelt die Regierung gestürzt. Die bisher letzte offene Putschdrohung sprach es erst vor zwei Jahren aus. Das ist der Grund, weshalb viele die Planspiele ernst nehmen. Und doch war es gerade diese Planerei, die jetzt zum Ende von Emasya führte.
Im Plan zum Staatsstreich mit dem Namen 'Vorschlaghammer', der erst vor ungefähr zwei Wochen bekannt geworden ist, soll Generaloberst Çetin Dogan die Vorteile gepriesen haben, die Emasya dem Militär einräumte. Das ist nicht sehr verwunderlich, hat Çetin Dogan doch vor 13 Jahren Emasya unterschrieben, nachdem die damalige Regierung vom Militär zum Rücktritt gezwungen worden war. Doch weil im "Vorschlaghammer" unschöne Dinge stehen, wie, dass wenn Krisen nicht groß genug sind, man selber welche produzieren sollte, erhob sich viel Empörung. Das Vertrauen ins Militär, das all die Jahre über mehr als 80 Prozent der Einwohner bekundet haben, stürzte auf 60 Prozent ab, und Erdogan ergriff die Chance der Stunde.
Die Oberhand ist damit lange nicht zurück gewonnen. Erst Ende Januar hat das Verfassungsgericht der Türkei ein Gesetz aufgehoben, welches die Kompetenz der Militärjustiz beschnitten hat. Nach dem Willen der Regierung Erdogan sollte für Straftaten von Militärs außerhalb ihres Dienstes, zukünftig die normale Justiz zuständig sein. Die Richter schoben dem einen Riegel vor und entzogen die Träger von Uniformen der zivilen Nachstellung. Soldaten sind damit auch weiterhin so gut wie nicht belangbar. Und auch wenn 'nur' noch 60 Prozent aller Türken dem Militär vertrauen, ist das doch alles andere als wenig.
- Datum 06.02.2010 - 15:42 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Türkische Generale waren nie demokratisch. Sie haben Demokratie nicht gelernt. was mann da liest, ist erschreckend.
Man kann sich ungefähr vorstellen, wie viel unschuldige anders denkende Menschen im Namen des Vaterlandes umgebracht worden.
EU muss den Rücken der Regierung Erdogan stärken.
Es ist reichlich naiv, Herrn Erdogan, der den antisemit. und v.a. radikal antidemokratischen iran. Präsidenten als seinen Freund bezeichnet, als Vorkämpfer für die Demokratie misszuverstehen. Die Schwächung des türk. Militärs ist für ihn kein Kampf für eine liberalere Gesellschaft, sondern sie ist Teil eines Kampfes für die Dominanz des radikalen Islamismus in allen Gesellschaftsbereichen - die Politik des Herrn Erdogan wird bei vielen (in der Türkei und im Ausland) noch zu einem sehr bösen Erwachen führen!
Man kann den Bock auch zum Gärtner machen.
Es gibt gute Gründe für die EU, sich von der Türkei ein gutes Stück fernzuhalten!
Es ist reichlich naiv, Herrn Erdogan, der den antisemit. und v.a. radikal antidemokratischen iran. Präsidenten als seinen Freund bezeichnet, als Vorkämpfer für die Demokratie misszuverstehen. Die Schwächung des türk. Militärs ist für ihn kein Kampf für eine liberalere Gesellschaft, sondern sie ist Teil eines Kampfes für die Dominanz des radikalen Islamismus in allen Gesellschaftsbereichen - die Politik des Herrn Erdogan wird bei vielen (in der Türkei und im Ausland) noch zu einem sehr bösen Erwachen führen!
Man kann den Bock auch zum Gärtner machen.
Es gibt gute Gründe für die EU, sich von der Türkei ein gutes Stück fernzuhalten!
Es ist reichlich naiv, Herrn Erdogan, der den antisemit. und v.a. radikal antidemokratischen iran. Präsidenten als seinen Freund bezeichnet, als Vorkämpfer für die Demokratie misszuverstehen. Die Schwächung des türk. Militärs ist für ihn kein Kampf für eine liberalere Gesellschaft, sondern sie ist Teil eines Kampfes für die Dominanz des radikalen Islamismus in allen Gesellschaftsbereichen - die Politik des Herrn Erdogan wird bei vielen (in der Türkei und im Ausland) noch zu einem sehr bösen Erwachen führen!
Natürlich schreibt es sich schön kritisch, wenn man in Istanbul (vorzugsweise in Etiler etc.) sitzt. Versuchen Sie mal Urfa oder Batman. Einen schönen guten Morgen.
Ihre Feststellungen sind richtig. Ihre Prognosen sind falsch. Erbakan, Ciller, Yilmaz, Ecevit, Gül und nun Erdogan, das waren die Regierungsschefs während der wenigen Jahre, die ich in der Türkei lebte. Erdogan muss erst einmal ein Loch in den Sand eines beliebigen Strandes bei Antalya pissen, bevor ein gebildeter Türke ihm glaubt. Insofern unterscheiden sich die türkischen Wähler durchaus von denen in Deutschland. Manchmal hängen die Türken ihre Premierminister sogar auf. Ein wenig rustikal, aber wirksam.
Hoffentlich machen die vielen gebildeten und kultivierten Türken, die immer wieder in großer Zahl vor dem Atatürk-Mausoleum für ihre Freiheit und gegen Erdogan demonstrieren, nicht die schmerzliche Erfahrung, die die gebildete iranische Ober- und Mittelschicht 1979 machte. Hoffentlich müssen deren Kinder dann nicht 30 Jahre später ihr Leben für die Freiheit riskieren, wie es die vielen todesmutigen jungen Iraner heute tun müssen...
Hoffentlich machen die vielen gebildeten und kultivierten Türken, die immer wieder in großer Zahl vor dem Atatürk-Mausoleum für ihre Freiheit und gegen Erdogan demonstrieren, nicht die schmerzliche Erfahrung, die die gebildete iranische Ober- und Mittelschicht 1979 machte. Hoffentlich müssen deren Kinder dann nicht 30 Jahre später ihr Leben für die Freiheit riskieren, wie es die vielen todesmutigen jungen Iraner heute tun müssen...
Man kann den Bock auch zum Gärtner machen.
Es gibt gute Gründe für die EU, sich von der Türkei ein gutes Stück fernzuhalten!
Also ich habe mal gelernt, dass es gerade das Militär ist, dass in der Türkei die Säkularisierung und zumindest partiellen demokratischen Strukturen aufrecht hält. Eine Entmachtung des Militärs durch den religiös-konservativen Erdogan, dessen Wahl vor einigen Jahren die Angst in Europa vor einer schleichenden Re-Islamisierung des Landes befeuerte, scheint mir da eher ein Rückschritt als der Weg zu mehr Demokratie. Die europäische Spitzenpolitik hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht ohne Grund lieber ans Militär als an türkische Politiker gehalten. Man beachte da bitte auch die Reden Erdogans der vergangenen Jahre, in denen er gern und oft nationalistische, religiöse und rechtskonservative Instinkte ansprach. Herr Seufert, wie kommen Sie da zu dieser eigenartigen Einschätzung?
Hoffentlich machen die vielen gebildeten und kultivierten Türken, die immer wieder in großer Zahl vor dem Atatürk-Mausoleum für ihre Freiheit und gegen Erdogan demonstrieren, nicht die schmerzliche Erfahrung, die die gebildete iranische Ober- und Mittelschicht 1979 machte. Hoffentlich müssen deren Kinder dann nicht 30 Jahre später ihr Leben für die Freiheit riskieren, wie es die vielen todesmutigen jungen Iraner heute tun müssen...
Die türkischen Generäle und ihre Soldaten. Kämpfer für den Laizismus, auch gerne menschenverachtend mit undemokratischen Mitteln, immer besorgt um ihre Pfründe und jederzeit bereit eine demokratisch gewählte Regierung wegzuputschen, gerne auch mehrfach. Zum Schutz der Republik und des Halbgottes Atatürk, niemals aus Eigeninteresse, siehe "Tiefer Staat".
Nun ja, wenn ich mir so ansehe, wer z. Zt. Atatürks in Deutschland, Italien, Österreich, Ungarn etc. etc. so an der Macht war, dann hätte ich damals durchaus gerne mit den Türken getauscht!
Und die Frommen sorgen sich auch gerne um ihre Pfründe, das ist bei den unsrigen genauso wie in der islamischen Welt...
Nun ja, wenn ich mir so ansehe, wer z. Zt. Atatürks in Deutschland, Italien, Österreich, Ungarn etc. etc. so an der Macht war, dann hätte ich damals durchaus gerne mit den Türken getauscht!
Und die Frommen sorgen sich auch gerne um ihre Pfründe, das ist bei den unsrigen genauso wie in der islamischen Welt...
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