Stichwahl in der Ukraine Das verlorene Farbenspiel von Kiew

"Man darf Menschen nicht so enttäuschen", sagt eine Wählerin vor der Präsidenten-Stichwahl in der Ukraine. Doch genau das ist geschehen.

Anhänger des Präsidentschaftskandidaten Viktor Janukowitsch schwenken Fahnen

Anhänger des Präsidentschaftskandidaten Viktor Janukowitsch schwenken Fahnen

Es ist ein eisiger Tag in Kiew, der Wind treibt Schneeböen über den Maidan Nesaleschnosti, den Platz der Unabhängigkeit. Zum dritten Mal an diesem Tag muss Marina Nikolajewna ihr Sortiment mit Plastikplanen abdecken, die Folklorehemden, Fußballschals und Fleecepullover. Vor fünf Jahren ist die kleine, stille Frau in die Hauptstadt gezogen, es war eine Zeit, in der Neuanfänge möglich schienen, selbst für eine 53-Jährige aus der Provinz. Es war die Zeit, als Zehntausende von Ukrainern auf dem Maidan Nesaleschnosti für einen politischen Neuanfang demonstrierten, weshalb das Oberste Verwaltungsgericht die Präsidentschaftswahl wegen Fälschungen annullierte und Neuwahlen anordnete, die der Oppositionskandidat Viktor Juschtschenko gewann.

Die Marktverkäuferin Marina Nikolajewna kam in die Hauptstadt, um auf dem Maidan Nesaleschnosti Souvenirs der Orangen Revolution zu verkaufen: Schals, T-Shirts mit dem Protestslogan "Tak!", Bilder der Revolutionshelden Viktor Juschtschenko und Julia Timoschenko. Das Geschäft lief gut. Kaum ein Tourist verließ Kiew ohne Devotionalien, auch die Einheimischen schmückten ihre Wohnungen gerne mit Erinnerungen an die Zeit, die ihnen zum ersten Mal das Gefühl gegeben hatte, das Schicksal ihres Landes selbst gestalten zu können.

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Marina Nikolajewna zurrt die Plastikplane fest, und als sie spricht, liegt unterdrückter Ärger in ihrer Stimme: "Man darf Menschen nicht so enttäuschen." Unter der Plastikplane liegt heute kein einziges Revolutionssouvenir mehr. Marina Nikolajewna hat ihr Sortiment der politischen Konjunktur angepasst. Die Kiewer, sagt sie, wollen schon seit Jahren kein Orange mehr sehen. Und selbst die Touristen haben irgendwann aufgehört, nach Juschtschenko-T-Shirts zu fragen.

Heute sind die knapp 50 Millionen Einwohner der Ukraine aufgerufen, einen neuen Präsidenten zu wählen. Viktor Juschtschenko, der einstige Revolutionsheld, scheiterte bereits in der ersten Wahlrunde mit kläglichen fünf Prozent, er wurde abgestraft, weil er, wie es Marina Nikolajewna formuliert, "unsere Hoffnungen missbraucht hat". Sein Dauerstreit mit der einstigen Verbündeten Julia Timoschenko, der das Land seit Jahren praktisch lahmlegt, sein gegen alle politischen Realitäten durchgesetztes Sticheln gegen den mächtigen Nachbarn Russland, sein Lavieren bei der Bewältigung der Finanzkrise, Juschtschenkos ganze glücklose Amtsführung hat vielen Ukrainern das Gefühl gegeben, während der Revolution einem Bauernfänger aufgesessen zu sein.

Und so liegt nicht erst seit heute eine Atmosphäre tiefer Enttäuschung über jenem Platz, der vor fünf Jahren in den Augen der Welt zum ukrainischen Schicksalsort wurde. Kaum jemand findet noch positive Worte für die Revolution, kaum jemand will die heutige Wahl als Fortsetzung des damaligen demokratischen Aufbruchs sehen. Die Menschen kämpfen sich durch die Schneemassen, die über Nacht die Bürgersteige zugedeckt haben und das neoklassizistische Oval des Platzes in majestätisches Weiß tauchen.

"Ich hasse diesen Anblick", sagt Ruslan Denisowitsch. Der 35-Jährige sitzt in einem Café am Rande des Platzes vor seinem eiligen Business-Lunch, Koteletts und Krautsuppe für rund fünf Euro. In einem Büro in der Nähe hat der hagere Mann mit den nervösen Augen ein Logistik-Unternehmen, 20 Mitarbeiter, für Firmen in der ganzen Ukraine organisiert er den Transport von Gütern. Auch Denisowitsch hat vor fünf Jahren auf dem Platz gestanden, seinen Angestellten gab er damals frei, wochenlang stellte die Firma die Arbeit ein, weil ihr Chef den Eindruck hatte, "dass das Schicksal des Landes wichtiger ist als der Transport von Tiefkühlpizza".

Es schien ihm damals, erinnert sich Denisowitsch, als sei die Zeit gekommen, Schluss zu machen mit der allgegenwärtigen Korruption und Gängelei durch staatliche Stellen, unter der sein Geschäft so gelitten hatte. All das verband sich in seinen Augen mit dem Wahlbetrüger Viktor Janukowitsch, der für die Wirtschaftsinteressen der Ostukraine stand, für jene mafiöse Oligarchie, deren Günstlingswirtschaft Denisowitsch mehr als einen Auftrag gekostet hatte. 

Leser-Kommentare
  1. quote/
    Die Menschen kämpfen sich durch die Schneemassen, die über Nacht die Bürgersteige zugedeckt haben und das neoklassizistische Oval des Platzes in majestätisches Weiß tauchen.
    /unquote

    Wo liegt hier Schnee? Ich lebe in Kiew und sehe keinen Schnee, kein Flöckchen.

    Zu dem politischen Teil des Artikels:
    Daß Janokowitsch keine geistige Leuchte ist wissen sogar seine Anhänger. Und daß er als Politiker ziemlich ungeeignet ist, davon hat sich nicht bloß die ukrainische Öffentlichkeit oft genug überzeugen können.

    Die Julia Timoschenko hat, genau wie Janukowitsch auch, einige finanzkräftige Kaliber auf ihrer Seite. Durch ihre von vielen als Stärke ausgelegte Hartnäckigkeit, die oftmals nur Verbohrtheit ist, hat sie sich bei vielen Bürgern des Landes für einen Präsidentinnenposten disqualifiziert.

    Letztendlich ist der Wahlkampf hier in der Ukraine kein politischer, sondern ein wirtschaftlicher. Leider nicht volkswirtschaftlich gesehen, bloß für einige big player in diesem großen Land.

    Und noch zu den OSZE-Beobachtern: Also mit dieser Mähr sollten die Medien endlich aufhören. Fragen Sie mal UkrainerInnen, die solchen Beobachtern zur Seite gestellt wurden, wie ernst die ihre Aufgabe nehmen. Schade um das viele Geld, das diese Aktionen kosten.

    Viele Grüße aus dem herbstlichen, aber nicht winterlichen Kiew

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