Eine grundlegende Herausforderung von Global Governance ist das Spannungsverhältnis zwischen sich ausbreitenden weltweiten Normen und dem Prinzip staatlicher Souveränität, dessen Wurzeln auf den Westfälischen Frieden von 1648 zurückgehen. Angesichts dieses scheinbaren Zielkonflikts stellt sich die Frage, in welchem Ausmaß internationale Organisationen – oder wer immer die internationale Gemeinschaft repräsentiert – in der Lage und willens sind, in souveräne Bereiche von Nationalstaaten einzugreifen, um universell akzeptierte Prinzipien durchzusetzen. Der offensichtlichste Fall in dieser Hinsicht ist die Rolle des UN-Sicherheitsrats als dem Organ mit der Hauptverantwortung für internationalen Frieden und Sicherheit und insbesondere die Responsibility to Protect-Doktrin, inzwischen weithin mit R2P abgekürzt.

Responsibility to Protect, die Verantwortung zu schützen, spiegelt einen politischen Diskurs wider, der sich unter dem Eindruck einer Reihe humanitärer Tragödien, vor allem in Afrika, aber auch auf dem Balkan in den 1990er Jahren, entwickelt hat. In Reaktion auf die Haltung einiger Regierungen, Souveränität als ein unantastbares Privileg zu behandeln, das es Machthabern erlaubt, die schlimmsten Gräueltaten zu begehen, ohne von einer höheren Macht zur Verantwortung gezogen zu werden, betonte dieses Denken das Konzept der Souveränität als Verantwortung – der Verantwortung eines Staates für die Sicherheit und das Wohlergehen seiner Bürger.

Der 2001 von einer von der kanadischen Regierung eingesetzten internationalen Kommission veröffentlichte R2P-Report wurde zunächst durch eine kontroverse Debatte im Zuge der Ereignisse des 11. September 2001 belastet. Schlimmer noch, die anglo-amerikanische Invasion des Irak 2003 wurde von einigen Kommentatoren in irreführender Weise als Ausübung der R2P dargestellt, was die neue Doktrin in den Augen vieler Entwicklungsländer diskreditierte.

Dennoch erwies sich der Report im Laufe der Zeit bei der Neuformulierung von dem, was zuvor humanitäre Intervention genannt worden war, insofern als erfolgreich, da er es vielen Entwicklungsländern leichter machte, die neue Begrifflichkeit zu akzeptieren. Seine wesentlichen Gedanken wurden schließlich im Schlussdokument des UN-Gipfels vom September 2005 angenommen. In Paragraf 138 akzeptierten die Staaten der Welt, dass jeder einzelne von ihnen "die Verantwortung für den Schutz seiner Bevölkerung" hat – vor Genozid, Kriegsverbrechen, ethnischer Säuberung und Verbrechen gegen die Menschlichkeit – und versprachen entsprechend zu handeln. In Paragraf 139 erklärten sie sich "bereit, im Einzelfall und in Zusammenarbeit mit den zuständigen Regionalorganisationen rechtzeitig und entschieden kollektive Maßnahmen über den Sicherheitsrat (…) zu ergreifen, falls friedliche Mittel sich als unzureichend erweisen und die nationalen Behörden offenkundig dabei versagen, ihre Bevölkerung [vor den vier genannten Verbrechen] zu schützen."

Sie verpflichteten sich auch, "den Staaten beim Aufbau von Kapazitäten zum Schutz ihrer Bevölkerung" behilflich zu sein, "und besonders belasteten Staaten beizustehen, bevor Krisen und Konflikte ausbrechen." Unter derselben Überschrift erklärten sie in Paragraf 140 ihre Unterstützung des Sonderberaters des UN-Generalsekretärs für die Verhütung von Völkermord – eine Position, die im Vorjahr anlässlich des zehnten Jahrestags des Völkermords in Ruanda eingerichtet worden war.

Trotz dieses bemerkenswerten Erfolgs wurde der Wert der Doktrin von zwei gegensätzlichen Standpunkten aus infrage gestellt. Auf der einen Seite behaupten viele Fürsprecher eines stärkeren humanitären Schutzes, dass die Worte des Schlussdokuments genau dies blieben – Worte eben – und dass der Sicherheitsrat in der Praxis nicht willens war, die vorgeschriebenen "kollektiven Maßnahmen" zu ergreifen, insbesondere nicht im Fall von Darfur. Auf der anderen Seite scheinen Repräsentanten einiger Staaten, die das Schlussdokument akzeptiert haben, unter einer Art Katzenjammer zu leiden und bestrebt zu sein, die Gültigkeit einiger einschlägiger Paragrafen zu bestreiten oder ihre Bedeutung zu verwässern.

Zusätzlich zu diesen direkten Angriffen gibt es die schleichende Gefahr, mit der Doktrin Maßnahmen zu decken, auf die sie offenkundig nicht anwendbar ist. Der frühere britische Premierminister Tony Blair hat dies nachträglich für die Invasion im Irak versucht, während Russland im August 2008 behauptete, seine Invasion in Georgien solle einen Genozid in Südossetien und Abchasien verhindern. Diese Einlassungen verdrehen nicht nur Wirkungen und nahezu sicher die Motive der infrage stehenden Aktionen, sie ignorieren auch munter die Bestimmung des Schlussdokuments, dass kollektive Maßnahmen durch den Sicherheitsrat ergriffen werden.

Es ist jedoch verfrüht, R2P als Fehlschlag abzuschreiben. Es braucht Zeit, damit sich eine neue Norm im tatsächlichen Verhalten der Menschen verankern kann. Ein angemessener Test könnte sein, über mehrere Jahrzehnte zu beobachten, ob die vier vom Schlussdokument abgedeckten Verbrechen weniger häufig auftreten und ob Aktionen, sie zu verhindern – von einzelnen Staaten und von der internationalen Gemeinschaft – zunehmen. Vielfach wurde argumentiert, dass die Vermittlung von Kofi Annan 2008 in Kenia ein erfolgreiches Beispiel der internationalen Gemeinschaft war, einen Genozid und ethnische Säuberungen "rechtzeitig und entschieden" zu verhindern, bevor ein Punkt erreicht wurde, an dem militärische Gewalt nötig gewesen wäre.