Baltikum Wo der Weltkrieg 1994 zu Ende ging

Die baltischen Staaten feiern ihre Loslösung von der Sowjetunion vor 20 Jahren. Noch immer ist das Verhältnis zu Moskau angespannt.

An jedem 13. Januar wird in der litauischen Hauptstadt Vilnius an den Blutsonntag im Jahr 1991 erinnert

An jedem 13. Januar wird in der litauischen Hauptstadt Vilnius an den Blutsonntag im Jahr 1991 erinnert

Dmitrij Medwedjew kommt nicht. Der russische Präsident will die Unabhängigkeit der baltischen Staaten von der Sowjetunion nicht feiern, die sich am 11. März zum 20. Mal jährt. Das ist nicht ungewöhnlich. Ein ungewöhnlich gutes Zeichen für die russisch-baltischen Beziehungen ist vielmehr, dass Medwedjew seiner litauischen Kollegin Dalia Grybauskaite immerhin höflich absagte, Glückwünsche ausrichten ließ und sogar seinen Verkehrsminister Igor Levitin nach Vilnius schickt.

Valdis Zatlers kommt. Der lettische Präsident feiert erst in Vilnius die Singende Revolution der Balten – und am 9. Mai in Moskau das Ende des Zweiten Weltkriegs. Ersteres versteht sich von selbst, letzteres stößt den Nachbarn in Estland und Litauen sowie vielen Letten sauer auf: Mit Kriegsende begann die Zeit der Zugehörigkeit zur Sowjetunion – aus Sicht der meisten Balten ein Martyrium, schlimmer als der Krieg.

Auch vor fünf Jahren, zum 60. Jahrestag des Kriegsendes, war ein lettisches Staatsoberhaupt zu den Feiern nach Moskau gefahren. Die damalige Präsidentin Vaira Vike-Freiberga nutzte allerdings die Aufmerksamkeit, um in Reden und Interviews zu betonen, dass für die Balten der Krieg erst 1994 zu Ende war, als der letzte russische Soldat das Baltikum verließ. Für den Kreml ein Affront: Der Große Vaterländische Krieg ist den Russen heilig – samt der angeblichen Leistungen Josef Stalins, wie die Debatte um Plakate mit dem Konterfei des Diktators in Moskau zeigt.

Im Baltikum dagegen leben in vielen Familien noch Großeltern, Onkel und Tanten, die in den vierziger und fünfzier Jahren wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit enteignet und deportiert wurden und erst Jahre später zurückkehren durften. Im Gegenzug wurden Russen angesiedelt. Wenn im Baltikum jemand von Genozid spricht, meint er meist diese "ethnische Säuberung", nicht den Holocaust. Der Massenmord an den Juden war im Baltikum so effektiv, dass kaum jemand übrig ist, der diesen Aspekt in Erinnerung ruft.

Deshalb also feiern die Balten lieber ihre mühsam erstrittene Unabhängigkeit als das Ende des Zweiten Weltkrieges. Litauen erklärte sich am 11. März 1990 als erste Sowjetrepublik für souverän, Letten und Esten folgten am 4. und 8. Mai. Die Moskauer Führung unter Michail Gorbatschow reagierte mit Gewalt, verhängte zunächst ein Wirtschaftsembargo und schickte dann Panzer.

Am Blutsonntag von Vilnius, dem 13. Januar 1991, starben 14 Menschen, Hunderte wurden verletzt in der friedlichen Menge, die Parlament und Fernsehturm gegen die sowjetischen Truppen verteidigte. Als erstes Land erkannte Island danach Litauens Unabhängigkeit an; bei der Feier zum 20. Jahrestag sind Vertreter Reykjaviks jetzt als Ehrengäste eingeladen. Erst nach dem gescheiterten Putsch in Moskau vom August 1991 zogen die anderen westlichen Staaten nach.

Die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaite hatte einen möglichen Besuch der Moskauer Feiern des Kriegsendes mit dem Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung verknüpft: "Warten wir es mal ab", sagte sie, "wenn Medwedjew oder Putin nach Vilnius kommen, fahre ich anschließend auch nach Moskau." Der Moskauer Verkehrsminister wird sie wohl nicht zur Teilnahme bewegen können.

Dass Zatlers das anders sieht, dürfte auf eine gezielte Strategie der Russen zurückgehen. Premier Wladimir Putin hatte den lettischen Präsidenten am Rande einer Ostseekonferenz in Helsinki eingeladen – als einzigen aus der Reihe der baltischen Regierenden: Allzu große Einigkeit zwischen den drei ehemaligen Teilstaaten der Sowjetunion liegt nicht im strategischen Interesse Moskaus.

Zatlers begründet seine Teilnahme an den Feiern denn auch mit der Hoffnung auf ein besseres Verhältnis zu Russland. Seine Sprecherin erklärte, "wir haben unsere Sicht der Geschichte und der sowjetischen Okkupation nicht geändert, aber es ist auch wichtig zu zeigen, dass Lettland ein reifes Mitglied von EU und Nato ist". Dafür müsse man auf "antirussische Rhetorik" verzichten.

Estlands Präsident Toomas Henrik Ilves soll zwar angedeutet haben, dass er eine Einladung aus Moskau annehmen würde. Doch seit Tallinn vor drei Jahren ein russisches Kriegerdenkmal aus seiner Innenstadt entfernte, ist das Verhältnis zu Moskau frostig.

Der Jubel über die Unabhängigkeit ist an diesem Jahrestag ohnehin gedämpft: Die Wirtschaftskrise hat das Baltikum schwer getroffen. Litauens Ministerpräsident Andrius Kubilius erinnerte seine Landsleute jetzt daran, dass es vor 20 Jahren noch viel schlimmer aussah: Damals ließen erst die Blockade, dann der Zusammenbruch der sowjetischen Strukturen das ohnehin schwache Sozialprodukt um die Hälfte schwinden – 2009 fiel die Wirtschaftsleistung "nur" um 18 Prozent.

Doch die baltischen Staaten haben seither einen Wirtschaftsboom erlebt und spüren die jetzige Krise viel härter als die Not der Umbruchzeit, die von der Freude über die Unabhängigkeit überdeckt wurde. Das könnte Populisten Wähler in die Arme treiben – es wäre nicht das erste Mal; die jungen Demokratien sind anfällig dafür. Aber vielleicht haben die Balten in den neunziger Jahren auch gelernt, bei enger geschnallten Gürteln die Zähne aufeinanderzubeißen: Als die Regierungen in Vilnius, Riga und Tallinn ähnlich harte Sparschritte verordneten wie jene, die in Griechenland jetzt zu Generalstreiks führen, blieb es bei vereinzelten Protesten.

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Leser-Kommentare
    • kyaro
    • 10.03.2010 um 19:12 Uhr

    Zur Bildunterschrift:
    Vilnius ist die Hauptstadt Litauens. Die lettische Hauptstadt ist Riga.

  1. "(...) in der lettischen Hauptstadt Vilnius ..."??? Wenn man Lettland von Litauen nicht unterscheiden kann, wie kann man sich dann vornehmen, überhaupt über dieses Thema zu schreiben!
    Übrigens, die "Baltischen Staaten" bestehen nur aus Litauen und Lettland. Da Estland keinen baltisch-kulturellen Hintergrund hat.

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    • leer1
    • 10.03.2010 um 19:34 Uhr

    wurscht. hauptsache der russe steht schlech da.

    • leer1
    • 10.03.2010 um 19:34 Uhr

    wurscht. hauptsache der russe steht schlech da.

    • leer1
    • 10.03.2010 um 19:34 Uhr

    wurscht. hauptsache der russe steht schlech da.

  2. Der Zeit hatte ich ein wenig mehr zugetraut. Vilnius ist die Hauptstadt Litauens und nicht Lettlands.

    Dennoch bedanke ich mich für diesen Artikel. Leider findet sich sehr wenig über den Unabhängikeitskampf dieser 3 Länder (insbesondere der Litauens). Diese Länder standen einer ungleich schwierigeren Situation gegenüber als es die DDR hatte. Diese Länder hatten nicht die reiche BRD und auch keinen Soli. Erschwert wurde dies des weiteren mit der unmittelbaren Nähe zu Russland. Und auch heute hören die russischen Provoakationen (Verletzung des litauischen Luftraums durch Kampfjets). Demokratie und Freiheit gingen hier vom Volke aus. Dies muss man so festhalten.

  3. Also, man kann es ja nicht oft genug betonen: Vilnius (Wilna, Vilne, Vilno) ist die Hauptstadt LITAUENS! Das ist wirklich nicht zu viel verlangt für einen Zeitredakteur.
    Ansonsten an den Kommentar von leer1: "Der Russe" steht nicht schlecht da, nur weil der Artikel sich mit einem Teil der russisch/sowjetischen Geschichte befasst und die vom allseits verehrten Herrn Gorbatschow zu verantwortenden Toten vom 13. Januar erwähnt...

  4. 6. keine

    Wenn Sie schon dabei sind, dann sollten Sie auch erwähnen das die Balten im 2 WK nicht nur mit den Nazis gemeinsame Sache machten sondern auch halfen den Nazis beim Mord an Juden. Jetzt haben ach so Demokratische Balten SS Gedenktage und Aufmärsche.

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    Sie haben natürlich Recht - die Balten marschierten ganz vorne beim Vorstoss der Nazis gegen Osten mit. Dies hindert aber keines dieser Länder ihre Geschichte erst ab 1946 zu begreifen. Vorher war ja der Urknall, ergo, nichts!

    Sie haben natürlich Recht - die Balten marschierten ganz vorne beim Vorstoss der Nazis gegen Osten mit. Dies hindert aber keines dieser Länder ihre Geschichte erst ab 1946 zu begreifen. Vorher war ja der Urknall, ergo, nichts!

  5. Ich finde den Artikel recht gelungen, er gibt die Situation gut wieder und ist auch in keiner Weise versucht "den Russen schlecht dastehen zu lassen".

    Was einen Kommentar weiter oben angeht, so muss ich doch entschieden widersprechen:
    Zu schreiben, dass Estland keinen baltischen-kulturellen hintergrund habe ist nun wirklich Unsinn. Estland hat keine baltische Sprache, dies ist korrekt, aber die Geschichte von Estland und Lettland haben viele Gemeinsamkeiten, etwa die Vorherrschaft der Deutschbalten, die es in Litauen nie gab.

  6. Zu Kommentar Nr. 6:
    Das Thema Holocaust und die Hilfe Einheimischer in von Nazis besetzten Ländern ist ja auch interessant und wenig bekannt aber darum geht es halt nicht in dem Artikel. Die nationalistischen, antisemitischen und homophoben Tendenzen in neuen EU-Mitgliedsländern sind ernstzunehmende Gefahren. Das ist leider nicht nur ein spezifisches Phänomen des Baltikums.

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    Viel von dem "Freiheitsdrang" der Balten gründet auf der Verachtung der slawischen Völker. Es ist allerdings auch eine anspruchsvolle situation, so auf der Siedlungsgrenze. Da hatten wir immerhin 40 Jahre einen Zaun. Germanen links, Slawen rechts. Die Unfähigkeit eine prosperierende Gesellschaft aufzubauen wird dann gerne den "russischen" Elementen im Lande angehängt. "Alles Schlechte kommt ja bekanntlich aus Russland". Heute sieht es sicher besser aus. Eine Opferrolle sollte man den Balten aber nicht zugestehen. Die sollen sich zusammenreissen.

    Viel von dem "Freiheitsdrang" der Balten gründet auf der Verachtung der slawischen Völker. Es ist allerdings auch eine anspruchsvolle situation, so auf der Siedlungsgrenze. Da hatten wir immerhin 40 Jahre einen Zaun. Germanen links, Slawen rechts. Die Unfähigkeit eine prosperierende Gesellschaft aufzubauen wird dann gerne den "russischen" Elementen im Lande angehängt. "Alles Schlechte kommt ja bekanntlich aus Russland". Heute sieht es sicher besser aus. Eine Opferrolle sollte man den Balten aber nicht zugestehen. Die sollen sich zusammenreissen.

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