Zuwanderer willkommen zu heißen gehört zum australischen Selbstverständnis. Damit die Wirtschaft weiter wachsen kann, nimmt das  nahezu menschenleere Land vor allem junge, gut ausgebildete Immigranten auf. Man will damit auch demographischen Fehlentwicklungen wie in Europa frühzeitig entgegensteuern. Der jüngste Zufluss ist beträchtlich: Allein zwischen 2006 und 2009 erhöhte sich Australiens Einwohnerzahl um jährlich knapp 500.000 auf inzwischen mehr als 22 Millionen.

Doch beim Versuch, die Menschenströme zu kanalisieren, verliert sich zuweilen jeglicher menschliche Anstand. Als Türsteher für neue Staatsbürger und Lebensabschnitts-Migranten fungiert das australische Department of Immigration, dessen Rolle amnesty international scharf angreift. Insbesondere im Umgang mit Bootsflüchtlingen auf dem Indischen Ozean und deren Verwahrung in Auffanglagern wirft amnesty dem australischen Department Verstöße gegen die Menschenrechten vor.

Was kürzlich aber zwei Einwanderern aus dem Unruheland Sri Lanka widerfuhr, weckt den Anschein einer rigorosen Auslese nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip. Die Zuwanderungskontrolleure schoben einen 69-Jährigen ab, der seit 1996 in Australien lebte. Die Affäre gilt als neuer Höhepunkt an Pietätlosigkeit. Edward Joseph pflegt seine heute 92-jährige Mutter Irene seit 14 Jahren. Weil sie ohne ihren Sohn nicht in Australien bleiben wollte, verließ auch sie das Land. Mit großer Verbitterung und in einem Rollstuhl sitzend - raue Sitten im Umgang mit einer bald Hundertjährigen.

Laut einer Stellungnahme des zuständigen Ministers Chris Evans war die Vorgehensweise der Beamten juristisch einwandfrei. Das Gesetz verleiht Bürokraten große Auslegungsmöglichkeiten, gilt das australische Einwanderungssystem doch als "eines der kompliziertesten, undurchschaubarsten der Welt", wie es ein Fachanwalt aus Sydney auf seiner Internetseite beschreibt. "Bewerber fühlen sich oft verwirrt und unsicher".

Wer erst einmal in die Mühlen der britisch geprägten, ebenso peniblen wie unverzeihlichen Bürokratie geraten ist, endet nicht selten als quasi Rechte- und Staatenloser. So versagte das Department Edward Joseph in den letzten Jahren jegliche Arbeitsaufnahme und medizinische Versorgung. Die Kirchen halfen, gewährten Mutter und Sohn Unterschlupf. Erst kürzlich erhielt Irene Joseph einen australischen Pass, obwohl sie - mit Unterbrechung - schon seit 1979 auf dem Inselkontinent lebt. Die Freude war von kurzer Dauer, denn die 92-Jährige und ihr Anwalt konnten die Abschiebung des Sohnes nicht mehr verhindern.

Hunderte Opfer "grausamer Technokratie", sagt Frances Milne vom kirchlichen Hilfsverein "Balmain for Refugees", gebe es derzeit in Australien. Politisch Verfolgte, Vertriebene, Junge, Alte, Kranke. Die meisten warteten vergeblich auf ein Gnadengesuch des Ministers. Nach dem Gesetz kommt Chris Evans eine Rolle zu, die in anderen Demokratien nur hohe Gerichte einnehmen. Der Sozialdemokrat aus dem westaustralischen Freemantle sagt, er wolle "nicht Gott spielen" - und richtet mit dieser Haltung dennoch über Wohl und Wehe, über Aufenthaltsrecht und Abschiebung.

Im Oktober verfügte Evans' Behörde, einen schwerstkranken Visumsbewerber nach London auszufliegen Zwei Tage nach dem  kräftezehrenden, fast 22-stündigen Flug verstarb er. Kaum besser ergeht es Asylsuchenden: Bill Zhang, Aktivist der Studentenproteste von 1989 am Platz des Himmlischen Friedens in Peking , musste Australien Anfang 2008 verlassen. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits acht Jahre in Sydney lebte und Foltermethoden der chinesischen Polizei auch in Canberra bestens bekannt sind. Nach der erzwungenen Rückkehr in sein Heimatland wurde Zhang wiederholt gefoltert. Dann nahm er sich das Leben.

Milne nennt Evans' Verhalten "unverantwortlich", da sich seine Amtsführung darauf beschränke, Beamte nach Gutdünken walten zu lassen. Als der Laborpolitiker 2007 das Ministerium von seinem liberalkonservativen Vorgänger übernahm, hatten Bürgerrechtler gehofft, der Minister könnte gewissenlos handelnden Bürokraten Einhalt gebieten.