Deutschland sieht sich in der Debatte um einen Notfallplan für das finanziell angeschlagene Griechenland zunehmend isoliert: Zwei Tage vor dem EU-Gipfel forderten die EU-Kommission sowie mehrere Außenminister die Bundesregierung auf, ihren Widerstand gegen schnelle Finanzhilfen aufzugeben. Bundeskanzlerin Merkel (CDU) blieb jedoch vorerst bei ihrem Nein und regte stattdessen erneut an, künftig schärfere Sanktionen gegen undisziplinierte Euro-Mitglieder zu ergreifen – im Extremfall auch den Ausschluss aus dem Bündnis.

EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso zeigte sich trotz Merkels Veto zuversichtlich, doch noch die Unterstützung Deutschlands für ein Hilfspaket zu gewinnen. Er wisse, dass sich die Bundeskanzlerin Europa verpflichtet fühle, sagte Barroso der Financial Times Deutschland. "Ich habe keine Zweifel, dass sie – falls nötig – sich für eine Bereitstellung von Finanzhilfen an Griechenland entscheiden wird." Ohne Solidarität könne es keine Stabilität geben und ohne Stabilität keine Solidarität.

Auch Frankreich und Italien hatten sich für ein schnelles Eingreifen ausgesprochen: "Wir unterstützen hundertprozentig EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso in dieser Frage", sagte der italienische Außenminister Franco Frattini schon am Montag. "Wir müssen Griechenland unterstützen", bekräftigte Frankreichs Ressortchef Bernard Kouchner. Vor allem die 16 Staaten der Euro-Zone müssten "sich Gedanken machen und vielleicht originelle Ideen entwickeln, die noch vor dem Gipfel zu etwas führen".

Auch Österreichs Finanzminister Josef Pröll forderte nun Solidarität mit Griechenland und warnte vor einem Dominoeffekt in der Euro-Zone. "Es geht nicht um Griechenland, es geht um den Euro. Das ist der wesentliche Punkt und deshalb bin ich immer für Garantiemöglichkeiten eingetreten", sagte Pröll den Salzburger Nachrichten. Er warnte davor, Griechenland Pleite gehen zu lassen. Dies würde das Vertrauen in die Gemeinschaftswährung schwächen. Niemand könne abschätzen, welche Folgen dies auf andere Staaten Mittel- und Osteuropas haben werde.

Die Bundesregierung verwahrte sich gegen den Vorwurf mangelnder Solidarität. "Wir Deutsche haben ein massives Interesse an einem starken Euro", sagte Außenminister Guido Westerwelle im Deutschlandfunk. "Aber es geht um die Frage, ob jetzt Geld notwendig ist – und das ist es nicht." Griechenland habe auch nicht um finanzielle Unterstützung gebeten.

Ähnlich hatte sich auch die Bundeskanzlerin geäußert, die bereits Montag direkte Finanzhilfe erneut abgelehnt hatte. Beim Brüsseler Gipfel gehe es nicht "um aktuelle Hilfen für Griechenland", sagte sie. Derartiges stünde nur dann auf der Tagesordnung, wenn eine unmittelbare Zahlungsunfähigkeit eines Euro-Landes bevorstehe. "Glücklicherweise ist Griechenland nicht in dieser Situation." Bei möglichen Hilfen sei der Internationale Währungsfonds (IWF) aus ihrer Sicht ein Thema, "das wir betrachten und worüber auch weiter gesprochen werden muss".

Westerwelle begründete das deutsche Nein zu einem Notfallplan damit, dass Griechenland selbst Strukturreformen durchsetzen müsse. Es könne "nicht so sein, dass Deutschland oder die Europäische Union Geld ins Schaufenster legen und damit auch der Reformdruck in Griechenland nachlässt."

Der griechische Finanzminister Giorgos Papakonstantinou sagte, sein Land werde den Weg aus seiner Notlage selbst schaffen. "Wir haben von niemandem Geld verlangt", bekräftigte Papakonstantinou im griechischen Fernsehen. Die Politik, die aus der Krise führen werde, sei das von seiner Regierung eingeführte Sparprogramm und seine Einhaltung. Nur dies werde das Vertrauen der Märkte und der EU an Griechenland wiederherstellen, sagte der Minister.

Gleichwohl erwarte er vom EU-Gipfel eine "europäische Lösung" für das Finanzproblem seines Landes, sagte Papakonstantinou. Griechenland hofft auf eine Finanz-Politik, die es der Regierung in Athen erlauben würde, Kredite zu vertretbaren Zinsen aufzunehmen.

Der griechische Staat zahlt derzeit fast 3,3 Prozentpunkte mehr an Zinsen für Kredite als Deutschland. Dem Land, das Mitglied der Eurozone ist, droht wegen immenser Schulden der Staatsbankrott.