Parlamentswahl Iraks Reifeprüfung

Vor der Parlamentswahl im Irak schürt al-Qaida die Angst im Volk: Kandidaten tragen Pistolen, Wahlkampfreden finden in Privathäusern statt.

Kehrte 2003 aus Deutschland in den Irak zurück: Mithal al-Alusi

Kehrte 2003 aus Deutschland in den Irak zurück: Mithal al-Alusi

Die Nacht war kurz. Bis zum frühen Morgen hat Mithal al-Alusi in seinem Wohnzimmer am Laptop gesessen, Wahlslogans entworfen, Mails beantwortet und an dem Text für einen 40-Sekunden-Fernsehspot gefeilt. Erst das ausgiebige Frühstück mit starkem Tee und einem halben Dutzend Zigaretten machen ihn wieder munter. Noch ein prüfender Blick in den Spiegel, rasch steckt er seine Pistole hinten in den Hosengürtel und zupft das Jackett zurecht. Vor der Haustür wartet die gepanzerte Limousine mit Eskorte. In rasanter Fahrt geht es hinter getönten Scheiben durch die grauen Schluchten von Sprengschutzmauern in Richtung Innenstadt – hinein in den nächsten Wahlkampftag.

Alusi ist Parlamentsabgeordneter in Bagdad und Chef einer kleinen Partei mit Namen "Irakische Nation". 320 Kandidaten treten auf seiner Liste an, die säkular und national denkende Wähler gewinnen möchte. Er selbst entstammt einer Notablenfamilie der sunnitischen Provinz Anbar, aus der angesehene Gelehrte und mehrere irakische Großmuftis hervorgegangen sind. Zum Tode verurteilt, floh er 1976 vor Saddam Hussein und erhielt in Deutschland Asyl. In Hamburg-Bramfeld etablierte er sich als erfolgreicher Kaufmann und kehrte erst 2003 nach der US-Invasion in den Irak zurück. Drei Jahre später wurden seine beiden Söhne bei einem Anschlag ermordet, der eigentlich ihrem Vater galt.

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Gut 300 Menschen erwarten den Politiker an diesem Morgen in dem großzügigen Gartenhof, der von einer fein gearbeiteten Mauer aus flachen Ziegeln gesäumt wird. Hier wohnte einst Saddam Husseins zweite Frau Samira. "Ein paar Millionen Dollar" hat der neue Besitzer für das Anwesen in Bagdads Nobelstadtteil Mansour hingeblättert – Bankchef Husam Unaybi, der sich entschlossen hat, auf Alusis Liste in die Politik zu gehen. Am Dach ist ein Wahlplakat befestigt, in Mauerritzen stecken irakische Fähnchen. Die meisten Zuhörer sind Angestellte seiner Bank oder Neugierige aus der Nachbarschaft.

Als schließlich der schwere, schwarze Wagen mit dem Parteichef in die Toreinfahrt einbiegt, empfangen ihn freundlicher Applaus und frohe Erwartung auf den Gesichtern. "Wir brauchen Leute, die an den Irak glauben", stimmt Alusi sein Publikum ein. "Wir müssen die Vergangenheit hinter uns lassen und in die Zukunft blicken", fügt er hinzu und plädiert für Härte gegen Saddams Mittäter und für Milde gegen die vielen Tausend Mitläufer. Seinen Kandidaten Husam Unaybi präsentiert er als Mann, der mit Geld umgehen kann und was von Wirtschaft versteht. "Vielleicht wähle ich ihn", sagt nachher die 25-jährige Dania al Haka, die in Unaybis Bank arbeitet. "Zum Glück", meint sie, verlören die Religiösen an Einfluss. "Wenn ich als Frau eines Tages nicht mehr arbeiten darf, ins Kino gehen oder in meinen Club, dann wandere ich aus."

Am Sonntag wählen 18,9 Millionen Iraker ein neues Parlament und eine neue Regierung – zum zweiten Mal seit dem Sturz von Saddam Hussein, unter ständiger Gefahr neuer Terrortaten und im Schatten des nahenden amerikanischen Rückzugs. 6172 Kandidaten kämpfen um die 325 Sitze. Rund 500 sunnitische und schiitische Bewerber allerdings – darunter mehrere säkular eingestellte Spitzenpolitiker – wurden von einer obskuren Kommission zur Ent-Baathifizierung gestrichen, was hitzige Debatten und wütende Boykottaufrufe auslöste. Angetreten sind 308 Parteien und Gruppierungen, von denen manche kaum mehr vorweisen können als einen Computer, ein Telefon und einen ehrgeizigen Solo-Kandidaten. Dennoch ist der 7. März für den Irak, in dem nach wie vor nichts richtig funktioniert, die bislang wichtigste Reifeprüfung auf dem Weg in die volle Unabhängigkeit.

Die Politiker jedenfalls versprechen alle das Gleiche – mehr Sicherheit, mehr Schulen, mehr Krankenhäuser und mehr Arbeitsplätze. Bagdads Straßen sind mit Plakaten gepflastert, mancher Kreisverkehr verschwindet fast in dem Meer von Männer- und Frauenköpfen. Die allgegenwärtige Gefahr zwingt die Kandidaten, vor handverlesenem Publikum in großen Privathäusern oder gut bewachten Hotels aufzutreten. Die meiste Werbung läuft daher über Fernsehspots, Wahlzeitungen, Massen-SMS oder Pop-up-Fenster auf populären Internetseiten.

Eine staatliche Wahlkampffinanzierung gibt es nicht. Das entsprechende Gesetz wurde von den religiösen Parteien im Parlament blockiert, die ihre Gelder aus Iran und Saudi-Arabien beziehen. Kleine Parteien dagegen, wie Alusis "Irakische Nation", leben von den Spenden ihrer Mitglieder oder dem Vermögen ihrer Kandidaten. 250 Dollar pro Sekunde kostet ein Werbespot im irakischen Fernsehen. Satellitenkanäle wie Al Baghdadia oder Al Arabiya bieten sogar politische Komplettpakete an – Kurzporträts der Bewerber mit anschließender Diskussionsrunde. 60 Minuten Sendung kosten eine halbe bis eine Million Dollar – das können sich nur die ganz großen Parteien leisten.

Die beiden Hauptkonkurrenten um die Macht sind der seit 2006 regierende Ministerpräsident Nouri al-Maliki und sein Amtsvorgänger Iyad Alawi. Maliki hat sich mit dem neuen Bündnis "Rechtsstaat" von seinen bisherigen Partnern, den religiösen schiitischen Parteien, abgesetzt und liegt nach jüngsten Umfragen knapp vorne. Alawi dagegen schmiedete mit seiner "Irakischen Nationalbewegung” ein breites, säkulares Bündnis, jenseits von schiitischer oder sunnitischer Religionszugehörigkeit. Dahinter folgen die "Irakische Nationalallianz" der schiitischen islamischen Parteien sowie die "Kurdische Allianz".

Leser-Kommentare
  1. 1. Irak ist für Bush-Amerika ein gewichtiger Erfolg im asymmetrischen Krieg
    2. Iraks viel beschworener, vielfach gar gewünschter Bürgerkrieg ist ausgeblieben
    3. Al Qaidas Rückgrat ist im Irak gebrochen worden
    4. Irak ist längst eine Demokratie
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    Zu 1- Ende gut, alles gut! Der Sieg gegen den listig-tückischen, vor allem gegen die Zivilbevölkerung gerichteten massenhaften Mordterror, der in vielen Ländern – nicht zuletzt in dieser linkisch-linken Krummenrepublik – passive UND aktive Unterstützung fand, ist politisch Bush zuzuschreiben. US-Soldaten hingegen bewiesen ausgezeichnete – keiner traute ihnen das zu, am allerwenigsten die Terroristen! – Einzelkämpferqualitäten. Wer spricht noch von der Stadt Falludscha, die lange als uneinnehmbar galt?
    Zu 2- Der super-multireligiöser Irak ist weder auseinander gebrochen, noch bekriegten sich weitflächig seine grundverschiedene Völker. Amerikas Meisterleistung!
    Zu 3- Ab Falludscha gingen Osamas Dschihad-Träume stetig steigend in den Wolken auf. Obamas Afghanistanverwerfungen haben nur wenig mit Al Qaida zu tun.
    Zu 4- So schwierig das hier für viele zu begreifen ist: schon bei den letzten Wahlen ist Iraks Volkswille zu Gunsten einer Demokratie und freiheitlicher Grundordnung gefallen – TROTZ Missgunst so mancher Pausbacken-Demokraten hierzulande und allerhöchster persönlicher Gefahren.
    *
    Und noch einiges im diesen Sinne!

  2. Vor 7 Jahren startete die US-Invasion in Irak
    Nach den Tagen des Bürgerkrieges hält sich die USA seit Juli 2009 in ihren Kasernen zurück. Die Söldner und die von den Amis finanzierten und direkt bezahlten Milizen machenjetzt die gefährliche Arbeiten.
    Aktell sind noch rd. 100.000 Kampftruppen da, die bis 2011 auf 50.ooo Mann runterreduziert werden und die US-Sonderrechte verteidigen und das irak. Militär kontrollieren sollen.
    Es verschwinden immer noch Milliarden für den Aufbau und weder Strom noch Wasserversorgung funktionieren wieder nach 7 Jahren.
    Wir sind gespannt auf die Konstellation im Parlament.
    Wird Maliki hinschmeißen?

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