Jüdische Siedlungen Israel debattiert über Netanjahus Führungsqualitäten

Naivität oder Böswilligkeit: Was trieb den israelischen Innenminister, den Bau neuer Wohnungen in Ost-Jerusalem anzukündigen? Israel rätselt – und streitet.

Blick auf Ramat Schlomo: In dem Ost-Jerusalemer Stadtteil sollen neue Wohnungen für jüdische Siedler entstehen

Blick auf Ramat Schlomo: In dem Ost-Jerusalemer Stadtteil sollen neue Wohnungen für jüdische Siedler entstehen

Es dauerte ein wenig, bis der Innenminister begriff, was er da ausgelöst hatte. Gestern Abend saß Eli Ishai jedenfalls noch ziemlich selbstsicher in einem Jerusalemer Fernsehstudio und verteidigte die Tatsache, dass mit seiner Unterschrift der Bau von 1600 Wohneinheiten in Ost-Jerusalem genehmigt worden war.

Da aber hatten die Proteste schon begonnen. Als einer der Ersten bekam Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der zu dieser Zeit mit seiner Frau Sarah auf den amerikanischen Vizepräsidenten Joe Biden zum Abendessen wartete, die Konsequenzen zu spüren. Geschlagene eineinhalb Stunden lang ließ ihn Biden "hängen". Denn in Washington war man damit beschäftigt, eine angemessene Reaktion auf die israelische Provokation zu formulieren. 

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Heute morgen klang Ishai dann schon ganz anders: Er entschuldigte sich kleinlaut für den heimischen und internationalen Aufruhr, den er mit ebendieser Entscheidung gerade verursacht hat – und spielte seinen Part darin herunter. Er sei über die genauen Pläne nicht informiert gewesen; bei der Genehmigung habe es sich lediglich um eine technische Routineangelegenheit gehandelt. Also ganz bestimmt kein bewusster Affront gegen den amerikanischen Vize, der sich seit Montag im Land aufhält.

An diese Unschuldsversion wollen Ishais politische Gegner allerdings nicht glauben. Der Stadtratsvorsitzende Meir Margalit von der linken Meretz-Partei unterstellt ihm, gezielt diesen Zeitpunkt ausgewählt zu haben, sozusagen "als Antwort auf Netanjahus Ankündigung der Wiederaufnahme von Gesprächen mit der Palästinenserbehörde". Margalits Vorwurf: Ishai von der ultraorthodoxen Shas-Partei habe den Amerikanern bewusst einen Schlag ins Gesicht versetzen wollen. In der Knesset will der Meretz-Vorsitzende Chaim Oron deshalb nun ein Misstrauensvotum anstreben. Oron wirft Netanjahu vor allem "Richtungslosigkeit" vor, die zu einem Zickzackkurs zwischen Einfrieren von Siedlungen und provokanten Bauplänen führe.  

Die Chancen stehen gut, dass sich dann auch die oppositionelle Kadima-Partei bei der Abstimmung in der Knesset anschließt. Deren Mitglied Dalia Itzik kritisiert die "klägliche Politik" der Regierung, die mit der gesamten Welt auf Konfrontationskurs gehe. Und dass Netanjahu nichts von der Entscheidung gewusst habe, mache in ihren Augen die Sache nicht besser. Denn das lege nur das Chaos offen, das in der Regierung herrsche. Immerhin hatte auch Verteidigungsminister Ehud Barak von der mitregierenden Arbeitspartei Ishais Ankündigung verärgert als "überflüssig" bezeichnet.

Vielleicht aber war es gar kein Fauxpas. Vielleicht trieb Ishai auch Ungehorsam. Nach einem Bericht von Ynet soll nämlich Netanjahu seine Minister ausdrücklich gebeten haben, ihn vor Überraschungen dieser Art zu bewahren. Demnach habe er sein Kabinett angehalten, ein Auge auf Bauvorhaben in "sensiblen Gebieten" zu haben, um politische Zusammenstöße zu vermeiden, die die künftigen Beziehungen zu Washington und den Palästinensern beschädigen könnten.

Während nun in der arabischen Welt bereits die ersten Länder ihre Unterstützung für die Wiederaufnahme der israelisch-palästinensischen Gespräche zurückgenommen haben, dreht sich die innerisraelische Kontroverse weniger um die Frage, ob man – unabhängig vom Timing – überhaupt heute in Ost-Jerusalem (das von dem zehnmonatigen begrenzten Siedlungsstopp offiziell ausgenommen ist) weiter bauen solle oder dürfe, als um Netanjahus Führungsqualitäten. Die Sache zeige, dass Bibi (Netanjahu) nicht nur keine Kontrolle über seine Regierung habe, sondern auch nicht in der Lage sei, einen Dialog mit den Amerikanern zu führen, empört sich der prominente Kommentator von Jedioth Aharonot Shimon Shíffer.

Die Affäre mag Netanjahu nicht stürzen, zumindest nicht gleich. Aber sie erweckt Erinnerungen an seine erste Regierungszeit. Da galt er als wankelmütig, zaudernd und nicht vertrauenswürdig. Ein Image, das der israelische Ministerpräsident seither sehnsüchtig loswerden wollte.    

 
Leser-Kommentare
  1. "Was trieb den israelischen Innenminister, den Bau neuer Wohnungen in Ost-Jerusalem anzukündigen?"

    Der Mann steht ganz in der Tradition Herzls und will für die Schaffung von Tatsachenwahrheiten in die Geschichte Israels eingehen.

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    • eras
    • 10.03.2010 um 17:21 Uhr

    "Der Mann steht ganz in der Tradition Herzls und will für die Schaffung von Tatsachenwahrheiten in die Geschichte Israels eingehen."

    Ihr Kommentar zeigt mal wieder deutlich, wie wenig sich die Israelkritiker mit der Innenpolitik des Landes auskennen. Die sephardisch-orthodoxe Partei Shas hat nämlich ein ziemlich gespaltenes Verhältnis zum "assimilierten Juden" Herzl.

    • eras
    • 10.03.2010 um 17:21 Uhr

    "Der Mann steht ganz in der Tradition Herzls und will für die Schaffung von Tatsachenwahrheiten in die Geschichte Israels eingehen."

    Ihr Kommentar zeigt mal wieder deutlich, wie wenig sich die Israelkritiker mit der Innenpolitik des Landes auskennen. Die sephardisch-orthodoxe Partei Shas hat nämlich ein ziemlich gespaltenes Verhältnis zum "assimilierten Juden" Herzl.

  2. Naiv ist zu glauben, dass der Siedlungsausbau ohne das Wissen und die Zustimmung der USA geschieht. "Israel rätselt- und streitet". Wer soll das glauben ? Den Schlag ins Gesicht haben die Menschen in den Flüchtlingslagern bekommen, die seit Jahrzehnten leiden.

  3. Die Jerusalemfrage ist dabei noch am besten zu verstehen - die Israelis kontrollieren die USA, was keine gute Basis auf Dauer ist - denn heute sind die Israelis stark und das ist die beste Zeit um Frieden zu schließen - wenn man einen will - bleiben muss das aber nicht für alle Ewigkeit.

    • eras
    • 10.03.2010 um 17:21 Uhr

    "Der Mann steht ganz in der Tradition Herzls und will für die Schaffung von Tatsachenwahrheiten in die Geschichte Israels eingehen."

    Ihr Kommentar zeigt mal wieder deutlich, wie wenig sich die Israelkritiker mit der Innenpolitik des Landes auskennen. Die sephardisch-orthodoxe Partei Shas hat nämlich ein ziemlich gespaltenes Verhältnis zum "assimilierten Juden" Herzl.

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    Vielen Dank für die freundliche Belehrung. Exakt die hätten Sie sich allerdings sparen können, sofern Sie einmal Ihre kompetente Nase in Herzls Buch "Der Judenstaat" gesteckt hätten. Allein der "Einleitung" kann man bereits entnehmen, was Herzl von "Assimilation" z.B. duch Mischehen hält...

    Vielen Dank für die freundliche Belehrung. Exakt die hätten Sie sich allerdings sparen können, sofern Sie einmal Ihre kompetente Nase in Herzls Buch "Der Judenstaat" gesteckt hätten. Allein der "Einleitung" kann man bereits entnehmen, was Herzl von "Assimilation" z.B. duch Mischehen hält...

  4. sagte Bill Clinton dass das so bleibt.
    Interessant ist die These von Herr Joffe, dass die palaestinensche Fuehrung,der es ja im Gegensatz zur
    Bevoelkerung, sehr gut geht, aehnlich denkt.
    Ich halte das fuer wahrscheinlich - eine Aenderung
    des status quo bringt unbequeme Belastungen -
    wozu wenn man bequem sein Auskommen hat.

  5. zu Kommentar 1:
    "Was trieb den israelischen Innenminister, den Bau neuer Wohnungen in Ost-Jerusalem anzukündigen?"
    -Gute Frage, noch besser ist die, wie denn Ishaj gestern den Siedlungsbau verteidigte! Argumentierte er so:"Jerusalem ist unser und kann nicht geteilt werden, durch die Besiedlung besetzten Landes, welches wir für uns beanspruchen, erreichen wir internationale Legitimation für diesen Anspruch".
    Unverschämt, heilige Stätten der Christen, Juden und Mosleme für sich allein zu beanspruchen, Jerusalem gehört unter intern. Verwaltung, muss ein Stadtstaat werden, weder Israelis, noch andere sollten die Stadt Teil ihres Staates nennen sollen. Um diese Stadt gab es schon zuviele Konflikte. Jerusalem sollte ein UN-Protektorat werden.

    Kommentar 2: "Den Schlag ins Gesicht haben die Menschen in den Flüchtlingslagern bekommen, die seit Jahrzehnten leiden."
    - Ja, die sind immer die Leid tragenden. Aber der intern. Druck auf isr. nimmt zu, auch der innenpolit. . Würden die Palästinenser jetzt Verhandlungen beginnne, würden sie schlecht pokern. Sie erhielen einen Staat, der nicht die Grenzen der UN-Resolution 1947 hätte, würden akzeptieren, das Jerusalem reinisraelisch wird, entgültig, und hätten einen Staat, gespickt mit isr. Siedlungen, durchzogen mit isr. Straßen ohne Nutzungsrecht, viele isr. Basen und hätten noch immer nicht volle Souveränität, ihr Land wäre geteilt durch die Straßen, nicht einheitlich und das Land südl. der Grenze zum Libanon verloren.

  6. durch den zunehmenden Druck wird es spätestens in 5 Jahren einen paläst. Staat geben, voll souverän. Die Siedler im Westjordanland sind dann umgesiedelt. Wie dann mit Jerusalem verfahren wird, ist die nächste Frage.
    Ich bin mir aber sicher, dass die Palästinenser, wenn sie auch zukünftig aktiv international auf sich aufmerksam machen, ihren eigenen Staat erhalten.

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    "durch den zunehmenden Druck wird es spätestens in 5 Jahren einen paläst. Staat geben, voll souverän. Die Siedler im Westjordanland sind dann umgesiedelt"

    Träum weiter, Druck durch wen? Durch die USA oder durch die "Weltgemeinschaft" *lach* Und wer siedelt 300.000 Siedler von der West-bank um? Kein isrealischer Politiker kann so eine Politik betreiben ohne sein Amt zu verlieren oder Bürgerkrieg zu riskieren.

    "durch den zunehmenden Druck wird es spätestens in 5 Jahren einen paläst. Staat geben, voll souverän. Die Siedler im Westjordanland sind dann umgesiedelt"

    Träum weiter, Druck durch wen? Durch die USA oder durch die "Weltgemeinschaft" *lach* Und wer siedelt 300.000 Siedler von der West-bank um? Kein isrealischer Politiker kann so eine Politik betreiben ohne sein Amt zu verlieren oder Bürgerkrieg zu riskieren.

  7. Vielen Dank für die freundliche Belehrung. Exakt die hätten Sie sich allerdings sparen können, sofern Sie einmal Ihre kompetente Nase in Herzls Buch "Der Judenstaat" gesteckt hätten. Allein der "Einleitung" kann man bereits entnehmen, was Herzl von "Assimilation" z.B. duch Mischehen hält...

    Antwort auf "Ach ja?"
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    • eras
    • 10.03.2010 um 20:01 Uhr

    ...dazu schrieb, spielt keine Rolle. Aus der Sicht von Shas war er trotzdem assimiliert (und aus meiner auch). Er präferierte ja sogar die deutsche über die hebräische Sprache. Und auch was seine Sicht der Geistlichen und der Religion angeht, ist er unvereinbar mit den Positionen von Shas. Herzl sah eine Trennung von Religion und Staatsführung vor, Shas will das Gegenteil.

    Der Sohn von Rabbi Ovadia Yosef, dem spirituellen Anführer von Shas, hat seinen Anhängern sogar mal verboten, ihren Kindern den Namen Herzl zu geben. Dieser sei eine "böse, unanständige" Person...

    • eras
    • 10.03.2010 um 20:01 Uhr

    ...dazu schrieb, spielt keine Rolle. Aus der Sicht von Shas war er trotzdem assimiliert (und aus meiner auch). Er präferierte ja sogar die deutsche über die hebräische Sprache. Und auch was seine Sicht der Geistlichen und der Religion angeht, ist er unvereinbar mit den Positionen von Shas. Herzl sah eine Trennung von Religion und Staatsführung vor, Shas will das Gegenteil.

    Der Sohn von Rabbi Ovadia Yosef, dem spirituellen Anführer von Shas, hat seinen Anhängern sogar mal verboten, ihren Kindern den Namen Herzl zu geben. Dieser sei eine "böse, unanständige" Person...

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