Kommentar Israels Siedlungsbau ist den Streit nicht wert

Der Konflikt um jüdische Siedlungen hat die Beziehungen zwischen den USA und Israel drastisch verschlechtert. Die USA sollten ihn nicht eskalieren lassen. Ein Kommentar

Besuch im palästinensischen Dorf Mreiha: Israelische Sicherheitskräfte begleiten eine Gruppe Kinder von jüdischen Siedlern

Besuch im palästinensischen Dorf Mreiha: Israelische Sicherheitskräfte begleiten eine Gruppe Kinder von jüdischen Siedlern

Die Versuchung ist groß zu rufen: "Recht geschieht’s ihnen, den Israelis!" Seit 40 Jahren erschweren sie den Frieden durch Errichtung immer neuer Siedlungsgürtel im besetzten Palästinensergebiet. Und nun, endlich, ruft sie ein amerikanischer Vizepräsident zur Ordnung, der beim Besuch im Heiligen Land mit einem neuen Baubeschluss begrüßt wird. Prompt hält Amerikas Außenministerin Israels Premierminister 43 Minuten lang eine Standpauke und spricht von einer "Beleidigung" der Vereinigten Staaten. Plötzlich ist sie da, die erste ernsthafte Beziehungskrise der beiden Alliierten seit zwei Jahrzehnten.

Rechtens war Israels Betonpolitik in den besetzten Gebieten noch nie, und offen unterstützt hat Amerika diesen Barrikadenbau mit Wohnriegeln auch zu keiner Zeit. Allerdings konnten die Vereinigten Staaten entweder nichts ausrichten, oder sie ließen Israel stillschweigend gewähren. 

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Dennoch: So frostig und frustig wie heute ging es zwischen Israel und Amerika nur einmal zu, als Außenminister James Baker auf absprachewidrigen Siedlungsbau reagierte, indem er im Heiligen Land die Nummer der Telefonzentrale des Weißen Hauses verbreitete und der israelischen Regierung sagte: "Ruft uns an, wenn es Euch ernst ist mit dem Frieden." Nicht zufällig geschah dies während einer historischen Zeitenwende, im Jahre 1990.

In den Zeiten des Kalten Krieges wollte Amerika den Einfluss der Sowjetunion im Nahen Osten einhegen und ging deshalb auf die Suche nach arabischen Verbündeten. Nach dem Ende der Sowjetunion war das nicht mehr nötig, und Amerikas Politik neigte sich zunehmend dem langjährigen Verbündeten Israel zu. Der heutige Streit um den Siedlungsbau kann deshalb als überfällige Rebalancierung der amerikanischen Nahost-Politik gesehen werden. Als Symbol mag der Krach deshalb wertvoll erscheinen: Ein Weckruf für die Israelis, es nicht zu weit zu treiben. Manchen wird das mit Genugtuung erfüllen.

Und doch ergibt kühle Kalkulation, dass die Siedlungsfrage der falsche Streit zur falschen Zeit ist. Er bringt die Parteien nicht weiter auf dem Weg zum einzigen Ziel, das zählt: dem Frieden. Wenn Amerika Vermittler sein will, muss es Vorbedingungen für Verhandlungen aus dem Weg räumen, nicht selber welche auftürmen. Präsident Obama hatte ursprünglich ein vollständiges Siedlungsmoratorium verlangt, auch in Jerusalem und sogar innerhalb existierender Siedlungen. Derart weitgehende Vorbedingungen für Verhandlungen hatten nicht einmal die Palästinenser gestellt. Kaum formulierte Obama sie, konnten die Palästinenser nicht dahinter zurückbleiben. Ungewollt erhöhte der amerikanische Präsident die Hürden für den Gesprächsbeginn.

Wenn Amerika den Verbündeten Israel wie zum Boxkampf annimmt, muss es sich lohnen. Der Konflikt sollte ein Ziel haben und Teil einer Strategie auf dem Weg zu einer umfassenden Friedenslösung sein. Ein Streit um Siedlungen um der Siedlungen willen führt in die Sackgasse. Genau dort landete Präsident Obama, als er seine unrealistischen Forderungen erhob. Ministerpräsident Netanjahu widersetzte sich ihm, und das kleine Israel zwang das große Amerika in die Knie.

Zur Gesichtswahrung einigte man sich hernach auf einen komplizierten Kompromiss: Israel ließ sich auf ein Siedlungsmoratorium von zehn Monaten ein. Für den öffentlichen Gebrauch war von einem Baustopp rund um Jerusalem nicht die Rede. Nur in einer Geheimabsprache stimmte Netanjahu der Einbeziehung Jerusalems zu. Irgendwer in Israel aber scheint in die stillen Absprachen mit Amerika nicht eingeweiht gewesen zu sein.

Jedenfalls hat das Fingerhakeln um die Siedlungen erst Obama, dann Netanjahu blamiert. Beide kostet der Streit Macht. Inzwischen ist Barack Obama in Israel der unbeliebteste amerikanische Präsident seit unvordenklicher Zeit. Damit erodiert das Vertrauen in den potenziellen Vermittler. Zugleich hat Obama auf arabischer Seite noch nicht jenen Vertrauensverlust gegenüber Amerika wettgemacht, den besonders sein Vorgänger eingeleitet hatte.

Gewiss, Obamas Kairoer Rede hat den Geist einer neuen Partnerschaft mit den Muslimen der Welt beschworen. Aber gefolgt ist daraus nicht viel. Es war eine Rede, nicht der Auftakt zu einer neuen Politik gegenüber der arabischen Welt. So wird Barack Obama inzwischen von beiden Seiten als schwächelnder Unterhändler betrachtet. Er ist dabei, in der Region den Kredit zu verspielen, den er braucht, um etwas zu bewegen.

Nach der Brüskierung durch die Amerikaner steht Premierminister Netanjahu nun vor der Wahl, entweder das wichtigste Bündnis seines Landes oder seine Koalition mit den kleinen ultrarechten Parteien zu gefährden. Die Entscheidung für Amerika könnte eine Regierungskrise, vielleicht gar den Fall seiner Regierung nach sich ziehen. Daran kann Amerika nicht interessiert sein. Seit Menachim Begins Vertragsabschluss mit Ägypten im Jahre 1979 weiß man, dass Frieden mit Territorialverzicht lieber israelische Konservative schließen. Und auf der anderen Seite wird Israel bessere Friedenspartner als Mahmud Abbas und Salam Fajjad auf palästinensischer Seite nicht finden. Auch deren Regierungszeit wird zu Ende gehen. Darum ist jetzt die Zeit für Verhandlungsfortschritte, nicht für Regierungskrisen oder künstliche Verhandlungsbarrieren.

Ohnehin tickt die Uhr nicht auf Seiten Israels. Im arabischen Camp wird notiert, dass sich die strategische Lage deutlich verändert hat: Amerika schwächelt, es kriselt zwischen der Türkei und Israel, und Israel steckt seit dem Goldstone-Bericht über Kriegsverbrechen im jüngsten Gaza-Feldzug in einer globalen Legitimationskrise. Am Schwersten wiegt, dass die iranische Atombombe inzwischen vielerorts als unabwendbar gilt. Irans Verbündeten (Hizbollah, Hamas und Syrien) gefällt diese Analyse. Sie haben es nun nicht mehr eilig, Frieden zu schließen. Sie glauben, morgen einen besseren Deal zu bekommen als heute. Genau deshalb sollten Amerika und Israel sich jetzt nicht auf Nebenkampfplätzen verzetteln.

Ein Friedensschluss im Nahen Osten wäre das unwahrscheinlichste, aber schönste Gegengift gegen die iranische Gefahr. Lässt sich die Bedrohung trotz aller Bemühungen nicht abwenden, so ist der richtige Zeitpunkt für den richtigen Konflikt gekommen: wenn nämlich Israel wider amerikanischen Willen den atomaren Schwellenstaat Iran bombardieren will. Um Einfluss auf Israel zu behalten, darf Amerika ihn jetzt nicht verspielen.

Thomas Kleine-Brockhoff ist Mitglied der Geschäftsleitung des German Marshall Fund of the United States in Washington

 
Leser-Kommentare
    • WIHE
    • 16.03.2010 um 12:21 Uhr

    ist doch einen Streit wirklich nicht wert.
    Die ganzen USA sind auf geraubtem Gebeit gegründet, könnten die Israelis antworten.

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    • joG
    • 16.03.2010 um 17:54 Uhr

    ...sind auf "geraubtem" Land. Schauen Sie dazu auch die deutsche Geschichte an. Die Germanen waren nicht ursprünglich aus Deutschland.

    • joG
    • 16.03.2010 um 17:54 Uhr

    ...sind auf "geraubtem" Land. Schauen Sie dazu auch die deutsche Geschichte an. Die Germanen waren nicht ursprünglich aus Deutschland.

  1. "Allerdings konnten die Vereinigten Staaten entweder nichts ausrichten, oder sie ließen Israel stillschweigend gewähren."
    Von wegen konnten nichts ausrichten. Jeder weiss, das Israel am Tropf der USA haengt. Wenn der politische Wille in den USA vorhanden waere, einen Frieden auf der Grundlage der vorhandenen Absprachn(Camp David, Road Map etc.) zu schliessen, dann waeren (Druck)-Mittel und Wege zu genuege da. Aber genau an diesem Willen fehlt es und darum laesst man Israel auch gewaehren. Die ganze Aufregung jetzt ist doch nur eine Alibi-Diskussion, wie wir sie immermal wieder hatten. Israel ist sich seiner Sache sicher und da scheut man sich auch nicht, den grossen Verbuendeten zu dueppieren. Es geht darum, vor den naechsten "Friedensgespraechen" genuegend Tatsachen in Form von illegaler Landnahme und rechtswiedrigem Siedlungsbau zu schaffen, die dann als unverhadelbar auf dem Tisch liegen.

  2. Die Situation ist festgefahren. Man muss deshalb zurück zu den Fragestellungen eingangs der Staatengründung Israels.

    Auch 1948 prallten die Gegensätze aufeinander. Die zionistische Bewegung auf der einen Seite, die angeregt durch ihren Vordenker Theodor Herzl und unter dem Eindruck des Holocaust einen jüdischen Staat anstrebte. Auf der anderen Seite ein arabischer Nationalismus, der das Osmanische Reich im Nahen Osten in die Knie gezwungen hatte und nun auch keinen eigenen Judenstaat wollte.

    Auch in 2010 prallen die alten Gegensätze unversöhnlich aufeinander. Israel ist eingebettet in die Arabische Nation. Der Versuch, Israel auf der Basis der Stärke zu konsolidieren, dürfte auch in den nächsten 62 Jahren scheitern.

    Frau Merkel hat Recht, dass Zeitfenster für eine einvernehmliche Lösung ist nicht unendlich geöffnet. Ich bin da pessimistischer. Es geht eher um eine Kantonalisierung des Gebietes von Palästina in den Grenzen nach 1922 - also nach der Belfour-Deklaration.

    EREZ-Israel ist ein Traum der Dogmatiker, den darf die EU nicht weiter unterstützen. Wenn nicht neu gedacht werden kann, dann geht es um Kónfliktregionalisierung und die damit verbundene Einstellung von Hilfslieferungen an ISRAEL.
    Nur so kann in Israel eine Kantonalisierung überhaupt gedacht werden.

  3. Der Satz des Kommentars sagt einfach alles: "Um Einfluss auf Israel zu behalten, darf Amerika ihn jetzt nicht verspielen."

    AHA, ein Staat der sich letzte verbliebene Supermacht nennt muss also einem Staat von der Grösse Hessens mit knapp 6 Millionen Einwohnern alles erlauben...

    Ja, vermutlich würde Israel dann damit drohen, dass es sich künftig weigert die Vetos der USA bei der UN gut zu heissen. Oder Israel würde sich vielleicht weigern, die jährlichen Milliarden Transfers zurück zuweisen. Wie blamiert stände dann die Supermacht da, wenn auf einmal die Kampfbomberstaffeln, die das US amerikanische Volk als Geschenk gedacht hatte plötzlich wieder zurück gewiesen würden???

  4. Israel hält seit Jahrzehnten fremdes Land besetzt.
    Israel stielt Land und Wasser.
    Israel hat in den besetzten Gebieten ein Apartheid-Regime errichtet.
    Israel baut heimlich Atombomben.
    Israel ignoriert alle UNO-Resolutionen.
    Israel beegeht Kriegsverbrechen.
    Israel verstösst permanent gegen Völkerrecht.

    Welches andere Land darf sich so etwas erlauben ?

    Warum soll man dort "Einfluss erhalten" wollen ?

    Solch ein Land gehört boykotiert und ausgegrenzt.

    Wenn die USA eine Spur Anstand besitzen, dann legen sie die eigenen moralischen Masstäbe auch an Israel an - und setzen es auf die Achse des Bösen.

  5. Also noch mal zum mitschreiben: Israel baut, und Amerika macht besser nix, weil sonst ist das schlecht für Israels Chef.
    Und Israel könnte ja den Iran angreifen, also ist es besser Amerika streitet sich nicht mit Israel, weil sonst ist das schlecht wenn es kracht.
    Und jetzt meine Frage: Warum glaubt er Autor sollte sich Amerika überhaupt für Israel interessieren?

  6. Nur so wird die Zweistaatenlösung vorangetrieben und auf Israel genügend Druck ausgeübt.
    Sanktionen sollten folgen. Israel hat ein Volk unter seiner Herrschaft, das unterdrückt wird.

  7. Die USA duerfen die Provokation nicht hinnehmen - was heisst, Einfluss verlieren, sie haben doch keinen!Ein grosser Teil der Isralis billigt die Siedlungspolitik auch
    nicht. Geldhahn abdrehen ist die einfache und wirkungsvolle
    Methoden.
    Und wenn Israel den Iran angrifft? Sollen sie doch, da loesen sich vielleicht 2 Probleme auf einmal ohne unser Zutun!

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