Kundus-Untersuchungsausschuss Kampf um die DeutungshoheitSeite 2/2

Spiegel Online hatte dagegen berichtet, Vollmer habe am 4. September nach Rücksprache mit Glatz die Löschung der Meldung angeordnet. Glatz machte sich dazu Notizen, die von dem Nachrichtenmagazin veröffentlicht wurden.

"Es konnte heute aufgeklärt werden, dass die Meldung nicht auf Weisung aus Berlin zurückgenommen wurde, sondern weil sie von Oberst Klein nicht autorisiert worden war", sagte Beck. Klein war damals Kommandeur des Wiederaufbauteams (PRT) Kundus.

Becks Einschätzung erklärt aber nicht, warum die Meldung des deutschen Nachrichtenoffiziers erst nach dreieinhalb Stunden zurückgezogen und entschärft wurde. Nach Angaben von Spiegel Online stand in der Meldung: "Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch Zivilisten bei dem Luftschlag ums Leben gekommen sind." Als Vollmer am 4. September gegen 20 Uhr, nach Telefonaten mit Glatz, die Löschung anordnete, wusste die Isaf jedoch längst über zivile Opfer Bescheid. Notizen von Glatz am Rand der Meldung zeigen, dass er die Brisanz des Vorfalls erkannt hatte und von einem Verstoß gegen die Einsatzregeln der Isaf ausging. Die Abgeordneten wollen Glatz auch dazu befragen. Bis zum frühen Abend war die Anhörung von Vollmer jedoch noch nicht abgeschlossen.

Unklar ist derzeit auch noch, wie die Information über die Löschaktion überhaupt an die Öffentlichkeit gelangte. Immer wieder waren in den vergangenen Wochen Details aus geheimen Berichten und Sitzungen bekannt geworden. Die Mitglieder des Untersuchungsausschuss reagierten auf die jüngste Indiskretion verärgert. Sie baten Bundestagspräsidenten Norbert Lammert in dieser Frage aktiv zu werden. Lammert erteilte eine Ermächtigung an die Staatsanwaltschaft, wegen Verletzung des Dienstgeheimnisses und einer besonderen Geheimhaltungspflicht zu ermitteln. Ob Staatsanwälte offiziell Ermittlungen aufnehmen, ist noch nicht geklärt.

Wo das Leck sei, wisse er noch nicht, sagte Beck. Irgendwo müsse jemand sein, der geheime Information weitergebe. Der Informant könne ebenso im Bundestag, wie im Verteidigungsministerium oder in der Bundeswehr zu finden sein. Die genauen Details und das Fachwissen, das weitergegeben wurde, deuteten auf Militärs als Informanten hin, sagte Hellmut Königshaus von der FDP. Er und andere Abgeordnete verweisen auf das Verteidigungsministeriums als Quelle der Indiskretionen. "Entweder wir haben es mit Vertuschung im Wahlkampf zu tun oder mit unglaublich chaotischen Zuständen im Ministerium", sagte Nouripour. "Guttenberg muss endlich in seinem Haus aufräumen."

Das sieht auch Paul Schäfer so. "Die Fragen an die militärische Führung in Berlin werden immer drängender", sagte Obmann der Linkspartei. Die Nato habe sehr schnell reagiert, als es Gerüchte gab, dass Zivilisten bei der Bombardierung am Kundus-Fluss gestorben sind. Auch dem Regionalkommando Nord sei die Brisanz schnell klar gewesen. Doch was dann mit den Berichten aus Masar-i-Scharif in Afghanistan an das Einsatzführungskommando in Potsdam geschah, sei immer noch unklar. "Wie hat man im politischen reagiert?", fragt Schäfer. Auf diese Antwort sollen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, sein Amtsvorgänger Franz Josef Jung, der ehemalige Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan und der frühere Staatssekretär Peter Wichert Auskunft geben.

Schneiderhan und Wichert werden am Donnerstag vom Ausschuss befragt – dies geschieht dann erstmals öffentlich. Warum beide Spitzenbeamte entlassen wurden, wollen die Abgeordneten von Guttenberg wissen. Ebenso wollen SPD, Linkspartei und Grüne wissen, wie der Verteidigungsminister zu seiner umstrittenen Bewertung des Luftschlags kam und warum er sie später zurücknahm. Guttenberg hatte Anfang November den Luftschlag in der Nacht zum 4. September, bei dem bis zu 142 Menschen starben, als "militärisch angemessen" bezeichnet.

Wann Guttenberg gehört wird, hatte zu einem Konflikt im Ausschuss geführt. Nach langen Streit und der Androhung der Opposition, vor den Bundesgerichtshof gegen die Koalition zu klagen, einigten sich die Parteien nun auf einen Kompromiss.

Nach der Vernehmung Guttenbergs Ende April oder Anfang Mai werde der Ausschuss dann nach dem Reißverschlussverfahren weitermachen, sagten Arnold und Beck. Opposition und Regierungsparteien dürfen danach abwechselnd einen Zeugen benennen. Union und FDP hatten zuletzt die Reihenfolge der Zeugen mit ihrer Stimmenmehrheit erzwungen. Die Opposition sieht darin eine Verletzung der Minderheitenrechte.

 
Leser-Kommentare
    • ddkddk
    • 15.03.2010 um 22:00 Uhr

    Militärische Geheimnisse, die dem Gegener nützen, sind offenbar nicht Teil der Diskussion und wenn ja, kann die Öffentlichkeit vorübergehend ausgeschlossen werden.

    Derzeit sind wir darauf angewiesen, die parteipolitisch eingefärbten Bewertungen einzelner Mitglieder der Ausschusses zweifelnd zur Kenntnis zu nehmen.

    Warum werden dem Volk die Kenntnisnahme der Aussagen der Zeugen verweigert?

    Wie sollen wir die Vorgänge jemals zutreffend einordnen können, wenn wir sie nur durch die getönte Brille der Parteipolitiker in angedeuteter Weise erfahren dürfen?

    Ist für eine reife Demokratie und die aktive Beteiligung der Bürger nicht erforderlich, dass Informationen aus erster Hand möglich sind, damit das Volk, das angeblich Souverän ist, die Vorgänge bewerten kann?

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    Der Verteidigungsausschuss tagt immer geheim. Es war eine durch die Regierung forcierte Entscheidung, den Verteidigungsausschuss zum Untersuchungsausschuss zu wandeln, um die Untersuchung der Vorfälle von Kundus in einem geheim tagenden Gremium stattfinden zu lassen.

    Die Gründe dürften bei den immer größer werdenden Ungereimtheiten klar auf der Hand liegen...

    Der Verteidigungsausschuss tagt immer geheim. Es war eine durch die Regierung forcierte Entscheidung, den Verteidigungsausschuss zum Untersuchungsausschuss zu wandeln, um die Untersuchung der Vorfälle von Kundus in einem geheim tagenden Gremium stattfinden zu lassen.

    Die Gründe dürften bei den immer größer werdenden Ungereimtheiten klar auf der Hand liegen...

  1. Die Union - politische Heimat von Guttenberg und Jung - stellt also fest, dass keine Vertuschung vorliegt, wenn zwei Kommandierende der Bundeswehr von zivilen Opfern bei dem Bombenangriff wissen und sogar entsprechende Berichte wieder löschen lassen. Wie überraschend ... andererseits macht sie auch Schäuble - das ist der, der sich nicht mehr genau daran erinnern konnte, wie oft ihm deutsche Unternehmen dicke Geldbündel für die schwarzen Kassen der Union in die Tasche geschoben haben - zum Finanzminister.
    Da ist es auch nicht verwunderlich, dass die wichtigste Aufgabe für die Union ist, nicht etwa das Geschehene aufzuklären, sondern heauszufinden, wie die Information über zivile Opfer überhaupt an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Beim nächsten Mal soll die Vertuschung ja schliesslich funktionieren.

    Übrigens ist für die Union ja das Problem, dass die Meldung über zivile Opfer nicht autorisiert war. Da fragt man sich doch: Wäre sie denn je autorisiert geworden? Und wenn nicht - wären die Zivilisten dann nie gestorben?

  2. um Schlussfolgerungen in die eine oder andere Richtung zu ziehen. Die unterschiedliche Bewertung dagegen kann schon wahltaktisch und parteipolitisch eingefärbt sein.
    Es sind durchaus Umstände denkbar, die die Löschung der Meldung rechtfertigen könnten.
    Warten wir also ab, worauf sich die jeweilige Einschätzung gründet.

    Allerdings wird eines immer deutlicher, weder Jung noch Schneiderhan oder Wichert hatten ihren Laden im Griff.

    Wenn dieser "Saustall" ausgemistet werden muss, dann zu aller erst in diesem Personenkreis.
    Es könnte sich noch herausstellen, dass die Entlassung Schneiderhans mit der offiziellen Begründung eher eine Ehrenrettung, denn Ehrabschneidung war.
    Unabhängig jedenfalls von der offiziellen Begründung wird immer deutlicher, das Schneiderhan untragbar geworden ist.
    Denn schließlich sind die hier geschilderten und kritisierten Vorgänge seinem und Wicherts Verantwortungsbereich zuzurechnen.

    H.

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    Schlußfolgerungen zu ziehen, und dann ziehen Sie doch solche. Wissen Sie mehr oder vermuten Sie nur?

    Schlußfolgerungen zu ziehen, und dann ziehen Sie doch solche. Wissen Sie mehr oder vermuten Sie nur?

  3. Was heißt hier deuten? Wird jetzt Politik mit Tarot-Karten gemacht? Das Thema sollte endlich beendet werden. Und wo ist Angela?

  4. Nach der Lektüre dieses Artikels und letzter Woche des "Zeit-Dossiers" über Afghanistan und den Bundeswehreinsatz dort, frage ich mich, ob wir in diesem Lande (in Deutschland) alle verückt geworden sind. Zumindest aber die Politiker. Und warum sich das die militärs gefallen lassen. In einen Krieg geschickt werden, indem sie nicht kämpfen dürfen, indem Regeln gelten, die für den Feind natürlich nicht gelten, wo es keine Freunde, sondern nur potentielle Feinde, Hinterlist und Verrat gibt.

    Der Bericht der "Zeit" von letzter Woche deckt sich zu 100% mit den Erzählungen eines Freundes, der in Afghanistan Dienst tun mußte.....

    Warum lassen wir uns das als Deutsche von unserer politischen Führung gefallen? Warum spielt das deutsche Volk in diesem verbrecherischen Schmierentheater mit? Wo ist die Friedensbewegung? Warum putscht nicht endlich die Bundeswehr gegen die völlig realitätsblinden, feigen, rückgratlosen und USA-devoten Politiker in Berlin?

    Hier werden Menschen (deutsche Soldaten und Afghanen) völlig sinnlos umgebracht. Warum fallen wir den Verantwortlichen nicht endlich in den Arm?

    Ich hoffe, dass alle verantwortlichen deutschen Politiker und Parlamentarier (die diesem sinnlosen Krieg zugestimmt haben) eines nicht fernen Tages sich verantworten müssen!

  5. kämpfen dürfen, offenbaren Ihre braune Gesinnung. Sie wissen ja vermutlich selbst
    dass dies eine Propagandalüge ist.

    Was für Alternativen zu den Rules of Engagement schlagen Sie denn vor? Erschiessungen von Zivilisten als Bestrafungsaktion für Partisanenattacken vielleicht?

  6. Also nichts als Lüge, Vertuschung, Halbwahrheiten und Geheimniskrämerei. Warum ist das alles geheim? Welche Funktion haben Parlamentarier, wenn sie ihr Wissen nicht verwenden dürfen. Das stinkt zum Himmel und hat mit Demokratie nichts zu tun.

  7. Die Regierungsseite muss endlich einsehen, dass sie sich in einem Krieg befindet. Auch wenn sie das selbst nicht will, der Gegner der ISAF (Taliban usw.) sieht das so. Da kann sich Herr zu Guttenberg noch so in spitzfindigen Wortneuschöpfungen (kriegsähnliche Situation usw.) ergehen. Die Lage vor Ort spricht die Sprache der asymmertischen Kriegsführung. Die Taliban halten sich ganz bewusst nicht an die Haager Landkriegsordnung. Sie machen sich nicht als kämpfende Truppe kenntlich. Zivilisten dienen den Taliban als Schutz und Tarnung und sie nehmen deren Tod mindestens billigend in Kauf, lasten sie den 'Besatzern' an und instrumentalisieren sie.
    Wenn Bundesregierung und Generlastab sich hinstellen und sagen, dass ihnen zunächst keine Berichte über getötete Zivilisten bei Kundus vorgelegen haben, zeigt das, dass sie ihre Augen vor der Realität verschließen.
    Bei jedem Angriff der ISAF muss, schon wegen der oben beschriebenen Taktik der Taliban sich möglichst lange im Schutze der Zivilbevölkerung zu bewegen, zunächst einmal mit Opfern unter der Zivilbevölkerung gerechnet werden. Eine Tatsache, der sich der Nachrichtenoffizier, der die später von den Generälen gelöschte Meldung platzierte, wohl bewusst war. Eine Tatsache(nentscheidung) die durch die Aufklärung vor Ort (siehe NATO-Bericht) bestätigt wurde.
    Die nachträgliche Löschung der Meldung, durch zwei Genräle legt den Anfangsverdacht der bewussten Vertuschung mehr als nahe. Die Frage: Auf wessen Veranlassung?

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