Indirekte Gespräche Bloß keine Verhandlungen!

Indirekte Gespräche – zu mehr sind Israelis und Palästinenser nicht in der Lage. Denn beiden Seiten ist der Status quo lieber als schmerzhafte Kompromisse. Ein Kommentar

Symbol des Stillstandes: die Mauer im Westjordanland

Symbol des Stillstandes: die Mauer im Westjordanland

Ein geflügeltes Wort in Nahost besagt: Die Israelis wollen Gespräche, aber keinen Deal; die Palästinenser wollen alles sofort, aber nicht verhandeln. Beide haben ihren Wunsch gerade erfüllt bekommen: Sie werden unter der Ägide des US-Nahostbeauftragten George Mitchell stattfinden und heißen in Diplo-Sprech proximity talks, Gespräche, wo sich die beiden Delegationen Wand an Wand, aber nicht Auge in Auge versammeln. Die Israelis kriegen also ein Gesprächsritual, und die Palästinenser können behaupten, dass es keine Gespräche gibt, jedenfalls keine richtigen.

Das ist lächerlich. Israelis und Palästinenser reden seit 20 Jahren, seit Beginn des "Oslo-Prozesses", miteinander, ganz ohne Zettelträger und Dolmetscher. Sie reden auch heute jeden Tag miteinander – über ganz praktische Probleme der Koexistenz, aber eben auf Arbeitsebene. Außerdem arbeiten die Armee und die Sicherheitskräfte der Palästinenser recht gut zusammen.

Anzeige

Beide Seiten haben allerdings gute Gründe, ernsthafte Gespräche zu vermeiden, weil jede so manchen Traum begraben müsste. Die Israelis: den Traum von der ungeteilten Hauptstadt Jerusalem, die auch eine palästinensische sein soll, und vom Siedlungsrecht im biblischen Israel, dessen Aufgabe die gewaltsame Umsiedlung von einer Viertelmillion Menschen nach sich ziehen würde. Die Palästinenser: den Traum von der absoluten Souveränität und vom Rückkehr-Recht. Israel wird seine Ostgrenze nach der Erfahrung mit der Räumung Gazas durch allerlei Sicherheitsvorposten bis zum Jordan schützen wollen und allenfalls ein symbolisches Rückkehr-Recht zugestehen, damit der Staat nicht demografisch ausgehebelt werde.

Gegen solche Verzichts-Albträume sieht der Status quo geradezu prächtig aus, und das ist just der Grund, weshalb beide Seiten kein gesteigertes Interesse an echten Verhandlungen haben. Auf der Seite der Westbank-Palästinenser kommt noch ein weiterer Faktor dazu. De facto ist die israelische Armee die Lebensversicherung der Regierung Abbas/Fayyad – und zwar gegen die Bedrohung im eigenen Lager durch Hamas, die in Gaza herrscht, aber auch reichlich Anhänger am Westufer hat.

Jede Seite müsste sehr schmerzhafte Kompromisse eingehen, die sie besser auf der langen Bank aufgehoben sehen. Beide Seiten befinden sich in einer Situation, in der sie den aktuellen Zustand für besser halten als dessen Veränderung, die hohe Risiken und nur ungewisse Gewinne verspricht. Anders ausgedrückt: Auch ein mächtigerer Vermittler als der US-Gesandte George Mitchell, nämlich Bill Clinton, hat in Camp David 2000 nichts bewegen können.

Die kommenden Gespräche werden diese psycho-politischen Betonblöcke kaum verschieben, und deshalb sind alle zufrieden. Der israelische Premier Netanjahu hat die indirekten Verhandlungen schon begrüßt, Die Arabische Liga hat sie den Palästinensern "erlaubt". Palästinenser-Präsident Abbas hatte sich schon vor dem Treffen der Liga in Kairo verpflichtet, deren Entscheidung zu akzeptieren. Wenn sich alle so einig sind, darf man schließen, dass keiner schmerzliche Konsequenzen befürchtet.

 
Leser-Kommentare
  1. Dann ist ja alles in Ordnung. Muessen wir nur noch fragen
    fuer wie lange dort noch Geld hingeschickt werden muss
    (auch die UNO Stationierung ist sehr teuer) das wir hier
    dringend benoetigen.

  2. Sie sagen: "Die Israelis kriegen also ein Gesprächsritual, und die Palästinenser können behaupten, dass es keine Gespräche gibt, jedenfalls keine richtigen."

    Denken Sie im Ernst, dass in Anbetracht der anhaltenden Siedlungspolitik, die mit einer Art gewaltsamen Vereinnahmung der dort bestehenden politischen Verhältnisse zu vergleichen ist, sachliche Verhandlungen führbar sind?

    Meinen Sie als Jude und somit als Angehöriger eines Volkes, das religiös-historische Ansprüche auf eine vermeintlich berechtigte Landnahme in Judäa-Samaria erhebt, nicht auch, dass es Netanyahu gar n i c h t um Verhandlungen geht, solange seine "Politik der vollendeten Tatsachen" mit viel Geld und Waffenpotential (nicht zuletzt auch durch die Einflussnahme der mächtigen Israel-Lobby in den USA) abgesichert ist?

    • colca
    • 08.03.2010 um 16:26 Uhr

    Herr Joffe mag Recht damit haben, dass beide Seiten die notwendigen Kompromisse eines Friedensabkommens fürchten und innenpolitisch nur schwer durchsetzen könnten.
    Allerdings stimmt es nicht, dass sowohl Israel als auch die Fatah-Regierung mit dem Status Quo leben können - weil es keinen Status Quo gibt. Vielmehr gibt es einen immer weiter gehenden Siedlungsbau in der Westbank und Ostjerusalem, wird die Fragmentierung der Territoriums eines zukünftigen Palästinenserstaates zügig fortgesetzt.
    Eigentlich glaubt niemand mehr ernsthaft an eine funktionierende 2-Staaten-Lösung. Nur wie soll die Zukunft der Region dann aussehen?

  3. zwischen Israel und Iran wird es in Palestina nie einen Frieden geben.
    Vielleicht nach dem Showdown,weil dann alles kaputt ist.

  4. "Meinen Sie als Jude und somit als Angehöriger eines Volkes, das religiös-historische Ansprüche auf eine vermeintlich berechtigte Landnahme in Judäa-Samaria erhebt..."

    Im wesentlichen handelt es sich um einen Konflikt zwischen Israelis und Palestinensern, also den Bewohnern Israels, nicht um Juden per se. Und ob Sie es glauben oder nicht, auch in Israel gibt es unterschiedliche Positionen, sogar Parteien, die unterschiedlicher Meinung sind. Ihr Wortschatz und Ihre Einstellungen sind für mich völkisch geprägt - sie zeigen selbst, welch Geistes Kind Sie sind.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Ihr Wortschatz und Ihre Einstellungen sind für mich völkisch geprägt - sie zeigen selbst, welch Geistes Kind Sie sind."

    Leider ist die Ursache des verwirrenden, aus meiner Sicht sachlich und staatsrechtlich sowie internationalrechtlich falschen, Wortgebrauchs [ - da gebe ich Ihnen Recht - ]
    komplexer und anders als vermutet:

    "Wir sind besorgt, weil die Öffentlichkeit einseitig den jüdischen Staat verurteilt, statt endlich zu begreifen, wer die Wurzel des Übels ist."
    http://www.zentralratdjud...

    "Der Staat Israel definiert sich als jüdischer Staat"
    http://www.bpb.de/themen/...

    "Ihr Wortschatz und Ihre Einstellungen sind für mich völkisch geprägt - sie zeigen selbst, welch Geistes Kind Sie sind."

    Leider ist die Ursache des verwirrenden, aus meiner Sicht sachlich und staatsrechtlich sowie internationalrechtlich falschen, Wortgebrauchs [ - da gebe ich Ihnen Recht - ]
    komplexer und anders als vermutet:

    "Wir sind besorgt, weil die Öffentlichkeit einseitig den jüdischen Staat verurteilt, statt endlich zu begreifen, wer die Wurzel des Übels ist."
    http://www.zentralratdjud...

    "Der Staat Israel definiert sich als jüdischer Staat"
    http://www.bpb.de/themen/...

  5. Die Ueberschrift sagt schon alles. Und nun wisen wir auch, wie das geht. Wie man heute erfuhr, haben die Israelis justament vor dem Beginn der Verhandlungen, ein weiteres O.K. fuer die Siedlungserweiterung gegeben. Na bitte, so einfach kann man Verhandlungen, die man eigentlich gar nicht will, verhindern.

  6. der artikel ignoriert die tatsache, dass hier nicht israelis mit palaestinensern reden (auch nicht indirekt), sondern lediglich israelis mit herrn abbas, einem hoerigen vasallen, der weder die interessen seines (eigenen) volkes, zumindest aber nicht dessen willen vertritt. die wahren autoritaeten schmoren entweder hinter israelischen gittern oder verhungern im blockierten gazastreifen.

  7. Versehentlich war ich in die Kommentare betr "Siedlungsstop"
    gekommen und hatte dort meinem Minibeitrag zu dem Thema
    dieser Rubrik nicht gefunden.
    Nochmal im Klartext: Ich bin kein Nahost-Spezialist, aber ich kenne die Situation aus verschiedenen Besuchen und vielen Gespraechen mit Palaestinianer und Israelis. Ich halte die Ansicht von Herrn Joffe fuer wahrscheinlich. Wir
    finanzieren dieses Theater und sollten damit aufhoeren. In
    verschiedenen afrikanischen Laendern (Moçambique, Angola u. noch weitere) hat man zig Jahre auf Kosten der Weltgemein-
    schaft gemuetlich in Luxushotels monatelang verhandelt -
    bis irgendwann niemand mehr die Rechnung bezahlen wollte.
    Da ging es auf einmal. Kein Geld und auch keine Uno-Truppen
    mehr in die Region. Dann passiert dort was.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service