Obamas Gesundheitsreform Professionell mangelhaft
Wegen Verfahrensfehlern muss das US-Abgeordnetenhaus erneut über die Gesundheitsreform abstimmen. Den Demokraten schadet das, doch die Reform ist nicht gefährdet.
© Ron Sachs-Pool/Getty Images

Ihn trifft keine direkte Schuld am Verfahrensfehler, doch US-Präsident Obama muss auch dafür geradestehen
Der parlamentarische Kampf um die US-Gesundheitsreform geht in eine neue Runde. Wegen Verfahrensfehlern in mindestens zwei Details wird das Abgeordnetenhaus noch einmal über die Reform abstimmen müssen. Republikaner frohlocken, damit gerate die Demokratische Partei unter Druck und es könne gelingen, die Reform doch noch zu verhindern. Am Sonntag hatte das Abgeordnetenhaus das Gesetz mit knapper Mehrheit beschlossen. Präsident Obamas Partei betont, die Reform sei nicht gefährdet. Es gehe um zwei unbedeutende Ausführungsbestimmungen. Obama hat das Gesetz am Dienstag bereits unterzeichnet.
Die Verfahrensprobleme kamen in der Nacht zu Donnerstag ans Licht, als der Senat über ein Paket von Änderungswünschen beriet, die das Abgeordnetenhaus parallel zur Reform beschlossen hatte. Das ungewöhnliche Verfahren, dass der Kongress ein Gesetz beschließt und direkt anschließend über Änderungen dieses Gesetzes abstimmt, war gewählt worden, weil die Demokraten zwar eine klare Mehrheit im Abgeordnetenhaus haben, im Senat jedoch die Gestaltungsmehrheit (60 von 100 Sitzen) verloren hatten. So übernahm das Abgeordnetenhaus am Sonntagabend mit 219 zu 212 Stimmen zunächst die Gesetzesfassung, die der Senat vor Wochen beschlossen hatte – und ergänzte sie anschließend um Änderungswünsche. Die treten aber nur in Kraft, wenn der Senat sie bestätigt.
In dem gewählten Verfahren, das Reconciliation heißt, sind gewisse Bedingungen zu beachten. Der Vorteil für die Demokraten: Für Änderungen sind nur 51 von 100 Stimmen im Senat erforderlich; die haben sie sicher. Der Nachteil: Im Reconciliation-Verfahren sind nur Änderungen zulässig, die nicht zu erhöhten Staatsausgaben führen. Und es dürfen keine Zusätze beschlossen werden, die eine erneute Beratung in den Fachausschüssen erfordern. Dann würde die ganze Reform möglicherweise wieder an beide Kammern zurückverwiesen.
Am Mittwochabend entbrannte ein harter Kampf im Senat. Die Republikaner stellten in großer Zahl Änderungsanträge, die nur den Zweck hatten, die Demokraten bloßzustellen oder sie zu Verfahrensfehlern zu verleiten. Unter anderem verlangte Senator Tom Coburn aus Oklahoma, man müsse ausdrücklich beschließen, dass verurteilten Sex-Straftätern nicht das Potenzmittel Viagra aus Steuermitteln verschrieben werden dürfe. Die Demokraten lehnten diesen und andere Anträge mit ihrer Mehrheit ab – auch um nicht Gefahr zu laufen, dass die Reform an die Ausschüsse zurückverwiesen wird. Doch die Republikaner haben nun die gewünschten Bilder zu Coburns Antrag und werden im Wahlkampf behaupten, man sehe daran, dass es Ziel der Demokraten sei, verurteilte Sex-Straftäter auf Staatskosten mit Viagra zu versorgen.
Beim einen Verfahrensfehler geht es darum, dass im Entwurf des Änderungspakets die maximale Höhe staatlicher Zuwendungen für ein Bildungsprogramm fehlt, das mit der Gesundheitsreform verknüpft wurde. Beim anderen um die Frage, ob fahrbare Mammografie-Systeme, die Frauen in entlegenen Gebieten die Brustkrebs-Früherkennung ermöglichen, Mineralölsteuer zahlen oder nicht.
Das eigentliche Versagen in der Verfahrenssache liegt jedoch nicht primär bei Obama, sondern bei den Demokraten im Kongress, die über die Gesetzgebungsregeln zu wachen haben. In der öffentlichen Wahrnehmung schmälern die Fehler den Wert der Reform, die der Präsident gerne als patriotisches Jahrhundertwerk darstellen möchte. Nun wachsen Zweifel, ob die Demokraten wissen, was sie tun.
Parallel schadet es freilich auch der Glaubwürdigkeit der Republikaner, wenn Reformgegner Todesdrohungen gegen Demokraten ausstoßen. In den Büros und Privatwohnungen mehrerer Abgeordneter, die für die Reform gestimmt haben, wurden Scheiben mit schweren Steinen eingeworfen und gingen Drohanrufe ein. Die Kongresspolizei nahm Ermittlungen auf und beriet die Volksvertreter, wie sie sich schützen können. Obamas Partei schweißt das auf jeden Fall zusammen. Die Reform an sich ist nicht gefährdet.
- Datum 25.03.2010 - 18:10 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 3
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Es ist sogar recht sicher, dass die Demokraten nicht ganz genau wissen was sie da tun, auch ist die ganze Reform sehr fehlerhaft. Wie man an dem Kampf aber sieht, sollte die Reform tatsächlich Obamas Legislaturperiode überdauern, heiligt der Zweck in diesem Fall die Mittel. Allerdings hätten sie auf jeden Fall eine bessere Schlacht halten können, wenn sie selbst früh genug die Amis über die Reform informiert hätten und mehr der eigenen Korruption widerstanden hätten.
Am Ende könnte dieser Kampf auch der ganzen Welt schaden, falls die Rep. im Kongress im Nov. die Mehrheit gewinnen und Obama sich im Kampf gegen die GOP verirrt. Wenn man sieht welchen Schachsinn sie in Texas beschließen, wie z.B. trotz Protesten der Historiker die Schulbücher an deren Meinung anzupassen.
"Beim anderen um die Frage, ob fahrbare Mammografie-Systeme, die Frauen in entlegenen Gebieten die Brustkrebs-Früherkennung ermöglichen, Mineralölsteuer zahlen oder nicht."
Schön das debattiert wird, ob fahrbare Mammografie-Systeme Mineralölsteuer zahlen!
Diese Darstellung ist äußerst missverständlich. Es ging keineswegs um eine erneute Abstimmung zur Gesundheitsreform. Diese wurde in der Version des Senats am Sonntag, 21.3. gebilligt und durch die Unterschrift des Präsidenten am folgenden Dienstag Gesetz.
Was erneut abgestimmt werden musste war lediglich das Änderungsgesetz, mit dem die größten Unstimmigkeiten zwischen Senat und Repräsentantenhaus beseitigt wurden. Die gestrichenen Passagen beschäftigten sich auch nicht mit der Gesundheitsreform, sondern mit der Vergabe föderaler Mittel in Studienkrediten. Das hat nichts mit einem "Bildungsprogramm, das mit der Gesundheitsreform verknüpft wurde" zu tun, wieder Artikel meint, sondern ist der Tatsache geschuldet, dass diese gleichermaßen sehr umstrittene Reform (Regierungsmittel für Studienkredite sollen nicht mehr von privaten Banken vergeben werden) aus politischem Kalkül mit dem Änderungsgesetz verknüpft wurde.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren