Folgen einer Naturkatastrophe Ein soziales Beben für Chile
Die schweren Erdbeben in Chile haben auch soziale und politische Missstände zu Tage befördert. Claudius Prößer berichtet aus der zerstörten Stadt Talcahuano.
Hinter dem Ortseingang von Talcahuano liegt ein halbes Pferd. Der hintere Teil des Rumpfes fehlt, verwesendes Fleisch klafft aus dem Körper. Der Gestank mischt sich mit dem von Fischmehl, das überall aus aufgeplatzten Ballen quillt. Das Meer hat sie hier hingeworfen, dasselbe Meer, das jetzt wieder einen knappen Kilometer entfernt in der Sonne schimmert.

Bilder der Zerstörungen, die das Beben hinterließ
In den Morgenstunden des 27. Februar drang es mit zerstörerischer Wucht in die Hafenstadt ein, kurz nachdem Mittel- und Südchile von einem Erdbeben der Stärke 8,8 erschüttert worden waren. Auch noch eine Woche danach bedeckt ein Schicht aus Schlamm und Müll das Zentrum von Talcahuano. Große Fischerboote liegen kreuz und quer auf dem Kai, an die 20 Überseecontainer hat der Tsunami bis in die angrenzenden Straßen geworfen. Schlimm getroffen ist auch die Marinewerft. An der Einfahrt fegen Matrosen Staub zu kleinen Häufchen, es wirkt hilflos, wie ein Übersprungverhalten.
Aber nicht bloß eine Laune der Natur hat Talcahuano entstellt. In der Avenida Cristóbal Colón wurden alle Geschäfte, vom Supermarkt bis zum winzigen Lädchen, aufgebrochen und geplündert. Hier hat es gebrannt, dort liegen Scherben – ein Bild wie aus Bürgerkriegsgebieten, das sich in vielen der vom Beben getroffenen Orte wiederholt. Wen auch immer man dieser Tage fragt, er erzählt die gleiche Geschichte: Wie schon am ersten Tag nach der Katastrophe Rollläden aufgestemmt wurden, wie Menschen erst Lebensmittel aus den Läden trugen, dann Plasmabildschirme, Zigarettenstangen, Fahrräder und am Ende selbst die Wurstschneidemaschine aus der Fleischerei. Dass nicht nur Arme und Verzweifelte volle Einkaufswagen aus den Geschäften schoben, sondern auch Menschen mit Arbeitsplatz und Auto. Wenn alle anderen die Gunst der Stunde, die Dunkelheit, die völlige Überforderung der Polizei nutzten, warum sollte man da außen vor bleiben?
Irgendwann waren die Geschäfte leergeräumt, für die meisten hörte der Spaß hier auf. Im Gegenteil, sie bekamen jetzt Angst um ihr eigenes Hab und Gut. Gerüchte gingen um, dass Banden aus den ärmsten Vierteln im Schutz der Dunkelheit Beutezüge durch verlassene wie bewohnte Häuser machten. Am zweiten Tag nach dem Beben organisierten sich Nachbarn, um nachts an der Straßenecke Wache zu schieben. Man bewaffnete sich mit Stöcken und Baseballschlägern. Auch jetzt noch brennen, wenn die Sonne untergeht, Autoreifen zwischen herabgefallenen Ziegeln und Putzbrocken.
"Das soziale Erdbeben war schlimmer als das eigentliche", findet Hernán Cortez. Der stämmige, sommersprossige Mann im karierten Hemd ist Vorsitzender der Fischereigewerkschaft von Coronel, eine Autostunde südlich von Talcahuano und der Regionalhauptstadt Concepción. "Hier herrscht eine Massenpsychose. Die Mittelschicht verdächtigt uns Arbeiter, die Arbeiter die Arbeitslosen, ein Viertel das andere." Den Vertreter von rund 1.500 Seeleuten, die die Fischmehlfabriken am Ort beliefern, treiben noch ganz andere Sorgen um: Das Seebeben hat die beiden Landungsbrücken stark beschädigt, sie müssen neu errichtet werden. Momentan fährt niemand auf See, weil die Fabriken stillstehen und Angst vor einer neuen Flutwelle umgeht. Erst am Mittwoch, nach einem stärkeren Nachbeben, hatten Feuerwehrleute falschen Alarm gegeben, Menschen waren in Panik auf die Hügel geflohen. Manche trauen sich gar nicht mehr für längere Zeit in den Uferbereich, sie hausen weiter oben in Zelten.
Einem Kriegsgebiet gleicht die Region inzwischen auch in anderer Hinsicht: Am dritten Tag hat die Regierung den Ausnahmezustand verhängt, die Streitkräfte sind mit tausenden Soldaten einmarschiert. In der Innenstadt von Concepción patrouillieren Rekruten aus allen Landesteilen, in olivgrünen Uniformen und in den sandfarbenen der Wüstenregionen des Nordens. Nicht als freundliche Helfer sind sie gekommen, sondern um eine Drohkulisse aufzubauen gegen Plünderer und Unruhestifter. Den Finger haben sie immer am Abzug des Karabiners.
In der Bío-Bío-Region gilt bis auf Weiteres eine 18-stündige Ausgangssperre. Wer keine Sondererlaubnis besitzt, darf sein Haus zwischen 18 Uhr abends und 12 Uhr mittags nicht verlassen. Mit Zuwiderhandlungen ist nicht zu spaßen. Angeblich gilt die Regel: Der erste Schuss geht zur Warnung in die Luft, der zweite direkt auf den Körper. Viele Menschen erinnert die Szenerie an die Repression der Pinochet-Diktatur, trotzdem betrachten es die meisten als folgenschweren Fehler der scheidenden Regierung, die Truppen nicht sofort aus den Kasernen geholt zu haben.
"Man hätte uns nur rufen müssen", sagt Oberstleutnant Raimundo Peña, "wir wären sofort gekommen." Dass er für das Krisenmanagement der sozialistischen Präsidentin Michelle Bachelet nur Verachtung übrig hat, steht ihm ins Gesicht geschrieben. "Aber in Krisensituation kommt nicht nur das Schlechte des Menschen zum Vorschein, sondern auch das Gute. Sehen Sie sich das an!" Der hochgewachsene Mann mit den blauen Augen blickt stolz über den Parkplatz eines Einkaufszentrums von Concepción. Seit Montagabend packen hier mehrere hundert Freiwillige Lebensmittelspenden der Nationalen Katastrophenbehörde in Tüten, die mit Lastwagen an die Haushalte der umliegenden Gemeinden verteilt werden. Das Militär hat die Logistik an sich gezogen, auch hier laufen bewaffnete Soldaten zwischen den Paletten mit Mehl oder Nudeln auf und ab, als gelte es, Zwangsarbeiter in Schach zu halten.
Die jugendlichen Helfer ficht das nicht an. Sie behalten ihre gute Laune, während sie zehntausende Plastiktüten verknoten und zu Haufen türmen. Die ganze Nacht über wird das so gehen: Wegen der Ausgangssperre schläft immer eine Schicht unter dem Vordach des riesigen Supermarkts auf dem Boden. Wenn es wieder einmal bebt, schrecken die Schlafenden auf und rennen unter schadenfrohem Gelächter der anderen panisch ins Freie. Ein wenig angestrengt klingt das Lachen allerdings auch.
Mehrere Kilometer weiter bohrt sich schweres Gerät durch die Wände eines Hochhauses. Der nagelneue Zwölf-Geschosser am Ufer des Bío-Bío-Flusses im Zentrum von Concepción ist in der Bebennacht einfach umgefallen, vermutlich wurde bei der Berechnung der Bodenstatik geschlampt. Einige Bewohner konnten sich selbst retten, andere wurden lebend herausgeholt. Inzwischen vermutet man höchstens noch Tote unter den Trümmern. Das Interesse der Fernsehsender, die seit Tagen von hier aus live übertragen, lässt ein wenig nach.
Ihre Kameras haben sie jetzt auf Jacqueline van Rysselberghe gerichtet, eine 45-Jährige mit mädchenhaften Zügen, Jeans und Pferdeschwanz. Van Rysselberghe ist die Bürgermeisterin von Concepción und eine Hoffnungsträgerin der rechten Partei UDI. Obwohl auch sie in den vergangenen Tagen kaum geschlafen haben dürfte, wirkt sie gelöst: Eben gerade hat Sebastián Piñera sie zur künftigen Regierungschefin der Bío-Bío-Region ernannt. Piñera, der am 11. März das Präsidentenamt von Michelle Bachelet übernimmt, hatte die Kriminalität zum obersten Wahlkampfthema erhoben. Das ist auch van Rysselberghes Linie, und die Ereignisse scheinen den beiden Recht zu geben.
Warum sie von Anfang an den Einsatz bewaffneter Truppen gefordert habe, möchte man von ihr wissen. "In dieser Stadt gibt es Vandalismus", sagt van Rysselberghe. "Nach den Zerstörungen war sie den Kriminellen schutzlos ausgeliefert." Natürlich bekräftigt sie das Versprechen des gewählten Präsidenten, eine Politik der harten Hand zu fahren. Um Stadt und Region zu befrieden, wird es aber noch mehr brauchen – viel Geld. Die Region lebte einst von Kohlebergbau und Industrie, heute gehört sie zu den ärmsten Chiles. Nach dem Beben wird sich diese Problematik verschärfen.
Zurzeit steht das öffentliche Leben fast still. Kaum ein Geschäft öffnet, manche haben "Ya fui saqueado" an ihre Tür geschrieben: Ich wurde bereits geplündert, Einbruch zwecklos. In eine Apotheke an der zentralen Plaza lassen Soldaten die Kunden nur einzeln eintreten, eine lange Menschenschlange bildet sich. Noch längere Schlangen stehen vor dem Busbahnhof: Die Menschen wollen weg, in unzerstörte Städte. Städte, in denen das Zusammenleben noch funktioniert – oder wo es zumindest so aussieht.
- Datum 06.03.2010 - 12:58 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Ja es schmerzt, die Folgen zur Kenntnis zu nehmen, die Herr Prößer in seinem Artikel beschreibt. Erst waren es nur die Lebensmittel, die mancher vielleicht drigend zu Überleben brauchte, dann ging es zu Luxusgütern über, die auch Leute stahlen, die nicht zur unteren Schicht gehören. Zwei Gedan-ken dazu: 1) wie weit ist dieses Verhalten von der Auffas.-sung entfernt - "von meinem Geld leben die Prekären" also hole ich mir meinen Teil (schlimmstens durch Steuerbetrug, aber auch "harmlos" indem ich von den Billigstdienstlei-stungen die aus Billigstlöhnen der Prekären kommen, profi-tiere) ? 2. In Südmerika werden solche sozialen Probleme gelöst, indem die Gorillas "die Nation retten". Ich habe zwei Jahrzehnte "Erfahrung" mit dieser Lösung in Brasilien. Nach der Diktatur sind die sozialen Probleme meist noch schlimmer.
Un saludo cordial
Jesús
Die Chilenen haben sich einfach die zentrale Aussage von Vulgärkapitalismus und Neoliberalismus zu Herzen genommen, die da lautet, wenn jeder sich wie ein egoistisches A*loch benimmt, ist das am besten für alle. Das kann man auch in Großbritannien beobachten. Und uns sind die auch nur 10 Jahre voraus.
Unser "Basisbetriebssystem" war Affe, ist Affe und bleibt Affe. In der Evolution haben wir nur eine grafische Benutzeroberfläche darübergestülpt und nennen das "Kultur".
Leider waren, sind und bleibenden die Wirtschafts"wissenschaftler" anthropologisch gesehen die reinsten Analphabeten, deshalb kommen sie zur "reinen Lehre" und damit zu Lösungen, die exakt falsch sind. Ich hätte es lieber ungenau richtig als exakt falsch. Da nun Politiker als einzige Qualifikation die Fähigkeit benötigen, die Wähler dazu zu bringen, das Kreuzchen hinter deren Namen zu machen, kann man von denen auch nichts Positives erwarten. Und da die Evolution keine Rücksicht auf das Individuum nimmt, sondern die Art maßgebend ist, sehen die Aussichten für uns arme Schweine ziemlich trübe aus. Es gibt nur einen Trost ( der aber auch keiner ist ): Alles nicht persönlich gemeint, nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.
dieser Erde, würden die eigentlichen Mißstände nach oben gedrückt, gäbe es dort auch ein ähnliches Beben.
Nach Kathrina und News Orleans, war nicht einmal die Weltmacht handlungsfähig.
Was wäre erst gewesen, hätte es in Kalifornien ein zu erwartendes Erdbeben gegeben?
In Brasilien, Argentinien, Kolumbien, Mexico, in Italien, Frankreich, oder aber in Deutschland.
Der ganze unter den Teppich gekehrte Dreck der letzten Jahrzehnte, käme plötzlich ans Tageslicht.
In Deutschland fahren nicht mal die Züge pünktlich, bricht bei uns etwas zusammen, dann aber so richtig.
Orpheus
Für Plünderungen braucht es in einigen Gegenden Deutschlands nicht mal ein Erdbeben.
Wer meint, die Decke der Zivilisation sei dick und doppelt gesichert, irrt sich einfach. Sie ist dünn und zerbricht im gleichen Verhältnis der Knappheit von Gütern geapaart mit Gier. Denn sonst wäre in einigen Gegenden der Welt sowas ja regelmäßig auf der Tagesordnung. Die meisten Menschen können immer noch mit Knappheit umgehen und nicht nur, weil Polizei droht.
Einige sind auf solche Zustände eben besser vorbereitet, weil sie auch ohne Katastrophen unter den von Knappheit und eben dieser Gier bestimmten Umständen leben mussten.
Wobei ich die im ersten Absatz genannten Phänomene audrücklich ausnehmen möchte.
Das Militär „kam nicht als freundlicher Helfer“? Ein paar Richtigstellungen.
Erstens: das Militär mit ist eine grosse Hilfe. Ich habe miterlebt, wieviele Spenden in der Kaserne ankamen und von dort zur Küste (per Heli und Laster).
Zweitens: Plünderungen (ein explosives Phänomen) musste die Regierung von vornherein erwarten. Aber aus Ansgt von einer "militarisierung" wurde die Verhängung des "Katastrophenzustands" verzögert. Danach haben die Kommandanten lange gezögert: zu wenig Truppen vor Ort, deshalb Eskalationsgefahr. Also wurden erst mehr Soldanten in die betroffenen Regionen geschickt.
Währen dieser Zeit wuchs die Plünderungswelle. Also musste Ausganssperre einen beträchtlichen Teil des Tages betreffen, um die Situation beruhigen und es nicht etwa zu massiven Verhaftungen kommen lassen. Übrigens: vor Warnschüssen kommt die Arrestation: nur wer einen Fluchtversuch macht, riskiert Schüsse.
Die meisten hier sind dankbar für den umsichtigen Einsatz des Militärs (ohne Ausschreitungen). Viele Plünderer haben sogar angefangen, die Sachen freiwillig zurückzugeben.
Der Autor zeichnet ein Bild des Militärs als Unterdrückungsapparat, noch dazu mit dem Verweis auf Pinochet. Ganz im Gegenteil: durch diese ungewollte und tragische Episode hat das Militär gezeigt, dass es heute im Dienste der zivilen Gesellschaft steht.
Martin Schaffernicht
Talca (Chile)
zu welcher Art von 'Selbstversorgung' es bei uns
kommen würde, bräche um uns herum plötzlich die Welt zusammen und es wäre nicht absehbar, wann unsere Kinder wieder etwas zu essen und Verletzte versorgt werden könnten. Zur Erinnerung noch ein paar drastische Fotos ...
http://www.boston.com/big...
In der Verzweiflung und Anonymität des Chaos würde auch hier mancheiner zuerst an sich und die Seinen denken, bevor er unzerstörte Lager voller Lebensnotwendigkeiten unangetastet den glücklichen Besitzern überließe.
Da in Chile die Ärmsten im Lande ohnehin immer am stärksten von Erdbeben betroffen sind, weil ihre Behausungen alles andere als erdbebensicher sind, sie von der Hand in den Mund
leben und auch viel zu dicht an den gefährdeten Küstenstreifen siedeln, haben sie auch keinen sonderlichen Respekt vor dem gesicherten Besitz der Besitzenden. Obwohl Chile eines der sichersten Länder Südamerikas ist, fürchten sich die Besitzenden auch hier vor Überfällen und Einbrüchen auch in Ruhezeiten. Es brodelt also immer noch zwischen den Besitzständen, und Straftaten werden unzureichend verfolgt. Der neue Präsident sollte sich aber nicht nur auf die Strafverfolgung konzentrieren, sondern an die sozialen Wurzeln gehen!
Ff.
Das folgende Bild erinnert schon ein wenig an vergangene härtere Zeiten ...
http://inapcache.boston.c...
Ob vornehmere Täter, mit einem Flachbildschirm unterm Arm erwischt, auch so niederknien
müssten?
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