Die jugendlichen Helfer ficht das nicht an. Sie behalten ihre gute Laune, während sie zehntausende Plastiktüten verknoten und zu Haufen türmen. Die ganze Nacht über wird das so gehen: Wegen der Ausgangssperre schläft immer eine Schicht unter dem Vordach des riesigen Supermarkts auf dem Boden. Wenn es wieder einmal bebt, schrecken die Schlafenden auf und rennen unter schadenfrohem Gelächter der anderen panisch ins Freie. Ein wenig angestrengt klingt das Lachen allerdings auch.
Mehrere Kilometer weiter bohrt sich schweres Gerät durch die Wände eines Hochhauses. Der nagelneue Zwölf-Geschosser am Ufer des Bío-Bío-Flusses im Zentrum von Concepción ist in der Bebennacht einfach umgefallen, vermutlich wurde bei der Berechnung der Bodenstatik geschlampt. Einige Bewohner konnten sich selbst retten, andere wurden lebend herausgeholt. Inzwischen vermutet man höchstens noch Tote unter den Trümmern. Das Interesse der Fernsehsender, die seit Tagen von hier aus live übertragen, lässt ein wenig nach.
Ihre Kameras haben sie jetzt auf Jacqueline van Rysselberghe gerichtet, eine 45-Jährige mit mädchenhaften Zügen, Jeans und Pferdeschwanz. Van Rysselberghe ist die Bürgermeisterin von Concepción und eine Hoffnungsträgerin der rechten Partei UDI. Obwohl auch sie in den vergangenen Tagen kaum geschlafen haben dürfte, wirkt sie gelöst: Eben gerade hat Sebastián Piñera sie zur künftigen Regierungschefin der Bío-Bío-Region ernannt. Piñera, der am 11. März das Präsidentenamt von Michelle Bachelet übernimmt, hatte die Kriminalität zum obersten Wahlkampfthema erhoben. Das ist auch van Rysselberghes Linie, und die Ereignisse scheinen den beiden Recht zu geben.
Warum sie von Anfang an den Einsatz bewaffneter Truppen gefordert habe, möchte man von ihr wissen. "In dieser Stadt gibt es Vandalismus", sagt van Rysselberghe. "Nach den Zerstörungen war sie den Kriminellen schutzlos ausgeliefert." Natürlich bekräftigt sie das Versprechen des gewählten Präsidenten, eine Politik der harten Hand zu fahren. Um Stadt und Region zu befrieden, wird es aber noch mehr brauchen – viel Geld. Die Region lebte einst von Kohlebergbau und Industrie, heute gehört sie zu den ärmsten Chiles. Nach dem Beben wird sich diese Problematik verschärfen.
Zurzeit steht das öffentliche Leben fast still. Kaum ein Geschäft öffnet, manche haben "Ya fui saqueado" an ihre Tür geschrieben: Ich wurde bereits geplündert, Einbruch zwecklos. In eine Apotheke an der zentralen Plaza lassen Soldaten die Kunden nur einzeln eintreten, eine lange Menschenschlange bildet sich. Noch längere Schlangen stehen vor dem Busbahnhof: Die Menschen wollen weg, in unzerstörte Städte. Städte, in denen das Zusammenleben noch funktioniert – oder wo es zumindest so aussieht.
- Datum 06.03.2010 - 12:58 Uhr
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Ja es schmerzt, die Folgen zur Kenntnis zu nehmen, die Herr Prößer in seinem Artikel beschreibt. Erst waren es nur die Lebensmittel, die mancher vielleicht drigend zu Überleben brauchte, dann ging es zu Luxusgütern über, die auch Leute stahlen, die nicht zur unteren Schicht gehören. Zwei Gedan-ken dazu: 1) wie weit ist dieses Verhalten von der Auffas.-sung entfernt - "von meinem Geld leben die Prekären" also hole ich mir meinen Teil (schlimmstens durch Steuerbetrug, aber auch "harmlos" indem ich von den Billigstdienstlei-stungen die aus Billigstlöhnen der Prekären kommen, profi-tiere) ? 2. In Südmerika werden solche sozialen Probleme gelöst, indem die Gorillas "die Nation retten". Ich habe zwei Jahrzehnte "Erfahrung" mit dieser Lösung in Brasilien. Nach der Diktatur sind die sozialen Probleme meist noch schlimmer.
Un saludo cordial
Jesús
Die Chilenen haben sich einfach die zentrale Aussage von Vulgärkapitalismus und Neoliberalismus zu Herzen genommen, die da lautet, wenn jeder sich wie ein egoistisches A*loch benimmt, ist das am besten für alle. Das kann man auch in Großbritannien beobachten. Und uns sind die auch nur 10 Jahre voraus.
Unser "Basisbetriebssystem" war Affe, ist Affe und bleibt Affe. In der Evolution haben wir nur eine grafische Benutzeroberfläche darübergestülpt und nennen das "Kultur".
Leider waren, sind und bleibenden die Wirtschafts"wissenschaftler" anthropologisch gesehen die reinsten Analphabeten, deshalb kommen sie zur "reinen Lehre" und damit zu Lösungen, die exakt falsch sind. Ich hätte es lieber ungenau richtig als exakt falsch. Da nun Politiker als einzige Qualifikation die Fähigkeit benötigen, die Wähler dazu zu bringen, das Kreuzchen hinter deren Namen zu machen, kann man von denen auch nichts Positives erwarten. Und da die Evolution keine Rücksicht auf das Individuum nimmt, sondern die Art maßgebend ist, sehen die Aussichten für uns arme Schweine ziemlich trübe aus. Es gibt nur einen Trost ( der aber auch keiner ist ): Alles nicht persönlich gemeint, nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.
dieser Erde, würden die eigentlichen Mißstände nach oben gedrückt, gäbe es dort auch ein ähnliches Beben.
Nach Kathrina und News Orleans, war nicht einmal die Weltmacht handlungsfähig.
Was wäre erst gewesen, hätte es in Kalifornien ein zu erwartendes Erdbeben gegeben?
In Brasilien, Argentinien, Kolumbien, Mexico, in Italien, Frankreich, oder aber in Deutschland.
Der ganze unter den Teppich gekehrte Dreck der letzten Jahrzehnte, käme plötzlich ans Tageslicht.
In Deutschland fahren nicht mal die Züge pünktlich, bricht bei uns etwas zusammen, dann aber so richtig.
Orpheus
Für Plünderungen braucht es in einigen Gegenden Deutschlands nicht mal ein Erdbeben.
Wer meint, die Decke der Zivilisation sei dick und doppelt gesichert, irrt sich einfach. Sie ist dünn und zerbricht im gleichen Verhältnis der Knappheit von Gütern geapaart mit Gier. Denn sonst wäre in einigen Gegenden der Welt sowas ja regelmäßig auf der Tagesordnung. Die meisten Menschen können immer noch mit Knappheit umgehen und nicht nur, weil Polizei droht.
Einige sind auf solche Zustände eben besser vorbereitet, weil sie auch ohne Katastrophen unter den von Knappheit und eben dieser Gier bestimmten Umständen leben mussten.
Wobei ich die im ersten Absatz genannten Phänomene audrücklich ausnehmen möchte.
Das Militär „kam nicht als freundlicher Helfer“? Ein paar Richtigstellungen.
Erstens: das Militär mit ist eine grosse Hilfe. Ich habe miterlebt, wieviele Spenden in der Kaserne ankamen und von dort zur Küste (per Heli und Laster).
Zweitens: Plünderungen (ein explosives Phänomen) musste die Regierung von vornherein erwarten. Aber aus Ansgt von einer "militarisierung" wurde die Verhängung des "Katastrophenzustands" verzögert. Danach haben die Kommandanten lange gezögert: zu wenig Truppen vor Ort, deshalb Eskalationsgefahr. Also wurden erst mehr Soldanten in die betroffenen Regionen geschickt.
Währen dieser Zeit wuchs die Plünderungswelle. Also musste Ausganssperre einen beträchtlichen Teil des Tages betreffen, um die Situation beruhigen und es nicht etwa zu massiven Verhaftungen kommen lassen. Übrigens: vor Warnschüssen kommt die Arrestation: nur wer einen Fluchtversuch macht, riskiert Schüsse.
Die meisten hier sind dankbar für den umsichtigen Einsatz des Militärs (ohne Ausschreitungen). Viele Plünderer haben sogar angefangen, die Sachen freiwillig zurückzugeben.
Der Autor zeichnet ein Bild des Militärs als Unterdrückungsapparat, noch dazu mit dem Verweis auf Pinochet. Ganz im Gegenteil: durch diese ungewollte und tragische Episode hat das Militär gezeigt, dass es heute im Dienste der zivilen Gesellschaft steht.
Martin Schaffernicht
Talca (Chile)
zu welcher Art von 'Selbstversorgung' es bei uns
kommen würde, bräche um uns herum plötzlich die Welt zusammen und es wäre nicht absehbar, wann unsere Kinder wieder etwas zu essen und Verletzte versorgt werden könnten. Zur Erinnerung noch ein paar drastische Fotos ...
http://www.boston.com/big...
In der Verzweiflung und Anonymität des Chaos würde auch hier mancheiner zuerst an sich und die Seinen denken, bevor er unzerstörte Lager voller Lebensnotwendigkeiten unangetastet den glücklichen Besitzern überließe.
Da in Chile die Ärmsten im Lande ohnehin immer am stärksten von Erdbeben betroffen sind, weil ihre Behausungen alles andere als erdbebensicher sind, sie von der Hand in den Mund
leben und auch viel zu dicht an den gefährdeten Küstenstreifen siedeln, haben sie auch keinen sonderlichen Respekt vor dem gesicherten Besitz der Besitzenden. Obwohl Chile eines der sichersten Länder Südamerikas ist, fürchten sich die Besitzenden auch hier vor Überfällen und Einbrüchen auch in Ruhezeiten. Es brodelt also immer noch zwischen den Besitzständen, und Straftaten werden unzureichend verfolgt. Der neue Präsident sollte sich aber nicht nur auf die Strafverfolgung konzentrieren, sondern an die sozialen Wurzeln gehen!
Ff.
Das folgende Bild erinnert schon ein wenig an vergangene härtere Zeiten ...
http://inapcache.boston.c...
Ob vornehmere Täter, mit einem Flachbildschirm unterm Arm erwischt, auch so niederknien
müssten?
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