Putschpläne Die türkische Armee demontiert sich selbst
Die Putschpläne einiger Offiziere untergraben die Rolle und das Ansehen des Militärs. Das könnte den demokratischen Wandel im Land beschleunigen.
© Adem Altan/AFP/Getty Images

Leitete Ermittlungen gegen die eigene Armee ein: Generalstabschef Ilker Basbug im Gespräch mit Ministerpräsdent Recep Tayyip Erdoğan
Es gibt in der Türkei immer noch Leute, die glauben, radikale Islamisten wollten die Armee unterminieren. Die überzeugt sind, die gemäßigt islamische Regierung von Tayyip Erdoğan sei drauf und dran, die Türkei in einen Gottesstaat wie Iran zu verwandeln. Und die meinen, die Armee sei der letzte Anker, um das alles zu verhindern.
Es ist an der Zeit, mit diesen Vorstellungen aufzuräumen. Denn die einst so mächtige türkische Armee wird nicht von außen bedroht, sie demontiert sich selbst. Der Generalstab musste Anfang der Woche zugeben, dass es in der Armee eine Verschwörung gegen die Regierung gegeben hat. Die Armeeführung bestätigte auf ihrer Website, dass der „Aktionsplan zum Kampf gegen die Reaktion“ echt sei. So echt wie die Unterschrift eines hochrangigen Offiziers unter dem Plan, die Türkei zu zerrütten, um die Regierung zu stürzen.
Die Armee hat eine Untersuchung gegen sich selbst eingeleitet. Das kann ein erster Schritt zur Einsicht und für einen historischen Wandel sein.
Die Ermittlungen des Generalstabs und der Justiz gegen Offiziere treten in eine neue entscheidende Phase. Nach dem Eingeständnis des Generalstabs ist nicht mehr zu bestreiten, dass hochrangige Militärs noch im vergangenen Jahr versucht haben, gegen die Regierung zu putschen. Die Pläne waren zum Teil spinnert, manche heimtückisch, insgesamt waren sie brandgefährlich für das Land.
Um einen Putsch vorzubereiten und zu legitimieren, planten die Offiziere unter anderem, einen Krieg mit Griechenland vom Zaun zu brechen. Moscheen sollten gesprengt, Repräsentanten der Kultur und Gesellschaft umgebracht werden, darunter der bekannte Schriftsteller Orhan Pamuk. Auch Anschläge gegen Minderheiten waren vorgesehen. Dass solche Ideen keine Hirngespinste waren, haben schon die Ermordung des armenischen Publizisten Hrant Dink und christlicher Missionare bewiesen. Dahinter stand allen Indizien nach der „tiefe Staat“, ein informelles Bündnis aus Offizieren, Polizisten, Geheimdienstlern und den mit ihnen verbündeten Juristen und Journalisten, welche allesamt den laizistischen, kemalistischen Staat vor der vermeintlichen islamistischen Bedrohung retten wollen.
Diese Strukturen und die Putschisten in der Armee sind eine große Gefahr für die Türkei. Nicht die konservative Regierung von Erdoğan zielt darauf, den Staat aus seiner Balance zu werfen. Sondern jene Uniformierten und Ideologen, die in einem heiligen kemalistischen Krieg versuchen, Erdoğan und seinen Ministern mit allen zivilen und militärischen Mitteln den Garaus zu machen.
Deshalb sind die Prozesse gegen die Verschwörer gerechtfertigt, notwendig und überfällig. Die Türkei muss ihre dunkle Seite ausleuchten, auch wenn die Armee darüber mehr und mehr an Ansehen im türkischen Volk verliert. Die Wahrheit ist wichtiger als Waffenglanz.
Die Frage ist nur: Wie kommt sie am bestens ans Licht? Die Justiz und die Regierung geben sich dabei unnötige Blößen. Richter und Ermittler ließen in einer groß angelegten Operation eine Vielzahl angeblicher Verschwörer verhaften. Darunter waren aber auch solche, die gar nicht dazu gehörten. Die Aktionen der Ermittler waren zum Teil überzogen, und sie wurden der Öffentlichkeit nicht ausreichend vermittelt. Das fördert nicht unbedingt das Verständnis bei denen, die bislang auf der Seite der Armee standen.
- Datum 04.03.2010 - 12:52 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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zwischen Strenge und Diktatur passt zum Bild der kämpferischen, strafenden Nation. Todestrafe bei Verbrechen, PKK-Zugehörigkeit etc. Im ersten und zweiten Weltkrieg an der Seite der Deutschen gegen die Alliierten als gefährliche Kämpfer bekannt, haben sie ihren Ruf nicht verloren.
Es ist interessant, was sie über die Türkei zu wissen glauben. Dummerweise wurde die Todesstrafe bereits vor Jahren komplett abgeschafft, davon abgesehen fand die letzte Hinrichtung in den 80er Jahren statt ...
Auch die Behauptung, die Türkei hätte im Zweiten Weltkrieg an der Seite des Dritten Reichs gekämpft, ist völliger Schwachsinn.
und das tat sie bereits im 1. WK. Damals hatte das Deutsche Reich zudem die türkischen Offiziere Ausgebildet.
Im 2. WK unterstützte die Türkei sogar die Deutschen bei der Deportation von Juden, so wie es die Franzosen in Frankreich taten.
und das tat sie bereits im 1. WK. Damals hatte das Deutsche Reich zudem die türkischen Offiziere Ausgebildet.
Im 2. WK unterstützte die Türkei sogar die Deutschen bei der Deportation von Juden, so wie es die Franzosen in Frankreich taten.
"Aufgabe der türkischen Justiz ist es, diesen Prozess transparent und rechtsstaatlich zu gestalten. Die Regierung sollte sich da heraushalten und sich stattdessen darauf konzentrieren, schneller als bisher einen wirklichen Rechtsstaat in der Türkei durchzusetzen."
Das wäre wünschenswert und in einem einwandfrei funktionierenden Rechtsstaat auch wohl selbstverständlich, allerdings verhält es sich in der Türkei etwas anders: Große Teile der Justiz gehören nämlich ebenso zum "tiefen Staat" wie die angeklagten Putschisten. Dadurch besteht die Gefahr der Voreingenommenheit der Justiz. Das macht es schwierig für die Politik, sich da völlig herauszuhalten.
Herr Thurmann liegt m.E. falsch der Justiz die Aufklärung der Putschaktivitäten zu übertragen und die Regierung zum "Raushalten" aufzufordern.
Eines ist selbst dem Aussenstehenden doch klar, gerade die Justiz ist doch das Problemin der Türkei.
Sie ist parteiisch und das Gegenteil was man unter fair und Rechtsstaatlichkeit bei uns in der EU versteht.
Sie ist neben dem Militär das Instrument der Machtelite der Kemalisten in der Türkei.
Die Demokratisierung der Türkei durch Erdogan und der AKP bringt zwangsläufig eine Islamisierung mit sich, denn die Muslime die angeblich mehr als 99,8% der Bevölkerung der Türkei ausmachen waren 90 Jahre von den Kemalisten im Staat unterdrückt, denn sonst wäre ja gar keine Westorientierung einer modernen Türkei geglückt.
Jetzt ist der Machtkampf z.G. der islamischen AKP ausgegangen und eine neue islamische Verfassung wird die Putschverfassung der Kemalisten aus 1980 wahrscheinlich bald ablösen müssen.
Der Kemalismus ist aber so oder so auf dem Sterbebett und wird seinem Begründer der bereits 1938 verstarb bald folgen; denn mit demokratischen Mitteln wird es die "moderne Türkei des Kemalismus" bald nicht mehr geben können, bei fast 100% Moslems zuhause, die jetzt dann immer wählengehen werden.
denn von einer "Demokratisierung":
»Die Islamisierung des türkischen Militärs«
Die Verhaftung und Anklage hoher Militärs in der Türkei löst möglicherweise die schwerste Krise aus, seit Atatürk die Republik 1923 gründete. Die vor uns liegenden Wochen werden andeuten, ob das Land in Richtung Islamismus abrutscht oder zu seinem traditionellen Säkularismus zurückkehrt.
http://www.welt.de/debatt...
und das tat sie bereits im 1. WK. Damals hatte das Deutsche Reich zudem die türkischen Offiziere Ausgebildet.
Im 2. WK unterstützte die Türkei sogar die Deutschen bei der Deportation von Juden, so wie es die Franzosen in Frankreich taten.
Verehrter Don,
es geht z.Zt. in der Türkei nicht um eine Entscheidung für oder gegen "Islamismus" und "Säkularismus/Kemalismus". Eine solche simple Einteilung, wie leider in dem von Ihnen empfohlenen Artikel auf Welt Online vorgenommen, wird dem überaus komplexen Sachverhalt "Türkei" in keiner Weise gerecht.
Tatsächlich ist die Türkei 1914 auf Seiten der Achsenmächte in den 1. Weltkrieg eingetreten (Auslöser: der deutsche Admiral Souchon hatte zwei dem Osmanischen Reich überlassene deutsche Kriegsschiffe gegen Sewastopol geführt; später leitete der deutsche General Liman von Sanders 1915 die Verteidigung von Gallipoli und General von der Goltz brachte 1916 bei Bagdad den Engländern die letzte Niederlage bei), behielt aber im 2. Weltkrieg bis zum 23. Februar 1945 strikt seine Neutralität. Die Türkei hatte an diesem Tag auf Seiten der Alliierten Deutschland und Japan symbolisch den Krieg erklärt, um anschließen die Charta der Vereinten Nationen zu unterschreiben. Die Türkei gehört also zu den 51 Gründungsmitgliedern der VN und war auch vor Deutschland in der NATO. Von der Unterstützung Deutschlands bei der Deportation von Juden habe ich zum ersten Mal von Ihnen gehört. Über einen Hinweis auf Ihre Quellen würde ich mich freuen. Das Land hat eine wahrhaft reiche Geschichte, aus der heraus nur bestimmte Verhältnisse heute zu verstehen sind.
Was mir an Michael Thumann nicht gefällt, ähnlich wie bei Günter Seufert zum gleichen Thema eine Woche davor, sind die scheinbar sicheren Erkenntnisse, über die beide Autoren bereits jetzt verfügen. Wie man's besser machen kann zeigte Michael Martens im Leitartikel in der FAZ vom 02.03.2010, "Die Antastbaren". Seiner Einschätzung und Warnung am Ende seines Artikels ist wirklich nichts mehr hinzuzufügen.
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