Weltfrauentag Entwicklungshilfe heißt auch Frauenförderung

Theoretisch gehört es zum Kernbestand der Entwicklungspolitik, Teilhaberechte von Frauen zu stärken. Doch in der Praxis hapert es daran oft. Ein Plädoyer von Imme Scholz

Frauen in Malawi beim Besuch von Bill Clinton (Archivbild vom Juli 2007)

Frauen in Malawi beim Besuch von Bill Clinton (Archivbild vom Juli 2007)

15 Jahre nach der Weltfrauenkonferenz in Peking gehört die Aussage, dass dauerhafte Entwicklungserfolge nur mit der aktiven Teilhabe von Frauen möglich sind, zum Kernbestand der Entwicklungspolitik.

Warum? Nicht nur, weil die Gleichberechtigung der Geschlechter ein universelles Menschenrecht ist, sondern auch wegen der vielfältigen Potenziale, die Frauen in ihren Rollen und Funktionen für die gesellschaftliche Entwicklung haben. Und leider muss hier immer noch von Potenzialen gesprochen werden, weil viele Frauen durch Gesetze, Traditionen und eingeschränkte Mitspracherechte daran gehindert werden, ihre Fähigkeiten voll zu nutzen.

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Worin bestehen diese Potenziale? Zunächst, wie bei Männern auch, in der Ausbildung, die Frauen genossen haben, und die sie befähigt, über den Arbeitsmarkt oder eine selbstständige Unternehmung ein Einkommen zu erwirtschaften und damit zu Konsum und Wachstum beizutragen. Empirische Untersuchungen haben darüber hinaus gezeigt, dass Frauen im Allgemeinen ihr eigenes Einkommen (oder Haushaltseinkommen, über das sie mit entscheiden können) eher für die Bedürfnisse der Kinder ausgeben, also für deren Gesundheit und Bildung sorgen und damit einen wichtigen indirekten Entwicklungsbeitrag leisten.

Gehindert werden Frauen an der Entfaltung dieser Potenziale durch Barrieren in drei Bereichen: In vielen Gesellschaften haben Frauen nur einen eingeschränkten Zugang zu Bildung und Gesundheit. Dies schränkt ihre Teilhabe an Arbeits- und anderen Märkten ein. Es gibt aber auch Länder, in denen Frauen zwar Bildungsabschlüsse erwerben können, auch an Hochschulen, anschließend aber durch Beschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit daran gehindert werden zu arbeiten. Schließlich ist die Entscheidungsfreiheit von Frauen auch über ihr eigenes Einkommen oder das des Haushalts, zu dem sie gehören, häufig begrenzt, sei es durch Gesetze (die auch in Deutschland erst in den 1960er Jahren abgeschafft wurden) oder durch Traditionen. Ohne diese Barrieren, so zeigen empirische Untersuchungen, geht es den Frauen und den Gesellschaften, in denen sie leben, besser.

100 Jahre Weltfrauentag

Vor 100 Jahren hat die II. Internationale Sozialistische Frauenkonferenz in Kopenhagen die Einführung eines jährlichen Frauentags beschlossen. Am 19. März 1911 fand er zum ersten Mal statt. Damals kämpften die Frauen noch für ihr Wahlrecht. Inzwischen liegt weltweit der Anteil der Parlamentarierinnen bei 18,8 Prozent – noch weit entfernt von den 30 Prozent, die bei der Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 angepeilt worden waren. Aber zumindest leisten sich nur noch drei Staaten ein Parlament ganz ohne Frauen: Saudi-Arabien, die Komoren und Mikronesien. Ein Überblick.

Europa

In den meisten europäischen Ländern ist die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen so weit fortgeschritten, dass immer öfter über die Formulierung einer „Jungen- und Männerpolitik“ nachgedacht wird. Das hat auch die deutsche Frauenministerin Kristina Schröder (CDU) angekündigt. Die These, dass Jungen im Bildungssystem zunehmend benachteiligt würden, hält Marcel Helbig, der am Wissenschaftszentrum Berlin eine Studie zum Thema gemacht hat, für falsch. Der Schulerfolg von Jungen habe sich seit 20 Jahren kaum verändert, während Mädchen heute häufiger höhere Bildungsabschlüsse schafften. Dies geschehe aber „nicht auf Kosten der Jungen“, sagt Helbig. In Führungspositionen sind Frauen indes noch immer nur selten vertreten. Deshalb hat die schwarz-gelbe Regierungskoalition in Deutschland einen „Stufenplan“ angekündigt, der dem abhelfen soll. In Norwegen ist schon 2008 gesetzlich eine Frauenquote für Aufsichtsräte eingeführt worden, die inzwischen auch eingehalten wird. Spanien ist dem Beispiel gefolgt, in Frankreich wird darüber diskutiert.

USA

Die Wirtschaftskrise hat in den USA vor allem Männer den Job gekostet. In der Folge sind inzwischen fast die Hälfte der weiblichen Beschäftigten die Haupternährerinnen ihrer Familien, hat Maria Shriver in einer Studie für den Think Tank Centre of American Progress herausgefunden. Das Hauptproblem der US-Frauen ist nach einer weiteren Studie des gleichen Think Tanks die Unmöglichkeit, Familie und Beruf zu vereinbaren. Frauen mit niedrigen Einkommen brauchen mindestens zwei Jobs zum Überleben, Mittelklassefrauen bezahlen ihre Mutterschaft mit einem Karriereknick, wenn sie nicht mehr wie üblich 50 oder 60 Stunden pro Woche arbeiten wollen.

Asien

In China, Indien, aber auch Taiwan, Südkorea kommen viele Mädchen gar nicht erst zur Welt. In China werden auf 100 Mädchen 124 Jungen geboren, die normale Relation liegt bei 106 Jungen auf 100 Mädchen. In Indien ist dieses Verhältnis in einigen Regionen noch krasser. Südkorea hatte 1990 mit 117 Jungen auf 100 Mädchen das höchste Ungleichgewicht, berichtet der aktuelle „Economist“. In China mit seiner Ein-Kind-Politik entscheiden sich Eltern unter anderem gegen Mädchen, weil es die Jungen sind, die traditionell ihre Pflege im Alter übernehmen. In Indien müssen Eltern eine hohe Mitgift zahlen, um Töchter zu verheiraten. Die Rechtlosigkeit und Nichtachtung von Frauen führt in Nepal wiederum dazu, dass die häufigste Todesursache von Frauen im gebärfähigen Alter Selbstmord ist, wie eine Regierungsstudie ergab.

Afrika

Sexuelle Gewalt und ihre Folgen sind eines der größten Probleme afrikanischer Frauen. Das gilt ganz besonders in Kriegsgebieten oder ehemaligen Kriegsgebieten, in denen Vergewaltigung als Kriegswaffe eingesetzt worden ist. So wie im Osten des Kongo. Dort kommen auch nach dem Abflauen der Kämpfe noch immer Frauen mit sehr schweren Verletzungen in die wenigen Kliniken. Eine Folge dieser sexuellen Gewalt aber auch der in friedlicheren Staaten ist, dass die Mehrheit der Aidskranken und HIV-Infizierten auf dem Kontinent inzwischen Frauen sind.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 08.03.2010)

Diese Sichtweise – Frauen zu fördern, weil sie einen wichtigen Entwicklungsbeitrag leisten und nicht, weil sie ein Recht auf Selbstbestimmung haben – wird oft als Instrumentalismus kritisiert. In der Praxis stehen diese Ziele aber häufig nicht gegeneinander, sondern verstärken sich. Praktische Verbesserungen der Lage der Frauen können auch politische Wirkung entfalten, und manchmal sind es Lösungen für ganz andere Probleme, die frauenpolitisch relevant werden können. So haben Kleinbäuerinnen in Malawi unter dem Druck des Klimawandels ihre tradierten Geschlechterrollen verändert und neue Handlungsmöglichkeiten erobert. Sie haben neue Anbauformen entwickelt und sich verändernde Regenperioden für eine zweite Maisernte genutzt. Außerdem haben sie sich neue Einkommensquellen jenseits traditioneller Rollenzuschreibungen erschlossen. Nicht selten führt dies dazu, dass die Vormacht der Männer, über das Geld und die Ressourcen des Haushalts zu entscheiden, schwindet. In einigen dörflichen Gemeinschaften Malawis werden nun kleinbäuerliche Anpassungsstrategien von Männern und Frauen gemeinsam getragen.

In der Entwicklungspolitik steht jedenfalls spätestens seit der Weltfrauenkonferenz von 1995 die Stärkung der Teilhaberechte von Frauen auf dem Programm. Aber welche praktischen Auswirkungen hat diese programmatische Entscheidung bisher gehabt? Wie kann sie für die Planung und Umsetzung von entwicklungspolitischer Zusammenarbeit und für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Frauen wirksam gemacht werden?

Untersuchungen zeigen, dass sich politische Bekenntnisse zum gender mainstreaming häufig im Prozess der Planung und Umsetzung entwicklungspolitischer Maßnahmen verflüchtigen. Caroline und Annalise Moser nennen dieses Problem in einem Aufsatz von 2005 „policy evaporation“ (Politikverdampfung), ein Phänomen, das auch in anderen Politikfeldern mit Querschnittscharakter bekannt ist, namentlich in der Umweltpolitik. Die meisten Entwicklungsorganisationen verfolgen einen dualen Ansatz, in dem sie sowohl gender mainstreaming anstreben (Geschlechtergleichheit als integrale Dimension aller Sektorpolitiken und Programme) als auch spezifische Aktivitäten zur Stärkung von Frauenrechten unterstützen. Dennoch ist die Wirksamkeit begrenzt.

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