Regierungskrise Belgien in der Sackgasse
Ein Sprachenstreit im Brüsseler Umland zwischen Flamen und Frankofonen hat die Regierungskoalition gesprengt. Der Streit vertieft die Spaltung des Landes.
© Benoit Doppagne/AFP/Getty Images

Belgiens zurückgetretener Premier Yves Leterme
In einer tiefen politischen Krise ist Belgien nicht erst seit gestern. Nun aber hat der Sprachenstreit bei Brüssel die Regierung von Premier Yves Leterme beendet. Am Montagnachmittag hat Belgiens König Albert II. Letermes Rücktrittsgesuch angenommen. "Fünf Minuten politischer Mut" – mehr brauche es nicht, um eines der heikelsten Probleme der belgischen Politik ein für allemal zu lösen, hatte Leterme noch 2004 getönt, seinerzeit flämischer Ministerpräsident.
Es ging und geht um die Zukunft des zweisprachigen Wahlkreises Brüssel-Halle-Vilvoorde, heftig umstritten zwischen der frankofonen und der niederländischen Sprachgruppe. Leterme bezeichnete den von ihm beabsichtigten Neuzuschnitt des Wahlkreises in Form einer Spaltung noch als eine einfache Frage des politischen Willens.
Doch seither beißt sich die Politik an dem Thema die Zähne aus an. Eine Lösung ist auch sechs Jahre später nicht einmal in Reichweite. In dem Sprachenstreit, der nun das Ende der Regierung einleitet, geht es um an Brüssel angrenzende Orte, die zwar offiziell niederländischsprachig zu Flandern gehören, in denen es aber eine zahlenmäßig starke frankofone Bevölkerung gibt, bis zu 200.000 Bürger sind betroffen. Für Leterme selbst indes wurde seine Aussage von 2004 zum Gradmesser seiner weiteren politischen Laufbahn. Und "BHV", wie der Wahlkreis in Belgien meist abgekürzt wird, erwies sich nun als finaler Stolperstein seiner zweiten Amtszeit als Premierminister.
Der Konflikt ist komplex, seine Vielschichtigkeit können selbst in Belgien zahlreiche Bürger außerhalb der Hauptstadtregion nicht nachvollziehen. Im Ausland dagegen steht die Frage symbolisch für einen Interessenstreit, der längst ins Groteske abgedriftet ist. Wie kann ein einziger Wahlkreis das Gefüge eines ganzen Staates ins Wanken bringen?
BHV ist erst einmal ein belgisches Kuriosum: Nur hier können die Bewohner Politiker beider Sprachgruppen wählen. Da er nicht nur die zweisprachige Hauptstadt, sondern auch deren zu Flandern zählende Umgebung miteinbezieht, finden sich in den Gemeinderäten flämischer Kommunen französischsprachige Politiker – und zwar umso mehr, je größer der frankofone Bevölkerungsanteil im Brüsseler Speckgürtel, einer beliebten Wohngegend, wird.
In manchen Orten mit frankofoner Bevölkerungsmehrheit findet sich kein einziger Flame mehr im Gemeinderat. Die flämischen Parteien wollen den Wahlkreis daher spalten. Die Frankofonen lehnen dies ab – oder fordern als Entschädigung, die Kommunen mit frankofoner Mehrheit an die Hauptstadt anzugliedern. Dies wiederum ist auf flämischer Seite indiskutabel: Schließlich habe man schon die alte flämische Stadt Brüssel "verloren", die heute zu 80 Prozent französischsprachig ist.
Umso mehr ist man daher darauf bedacht, den vermeintlich flämischen Charakter des Umlands zu erhalten. Dazu bedient man sich einer Wohnungspolitik, die von den Mietern städtischer Wohnungen niederländische Sprachkenntnisse verlangt. Selbst auf dem freien Wohnungsmarkt versuchen manche Gemeinden, entsprechende Einflüsse geltend zu machen. Vor wenigen Wochen gaben mehrere Bürgermeister von Umlandkommunen zu, Baugesellschaften dazu zu bewegen, ihre Objekte bevorzugt an flämisch sprechende Interessenten zu veräußern. Zur Empörung des gesamten frankofonen Belgiens.
Die ergebnislosen Verhandlungen der letzten Jahre haben den für beide Sprachgruppen symbolhaften Gehalt des politischen BHV-Konfliktes weiter aufgeladen, ein Kompromiss gilt beiden heute als Ausverkauf ihrer Interessen. Und so vollzieht sich in dem umstrittenen Wahlkreis im Kleinen, was die gesamte belgische Politik mehr und mehr auszeichnet: ein Schulterschluss entlang der Sprachgrenze. Im Brüsseler Umland hat sich in diesem Klima eine eigene chauvinistische Folklore herausgebildet: in zahlreichen Orten machen Aktivisten Hinweisschilder in der jeweils anderen Sprache unkenntlich.
Eine vergleichbare Kompromisslosigkeit prägt allmählich auch auf der Landesebene das Verhältnis zwischen den Sprachgruppen: der frankofone Liberale Olivier Mangain vergleicht die flämische Regierung mit der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg, der flämische Hardliner Bart de Wever setzt Vizepremier Didier Reynders in Bezug zum Kinderschänder Dutroux. Der Graben, der sich inzwischen auftut, wird auch von gemäßigten Kräften bald nicht mehr zu überwinden sein.
- Datum 27.04.2010 - 19:42 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Belgien ist ein wunderbares Land, mit ganz tollen Menschen! Hier lebt es sich phantastisch und ich dachte immer, dass "Europa" nicht umsonst hier sein politisches Zentrum hat.
Was Flamen und Wallonen hier treiben ist meiner Meinung nach nicht mehr normal. Intelligente Menschen sollten sich im 21. Jahrhundert nicht mehr so verhalten...
Dabei war die Hauptstadt Belgiens mit seiner internationalen Bedeutung und seinem weltstädtischen Flair doch immer Vorbild für das friedvolle Zusammenleben verschiedener Nationen. Die Tausenden von Botschaftern und Politikern die für die EU, die NATO und Co. vor Ort arbeiteten, die Scharen von Journalisten die über die Entscheidungen von weltweiter Bedeutung vor Ort berichteten und die vielen Menschen, die aufgrund der wirtschaftlichen Dynamik und dem kulturellen Facettenreichtum folgten. Eine hohe Lebensqualität und das Zusammenleben hunderter verschiedener Kulturen, Sprachen, Nationen und Ethnien verhalfen der Stadt zu seiner Bedeutung und seinem Erfolg.
Und jetzt sowas: Aufgrund von unterschiedlichen Sprachen (!?) kommt es zu politischen Folgen derart immenser Bedeutung. Dass lediglich aufgrund von derart kleinkarierten Beweggründen der Premierminister zurücktritt, unglaublich. Traurig dass es soweit gekommen ist und kein Politiker den Mut und die Courage hatte, ein Machtwort zu sprechen udn alle wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen. Schließlich ist eine Gesellschaft ständig im Wandel und entwickelt sich weiter. Orte verändern sich genauso wie die Verbreitung und auch die Ausprägung von einzelnen Kulturen. So etwas muss man genauso akzeptieren wie man über Diskrepanzen wie der Sprache hinwegsehen muss und auf einem höheren Niveau der Kommunikation Kompromisse und Einigungen finden sollte.
Da bleibt nur Hoffnung für die Zukunft!
"Eine hohe Lebensqualität und das Zusammenleben hunderter verschiedener Kulturen, Sprachen, Nationen und Ethnien verhalfen der Stadt zu seiner (sic!) Bedeutung und seinem (sic!) Erfolg."
Waren Sie schon einmal in Brüssel?
"Eine hohe Lebensqualität und das Zusammenleben hunderter verschiedener Kulturen, Sprachen, Nationen und Ethnien verhalfen der Stadt zu seiner (sic!) Bedeutung und seinem (sic!) Erfolg."
Waren Sie schon einmal in Brüssel?
"Eine hohe Lebensqualität und das Zusammenleben hunderter verschiedener Kulturen, Sprachen, Nationen und Ethnien verhalfen der Stadt zu seiner (sic!) Bedeutung und seinem (sic!) Erfolg."
Waren Sie schon einmal in Brüssel?
Ich wohne zwar nicht in Belgien, aber sehr dicht daran. Frankofonie ist leider nicht nur eine unbedeutende sprachliche Komponente der eigenen Kultur. Sie hat inder Realität Auswirkungen wie Apartheit. Mit nicht französisch-sprachigen Menschen werden keine Kontakte gepflegt. Deutsch geht nicht, Luxemburgisch geht nicht, Englisch geht nicht, nur Französisch. Und das im Zentrum Europas. Ich fürchte aufgrund eigener Anschauung, daß man dem einen Riegel vorschieben muß, auch wenn andere meinen, daß die betroffenen Flamen sich wie Kleinkinder verhalten. Die wissen genau, was sie tun. Jedenfalls besser als 2 meiner Vorkommentatoren.
In Sachen Offenheit und Flexibilität anderen Kulturen und Sprachen gegenüber können sich viele Länder noch immer ein Beispiel nehmen an Belgien. Und das hat sich auch durch die hier vorhandenen Probleme nicht geändert. Die Vielsprachigkeit der meisten Bewohner dieses kleinen Landes ist ein wahrer Schatz und vereinfacht es den vielen Zuwanderern, sich hier wohl zu fühlen.
Als Aussenstehender ist es beinahe nicht möglich, zu verstehen, was hier passiert. Es als kleinkariert zu beschreiben zeugt höchstens von Unwissenheit. Die Eskalierung beruht auf vielen Jahren Entbehrungen, Verhandlungen, auf vielen Kompromissen, meistens zu lasten eines Landesteiles.
Nun gibt es einen richterlichen Ausspruch über den Wahlkreises BHV, der als ungesetzlich verurteilt ist, immerhin vom höchsten Gerichtshof in Belgien. Aber auch das reicht nicht, um diese Ungerechtigkeit zu verändern, so wie immer sollen die Flamen bezahlen. Aber Sie wollen nicht mehr! Sie wollen nicht ihre Gemeinden an Wallonien abgeben, nur um BHV trennen zu können.
Man sollte sich nur einmal vorstellen, wie es ist, wenn man auf einmal seine eigene Sprache nicht mehr sprechen kann, wenn plötzlich z.B. Fußballtraining in französisch stattfinden soll, obwohl die meisten Kinder diese Sprache nicht sprechen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man das in Deutschland akzeptieren würde.
Mit den besten Grüssen aus einem Ort inmitten des Wahlkreises BHV.
" ...wenn plötzlich z.B. Fußballtraining in französisch stattfinden soll, obwohl die meisten Kinder diese Sprache nicht sprechen." @ antjesh :
na dann aber mal hurtig was am schulsystem aendern damit die blagen endlich bilingual werden.
jeder durchschnittliche hollaender kann schliesslich mit 15 auch schon in 3 sprachen parlieren - bloss die frankofonen Belgen machens nur franzoesisch oder gar nicht.
Ermuedend fuer alle Beteiligten, wie waers mit folgender Loesung:
Vlanderen wird provinz der Niederlande,
Wallonien eines der aermsten laender Europas.
" ...wenn plötzlich z.B. Fußballtraining in französisch stattfinden soll, obwohl die meisten Kinder diese Sprache nicht sprechen." @ antjesh :
na dann aber mal hurtig was am schulsystem aendern damit die blagen endlich bilingual werden.
jeder durchschnittliche hollaender kann schliesslich mit 15 auch schon in 3 sprachen parlieren - bloss die frankofonen Belgen machens nur franzoesisch oder gar nicht.
Ermuedend fuer alle Beteiligten, wie waers mit folgender Loesung:
Vlanderen wird provinz der Niederlande,
Wallonien eines der aermsten laender Europas.
über kulturelle vielschichtigkeit lässt sich hier sicher trefflich streiten, dass soll aber nicht thema sein.
belgien wird zum 1.7. den vorsitz des EU-rats übernehmen, man sollte ich mal gedanken machen, wie dies bei der derzeitigen innenpolitischen situation machbar sein soll. wenn alles schlecht läuft, ist in 2 monaten keine stabile neue regierung gefunden... und herman van rompuy ist zwar belgier, wird aber hier nur schwer eine integrationsfigur abgeben können.
wie wäre es mal mit einer analyse dazu in der ZEIT, wäre doch allemal eine seite wert...
ohne das Königshaus gäbe es den belgischen Staat nicht mehr.
Gerade der jetzige König Albert II. wird von fast allen Belgiern hoch geachtet, egal ob Wallonen oder Flamen. Da ich in Aachen wohne, habe ich auch viel mit Belgiern zu tun, aber ehrlich gesagt, ich verstehe den Sprachenstreit bis heute nicht. Ich sehe das Problem in der Vergangenheit.
Früher waren die Wallonie (französischsprachig) wohlhabend
durch Industrie in Vervier, Lüttich und Umgebung. Die Flamen waren mehr landwirtschaftlich orientiert und galten als arm. Der Niedergang der Industrie in der Wallonie in den 6o. Jahren kehrte die Situation um. Das könnte der Grund
dieses Sprachenstreites sein. Ich möchte noch kurz die dritte Gruppe in Belgien anführen, die deutschsprachige Gemeinschaft an der Grenze zur Bundesrepublik, die stehen voll zum belgischen Staat und mehrheitlich auch zum Königshaus, dass hat aber die Ursache, sie sind die beste intrigierte Minderheit in Europas. Das ist aber eine andere Geschichte.
Letztens auf dem ' beruehmten ' markt sonntags in luettich gewesen : ohne franzoesisch kentnisse keine chance.
Englisch, Deutsch, Niederlaendisch,Schul franzoesisch ? prallte alles ab an den unfreundlichen Belgiern dieser Stadt, einkaufen fast unmoeglich.
Zurueck am Auto war die Scheibe eingeschlagen; es begann eine horrortour durch mehrere Polizeireviere bis zumindest ein englisch sprechender polizist der die anzeige aufnehmen konnte gefunden war.
Niemand war in der lage oder willens mit mir in Flaemisch/hollaendisch zu sprechen.
Von einem besuch in luettich ist allen die nicht perfekt franzoesisch sprechen abzuraten, Belgien gehoert meiner meinung nach nicht in die EU sondern bestenfalls auf den Balkan ( sorry, Balkan )
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