Afghanistan "Die Taliban zielen auf schwache Nato-Mitglieder"

Die Bundeswehr habe versäumt, mit den Afghanen zu sprechen. Das erhöhe das Risiko für die Deutschen und verzögere den Abzug, sagt der pakistanische Taliban-Kenner Rashid.

Deutschland hat es versäumt, in afghanische Dörfer zu gehen, um die Bevölkerung kennen zu lernen, sagt Ahmed Rashid

Deutschland hat es versäumt, in afghanische Dörfer zu gehen, um die Bevölkerung kennen zu lernen, sagt Ahmed Rashid

Frage: Deutsche Politiker sprechen inzwischen offen vom Krieg gegen die Taliban. Ist dieser Krieg überhaupt zu gewinnen?

Ahmed Rashid: Die US-Kommandeure und die Nato haben deutlich gesagt, dass eine politische Vereinbarung gebraucht wird, um diesen Krieg zu beenden, und dass dieser Krieg nicht auf dem Schlachtfeld gewonnen werden kann. Aber andererseits müssen sie darauf hoffen, dass sie die Taliban entscheidend schwächen. Das Problem an der deutschen Haltung ist, dass sie die Realität vor Ort nicht zur Kenntnis nimmt. Die Bundesregierung will nicht wahrhaben, dass es einen Aufstand gibt, der mittlerweile ganz Afghanistan erfasst hat und nun auch nach Pakistan und Zentralasien hinüberreicht. Es gibt im Bundestag keine ernsthafte Debatte über dieses Thema. Die Einschränkungen für die Bundeswehrsoldaten haben nicht nur Nato-Einsätze gelähmt, sondern auch die afghanische Bevölkerung. Das war eine sehr riskante Politik.

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Frage: Nach dem Willen der Bundesregierung sollen die deutschen Soldaten mehr "Präsenz in der Fläche" zeigen. Wie hoch ist das Risiko, dass die Taliban ihre Angriffe aus dem Hinterhalt auf deutsche Soldaten noch verstärken werden?

Rashid: Die Taliban zielen auf diejenigen, die sie als schwache und verwundbare Nato-Mitglieder betrachten: Dazu gehören spanische, italienische und deutsche Soldaten, in deren Heimatländern verstärkte Abzugsdiskussionen geführt werden. Alles deutet darauf hin, dass die Taliban-Führung ihre Kommandeure im Norden Afghanistans angewiesen hat, Bundeswehrsoldaten ins Visier zu nehmen. Erschwerend kommt für die deutschen Soldaten hinzu, dass sie nur eine geringe Kenntnis von ihrem Einsatzgebiet haben und zu wenig Feindaufklärung betreiben. Sie haben ihre Lager bisher zu selten verlassen. Oftmals wissen sie nicht zu unterscheiden: Wer ist ein Taliban – und wer nicht? Dagegen haben die US-Soldaten und die Briten in ihren Einsatzregionen sehr viel mehr Zeit darauf verwendet, mit Dorfältesten zu sprechen und Dorfversammlungen abzuhalten. Dies wurde leider von den Deutschen sehr stark vernachlässigt.

Frage: Nach den Worten von Bundesaußenminister Guido Westerwelle soll ab 2011 das Bundeswehrkontingent in Afghanistan erstmals reduziert werden. 2013 soll dann möglichst die Sicherheitsverantwortung an die Afghanen übergeben werden. Ist denn ein solcher Zeitplan überhaupt haltbar?

Rashid: Die Ankündigung von US-Präsident Barack Obama, dass der Abzug der US-Truppen bis Mitte 2011 beginnen soll, ist sehr unrealistisch.

Frage: Sie waren im Dezember 2001 noch davon ausgegangen, dass die Taliban bestenfalls noch einige Widerstandsnester würden halten können, zumal sie auch den Rückhalt bei der eigenen ethnischen Gruppe, den Paschtunen, verloren hätten. Diese Prognose ist leider nicht eingetroffen.

Rashid: Ja, aber damals dachte auch niemand, dass die Amerikaner sich so schnell von Afghanistan abwenden und in den Irak einmarschieren würden. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätten wir heute viele der gegenwärtigen Probleme nicht.

Leser-Kommentare
  1. Ach wenn es doch immer so wäre.

    • mexi42
    • 21.04.2010 um 13:29 Uhr

    Mit dreizehntausend der Zug begann,
    einer kam heim aus Afghanistan."
    Fontane

  2. ...nur leider gelten Sie mit diesen Anmerkungen als Defätist und werden vom Militarismus dafür verantwortlich gemacht, daß die Taliban Deutschland trotz angeblicher militärischer Überlegenheit (wenn man nur wolle, denn der Glaube an einen "Triumph des Willens" gilt anscheinend in Deutschland immer noch mehr als eine verantwortliche und realistische strategische Planung) deswegen als schwachen Gegner ansehen würden. So wird bereits die nächste Dolchstoßlegende vorbereitet: Verantwortlich für Krieg (& Niederlage) ist nicht eine verfehlte Politik, die ohne existentielle Not für den eigenen Staat & ohne Kenntnis des zu besiegenden, zu besetzenden & politisch zum dankbaren Besiegten umzustrukturierenden fremden Staates (welch großmächtiges Vorhaben!) einen militärisch nicht zu gewinnenden Krieg vom Zaun bricht (dass dies in Deutschland 1945 - geschichtlich einzigartig - gelang, lag NICHT bloß an militärischer Überlegenheit der Alliierten oder der Demonstration ihres Siegeswillens, sondern maßgeblich an der Diskreditierung der dt. Politelite in den Augen einer Bevölkerung, die somit alles andere im Sinn hatte, als sich den "Wehrwölfen" anzuschließen); verantwortlich ist auch nicht eine Generalität, die diesen Auftrag übereifrig & ohne kritische Stellungnahmen in der Öffentlichkeit willig exekutiert; verantwortlich sind auch nicht Offiziere & Soldaten, die dabei Zivilisten zu Tode bringen; verantwortlich ist stets NUR der Kritiker solch größenwahnsinniger Endsiegfantasien.

    Bitte gehen Sie zukünftig vorsichtig mit der Verwendung historisch kontaminierte Begrifflichkeiten in ansonsten konstruktiven Beiträgen um. Danke, die Redaktion/fk

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    eine Dolchstosslegende ist sicherlich in Arbeit. In Arbeit ist aber auch warum unsere Niederlage dennoch ein Sieg war und warum sich jedes einzelne Opfer doch noch gerechnet hat, und warum Oberst Klein den höchsten Orden verdient hat obwohl er in Afghanistan niemandem ein Haar gekrümmt hat.

    Das ist für Politiker und Hofberichterstatter die leichteste Übung. Die glauben das Zeugs wirklich. Hochentwicklete Selbsthypnose- und Autosuggestionfähigkeiten sind Schlüsselqualifikationen bei Medien und Politik. Die leiden nicht an Realitätsverlust, nein die genießen ihn. (Frei nach Pispers)

    eine Dolchstosslegende ist sicherlich in Arbeit. In Arbeit ist aber auch warum unsere Niederlage dennoch ein Sieg war und warum sich jedes einzelne Opfer doch noch gerechnet hat, und warum Oberst Klein den höchsten Orden verdient hat obwohl er in Afghanistan niemandem ein Haar gekrümmt hat.

    Das ist für Politiker und Hofberichterstatter die leichteste Übung. Die glauben das Zeugs wirklich. Hochentwicklete Selbsthypnose- und Autosuggestionfähigkeiten sind Schlüsselqualifikationen bei Medien und Politik. Die leiden nicht an Realitätsverlust, nein die genießen ihn. (Frei nach Pispers)

    • sn4k3
    • 21.04.2010 um 14:07 Uhr

    Dass die Nato nicht in der Lage ist, diesen Krieg militärisch zu gewinnen (was vielleicht gar nicht mal so schlecht ist), ist ja kein Geheimnis.

    Bleiben also zwei Möglichkeiten. Ein Abzug ohne Verhandlungen mit den Taliban. Oder man verhandelt mit ihnen. Die USA (NATO) werden sicher an Verhandlungen interessiert sein, um das ganze als Erfolg verkaufen zu können und um einen blutigen Bürgerkrieg zu verhindern.

    Interessant wird es dann werden, wie die dt. Politiker dem Volk beibringen wollen, dass man jetzt ausgerechnet mit den Taliban verhandelt. Die, wo doch eigentlich böse sind.

    Verhandelt man mit den Taliban, bedeutet das natürlich auch, dass alle getöteten Nato-Soldaten sinnlos gestorben sind. Denn verhandeln konnte man mit den Taliban schon immer.
    Und ich behaupte mal, dass die Verhandlungsposition der NATO-Staaten vor 2001 noch stärker war als heute, weil die Taliban jetzt wissen, wie ungefährlich die Nato ist.

    Demokratie und Menschenrechte brauch man ja jetzt nicht mehr anzusprechen. Vielleicht ist das auch der eigentliche Grund, warum diverse Politiker jetzt doch lieber von Krieg sprechen wollen. Damit allein der Frieden als großer Erfolg verkauft werden kann.

  3. Audio001, ich schließe mich Ihren Ausführungen weitgehend an. Nur, redliche Motive unterstelle ich den wenigsten Politikern in dieser Sache, es sei denn ignorante Dummheit ist auch ein redliches Motiv.

    Sind Kopftücher und Schulbesuch es wert ein Land mit einem weiteren brutalen Krieg zu überziehen? Ich habe selten von einem perfideren und gleichzeitig hirnrissigeren "casus belli" gehört.

  4. eine Dolchstosslegende ist sicherlich in Arbeit. In Arbeit ist aber auch warum unsere Niederlage dennoch ein Sieg war und warum sich jedes einzelne Opfer doch noch gerechnet hat, und warum Oberst Klein den höchsten Orden verdient hat obwohl er in Afghanistan niemandem ein Haar gekrümmt hat.

    Das ist für Politiker und Hofberichterstatter die leichteste Übung. Die glauben das Zeugs wirklich. Hochentwicklete Selbsthypnose- und Autosuggestionfähigkeiten sind Schlüsselqualifikationen bei Medien und Politik. Die leiden nicht an Realitätsverlust, nein die genießen ihn. (Frei nach Pispers)

    Antwort auf "Sehr wahr..."
    • Atan
    • 21.04.2010 um 14:34 Uhr

    Schließlich genießt ja die Bundeswehr überall ein hohes Ansehen, die Afghanen lieben uns und leben sonst in großer Angst vor ein ganz paar bösen, feigen und hinterhältigen Taliban-Terroristen.
    Wenn die Bundeswehr aber abzieht, überwältigen diese ganz paar bösen feigen Talibane allerdings sofort alle netten Afghanen, bilden blitzartig eine riesige Armee und marschieren haste-nich-gesehen durchs Brandenburger Tor.

    Irgendwie in dieser Art muss die Geschichte lauten, die wir alle glauben sollen.
    Und wenn wir nur weiter fleissig das Mandat verlängern, wird alles gut!

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