ZEIT ONLINE: Das politische Berlin diskutiert darüber, ob die Bundeswehr schwere Kampfpanzer am Hindukusch braucht, wie denken Sie darüber?

Winfried Nachtwei: Es ist eine regelrechte Ritualdiskussion die jedes Mal wieder aufbricht, wenn es Opfer auf deutscher Seite in Afghanistan gegeben hat. Dieses Ritual ist ein Ausdruck für eine enorme Ratlosigkeit und Fahrlässigkeit. Derzeit weiß doch keiner von denen, die sich mit starken Forderungen zu Wort melden, wie es genau zu den Toten und Verletzten gekommen ist. Hat das wirklich an der Ausbildung gelegen oder am Material? Eine starke Panzerung nützt nichts, wenn man Absitzen muss. Es gibt zu viele Ferndiagnosen. Die entscheidenden Fragen werden ausgeblendet.

ZEIT ONLINE: Welche denn?

Nachtwei: Warum ist die frühere Hoffnungsregion Kundus so abgedriftet? Weshalb können dort seit geraumer Zeit die Bundeswehr und die Isaf ihren Auftrag, für ein sicheres Umfeld zu sorgen, nicht wirksam wahrnehmen? Die Diskussion in Deutschland kreist nur immer um die –  zweifellos wichtige –Sicherheit der eigenen Leute und lässt den Auftrag außer Acht.

ZEIT ONLINE: Was ist die Ursache dafür, dass die Provinz Kundus zur Talibanhochburg geworden ist?

Nachtwei: Es kommen verschiedene Faktoren zusammen. Der Raum Kundus wurde zum strategischen Schwerpunkt der Taliban im Norden. Die Lageverschärfung wurde lange übersehen. Aus einzelnen lokalen Terrorzellen hat sich eine breite Aufstandsbewegung entwickelt, die zum Teil militärisch agiert. 2007 und 2008 wurde das in Berlin nicht wahrgenommen. Ich habe den Eindruck, man wollte das gar nicht wahrnehmen.

ZEIT ONLINE: Ihre Berichte aus Afghanistan geben die Verschlechterung der Sicherheitslage eindringlich wieder. Sie listen zahlreiche Angriffe auf die deutschen Patrouillen mit Panzerfäusten und Sprengsätzen im Raum Kundus auf. Würde da eine bessere Panzerung der Fahrzeuge nicht tatsächlich helfen? 

Nachtwei: Der Forderung nach besserem Schutz der Soldaten ist längst in erheblichem Maß nachgekommen worden. Dabei hat man es allerdings immer mit einem Dilemma zu tun: Ein stärkerer Selbstschutz schränkt die Auftragserfüllung ein. Im Leopard 2 hat man sicher die beste Panzerung, aber auch die größte Distanz zur Bevölkerung. Und ein Kampfpanzer verursacht kaputte Wege und zerstörte Dörfer. Ausrüstungsfragen sind immer auch mit Blick auf den Auftrag zu klären.

 

ZEIT ONLINE: Der frühere Generalinspekteur Harald Kujat kritisiert, dass die Bundeswehrsoldaten nicht richtig ausgerüstet sind. Stimmen Sie dem zu?

Nachtwei: Ich widerspreche ihm nicht in allen Punkten. Bei der Ausbildung hier zu Lande sind tatsächlich zu wenige Fahrzeuge vorhanden. Es gehen immer noch Soldaten in den Afghanistaneinsatz, die erst am Ort am Dingo angelernt werden. Das ist ein unglaubliches Defizit. Und es fehlt an Hubschraubern. Kommandeure der Bundeswehr fordern seit Langem, dass Hubschrauber geleast werden. Auf die Auslieferung der bestellte NH90 und der Tiger wartet die Truppe seit Jahren.

ZEIT ONLINE: Die deutsche Strategie wird ab dem Sommer geändert. Die Soldaten sollen als Partner gemeinsam mit den afghanischen Sicherheitskräften ins Feld ziehen. Was halten Sie davon?

Nachtwei: Ich würde erst mal bescheidender von einem neuen Einsatzkonzept sprechen – nicht von einer Strategie. In die Fläche zu gehen ist aber richtig. Bisher wurde das Sicherheitsversprechen durch Patrouillen ausgesprochen flüchtig erfüllt. Auch gemeinsam mit den Afghanen rauszugehen, macht Sinn. Was allerdings falsch läuft ist, dass die Bundesregierung verheimlicht, dass dies kein defensives Konzept ist. Die Nato will hart gegen Gegner und einzelne Zielpersonen vorgehen. Ob die Bundeswehr sich daran beteiligen wird, ist nicht geklärt.

ZEIT ONLINE: Experten warnen, dass das Risiko für die Bundeswehr mit dem sogenannten Partnering steigen wird.

Nachtwei: Wenn die Bundeswehr mehr in die Fläche geht, steigt das Risiko natürlich erstmal. Ob das auch in größeren Verlusten mündet, ist nicht zwangsläufig. Die Erfahrung der Amerikaner im Süden zeigen allerdings, dass deren neue Partnering-Strategie mehr Sicherheit gebracht hat, dass die Soldaten mehr Rücksicht nehmen, aber auch dass die Amerikaner so viele eigene Verluste haben wie noch nie.

ZEIT ONLINE: Verteidigungsminister zu Guttenberg spricht nun von "Krieg im umgangssprachlichen Sinne". Kanzlerin Merkel stimmt dem zu. Was halten Sie von der Formulierung?

Nachtwei: Sie klingt etwas ehrlicher. Sie ist aber immer noch ziemlich verschwurbelt. Richtig ist, dass Teile des deutschen Einsatzgebietes Guerilla-Kriegsgebiete sind. Die anderen Gebiete sind nicht sicher, sie sind aber dennoch keine Kriegsgebiete. Der strategische Auftrag der Bundeswehr bleibt aber Stabilisierung und Sicherheitsunterstützung. Eine allgemeine Kriegserklärung halte ich für falsch. Denn sie geht mit der Illusion einher, dass man den Konflikt dort mit Militär lösen könnte. Wer wäre noch bereit, Entwicklungshelfer und Polizeiausbilder nach Afghanistan zu schicken, wenn dort pauschal Krieg herrscht?

Die Fragen stellte Hauke Friederichs

Winfried Nachtwei saß von 1994 bis 2009 für die Grünen im Bundestag. Er war lange Zeit verteidigungspolitischer Sprecher seiner Partei und reiste häufig nach Afghanistan. Nachtwei schreibt Aufsätze und Fachartikel über den Bundeswehreinsatz am Hindukusch. Und er informiert auf seiner Homepage www.nachtwei.de umfassend über die Sicherheitslage im Norden Afghanistans.