Europa & China Gelähmt von der China-Angst
Im Teufelskreis globaler Handlungsunfähigkeit: Wie Chinas und Europas gegenseitige Paranoia globales Regieren behindert.
© Guang Niu/Getty Images

Kommunikationsprobleme zwischen China und Europa, an den Übersetzern liegt es nicht: Partei- und Staatschef Hu Jintao und Bundeskanzlerin Merkel (August 2007)
Eine konstruktive Zusammenarbeit mit China zur Lösung globaler Probleme ist eine der schwierigsten Herausforderungen unserer Zeit. Einen dramatischen Beleg dafür haben nicht zuletzt die gescheiterten Klimaverhandlungen von Kopenhagen geliefert. Deren klägliches Resultat zeigte eindringlich, dass zwischen den Hauptakteuren weiterhin kein gemeinsames Verantwortungsbewusstsein herrscht: die USA, Europa und China schoben sich gegenseitig die Schuld für das historische Scheitern des Klimagipfels in die Schuhe.
Die wichtigsten Akteure des internationalen Parketts verwickeln sich immer tiefer in einen Teufelskreis gegenseitigen Misstrauens und machen dadurch globales Regieren zur fernen Utopie. Der Grund hierfür liegt auch im destruktiven Verhältnis zwischen China und Europa, denn durch ihre jeweils nach innen gerichtete Angst behindern sie sich gegenseitig auf der Suche nach einer gemeinsamen Rolle in der neuen Weltordnung.
China tut weiterhin alles, um auf globaler Ebene keine Verpflichtungen eingehen zu müssen, ganz treu dem Motto Deng Xiaopings "zurückhaltend beobachten und überlegt handeln, … niemals eine Führungsrolle einnehmen, sondern die eigenen Fähigkeiten verhüllen und die richtige Zeit abwarten, um Großes zu erreichen". In dieser Haltung Chinas spiegelt sich sowohl taktisches Kalkül, als auch ein tief sitzendes Misstrauen gegenüber internationalen Vereinbarungen als potenzielles Einfallstor ausländischer Einflussnahme auf chinesische Innenpolitik wider. Beides hat die chinesische Führungsgarde in Kopenhagen dazu verleitet, keine Kompromisse einzugehen, und ein bindendes Abkommen geschickt zu unterwandern. Denn weiterhin ist das Gut, das von China auf globaler Ebene am aufrichtigsten verteidigt, wird die eigene nationale Souveränität.
Die Übernahme von globaler Verantwortung liegt großen Teilen der chinesischen Führung weiterhin fern. Die Tatsache, dass Peking als Reaktion auf die routinemäßigen amerikanischen Waffenlieferungen an Taiwan öffentlich Chinas Kooperation zur Lösung globaler Herausforderungen zur Disposition stellt, zeigt deutlich, dass die tonangebenden Fraktionen innerhalb des chinesischen Machtapparates weiterhin eine sehr engstirnige Definition der nationalen Selbstinteressen verfolgen und sich dabei nicht um den Erfolg globalen Regierens scheren. Kurzum: Gespeist durch eigene Unsicherheit hat China Angst, eine globale Führungsrolle zu übernehmen und vermeidet tunlichst, feste Verpflichtungen einzugehen. Damit trägt China zu allererst dazu bei, dass internationale Kooperation zunehmend als Nullsummenspiel betrachtet wird.
Es scheint also augenscheinlich richtig und überzeugend, dass europäische Spitzenpolitiker, insbesondere aus Deutschland, in immer harscheren Tönen erklären, man wolle China bei der Bewältigung gemeinsamer Herausforderungen stärker in die Pflicht nehmen. Chinas Führung, so die Verlautbarungen, muss endlich das globale Verantwortungsbewusstsein entwickeln, das von einer aufstrebenden Großmacht zu erwarten ist. Doch wie trägt man am besten zu Chinas globalem Verantwortungsbewusstsein bei?
Paradoxerweise verhindert Europa durch seine vorherrschende Praxis der leeren Floskeln und wiederkehrenden mahnenden Worte die Einbindung Chinas in ein multilaterales System geteilter Verantwortung. Denn sobald es an die dazu notwendigen Konkretisierung der vagen und unverbindlichen Forderungen nach mehr globaler Verantwortung von Seiten Chinas geht, wird es still in den Reihen der europäischen Multilateralisten. Die wohlklingende europäische Rhetorik des "effektiven Multilateralismus" verschleiert, dass die europäische Zögerlichkeit bei der konkreten Ausgestaltung einer verstärkten Rolle Chinas das verantwortungslose Verhalten der Pekinger Entscheidungsträger enorm erleichtert. Einen angemessenen, aber möglichst undefinierten Beitrag von China anzumahnen, geht leicht über die Lippen. Es macht sich auch gut bei Wählern, den Misserfolg internationaler Kooperation auf Chinas mangelnde Kooperationsfähigkeit zu schieben.
Aber wer wünscht sich ernsthaft einen Parteibonzen an der Spitze der Weltbank oder ehemalige Rotgardisten als Kommandanten internationaler Friedenstruppen in Afghanistan, Sudan und Kongo? Wer wünscht sich ernsthaft eine ehrliche Partnerschaft mit China auf Augenhöhe, eine wirklich geteilte Verantwortung mit allen Pflichten aber eben auch all den Rechten, die dazu gehören? Wenn es um die konkreten Schritte geht, die von China gegangen und vom Westen zugelassen werden müssen, um China zu einem global verantwortungsvollen Partner zu machen, schlägt die lähmende China-Angst zu und lässt alle multilaterale Rhetorik der Europäer blitzschnell verstummen.
- Datum 22.04.2010 - 14:24 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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"und machen dadurch globales Regieren zur fernen Utopie."
Jetzt muss schon China herhalten, um den Lissabonvertrag zu legitimieren.
Die Autoren können sich ihr Global Governance Programm sonstwo hinstecken.
Die eliten im Westen waren schon immer bereit, die Diktatoren der Welt mal zum neuen Hitler, mal zum netten Onkel von nebenan zu machen. Gerne auch mal erst das eine, dann das andere. Was halt gerade in die ökonomische Interessenlage passt.
… wenn ich solch einen Artikel schreiben müsste.
Meine Frage an die Autoren, was habe ich davon, wenn eine nicht mehr erreichbare geschweige legitimierte Superregierung über meinen Kopf entscheidet? War es die Absicht der Künstler darauf hinzuweisen, dass eine Einparteienherrschaft oder All-Unionsregierung gewisse Vorteile bietet – für die Herrschenden? Wo ist denn mein benefit, um einmal im slang der global governancer zu reden?
Apropos konstruktives zur Disposition stellen: Wie wäre es, wenn Herr Dahrendorf seinen Stuhl im advisory board des Global Public Policy Institute zur Disposition stellt, immerhin ist er doch tot?
http://www.gppi.net/filea...
....der mir einfällt, wäre, dass ein Weltkrieg wesentlich weniger wahrscheinlich würde.
....der mir einfällt, wäre, dass ein Weltkrieg wesentlich weniger wahrscheinlich würde.
Du hast ja so recht.
....der mir einfällt, wäre, dass ein Weltkrieg wesentlich weniger wahrscheinlich würde.
Die Autoren schreiben: "Es ist mehr als anachronistisch, dass kleine europäische Staaten wie Österreich oder die Niederlande weiter an ihren Direktorenposten in der Weltbank hängen."
Jemand der ein rising international Power sein möchte, sollte zumindest wissen, dass der Weltbank, entgegen der Name, eine Entwicklungsorganisation ist und das Holland der 6. Geldgeber bei der Entwicklungshilfe ist. In dieser Hinsicht ist Holland dann doch nicht so klein.
Zudem ist Holland engagiert dabei, liefert viele Ideen und Initiativen. Also ein Deutscher Direktorenposten bei der Weltbank wäre fast komischer: Deutschland ist vielleicht ein Platz höher als Holland auf der Liste der Geldgeber, aber leistet sich auch einen Minister Niebel der die Entwicklungshilfe am abschaffen ist.
Von 1947 bis 1989 war die Welt in Ordnung. Hier die Russen, dort die Freie Welt (unter Führung der USA). Man konnte sich auf einander verlassen: Geht es mir schlecht, haue ich verbal auf dich ein. Geht es dir schlecht, haust du verbal auf mich ein. Stellvertreterkriege ja, direkte Konfrontation nur probeweise. Jetzt ist das anders: US-Amerikas Stern sinkt, der europäische ist nicht richtig aufgegangen. Rußland nicht am Boden. China, Indien, Brasilien neue Weltmächte. Alles gut. Wieso Paranoia?
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