Am Montag wird in Washington ein Stück Weltregierung in Atomfragen geprobt. Der amerikanische Präsident Barack Obama und der chinesische KP-Chef Hu Jintao werden sich mit über 40 Regierungschefs zusammenfinden, um dem Atomwaffensperrvertrag neues Leben einzuhauchen. Doch der indische Premierminister Manhoman Singh wird dann ganz still am Tisch in einer Ecke verweilen und schweigen.

Und das ist neu. Indien, die sechste, unverstandene Atommacht war Jahrzehnte lang die lauteste Stimme im Konzert der Kritiker des Atomsperrvertrages. Indien sprach damals für das Weltgewissen gegenüber der Arroganz der fünf etablierten Atommächte USA, Sowjetunion, Frankreich, Großbritannien und China. "Die Geschichte ist voll solcher Vorurteile, die uns als eiserne Gesetze vorgehalten werden: Dass Männer Frauen überlegen sind, dass die weiße Rasse den farbigen überlegen ist und dass diejenigen, die Atomwaffen besitzen, verantwortungsvolle Mächte sind, und diejenigen, die sie nicht besitzen, es nicht sind."

So selbstsicher, radikal und schonungslos kanzelte einst der indische Premierminister Rajiv Gandhi in den achtziger Jahren den Sperrvertrag als Diskriminierungswerk der Atommächte ab. Indien aber konnte sich die Kritik seinerzeit erlauben. Das Land hatte diplomatisch intensiv an der Vorbereitung des Atomwaffensperrvertrages in den fünfziger und sechziger Jahren mitgearbeitet. Als der Vertrag jedoch bei seinem Abschluss im Jahr 1969 den fünf Atommächten Exklusivrechte zugestand, die er Indien nicht gewährte, entschied sich Neu-Delhi, nicht zu unterzeichnen. Stattdessen zündete Indien 1974 seine erste Atombombe.

Darauf folgte jedoch nicht, wie von der indischen Regierung erhofft, die Anerkennung Indiens als sechste Atommacht. Vielmehr nannte man Indien nun in einem Zug mit den atomaren Paria-Staaten Israel, Pakistan, Südafrika und anderen. Neu-Delhi aber fühlte sich zu unrecht geoutet, zumal es nie – wie etwa Pakistan - in den Verdacht geriet, sein Atomwissen anderen zukommen zu lassen. Stattdessen glaubte sich Indien immer im Einklang mit dem Geist des Atomwaffensperrvertrages. Umso vehementer und prinzipieller blieb deshalb Indiens Kritik – bis die USA nach dem Ende des Kalten Krieges einlenkten.

Heute aber fühlt sich Indien längst als Mitglied des Clubs. Die Annäherung des Landes an das herrschende Nuklear-Regime begann 1998. Nach seinem zweiten Atomwaffenversuch erklärte sich Indien offiziell zur Atommacht und steckte dafür – anders als nach dem ersten Versuch 1974 – nur noch gelinde diplomatische Prügel ein. Neu-Delhi wollte kein atomarer Habenichts mehr sein, und weil der Kalte Krieg vorbei war und China zum Rivalen erwuchs, zeigte sich Washington hilfsbereit. Mit dem nach langen Verhandlungen 2008 in Kraft getretenen indisch-amerikanischen Vertrag über die zivile Nutzung der Atomenergie gewährten die USA erstmals einem Nicht-Mitglied des Atomwaffensperrvertrages Zugang zur eigenen Atomtechnologie.

Mehr noch: Die USA überredeten die Gruppe der 45 Kernmaterial-Lieferländer (Nuclear Supplier Group), Indien in Zukunft mit zivilen Atomgütern auszurüsten. Neu-Delhi feierte das als Sieg über die "atomare Apartheid gegen Indien", sagt Achin Vanaik, Politologe an der Delhi-Universität. Seither fühle sich Indien als "verantwortungsvolle Atommacht" akzeptiert.

Damit verstummte aber auch die Kritik, wie sie unter Rajiv Gandhi üblich war. "Unser Diskurs hat sich sehr geändert. Indien hält sich heute bedeckt", sagt Vanaik. Die Zurückhaltung hat einen naheliegenden Grund: Tatsächlich unterhöhlt der indisch-amerikanische Atomdeal den Atomwaffensperrvertrag, weil er Indien als neue Atommacht faktisch anerkennt, obwohl es eine sechste Atommacht laut Sperrvertrag nicht geben darf.