Nato in Afghanistan Karsais Provokation war zu erwarten

Die Drohungen des afghanischen Präsidenten gegenüber den USA sind auch ein Zeichen von Autonomie. Genau das wird von ihm eigentlich erwartet. Ein Kommentar

Hat gegenüber Stammesältesten einen Nato-Einsatz in Zweifel gezogen: Afghanistans Präsident Karsai (M., oben) am Sonntag in Kandahar

Hat gegenüber Stammesältesten einen Nato-Einsatz in Zweifel gezogen: Afghanistans Präsident Karsai (M., oben) am Sonntag in Kandahar

Medienwirksam und effektiv versicherte sich Afghanistans Präsident Karsai der Loyalität und Unterstützung einer ständig gefährdeten Basis. Vor 1500 Stammesältesten hatte er am Sonntag im Beisein von US-General General Stanley McChrystal, dem Oberkommandierenden der US- und Nato-Streitkräfte in Afghanistan, mit einem Veto gegen die Isaf-Offensive im Raum Kandahar gedroht und die Souveränität seines Landes gegenüber den Partnern betont. Regierung und Presse in den USA reagierten darauf erbost.

Aber warum eigentlich? Die jetzige Kette von kleineren und größeren Provokationen war nämlich zu erwarten: Die neue Strategie, für die General Stanley McChrystal wie kein anderer steht, beginnt langsam Resultate zu zeigen – ein handlungsfähiger und zunehmend selbstbewusster Staatsapparat entsteht.

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Karsai muss um Abgrenzung zu den mächtigen Ausländern bemüht sein, denn für ihn geht es darum, sich zu konsolidieren und die Zustimmung der Afghanen zu gewinnen. Er kann das Vertrauen, das der surge die vorübergehende Truppenverstärkung aufbauen will, nicht den ausländischen Truppen überlassen. Karsai steht für den neuen Staat, der am Ende die Taliban aus sich heraus besiegen und integrieren muss. Er muss erreichen, dass die wenigen Erfolge der Intervention nicht nur den US-Amerikanern und der Nato zugeschrieben werden, sondern auch und vor allem dem neuen Afghanistan.

Afghanistans Präsident hat einen harten, vielleicht übertrieben spitzen Ton dafür gewählt. Die demütigenden und abwertenden Kommentare zu seiner Wiederwahl, vor allem aus den USA, haben sicher auch Spuren hinterlassen. Für Hamid Karsai geht es darum, Autorität aufzubauen, und das kann er nur durch Abgrenzung von den USA und deren internationalen Bündnispartnern.

Was haben die USA eigentlich erwartet? Sie haben eine starke zentralistische Präsidialverfassung durchgedrückt, sie haben unter Obamas Vorgänger George Bush Botschafter wie Mitregenten eingesetzt und sich um den Neuaufbau von Gesellschaft und Zivilität nach dreißig Jahren Krieg wenig gekümmert. Das ändert sich unter Präsident Obama, aber natürlich nicht in der wünschenswerten Nachhaltigkeit und Geschwindigkeit.

Obama und McChrystal kämpfen zudem auch mit dem Erbe von Bush. Und hatte man nicht Hamid Karsai als Bush-Marionette etwas unterschätzt, ebenso wie man Illusionen in frühzeitige Wahlen und andere demokratische Prozeduren legte, die auch eingeübt und verregelt werden wollen.

Leser-Kommentare
  1. Karsai weiß, wie einst Adenauer, dass er Regierungschef eines besetzten Landes ist (womit ich in keinster Weise Karsai qualitativ mit Adenauer vergleichen will).

    Er hat einen klaren Korridor, innerhalb dessen er sich bewegen kann.

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass Karsai politischen Selbstmord begehen möchte. Also ist das vermutlich abgesprochen.

  2. Ihre Analyse ist zutreffend. Nur eine von den Ausländern emanzipierte, d.h. afghanische Regierung, kann von der Bevölkerung vielleicht aktzeptiert werden.

    Aber: Wozu dann die ausländischen und deutschen Soldaten in Afghanistan sterben lassen, wenn Karsai und sein Polizei- und Militärapparat alleine Ordnung schaffen wollen?

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    wofür in Afghanistan ? Diese Frage ist in berechtigt, aber es wird keine Antwort gegeben werden, weil bisher nur "kriegsähnliche Zustände" herrschen. Ich habe mir die Frage auch in einem anderen Zusammenhang gestellt. Bei einem Vortrag fanden sich auch mehrere Diskutanten aus Afghanistan, die hier Asyl erhalten haben. Alles traurig in Afghanistan, war der Tenor, aber wir wollen nicht mehr zurück.

    wofür in Afghanistan ? Diese Frage ist in berechtigt, aber es wird keine Antwort gegeben werden, weil bisher nur "kriegsähnliche Zustände" herrschen. Ich habe mir die Frage auch in einem anderen Zusammenhang gestellt. Bei einem Vortrag fanden sich auch mehrere Diskutanten aus Afghanistan, die hier Asyl erhalten haben. Alles traurig in Afghanistan, war der Tenor, aber wir wollen nicht mehr zurück.

    • helgam
    • 06.04.2010 um 16:07 Uhr
    3. Orwell

    spricht von Provokation...
    Welcher denkende Staatsbürger wünscht sich nicht ein Staatsoberhaupt, welches fremden Mächten die rote Karte zeigen kann, wenn es im Interesse des eigenen Landes ist?
    Warum haben wir in der deutschen Regierung nur Postenträger sitzen, die sich amerikanischen Interessen angedient haben?
    Wieso unterschreibt Herr Karsai keine Todesurteile mehr, wenn er nach Ansicht von Herrn Daxner sich der amerikanischen Methode annähert?
    Glauben unsere Schreiberlinge immer noch, daß die Menschen in Afghanistan dümmer sind als im Westen?

  3. Autonomie durch Provokation oder Tanz auf dünnem Eis?
    Karzai emanzipiert sich - mit Kotau vor den Warlords, den Stammesfürsten, den Drogenbaronen ... als nächstes vor den Taliban?
    Karzai will den Effekt der Truppenverstärkung vereinnahmen und droht gleichzeitig mit Blockade? Was glaubt er denn, wie blöd sein Umfeld ist, dass keiner weiß, wer die Macht hat und wer nicht?
    Demütigende Kommentare zur Wiederwahl - kann man einen Fälscher als Fälscher demütigen?
    Karzai steht für den neuen Staat - armes Afghanistan.

  4. Da hat der Schmierenkommödiant von Dick Cheneys Gnaden aber wieder eine Lachnummer gegeben. Schön verkleidet war er auch noch. Wer sich das Video genau anschaut und vor allem anhört, merkt, dass aus dem Raum kaum Zustimmung zu dem Auftritt kommt. Trotzdem bramabassiert er weiter, damit die Kamera was zu filmen hat.
    Wer über den geistigen und kulturellen Zustand der "Herrscher" von Kabul etwas erfahren will, sollte sich den BBC-Dokumentarfilm "Kabul Cops" im Internet anschauen. Leider ist er allzuschnell von der BBC in die Giftkammer gebracht worden und auf Youtube darf er auch nicht mehr gezeigt werden. Aber irgendwo schwirrt er sicherlich noch herum.

    • Lutz1
    • 06.04.2010 um 17:02 Uhr

    Das ist doch alles Kasperletheater.
    Die Karsai Familie durch und durch korrupt fett im Drogengeschäft und Waffengeschäft und Paschtunen wie die Taliban.
    Ein Gruselkabinett und Parlament aus Taliban, ehemals Mudschaheddin, Warlords und gekauften Stammesfürsten die kein Interesse an einer starken Zentralmacht haben.
    Wahlen die nicht im Ansatz demokratisch sind wo mehr Wahlbeteiligte offiziell eingetragen sind als es Wahlberechtigte gibt.
    Dieses Land kann nicht mit aufgezwungenen westlichen Staatsformen okkupiert werden.
    Das funktioniert nicht und ist zum Scheitern verurteilt.
    Außerdem ist unser Krieg dort ein Völkerrechtsverbrechen !

  5. Die Schlußfolgerung, die Strategie zeige Wirkung, den Staatsapparat zu stärken und handlungsfähig zu machen, kann keine Zustimmung finden. Das Gegenteil ist der Fall, Karsai versucht, zu retten, was zu retten ist und hierzu neue Verbündete zu werben.

    Warum? Nun führe man sich zu Gemüte, daß vor wenigen Wochen tatsächlich verkündet wurde, eine neue Strategie der "partenership" einzuführen, mit dem einen Ziel, Zug um Zug die Verantwortung auf die Afghanen zu übertragen, mit dem weiteren Ziel aber, so schnell als möglich das Wespennest zu verlassen. Gelingt es aber nicht, die Regierung über die Stadtgrenzen Kabuls hinaus handlungsfähig zu machen, ist die Wahrscheinlichkeit für Karsais Untergang groß. Was bleibt ihm also übrig, als vorzubauen? Die neuen Verbündeten gerade durch die schrillsten Töne bei seinen ärgsten Gegnern zu suchen? Warum trägt er wohl einen schwarzen Turban wie ein Talib bei seiner Rede? Warum schimpft er vor den Vertretern des Südens über die im Süden operierenden Alliierten?

    Es ist doch klar, daß er auf die zweite Karte setzen muß, will er überleben, wenn der Westen die nächstbeste Gelegenheit zum Rückzug sucht.
    Und wenn er dabei derart überzogen spricht, dann doch wohl, weil er sich selbst vom Westen im Stich gelassen sieht, und er die Stammesführer überzeugen will, daß er stärker ist, als es scheint, er unentbehrlich ist, als Mittler zwischen ihnen und dem Westen. Aber auch, daß er dabei ist, intern die Seiten und Überzeugungen zu wechseln.

  6. wofür in Afghanistan ? Diese Frage ist in berechtigt, aber es wird keine Antwort gegeben werden, weil bisher nur "kriegsähnliche Zustände" herrschen. Ich habe mir die Frage auch in einem anderen Zusammenhang gestellt. Bei einem Vortrag fanden sich auch mehrere Diskutanten aus Afghanistan, die hier Asyl erhalten haben. Alles traurig in Afghanistan, war der Tenor, aber wir wollen nicht mehr zurück.

    Antwort auf "Karsais Emanzipation"

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