Tod der Elite Polen unter Schock, aber handlungsfähig

Die "Elite der Nation" ist ums Leben gekommen. Polen und der Rest der Welt trauern. Dennoch funktioniert das Land auch am Tag eins nach der Katastrophe. Von F. Ackermann

Schweigeminute in Warschau

Schweigeminute in Warschau

Zwei Minuten Stille ließen ganz Polen verharren. Der Krakauer Marktplatz war am Sonntag Mittag von Menschen erfüllt. Sie gedachten der 97 Opfer des Flugzeugunglücks von Smolensk. In Warschau trauern Politiker um ihre Kollegen aus Sejm und Senat. In Słubice an der deutsch-polnischen Grenze haben sich die Bewohner auf dem Platz der Helden versammlt, wo sonst am 1. September an den Beginn des Zweiten Weltkrieges erinnert wird.

Nach den zwei Schweigeminuten ertönen im ganzen Land die Sirenen – wie im April 2005, als Papst Johannes Paul II. starb. Heute ist der Tag, an dem es keine kleinen Symbole gibt. Jedes Detail der Katastrophe, aber auch der Trauer um die Verstorbenen Politiker, Militärangehörigen, Geistlichen und Vertreter der Zivilgesellschaft erlangt Bedeutung.

Die polnische Gesellschaft ist noch immer in einem Schockzustand, doch das Land funktioniert. Der Marschall des Parlaments, Bronisław Komorowski, hat wie von der Verfassung vorgesehen die Pflichten des Präsidenten übernommen. Ein neuer Leiter der Kanzlei des Präsidenten wurde benannt. Niemand zweifelt daran, dass wie von der Verfassung vorgesehen, innerhalb von 60 Tagen vorgezogene Präsidentenwahlen abgehalten werden.

Den Termin wird Komorowski innerhalb von zwei Wochen bekanntgeben. Bis zum Ende der einwöchigen Staatstrauer werden die Spekulationen um mögliche Kandidaten, zurückgestellt. Mit dem Präsidenten Lech Kaczyński und dem Sejm-Sprecher Jerzy Smajdziński sind zwei Kandidaten ums Leben gekommen. Noch wagen weder Premierminister Donald Tusk noch der Zwillingsbruder des verstorbenen Präsidenten, Jarosław Kaczyński, eine politische Erklärung abzugeben.

Für Polen ist es an diesem Tag besonders wichtig, die Solidarität der Welt zu spüren. Die Anrufe von Kanzlerin Angela Merkel und von Dmitri Medwedjew, die noch am Samstag Nachmittag in Warschau, eingegangen sind, haben mehr als symbolischen Wert. Genau wird in Polen beobachtet, wie der Absturz der TU-154 das Bewusstsein für die nationale Katastrophe in Russland verändert. So meldet die Gazeta Wyborcza, dass in Moskau rote und weiße Nelken Mangelware geworden sind, seit vor der polnischen Botschaft Blumen niedergelegt werden. Wahrgenommen wurde auch, dass Russland für Montag einen Tag der Staatstrauer angesetzt hat.

Genau registriert die Onlineausgabe die Warschauer Tageszeitung die Fülle der Solidaritätsbekundungen der russischen Führung und vieler Bürger. Sie zitiert Alexander Pluschtschew vom Radiosender Echo  Moskwy: "Das ist selten, dass ich mit unseren Machthaber Solidarität empfinde, aber heute ist Medwedjew mein Präsident."

In Krakau strömen die Menschen vom Markplatz zum Wawel. Vor dem Königsschloss sammeln sie sich vor den dunklen Katyn-Kreuzen, die zur Erinnerung an die Opfer der stalinistischen Massenerschießungen von 1940 errichtet wurden. Wie im Ribbentropp-Molotow-Pakt mit Hitler vereinbart, hatte die Sowjetunion im September 1939 Ostpolen besetzt. Schon in den ersten Monaten danach wurden Tausende Offiziere der polnischen Armee und andere Köpfe der Nation festgenommen. Im Frühjahr 1940 begannen Deportationswellen ganzer Bevölkerungsgruppen. Es folgte der Mord von über 20.000 Offizieren - Katyn wurde zum Symbol polnischen Leids und des Verlusts der Elite des Landes.

Leser-Kommentare
  1. Nach diesem Beitrag offensichtlich Offiziere und Machthaber.

    Was diese machen und zu welchem Zweck, scheint gerade im Angesicht deren Todes auf einmal keine Rolle mehr zu spielen.

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    "Elite" meint hier ganz einfach: hohe Funktionsträger. Ganz gleich, was man von diesen Menschen halten will, sie hatten im polnischen Staat, im Militär und den Kirchen zentrale Funktionen inne und waren nicht zuletzt Repräsentanten ihrer jeweiligen Bereiche.
    Repräsentation ist ja eine der wichtigsten Leitungsaufgaben und wird gern unterschätzt. Wir brauchen und wollen Personen, die nicht nur Leitungsarbeit leisten (auch die wird gern unterschätzt), sondern nach außen als Verkörperung der gesamten Gruppe auftreten, sei es nun ein Kirchsprengel oder die ganze Nation.
    Eben deshalb waren sie alle nach Katyn unterwegs: um Polen zu vertreten, um ihren ermordeten Amtsvorgängern Ehre zu erweisen.
    Ich denke, so verstehen es auch die Polen selbst, die Kaczyński im nächsten Herbst wohl abgewählt hätten.

    "Elite" meint hier ganz einfach: hohe Funktionsträger. Ganz gleich, was man von diesen Menschen halten will, sie hatten im polnischen Staat, im Militär und den Kirchen zentrale Funktionen inne und waren nicht zuletzt Repräsentanten ihrer jeweiligen Bereiche.
    Repräsentation ist ja eine der wichtigsten Leitungsaufgaben und wird gern unterschätzt. Wir brauchen und wollen Personen, die nicht nur Leitungsarbeit leisten (auch die wird gern unterschätzt), sondern nach außen als Verkörperung der gesamten Gruppe auftreten, sei es nun ein Kirchsprengel oder die ganze Nation.
    Eben deshalb waren sie alle nach Katyn unterwegs: um Polen zu vertreten, um ihren ermordeten Amtsvorgängern Ehre zu erweisen.
    Ich denke, so verstehen es auch die Polen selbst, die Kaczyński im nächsten Herbst wohl abgewählt hätten.

  2. ... was bei einem mitteleuropäischen Staat eigentlich niemand wirklich verblüfft, oder?

    • jvz
    • 11.04.2010 um 22:01 Uhr
  3. [Entfernt]

    Unterlassen Sie pietätlose Bemerkungen. Die Redaktion / mh.

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    Man darf diesbezüglich gespannt sein.

    Es wäre absolut tragisch, wenn das der Fall wäre.

    Irgendetwas muss da ja vorgefallen sein. Man muss sich mal vorstellen, dass das der vierte Landeanflug war... Ein Pilot legt auf so eine gefährliche Landung bestimmt keinen Wert.

    Man darf diesbezüglich gespannt sein.

    Es wäre absolut tragisch, wenn das der Fall wäre.

    Irgendetwas muss da ja vorgefallen sein. Man muss sich mal vorstellen, dass das der vierte Landeanflug war... Ein Pilot legt auf so eine gefährliche Landung bestimmt keinen Wert.

  4. Man darf diesbezüglich gespannt sein.

    Es wäre absolut tragisch, wenn das der Fall wäre.

    Irgendetwas muss da ja vorgefallen sein. Man muss sich mal vorstellen, dass das der vierte Landeanflug war... Ein Pilot legt auf so eine gefährliche Landung bestimmt keinen Wert.

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    Das Wort "gespannt sein" könnte unangemessen wirken.

    Das bitte ich zu entschuldigen.

    Das Wort "gespannt sein" könnte unangemessen wirken.

    Das bitte ich zu entschuldigen.

  5. Das Wort "gespannt sein" könnte unangemessen wirken.

    Das bitte ich zu entschuldigen.

    Antwort auf "gespannt"
  6. Der polnische Präsident wollte unbedingt an der Gedenkfeier teilnehmen. Hat er womöglich deshalb die Piloten angewiesen,
    trotz der Warnungen der russischen Fluglotsen einen erneuten Landeanflug zu riskieren ? Wenig wahrscheinlich, dass die Piloten eines Regierungsjets mit dem Präsidenten an Bord so eine Entscheidung allein treffen.

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    • Ypsi
    • 11.04.2010 um 23:05 Uhr

    es gab nur einen Landeanflug

    • Ypsi
    • 11.04.2010 um 23:05 Uhr

    es gab nur einen Landeanflug

    • BenGO
    • 11.04.2010 um 23:01 Uhr

    entheben sich Spekulationen über Schuld.
    Die Charakter polnischer Geschichte weist diesen Zug aus.Dies ist ein Lernprozess, dass dieses Volk über Jahrhunderte erfahren musste.
    Es ist jetzt allerdings auch eine demokratische Herausforderung an diese "junge" Demokratie des Landes, mit diesem Ereignis um zu gehen.
    Ich denke, dass die Verantwortlichen der politischen Lager im Lande dies schaffen werden.

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