Volkszählung in den USA Der neue Schmelztiegel

Amerikas aktuelle Volkszählung zeigt eine Gesellschaft in raschem Wachstum und Wandel. Auch die Herausforderungen im Umgang mit "Negros" und "Hispanics" verändern sich.

Eine große Kampagne hat die öffentliche Aufmerksamkeit für die Volksabstimmung gestärkt. Anhang des Zensus 2010 wird bemessen, wie viel Geld den Kommunen zur Verfügung steht

Eine große Kampagne hat die öffentliche Aufmerksamkeit für die Volksabstimmung gestärkt. Anhang des Zensus 2010 wird bemessen, wie viel Geld den Kommunen zur Verfügung steht

Stell Dir vor, es ist Volkszählung, und fast jeder macht mit. In Amerika läuft der 23. Zensus seit 1790. Die Verfassung schreibt das alle zehn Jahre vor. Es gibt kein Meldesystem. Die Zählung ist die Basis für den Zuschnitt der Wahlkreise, damit jeder der 453 Kongressabgeordneten eine annähernd gleich große Menge von Bürgern vertritt.

Den Amerikanern ist zudem bewusst, dass die Finanzen ihrer Gemeinde vom Zensus abhängen. Je mehr Bürger teilnehmen, desto höher die Geldzuweisung an die Kommune. Auch deshalb gibt es keine bedeutende Boykottbewegung wie 1987 in der Bundesrepublik.

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Zwar gibt es Kontroversen, aber sie belegen eher, wie rasant die Gesellschaft sich verändert und dabei alte Streitfragen überwindet. Im Fragebogen taucht, zum Beispiel, das Wort "Negro" wieder auf, als Alternative zu "Schwarzer" und "Afroamerikaner". Lange war es verpönt, im Kampf um die Gleichberechtigung in den 1960er Jahren galt es als Schimpfwort. Neue Forschungen zeigen, dass sich heute Zehntausende als Negro bezeichnen wollen. Zur einen Hälfte sind es sehr alte Schwarze, die mit der Bezeichnung aus der Zeit vor dem Civil Rights Act von 1964 aufgewachsen sind und den politischen Begriffswechsel nicht mitgemacht haben. Zur anderen sind es junge Schwarze, die sich ganz selbstbewusst als Negro sehen möchten.

Umstritten sind neue Rubriken für Hispanics, die Einwanderer aus Mexiko, der Karibik, Mittel- und Südamerika. Sie bilden die am schnellsten wachsende Gruppe und sind die größte Minderheit. Doch sie passen sich ungern in das bisher übliche Schema der Hautfarben und Rassen ein: weiß, schwarz, indianisch, asiatisch oder gemischtrassig. In den USA wird das Wort Rasse ganz selbstverständlich benutzt, es ist nicht belastet wie in Deutschland wegen der Rassenpolitik unter Hitler. Der neue Fragebogen bietet den Hispanics, die oft selbst aus gemischten Ehen stammen, zusätzliche Unterrubriken für die Selbstdefinition an, und ebenso den Asiaten.

Der Zensus wird machtpolitische Folgen haben. Seit 2000 ist die Bevölkerung um rund zehn Prozent gewachsen, von 281,4 Millionen auf nun 309 Millionen, doch das verteilt sich nicht gleichmäßig auf die 50 Bundesstaaten. Relativ verliert der Nordosten an Bevölkerung und dort vor allem die alten Industriegebiete. Der Süden und der Westen gewinnen hinzu, vor allen durch die Immigration der Hispanics. In der Folge werden Ohio, Pennsylvania, Illinois, Michigan und Minnesota, aber auch New Jersey und New York Kongresssitze einbüßen. Im Gegenzug erhalten Arizona, Nevada, Utah, Florida und Texas mehr Abgeordnete.

Die Wendungen beim Wort "Negro" und bei den Identifikationswünschen der Hispanics scheinen zu belegen, dass der Melting Pot funktioniert. Trotz mancher Fehler bieten die USA jedem eine Integrationschance und machen am Ende alle zu Amerikanern. Sicher ist das aber nicht. Je mehr Hispanics es werden, desto weniger lernen verlässlich Englisch. Der kulturelle Schmelztiegel verheißt kein Ende der Probleme, sondern einen Wandel der Herausforderungen im Wandel der Zeit.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 3. März 2010)

 
Leser-Kommentare
  1. ... wegen der PC-Faschisten.

    Genau so ist es aber erfahrungsgemäß: Immigration ist nicht die Lösung der Probleme, sondern ein Verschieben der alten in die Zukunft mit gleichzeitiger Entstehung neuer.

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    • joG
    • 04.04.2010 um 9:09 Uhr

    ....Monat on-line?

    • joG
    • 04.04.2010 um 9:09 Uhr

    ....Monat on-line?

  2. Der Schmelztiegel USA bezeichnet das Fundament, welches in das Prinzip des "American Dream" einfließt. Bei der Idee des "Melting Pot" geht es um die Vorstellung, Menschen verschiedener Herkunft in Amerika "einzugliedern". Damit ist jedoch nicht gemeint, dass Einwanderer die USA mit ihrer "fremden" Kultur bereichern und versuchen sich in dem Staat zurechtzufinden, sondern dass eine Form der Assimilation stattfindet. Das bedeutet, dass Immigranten mit der amerikanischen Gesellschaft verschmolzen werden und somit ihre eigene Kultur bzw. Moralvorstellung ablegen müssen, um sich den "amerikanischen Geist" zu eigen zu machen. Unter dem "amerikanischen Geist" bzw. unter der amerikanischen Moral versteht man das Ideal bzw. die Utopie der Amerikaner.

    Menschen, die sich entschließen Amerikaner zu werden, entscheiden sich nicht nur dazu Mitglied eines anderen Staates zu werden, sondern sie entscheiden sich für den amerikanischen Traum von Freiheit, Zufriedenheit und (hausgemachter) Gerechtigkeit und erklären sich zudem bereit, die dazugehörige Moral, ohne Rücksicht auf eigene Moralvorstellungen und Ideale, zu verwirklichen und anzuerkennen. Letztlich bleibt mit Anwendung des Prinzips "Melting Pot" kaum Raum für Individualität , und kritisches Denken, weil sich jede Kritik gegen den Staat auch gegen den christlichen Gott richtet, da Amerika, so wie es ist von Gott gewollt ist. Es besteht also die Gefahr der Uniformität.

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    Ich bin nicht gerne ein Verteidiger des "US-Amerikanischen Systems", denn Kritikpunkte bietet es wahrlich genug, aber das der Melting Pot kaum Raum lässt für Individualität ist gerade aus der europäischen Perspektive ein völlig absurder Vorwurf. Minderheiten geniessen in den USA einen Schutz und die Möglichkeit sich auszuleben, von der gerade Immigrantengruppen in Europa nur träumen können. Ein Minarettstreit wäre dort unvorstellbar.

    Das die fragwürdigen und genau definierten moralischen Vorstellungen einer Mehrheit der Bevölkerung die Politik dominieren, heisst noch lange nicht , dass die Minderheiten nicht gut geschützt wären. Das Problem ist komplexer.

    • joG
    • 04.04.2010 um 9:55 Uhr

    ....und Einstellungen ihrer Kultur auf eine Großgruppe Menschen, die Sie offenbar nicht verstehen, wenn Sie sagen:
    "Bei der Idee des "Melting Pot" geht es um die Vorstellung, Menschen verschiedener Herkunft in Amerika "einzugliedern""

    Das ist nämlich nicht so. Die Vorstellung, der Staat würde die Macht nehmen "Menschen..."einzugliedern", würde die meisten Amerikaner entsetzen. Vielmehr geht es für die Amis darum einen Rahmen zu schaffen, in dem jeder möglichst frei seinen selbst gesetzten Zielen frei nachgehen kann. Wie sich das verändert und was daraus wird, wie Amerika aussehen wird, wie sagt man so schön, ist Ergebnis offen.

    Ich bin nicht gerne ein Verteidiger des "US-Amerikanischen Systems", denn Kritikpunkte bietet es wahrlich genug, aber das der Melting Pot kaum Raum lässt für Individualität ist gerade aus der europäischen Perspektive ein völlig absurder Vorwurf. Minderheiten geniessen in den USA einen Schutz und die Möglichkeit sich auszuleben, von der gerade Immigrantengruppen in Europa nur träumen können. Ein Minarettstreit wäre dort unvorstellbar.

    Das die fragwürdigen und genau definierten moralischen Vorstellungen einer Mehrheit der Bevölkerung die Politik dominieren, heisst noch lange nicht , dass die Minderheiten nicht gut geschützt wären. Das Problem ist komplexer.

    • joG
    • 04.04.2010 um 9:55 Uhr

    ....und Einstellungen ihrer Kultur auf eine Großgruppe Menschen, die Sie offenbar nicht verstehen, wenn Sie sagen:
    "Bei der Idee des "Melting Pot" geht es um die Vorstellung, Menschen verschiedener Herkunft in Amerika "einzugliedern""

    Das ist nämlich nicht so. Die Vorstellung, der Staat würde die Macht nehmen "Menschen..."einzugliedern", würde die meisten Amerikaner entsetzen. Vielmehr geht es für die Amis darum einen Rahmen zu schaffen, in dem jeder möglichst frei seinen selbst gesetzten Zielen frei nachgehen kann. Wie sich das verändert und was daraus wird, wie Amerika aussehen wird, wie sagt man so schön, ist Ergebnis offen.

  3. Immigration und Exodus sind eines der Fundamente von Geschichte. Sie sind die Garanten von notwendigem Wandel, und Motor des Austausches. Die USA sind der erste Staat der prinzipiell ( und nicht perfekt ) ihr Selbstverständnis auf die Einwanderung und Integration aufbauen. Man muss sagen, Sie sind nicht schlecht gefahren damit bisher.
    Damit will ich die USA nicht in den Himmel loben, aber eine Tatsache die in Europa hartnäckig geleugnet wird, haben sie zu einer ihrer Stärken gemacht:
    Immigration ist Tatsache, Integration unter dem Strich ein Gewinn.

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    • th
    • 26.04.2010 um 17:30 Uhr

    nichtzutreffendes bitte streichen.
    (@redaktion: Achtung Ironie!)

    Das hängt alles vom Standpunkt und von den Details ab.

    Die "Immigration" in die USA war für die einwandernden Europäer mit Sicherheit von Vorteil - für die zwangsweise "immigrierten" westafrikanischen Sklaven (du meine Güte, diese "Immigranten" hatten doch auch eine kulturelle Identität: Ashanti, Ewe, Ibo, Yoruba, ..., die in diesem Prozess und in der Kolonialisation zerstört worden ist) nicht, und für die Autochthonen ("First Nations") auch nicht.

    So hat das Ding mehrere Seiten, man soll es weder verteufeln, noch in den Himmel loben und für alle zum Vorbild machen.

    • th
    • 26.04.2010 um 17:30 Uhr

    nichtzutreffendes bitte streichen.
    (@redaktion: Achtung Ironie!)

    Das hängt alles vom Standpunkt und von den Details ab.

    Die "Immigration" in die USA war für die einwandernden Europäer mit Sicherheit von Vorteil - für die zwangsweise "immigrierten" westafrikanischen Sklaven (du meine Güte, diese "Immigranten" hatten doch auch eine kulturelle Identität: Ashanti, Ewe, Ibo, Yoruba, ..., die in diesem Prozess und in der Kolonialisation zerstört worden ist) nicht, und für die Autochthonen ("First Nations") auch nicht.

    So hat das Ding mehrere Seiten, man soll es weder verteufeln, noch in den Himmel loben und für alle zum Vorbild machen.

  4. Ich bin nicht gerne ein Verteidiger des "US-Amerikanischen Systems", denn Kritikpunkte bietet es wahrlich genug, aber das der Melting Pot kaum Raum lässt für Individualität ist gerade aus der europäischen Perspektive ein völlig absurder Vorwurf. Minderheiten geniessen in den USA einen Schutz und die Möglichkeit sich auszuleben, von der gerade Immigrantengruppen in Europa nur träumen können. Ein Minarettstreit wäre dort unvorstellbar.

    Das die fragwürdigen und genau definierten moralischen Vorstellungen einer Mehrheit der Bevölkerung die Politik dominieren, heisst noch lange nicht , dass die Minderheiten nicht gut geschützt wären. Das Problem ist komplexer.

    • joG
    • 04.04.2010 um 9:09 Uhr

    ....Monat on-line?

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    Irgendein Szenario musste Herr Superösi wohl kreieren, um das tolle Wort PC-Faschisten anbringen zu können.

    Da kann man sich ganz nebenbei gleich noch als furchtloser Kämpfer für die Meinungsfreiheit wider aller vermeintlich existierenden PC-Tabus zu inszenieren.

    Ein Monat mehr oder weniger spielt da doch keine Rolle...

    Irgendein Szenario musste Herr Superösi wohl kreieren, um das tolle Wort PC-Faschisten anbringen zu können.

    Da kann man sich ganz nebenbei gleich noch als furchtloser Kämpfer für die Meinungsfreiheit wider aller vermeintlich existierenden PC-Tabus zu inszenieren.

    Ein Monat mehr oder weniger spielt da doch keine Rolle...

    • joG
    • 04.04.2010 um 9:55 Uhr

    ....und Einstellungen ihrer Kultur auf eine Großgruppe Menschen, die Sie offenbar nicht verstehen, wenn Sie sagen:
    "Bei der Idee des "Melting Pot" geht es um die Vorstellung, Menschen verschiedener Herkunft in Amerika "einzugliedern""

    Das ist nämlich nicht so. Die Vorstellung, der Staat würde die Macht nehmen "Menschen..."einzugliedern", würde die meisten Amerikaner entsetzen. Vielmehr geht es für die Amis darum einen Rahmen zu schaffen, in dem jeder möglichst frei seinen selbst gesetzten Zielen frei nachgehen kann. Wie sich das verändert und was daraus wird, wie Amerika aussehen wird, wie sagt man so schön, ist Ergebnis offen.

  5. Irgendein Szenario musste Herr Superösi wohl kreieren, um das tolle Wort PC-Faschisten anbringen zu können.

    Da kann man sich ganz nebenbei gleich noch als furchtloser Kämpfer für die Meinungsfreiheit wider aller vermeintlich existierenden PC-Tabus zu inszenieren.

    Ein Monat mehr oder weniger spielt da doch keine Rolle...

    Antwort auf "Was ist seit einem...."

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