Ölpest im Golf von Mexiko Obama will die Ölindustrie knebeln

Strikte Sicherheit, mehr Kontrollen: Der US-Präsident will Ölbohrungen im Meer strenger überwachen. Derweil startet BP einen neuen Versuch, das Loch zu schließen.

Die Zeit drängt, die Hurrikan-Saison steht an: Helfer versuchen, die Küste vom Öl zu befreien

Die Zeit drängt, die Hurrikan-Saison steht an: Helfer versuchen, die Küste vom Öl zu befreien

Diese Ölpest ist auch seine Krise: US-Präsident Barack Obama steht wegen seines Krisenmanagements zunehmend unter Druck. In einer Umfrage für CNN zeigten sich 51 Prozent unzufrieden mit dem Vorgehen der Regierung. Kritiker werfen ihr vor, zu spät auf die Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko reagiert und dem britischen Ölkonzern BP zu lange freie Hand bei der Bewältigung der Umweltkrise gelassen zu haben. Scheinbar ohnmächtig sieht Washington mit an, wie aus einem lecken Bohrloch täglich Hunderttausende Liter Öl ins Meer strömen. Dem will Obama nun entgegentreten und der Ölindustrie neue Vorschriften machen.

Nach einem Bericht des Wall Street Journal s will der Präsident deutlich schärfere Regelungen für Ölbohrungen im Meer durchsetzen sowie die Ölindustrie zur Einhaltung strengerer Sicherheitsbedingungen verpflichten. Eingeführt werden sollen auch mehr und rigidere Kontrollen auf Ölplattformen vor der Küste.

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Dem Bericht zufolge wird Obama die Pläne an diesem Donnerstag in einer Rede vorstellen. Grundlage wird auch ein neuer Untersuchungsbericht aus dem Innenministerium über das Versinken der BP-Ölplattform Deepwater Horizon sein. Das Weiße Haus erklärte, dass "mehr als 1200 Schiffe und mehr als 22.000 Menschen" rund um die Uhr im Einsatz seien, um die Ölkatastrophe in den Griff zu bekommen.

Geplant ist auch ein erneuter Besuch Obamas an der nun ölverschmierten Küste von Louisiana. Am Freitag wird er in den Bundesstaat reisen, "um sich dort ein eigenes Bild von den Bemühungen im Kampf gegen die Ölpest zu machen", heißt es aus dem Weißen Haus. Der Präsident werde dafür ein langes Wochenende mit seiner Familie in seiner Heimatstadt Chicago unterbrechen.

Dieser geht in eine neue Runde: BP will am Morgen (Ortszeit) einen neuen Versuch unternehmen, das Leck in 1600 Meter Tiefe zu stopfen. Allerdings war bis zum Vorabend noch unklar, ob der Versuch überhaupt stattfinden würde. Dabei soll mit hohem Druck zäher Schlamm durch das Sicherheitsventil gepumpt werden, das eigentlich im Falle eines Unfalls das Bohrloch automatisch verschließen sollte. Auch Gummiabfälle und Golfbälle sollen in die lecke Steigleitung gepresst werden. Gelingt es so, den Ölfluss einzudämmen, soll die Quelle schließlich mit Zement komplett versiegelt werden. Die Wirksamkeit indes ist ungewiss: Nach Angaben von BP-Chef Tony Hayward liegen die Erfolgschancen bei 60 bis 70 Prozent.

Natur in Gefahr

Anfangs hieß es noch, dass aus den Lecks unter der explodierten Bohrinsel Deepwater Horizon nach Schätzungen des Ölkonzerns BP und der Behörden täglich rund 5000 Barrel Öl schießen würden. Das sind knapp 800.000 Liter der zähen schwarzen Masse. Mittlerweile hat die US-Regierung ihre Schätzung deutlich nach oben korrigiert. Sie liegt nun zwischen 35.000 und 60.000 Barrel pro Tag. Das wären bis zu 9,5 Millionen Liter. Seit Wochen weisen Forscher auf entsprechende Mengen hin.

Bedroht ist nicht nur die Küstenregion des amerikanischen Bundesstaates Louisiana, wo das Öl bereits auf Land getroffen ist. Nach Angaben der Wetter- und Ozeanografiebehörde der USA (NOOA) kommt es auch zu Auswirkungen für Tiere und Pflanzen entlang der Küsten der Nachbarstaaten Mississippi, Alabama und Florida. Derzeit schätzt NOOA, dass allein in Louisiana zehn Tierschutzgebiete betroffen sind.

Die Sumpflandschaften in der Region sind artenreiche Ökosysteme, die fast 40 Prozent der Feuchtgebiete der USA ausmachen.

Meerestiere

Louisianas Ministerium für Natur und Fischerei sieht 445 Fischarten, 45 Säugetierarten, 32 Amphibienarten und 134 Vogelarten unmittelbar durch den wabernden Ölteppich in Gefahr.

Meeressäuger, wie die Delfinart Großer Tümmler oder der Pottwall können sich im klebrigen Öl verfangen, wenn sie zum Luftholen auftauchen. Der Karibik-Manati, eine bereits gefährdete Seekuhart, wandert entlang der Golfküste in warme Gewässer.

Auch einige Schildkrötenarten könnten unter dem Öl leiden. Gerade beginnt die Zeit, in der sie ihre Eier an den Stränden ablegen und auf Futtersuche sind.

Einige Umweltschützer fürchten sogar, dass der Alligator Schwierigkeiten bekommen könnte, im brackigen Mündungsgebiet des Mississippi-Delta Nahrung zu finden. Viele Fischarten, die auf seinem Speiseplan stehen, könnten vom Öl eingefangen werden.

Vögel

Eine Vielzahl an Vogelarten lebt und zieht an der Golfküste entlang, um hier Eier zu legen, Nester zu hüten und nach Futter zu suchen. Allein an der Küste Louisianas zählt man rund fünf Millionen Zugvögel in den Sumpfgebieten.

Kommen die Vögel mit Öl in Verbindung und verkleben sich ihre Flügel, können die Tiere weder Wasser abweisen noch Luft aufnehmen. In der Folge können sie ihre Körpertemperatur nicht mehr regulieren und unterkühlen.

Der offizielle Vogel des Staates Louisiana, der Braunpelikan, hat gerade angefangen auf den Sandinseln, die parallel zur Küstenlinie verlaufen, zu brüten. Weitere rund hundert Zugvögelarten, darunter Schwalben, Ammern und Waldsänger, legen derzeit einen Zwischenstopp in der Region ein.

Hinzu kommen zahlreiche Vogelarten, die an den Stränden nisten.

Pflanzen

Besonders die weitverbreiteten Mangrovenwälder an der Küste des Golfs von Mexiko reagieren sehr empfindlich auf eine Ölverschmutzung. Sie sterben ab, sobald das Öl ihre Luftöffnungen in den Wurzeln verklebt.

Dies ist nicht nur ein ökologisches Problem. Die Mangroven spielen auch eine wichtige Rolle im Küstenschutz. Gerade in der Region vor Louisianas Küste kommt es immer wieder zu starken Hurrikans. Die Mangroven bieten als eine Art natürliche Barriere Schutz für das gesamte Mississippi-Delta.

Künftige Stürme könnten größere Schäden anrichten, weil Mangroven nur langsam nachwachsen.

Fischerei

Der Golf von Mexiko ist der einzige Ort, an dem der Blauflossenthun im Westatlantik seine Laichgründe hat. Die Laichzeit hat gerade begonnen und die Meerestiere sind ohnehin eine gefährdete Art. Ihre Eier schwimmen an der Wasseroberfläche und auch die Larven bleiben in den oberen Wasserschichten, die direkt vom Öl verseucht sind.

Auch der Menaden, eine Heringsart, ist direkt vom Öl betroffen. Die Fische ziehen ihre Nahrung aus dem Wasser, indem sie es filtern. So kann das Öl direkt in ihren Organismus gelangen.

In den Gewässern vor der US-Küste leben zudem riesige Mengen Austern, Krabben, Muscheln und weitere Fische.

Noch geht die örtliche Industrie zwar nicht von einem dramatischen Einfluss auf die Fischereibetriebe aus. Dennoch geht die Furcht um. Einige Krabbenfischer haben bereits BP, Transocean und die anderen an dem Bohrvorhaben beteiligten Konzerne Halliburton sowie Cameron wegen Fahrlässigkeit verklagt.

Der Ölmulti kämpft derweil nicht nur mit dem Leck, sondern auch gegen den schweren Schaden für seinen Ruf. Hayward räumte erstmals ein, dass die Ölpest im Golf von Mexiko für seinen Konzern ein massives Image-Problem sei und dass "die Verteidigung der Küste bislang keinen Erfolg hatte". Er selbst sei "am Boden zerstört", sagte er bei einem Besuch in Port Fourchon im Süden des am meisten betroffenen Bundesstaates Louisiana. Der Konzern sagte bis zu 500 Millionen Dollar zur Erforschung der Folgen des Unfalls zu. "Wir sind hier, um zu bleiben", sagte Hayward. "Wir werden jeden einzelnen Tropfen Öl von der Küste entfernen."

Vor mehr als einem Monat war die von BP betriebene Bohrinsel Deepwater Horizon im Golf von Mexiko explodiert und wenig später gesunken. Dabei starben elf Arbeiter. Seitdem strömt kontinuierlich Öl ins Meer und verseucht die Küstengebiete mehrerer US-Bundesstaaten.

Die Zeit für einen Verschluss des Lecks drängt auch wegen der in der kommenden Woche beginnenden Hurrikan-Saison. Nach einer Prognose des Wetterdienstes WSI ist mit deutlich mehr Hurrikans zu rechnen als im langjährigen Durchschnitt. Auch andere Meteorologen haben bereits eine ungewöhnlich heftige Hurrikan-Saison vorhergesagt, was die Bekämpfung der Ölpest stark beeinträchtigen dürfte.

 
Leser-Kommentare
  1. "Kritiker werfen [der Regierung] vor, zu spät auf die Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko reagiert und dem britischen Ölkonzern BP zu lange freie Hand bei der Bewältigung der Umweltkrise gelassen zu haben."

    Ich vermute mal, dass die lautesten dieser Kritiker diejenigen sind, die vorher, nachher und sogar währenddessen das Hohelied des Minimalstaats singen und permanente "Gängelung" der Heiligen Industrie durch das tyrannische Monstrum namens Staat als Quelle allen Unheils verorten.

    Manchmal wünscht man sich, dass Erwachsene bei uns das Sagen hätten.

  2. "Der Präsident werde dafür ein langes Wochenende mit seiner Familie in seiner Heimatstadt Chicago unterbrechen."

    Guten Morgen, Mr. President, haben Sie gut geschlafen?
    Gnade Gottes, die gleichen Leute, die bei der ersten Flaute in der virtuellen Finanzwelt schier durchdrehen, gönnen sich im Angesicht nationaler Katastrophen in der realen Welt -- Ferien!

  3. Haha da kann er ja gleich sagen er möchte den Waffenbesitz weiter reglementieren. Bei den vielen Lobbyisten klappt das eh nicht

  4. Was soll das ? Versaut ist versaut und an der leichten Verschmutzung gehen wohl keine Tiere zu grunde?
    Obama sollte mal langsam anfangen einen Vorkostenanschlag zu machen und ein Teil der Kohle anfordern !
    Das ist Waschweiberpolitik die der in dieser Beziehung macht.
    Knebeln ? Der sollte abschreckend ein greifen, dann passiert vielleicht was!

  5. Es lässt sich nun wohlfeil auf Obama einschlagen. Aber wen soll er denn zum Stopfen schicken?
    Seine Vorgängerregierungen haben emsig Genehmigungen verteilt, dabei ein Blowout-Preventerchen als sicherheitstechnisches Feigenblatt vorgehängt - das war's. Keine Eingreiftruppe ausgebildet, keine Notfallstrategie entwickelt, keine wirklichen Hilfsmittel bereitgestellt. Wollte ja auch keiner staatliche Einmischung, alles selbstverantwortliche und mündige Firmen.
    Und so isses nu wie's is.
    Wird man daraus lernen? Erfahrungsgemäß nicht. Nach ein paar Monaten Entsetzen, Betroffensein und Entrüstung werden dann alle Mahner wieder als Ökospinner abgetan, inclusive Obama, wenn er denn Maßnahmen fordern sollte.

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