Die US-Regierung hat dem Ölriesen BP damit gedroht, ihm die Federführung im Kampf gegen die Ölpest im Golf von Mexiko aus der Hand zu nehmen. Innenminister Ken Salazar äußerte sich bei einem Besuch im amerikanischen BP-Hauptquartier "wütend und frustriert" darüber, dass es dem Unternehmen bisher nicht gelungen ist, den Ölaustritt ins Wasser und die Umweltverseuchung zu stoppen. "Wir sind am Tag 33 angelangt, und ein Termin nach dem anderen ist nicht eingehalten worden", sagte er im texanischen Houston.

Salazar bezog sich damit darauf, dass BP einen ursprünglich für Sonntag geplanten Versuch zum Verschließen des Bohrlochs verschoben hat. Er soll jetzt frühestens am Dienstagabend oder Mittwochmorgen Ortszeit beginnen. Dann soll das Bohrloch durch den Beschuss mit einer schweren Schlammmasse geschlossen und dann mit Zement aufgefüllt werden. Bislang, so BP, sei dies nicht möglich gewesen, da die Vorbereitungen für das komplizierte Manöver länger andauern als gedacht. 

Salazar sagte, er zweifle nicht daran, dass BP alles zur Lösung des Problems tue. Aber "habe ich Vertrauen darin, dass sie genau wissen, was sie tun? Nein." Wenn die Regierung herausfinde, dass BP "nicht tut, was es tun sollte, dann werden wir sie entsprechend beiseite schieben, und wir werden uns darum kümmern, dass alles getan wird, um die Menschen und die ökologischen Werte an der Golfküste zu schützen", zitierte der Sender CNN den Minister.

"Dies ist eine existenzielle Krise für eines der größten Unternehmen der Welt", sagte der verärgerte Innenminister zudem. Er spielte damit offensichtlich auf die immensen Kosten an, die auf BP für Reinigungsarbeiten und Schadenersatz zukommen könnten. Experten zufolge geht es um Milliarden-Beträge. Im Übrigen hat sich BP bereit erklärt, mehr als die 75 Millionen Dollar zur Säuberung der Küsten zu bezahlen, die bislang im Gesetz als Höchstgrenze genannt sind.

An diesem Montag wird sich Salazar zusammen mit Heimatschutzministerin Janet Napolitano erneut im Katastrophengebiet aufhalten: US-Präsident Barack Obama will, dass beide direkt vor Ort Druck auf BP ausüben. Obama selbst hatte sich am Samstag so scharf wie nie zuvor über das Unglück geäußert und von einem "Ausfall der Verantwortlichkeiten" gesprochen. Dabei hatte er namentlich BP genannt, aber auch die Firmen Haliburton und Transocean. "Wir werden die relevanten Firmen zur Verantwortung ziehen. Nicht nur dabei, die Fakten im Zusammengang mit dem Leck transparent zu machen, sondern auch dabei, das Leck zu schließen, die angerichteten Schäden zu reparieren und die Amerikaner auszuzahlen, die einen finanziellen Schaden erlitten haben."

Dies ist auch nötig, denn immer mehr giftiges Öl schwappt auf die Küste von Louisiana. Dort sind bereits Dutzende Kilometer des hochsensiblen Marschlandes zerstört. Auf einer Länge von gut 38 Kilometern sei das Schwemmland verseucht, sagte der Vorsteher der Gemeinde Plaquemines Parish, Billy Nungesser, und fügte hinzu: Im betroffenen Abschnitt sei kein Leben mehr. "Dort ist alles tot. Der Ölschlick zerstört Stück für Stück unser Marschland".

Fachleute schließen nicht aus, dass Öl über Strömungen auch nach Florida, Kuba und die US-Ostküste kommt. Manche Experten gehen davon aus, dass die USA vor der größten Umweltkatastrophe ihrer Geschichte stehen. Sie sorgen sich nicht nur um die unmittelbaren, sondern auch die längerfristigen Folgen für Umwelt und Mensch. Das Rohöl "belaste die Fische sowie Fauna und Flora im Golf", warnte der Veterinär Steve Murawski von der Nationalpark-Behörde. Über Plankton, Fische oder Krustentiere könnten die giftigen Substanzen aus dem Öl zudem auch in die Nahrungskette gelangen.

Offenbar hat auch BP den Ernst der Lage erkannt. Erstmals räumte Geschäftsführer Bob Dudley ein, dass die Ölpest "katastrophal" sei. "Alle von uns bei BP versuchen, das Problem zu lösen", sagte der Geschäftsführer. Niemand sei wegen der Ölpest "mehr am Boden zerstört".

Ausgelöst wurde die Katastrophe durch das Versinken der von BP geleasten Bohrinsel Deepwater Horizon am 22. April nach einer vorausgegangenen Explosion. Seitdem sprudeln jeden Tag riesige Mengen Rohöl ins Wasser. Anfangs war von etwa 160.000 Litern am Tag die Rede, später von rund 800.000 Litern. Einige Experten halten sogar eine weit größere Menge für wahrscheinlich. Nicht nur wegen dieser offenbar anfangs geschönter Zahlen wird die Informationspolitik des Konzerns zuletzt immer schärfer. BP wird dabei auch vorgeworfen, das Ausmaß der Ölpest herunterzuspielen und zu vertuschen.