Russland Moskau im Siegestaumel

Pompöser denn je hat Russland den 65. Jahrestag des Sieges über den Faschismus gefeiert. Stalin sollte keinen Ehrenplatz bekommen, war aber trotzdem allgegenwärtig.

Ein russischer Kommunist marschiert mit einem Stalin-Bild durch die Moskauer Innenstadt

Ein russischer Kommunist marschiert mit einem Stalin-Bild durch die Moskauer Innenstadt

Schwarz-weiß und siegessicher lächelt Josef Stalin von der Papptafel, die Galina Walkowa über die Twerskaja, die flaggengeschmückte Prachtstraße Moskaus, trägt. Die 76-Jährige ist mit Blumenkleid und Strohhut zum Marsch der Kommunisten gekommen. Am Tag des Sieges über die Nationalsozialisten will sie dem Sowjetführer huldigen, der nach ihrer Meinung Sieg und Ordnung brachte. "Nach dem Krieg ging es uns besser", sagt Walkowa. "Heute geht alles kaputt. Es gibt mehr verlassene Kinder und Kinderheime als 1945."

Eine Mitstreiterin im Ringelpullover hat unter ihr Stalin-Transparent geschrieben: "Verbreitet keine Lügen!" "Was für Lügen meinen Sie denn?, fragt ein junger Vater hinter der Absperrung. "Ich weiß nicht, wen Stalin verhaftet haben soll. Wenn jemand verhaftet wurde, dann wird es einen Grund gegeben haben!", ruft die Dame, die ihren Namen nicht verraten möchte. Sie ist über den stalinschen Terror, die Massenverhaftungen und Arbeitslager offenbar nicht informiert. Auch am Tag des Sieges, der in ganz Russland mit pompösem Freudentaumel gefeiert wurde, liegen die alten Wunden offen.

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Der russische Präsident Dmitri Medwedjew hatte sich im Vorfeld bemüht, das Geschichtsbild vom siegreichen Führer etwas gerade zu rücken. In bisher kaum gesehener Deutlichkeit hat er den Terror Stalins verurteilt. Dieser habe "Massenverbrechen" an seinem Volk begangen, sagte Medwedjew. Auch wenn es unter seiner Herrschaft Erfolge gegeben habe, "was seinem eigenen Volk angetan wurde, kann nicht verziehen werden". Eine vom Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow für den 9. Mai geplante Plakatkampagne mit Bildern Stalins hatte Medwedjew abgelehnt. Kurz vor dem großen Feiertag hatte der russische Präsident jedoch auch Verständnis für die Stalin-Verehrer bekundet. Als Mensch könne die Mitbürger verstehen, die sich vor allem an die heroische Geschichte des Landes erinnern wollen.

Der 9. Mai ist und bleibt der wichtigste nationale Feiertag in Russland. Jedes Jahr inszeniert sich das Land in einer wahren Orgie des Nationalstolzes. Zum 65. Jahrestag fiel sie größer aus denn je. Bei der traditionellen Militärparade auf dem Roten Platz marschierten am Morgen mehr als 10 000 russische Soldaten, fast 130 Flugzeuge und Hubschrauber rasten über den künstlich von Wolken befreiten Himmel. Und erstmals durften auch 1000 Soldaten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, Polen, Frankreich, Großbritannien und den USA an der Parade teilnehmen. Bundeskanzlerin Angela Merkel verfolgte die Parade von einer Ehrentribüne aus gemeinsam mit dem chinesischen Präsidenten Hu Jintao. Es war eine bemerkenswerte Geste der Versöhnung. Bisher hatte sich Russland gern zum alleinigen Sieger über die Faschisten stilisiert – und allein gefeiert.

In den Köpfen der meisten Russen ist dieser Stolz geblieben. Schon seit Tagen laufen die Moskauer mit dem orange-schwarzen Georgsband, dem Symbol militärischer Tapferkeit, durch die Stadt. Es wurde in Banken, Schmuckläden, Bäckereien und auf der Straße verteilt. Am Sonntag stürmten Hunderte Jugendliche mit russischen Flaggen durch die Innenstadt und brüllten: "Wir haben gesiegt!" Passanten gratulieren sich gegenseitig zum Tag des Sieges. Familien und Freundescliquen schlendern in Festtagsstimmung durch die Stadt und schauen sich eine der mehr als 200 Veranstaltungen und Konzerte an. Am Abend werden an 16 Orten in Moskau Feuerwerke gezündet.

Die grenzenlose Verherrlichung des Sieges geht auf den ehemaligen Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Leonid Breschnew, zurück. Dieser hatte den 9. Mai in den 60er Jahren zum wichtigsten Symbol der sowjetischen sozialen Ordnung gemacht. In aufwendiger Propaganda ließ er die Heldenfigur des Veteranen erstehen. Bis heute ist der Sieg über die Nationalsozialisten das einzige positive Symbol, das in gewisser Weise die sowjetische Macht legitimisiert.

Zu Zeiten der Perestroika und in den 90er Jahren rückten die russischen Machthaber vom Heldenmythos ab, aber Wladimir Putin ließ ihn in den 2000er Jahren wieder auferstehen. "Die Regierung fing an, eine regelrechte Sowjetnostalgie aufzubauen durch Schulbücher, Filme, die Wiederbelebung der sowjetischen Hymne", sagt Boris Dubin, Soziologe am unabhängigen Meinungsforschungsinstitut Lewada. "Ein großer Teil der russischen Bevölkerung, etwa 40 Prozent sind heute der Meinung, dass man sich an die Geschichte, auch an negative Ereignisse, wie die Verbrechen Stalins, erinnern muss", erklärt Dubin. Aber mehr als die Hälfte denke, dass die Vergangenheit ruhen sollte, und dass die Suche nach Schuld und Schuldigen keinen Sinn habe. "Sie wollen nur den positiven Teil unserer Geschichte wahrnehmen."

Am Rande des Marsches der Kommunisten, kurz vor dem Roten Platz, steht Oberst Wladimir Iwanow, 85, in der prallen Sonne. Seine Uniformjacke mit den Orden würde er trotzdem niemals ablegen. Wie viele Hundert Veteranen ist der Oberst gekommen, um Glückwünsche und Blumen entgegenzunehmen. "Das russische Volk hat diesen Sieg mit Stalins Hilfe und unter schweren Opfern erkämpft", sagt er. "Deshalb dürfen wir ihn nie vergessen." Ein junges Mädchen kommt auf ihn zu, drückt ihm rote Nelken und eine selbst gemalte Karte in die Hand und sagt. "Ich danke Ihnen sehr." Dann umarmt eine wildfremde Frau den Oberst unter Tränen. "Das ist unser Sieg!", sagt sie. Darin sind sich alle einig.


 

 
Leser-Kommentare
    • Harzer
    • 09.05.2010 um 16:57 Uhr

    Das russische Volk hat Opfer wie kein anderes gebracht. Und im Gegensatz zu uns Deutschen war es, wenigstens in diesem Krieg, auf der richtigen Seite.
    Da darf es auch feiern wie kein anderes !
    Alles andere, im Leben und in der Geschichte auch, ist eben nicht schwarz-weiß, sondern nur verschieden grau.

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    können ihren vermeintlichen "sieg" feiern (meiner meinung nach gibt es in einem krieg nur verlierer) aber warum dann einen menschenfresser wie stalin? das ist pervers.

    können ihren vermeintlichen "sieg" feiern (meiner meinung nach gibt es in einem krieg nur verlierer) aber warum dann einen menschenfresser wie stalin? das ist pervers.

  1. Stalin war ein Kriegsverbrecher, verantwortlich für hunderte Massaker und dem Holodomor! Der größte Massenmörder der Geschichte wird öffentlich geehrt! Verantwortlich für den Tod von circa 60 MILLIONEN Menschen! Erschossen und ausgehungert!

    Gekürzt. Bitte bemühen Sie sich um eine sachliche Wortwahl. Danke. Die Redaktion/ag

  2. Ich verstehe, dass die Russen den 9. Mai als ihren größten Feiertag begehen.

    Anders als im Weltkrieg 1, als bis 1917 Franzosen, Briten und Deutsche sich in langen aufreibenden Stellungskämpfen festgekrallt hatten und erst das Eingreifen der Amerikaner schliesslich den Ausschlag gab, waren zum D-Day 1944 (sechzehn lange Monate nach Stalingrad) der Ausgang des Krieges quasi vorentschieden. Die weitaus größte Last der Niederwerfung des NS-Regimes hatten die Russen in einer enormen Kraftanstrengung geleistet, nachdem sie nach deutschen Plänen 1941 Überfallen und binnen weniger Monate unterworfen werden sollten.
    Stalin hatte diesen Erfolg nun sicher nicht vorgeplant, die Krise, in die er zunächst geriet, ist bekannt.

    Auch wenn unser Land als Folge des sowj. Sieges einige Provinzen verlor und aufgezwungener stalinistischer Sozialismus schwere Schäden an Wirtschafts- und Infrastruktur der sowj. Besatzungszone bedeuteten, möchte ich doch lieber nicht wissen, wie es ausgegangen wäre, hätten die Russen unter Stalin diese enorme Herausforderung nicht gemeistert.

    Insofern ist aus Sicht der Nachgeborenenen dieser Sieg ein Sieg der Gerechtigkeit über den NS-Terror und wir können letztlich dafür dankbar sein und uns mit freuen - und schön dass Frau Merkel heute mit in Moskau ist.

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    Entfernt. Bitte unterlassen Sie Deutungen historischer Ereignisse, die im Namen des NS begangene Handlungen glorifizieren. Die Redaktion/fk

    Entfernt. Bitte unterlassen Sie Deutungen historischer Ereignisse, die im Namen des NS begangene Handlungen glorifizieren. Die Redaktion/fk

  3. können ihren vermeintlichen "sieg" feiern (meiner meinung nach gibt es in einem krieg nur verlierer) aber warum dann einen menschenfresser wie stalin? das ist pervers.

    Antwort auf "Opfergang"
  4. Die beiden großen kommunistischen Diktaturen stehen noch immer im Schatten ihrer Gründer. Beide leiden unter denselben Problemen. Sie wollen ihre Länder modernisieren mittels einer Art von Staatskapitalismus, aber ihre alten Satelliten ziehen nicht mit. Für China sind dies Nordkorea und Myanmar - Burma, und für Russland sind es Moldavia und Weißrussland.

  5. 6. ...

    Entfernt. Bitte unterlassen Sie Deutungen historischer Ereignisse, die im Namen des NS begangene Handlungen glorifizieren. Die Redaktion/fk

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    Deswegen hat er ja auch die Führung der Roten Armee umbringen lassen. Ein Trick, man weiss ja, wie verschlagen der Asiate an sich ist.
    Sie sollten nicht nur auf wikipedia-Artikel verlinken, sondern diese vorher lesen: Einige Historiker diskutieren diese Frage, vieles spricht gegen diese These, z.B. Stalins Politik des "Sozialismus in einem Land" incl. der Ermordung Trotzkis.
    Ausserdem sollten Sie mal in einen Atlas gucken: Ihr Gegensatz "Sowjetunion vs. Europa" ist schon mal Quark, weil Russland, die Ukraine und div. andere Staaten der SU zu Europa gehören.

    Unfassbar dass Sie auch noch glauben, dass Nazi-Deutschland Europa vor dem Sozialismus "gerettet" hätte.
    Definitiv war Hitlers Deutschland wesentlich gefhrlicher gewesen als die UdSSR, allein aus der Tatsache dass die UdSSR eine politisch isolierte Macht war, was bei Deutschland nicht der Fall war (Italien,Türkei,Japan)

    • Loki45
    • 10.05.2010 um 14:02 Uhr

    Vorsicht, Sie bewegen sich nach der heutigen Geschichtsauffassung auf dünnem "historischen Eis". Man wird Sie, wie es mir auch schon passiert ist, einen Revisionisten und einen Geschichtsklitter nennen!

    Was leider immer verdrängt wird, der Teufel hatte mit Beelzebub einen Pakt geschlossen - Stalin hatte dadurch zwei Vorteile:
    1. Er hatte Zeit zu weiterer Aufrüstung gewonnen
    2. Die beiden Diktatoren, die sich übrigens gegenseitig bewunderten, teilten sich Osteuropa (Polen, das Baltikum, Bessarbien, die nördl. Bukowina)

    http://www.dhm.de/sammlun...

    Es ist nachgewiesen, dass Stalin (wie auch Polen) expansorische Gelüste nach West-Europa hatte. Stalin beauftragte seinen Generalstab entsprechende Strategien zu entwickeln! Einfach Viktor Suworows "Stalins verhinderter Erstschlag" lesen!

    Deswegen hat er ja auch die Führung der Roten Armee umbringen lassen. Ein Trick, man weiss ja, wie verschlagen der Asiate an sich ist.
    Sie sollten nicht nur auf wikipedia-Artikel verlinken, sondern diese vorher lesen: Einige Historiker diskutieren diese Frage, vieles spricht gegen diese These, z.B. Stalins Politik des "Sozialismus in einem Land" incl. der Ermordung Trotzkis.
    Ausserdem sollten Sie mal in einen Atlas gucken: Ihr Gegensatz "Sowjetunion vs. Europa" ist schon mal Quark, weil Russland, die Ukraine und div. andere Staaten der SU zu Europa gehören.

    Unfassbar dass Sie auch noch glauben, dass Nazi-Deutschland Europa vor dem Sozialismus "gerettet" hätte.
    Definitiv war Hitlers Deutschland wesentlich gefhrlicher gewesen als die UdSSR, allein aus der Tatsache dass die UdSSR eine politisch isolierte Macht war, was bei Deutschland nicht der Fall war (Italien,Türkei,Japan)

    • Loki45
    • 10.05.2010 um 14:02 Uhr

    Vorsicht, Sie bewegen sich nach der heutigen Geschichtsauffassung auf dünnem "historischen Eis". Man wird Sie, wie es mir auch schon passiert ist, einen Revisionisten und einen Geschichtsklitter nennen!

    Was leider immer verdrängt wird, der Teufel hatte mit Beelzebub einen Pakt geschlossen - Stalin hatte dadurch zwei Vorteile:
    1. Er hatte Zeit zu weiterer Aufrüstung gewonnen
    2. Die beiden Diktatoren, die sich übrigens gegenseitig bewunderten, teilten sich Osteuropa (Polen, das Baltikum, Bessarbien, die nördl. Bukowina)

    http://www.dhm.de/sammlun...

    Es ist nachgewiesen, dass Stalin (wie auch Polen) expansorische Gelüste nach West-Europa hatte. Stalin beauftragte seinen Generalstab entsprechende Strategien zu entwickeln! Einfach Viktor Suworows "Stalins verhinderter Erstschlag" lesen!

  6. Stalin war nicht allgegenwärtig. Er wurde ausschließlich von der Kommunistischen Partei gefeiert. Das wird in diesem Artikel nicht ausreichend betont.

    Der 9. Mai ist für die russischen Menschen ein Tag der Erinnerung an die schreckliche Zeit des Krieges. An diesem Tag werden die Menschen geehrt, die damals diesem Schrecken entgegen gewirkt haben. Das alles findet in diesem Artikel keinen Platz. Der abwertende Unterton ergänzt durch Begriffe wie "Orgie" ist höchst unsensibel. Man kann über eine Sache aus verschiedenen Perspektiven berichten. Warum sich die Redaktion immer wieder für eine negative Perspektive entscheidet, wenn es um Russland geht, kann ich nicht verstehen.

  7. Bitte verzichten Sie auf pauschale sowie herabwürdigende Aussagen. Danke, die Redaktion/vv

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