Ölkatastrophe Obama zu cool

Der US-Präsident gilt als cooler Vernunftmensch. Was eine seiner größten Stärken ist, könnte sich nun als fatale Schwäche erweisen. Von Martin Klingst, Washington

US-Präsident Barack Obama am Chicagoer Flughafen O'Hare auf dem Weg zur Golfküste

US-Präsident Barack Obama am Chicagoer Flughafen O'Hare auf dem Weg zur Golfküste

Die Menschen an Amerikas Golfküste haben sehnlich auf diesen Besuch gewartet. Am Freitag ist Barack Obama endlich zum zweiten Mal in die Unglücksregion geflogen. Er ist kurz über den Strand von Grand Isle gelaufen und hat die angeschwemmten Teerklumpen bestaunt. Er hat sich mit den Gouverneuren von Louisiana, Mississippi, Alabama und Florida beraten und Lokalpolitiker um ihre Meinung gebeten. Der Präsident hat einige richtige Worte gefunden und gesagt, letztlich liege die Verantwortung bei ihm. Solange das Öl noch weiter sprudelt, solange der Ölkonzern BP die Lecks nicht schließt , kann ein Präsident faktisch nicht viel mehr tun.

Und trotzdem fehlt etwas Entscheidendes. Obama mangelt es offensichtlich an Empathie und an Mitgefühl für die von der Ölkatastrophe Betroffenen. Es war ein Blitzbesuch, ohne eine Begegnung mit den Not leidenden Fischern und anderen geplagten Küstenbewohnern. Keine Versammlung, kein town hall-meeting, wo Menschen ihm ihre Sorgen mitteilen durften. Keine Fahrt mit einem Krabben- oder Austernfischer in die vom Öl bedrohte Marsch. Dort sichert seit Tagen schwarzer Schlamm ein und droht, dieses einzigartige Biotop, die millionenfachen Laich- und Nistplätze zu vernichten.

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Bill Clinton, dieser notorische Menschenumarmer, hätte den Leuten längst zugerufen: "Ich fühle eure Not!" Selbst der etwas linkische George W. Bush hätte sich wahrscheinlich zur Vesper mit Fischern an einen Tisch gesetzt oder sich mit einem Megaphon auf den Marktplatz gestellt. Obamas Vorgänger hätten sicherlich politisch und technisch nichts anderes machen können, wahrscheinlich wären ihnen bei der Krisenhilfe sogar weit mehr organisatorische Fehler unterlaufen.

Doch Barack Obama, dieser Vernunftsmensch, der partout keine Fehler machen will, droht nun einen schweren, unverzeihlichen zu begehen: Er findet keinen Draht zu den betroffenen Menschen in Amerikas Armenhaus. Was wäre wohl, sollte seine Wahlheimat Chicago von einem Ölunglück bedroht sein?

Weit und breit ist in Louisiana, Mississippi und Alabama auch nichts von Michelle Obama zu sehen. Keine Reise der First Lady zu den verängstigten Fischersfrauen und zu den geplagten Hotelliers. Keine Ortsbegehung der wahrscheinlich größten Umweltkatastrophe Amerikas. Schon nach der Flutkatastrophe in Tennessee, die Dutzende von Todesopfern kostete und gewaltige Verheerungen verursachte, vermisste man schmerzlich den tröstenden Besuch von Mitgliedern der Ersten Familie Amerikas. Und jetzt die Ölpest am Golf.

Vielleicht werden sie bald alle einfliegen, umarmen und Schultern klopfen. Vielleicht werden die Obamas ihren Kindern demnächst zeigen, was die Abhängigkeit vom Öl für Folgen zeitigen kann. Doch dann wird dieser Besuch aufgesetzt, eingeübt und nicht mehr authentisch wirken. Barack Obama, der große Redner und exzellente Beherrscher politischer Symbolik missachtet eine wichtige Lehre: in einer nur schwer berechenbaren und beherrschbaren Krise kommt es besonders auf die politische Symbolik an. Auf Empathie und Mitgefühl mit den Opfern.
 

 
Leser-Kommentare
  1. ...grenzt schon an Satire. Aber er steckt im Dilemma des amerikanischen Volkes: Die in Alaska schon wieder kreischen:"Drill, baby, drill". Wie die kleinen Kinder machen sie alles kaputt und dann: Soll es der große Manitou wieder richten. Aber mit der Natur lässt sich keine FRiedenspfeife mehr rauchen. Nicht in 1500 Meter Tiefe!

  2. aber letzten endes zählt die fähigkeit der amerikanischen regierung lehren aus dieser katastrophe zu ziehen und nicht das symbolische händeschütteln mit viel medienrummel. im großen ganzen macht obama sein job ganz gut, vor allem in anbetracht der tatsache was für ein trümmelfeld die bush-regierung hinterlassen hat... 8)

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    ...aber das hat die Zeit hier auch überhaupt angeprangert dass es ihm an Kompetenz fehlt. Fakt ist, dass die Menschen in so einer Notsituation selbstverständlich händeringend nach Staatlicher Hilfe suchen, besonders natürlich das amerikanische Volk, das nur von Gesten der rhetorisch ausgefeilten und emotionalen Politik der USA lebt. Und gerade Obama der viel Hoffnung verspricht darf bei solch simplen Gesten nicht einfach versagen.

    ...aber das hat die Zeit hier auch überhaupt angeprangert dass es ihm an Kompetenz fehlt. Fakt ist, dass die Menschen in so einer Notsituation selbstverständlich händeringend nach Staatlicher Hilfe suchen, besonders natürlich das amerikanische Volk, das nur von Gesten der rhetorisch ausgefeilten und emotionalen Politik der USA lebt. Und gerade Obama der viel Hoffnung verspricht darf bei solch simplen Gesten nicht einfach versagen.

  3. Aber was könnte er Ihnen denn zur Zeit bieten, außer tränenschwangerer Anteilnahme. Andere können das freilich immer so schön und heuchlerisch, fahren dann nach Hause und scheren sich einen feuchten Kehricht.
    Wäre es anders, gäbe es inzwischen eine geschulte Eingreiftruppe, eine Notfallstrategie, geeignete Hilfsmittel.
    Aber nichts, man spielte immer nur den treusorgenden und lernte nichts aus Vergleichbarem.
    Aber man war gut im Volk einlullen, Hand aufhalten, Genehmigungen erteilen und dann das Volk verkaufen.

  4. Im Moment wird ein klarer Kopf gebraucht - was heißen soll, dass Vernunft vor künstlich aufgestachelten Emotionen gehen sollte. Alle intellektuellen und technischen Ressourcen des Ölmultis BP und der lokalen staatlichen Verantwortlichen, der Coast Guard, sind darauf gerichtet, das Bohrloch zu schließen bzw. wieder definierte und steuerbare Bedingungen herzustellen. Wenn jetzt durch Anklagen und Emotionen gestört wird, dann sollen die beschimpften und angeklagten BP-Manager und BP-Techniker aber trotzdem weiter die richtigen Entscheidungen treffen - dies sollte man doch zumindest als schwierig ansehen.
    Zur Gesamtsituation wäre doch anzumerken, dass Energie alle Menschen - ohne Ausnahme - wollen und somit die meisten Leute Ölprodukte in irgendeiner Form nutzen. Diese Nachfrage schafft eine Bedürfnisbefriedigung per Ölförderung dort, wo Öl ist. In diesem Falle sind fehlerhafte Entscheidungen getroffen worden, weil Sicherheit nicht an oberster Stelle gestanden hat, d.h. man wollte eine langfristig kostengünstigere - aber unsichere - Fördermethode anwenden und ist mit diesem Weg gescheitert - das ist menschliche Unzulänglichkeit und alle, die noch nie einen Fehler in ihrer Berufstätigkeit gemacht haben, können jetzt schimpfen. Für die Fischer und Bewohner des Küstenstreifens kommt es jetzt doch auf die Schließung des Bohrloches an und nicht darauf, dass Emotionen freigesetzt werden - denn das eine kann das andere ausschließen. Über Entschädigungen kann später verhandelt werden.

  5. Ich erinnere mich noch gut an Gerhards Schröders Engagement im Fall der drohenden Insolvenz eines Baugiganten. Er tat genau das richtige und stellte sich vor Arbeitnehmerschaft. Sein Verhalten brachte ihm großen Zuspruch.
    Das Motiv war bestimmt nicht Nächstenliebe. Schröder war einfach ein guter Instinktpolitiker. Einfache Menschen gewinnt man nicht für sich durch gute Argumente und Statistiken, sondern durch Emotionen. So ist der Mensch halt gestrickt......
    In dem Zusammenhang würde es mich nicht wundern, wenn die Polen den Bruder des abgestürzten Präsidenen wählen würden.

  6. finde ich diesen Artikel, bedient er doch nur Instinkte.

    Sicher, die Fähigkeit Menschen das Gefühl zu geben geschützt und "regiert" zu werden ist in einer Mediengesellschaft wichtig.
    Doch eigentlich sollten die Fähigkeiten, die Obama zugeschrieben werden völlig ausreichen.
    Das dem nicht so ist, ist der Disziplinlosigkeit und Korruption der Medien zu verdanken.
    Korrupt in dem Sinne, als sie nicht mehr in der Lage sind Informationen zu transportieren und zu vermitteln, sondern nur ausschließlich nach Auflage und Sensationsgier berichten. Egal ob das Ergebnis eine Lüge ist oder nicht.

    Dem Autor sollte klar werden, dass er von Obama verlangt, was die Medien in Unfähigkeit ihrem Auftrag gerecht zu werden, nicht mehr leisten.

    Recht hat der Autor wohl nur in einer Hinsicht, es Bedarf eines medialen Allround Genies an der Spitze der Macht um diese Fehlentwicklung zu korrigieren.
    Doch kann es ein solches Genie überhaupt geben, wenn tausende von Journalisten dem täglich entgegenarbeiten?

    Ich fürchte, hier wird einer Utopie gefrönt, um sich nicht der eigenen Verantwortung stellen zu müssen.

    Fakt ist, das wir es zugelassen haben, getriebene der Fakten zu werden, weil wir den kleinen Schlampigkeiten und Prinzipienbrüchen nicht entgegengetreten sind.
    Nun ist die Welle so gross, das der Preis sich ihr entgegenzustellen für denjenigen der es wagt,schon zu hoch ist.
    Es ist menschliche Eigenart erst dann zu reagieren, wenn die Folgen dafür noch viel dramatischer sind, als heute.

    H.

  7. schon komisch unsere Zeitgenossen. Immer einen Schuldigen zu suchen und den Falschen runtermachen.
    Wir alle Autofahrer sind keine Heiligen kommen wir vom Benzin los? - Mal ehrlich.

    Richtig erkannt, Obama hätte sich viel mehr Zeit nehmen sollen
    für die Betroffenen die vom Reichtum des Meeres leben.
    Doch ein Staatschef hat soviel um die Ohren. Er muß eben noch lernen, dass der Mensch im Mittelpunkt steht und die tägliche Wirklichkeit maßgebend ist und nicht theoretisches Kalkül.

  8. Natürlich wollen die Spindoktoren der Republikaner dafür sorgen, dass Obama in dem Ölsumpf von BP (und der ererbten Bush-Administration) untergeht.
    Aufgabe der Medien wäre es, dieses Spiel und ihre Hintergründe darzustellen. Stattdessen zu fordern, dass der Präsident der USA seine Zeit damit verschwenden soll, zurechtgemachte ölverschmierte Babys zu herzen, zeigt, wo die Medienwelt hingekommen ist. In den USA, aber auch in Deutschland: Nämlich auf den Hund.

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