DesertifikationsbekämpfungDie Trockengebiete nicht vergessen

Zwei Milliarden Menschen leben in Trockengebieten, doch gerade die Klimapolitik übersieht das Potenzial dieser Lebensräume. Ein Gastbeitrag. von Steffen Bauer, Philipp Buß und Levke Sörensen

Wüstenbildung

Wüstenbildung: Ein von Trockenheit erfasstes Feld in Binh Thuan im Süden Vietnams  |  © Frank Zeller/AFP/Getty Images

Die Trockengebiete der Erde bleiben ein Randthema der internationalen Umwelt- und Entwicklungspolitik. Daran wird leider auch der UN-Welttag zur Bekämpfung der Desertifikation am 17. Juni wenig ändern. Ganz im Gegenteil scheint diese UN-Konvention (UNCCD) mehr denn je im Schatten ihrer beiden großen Schwestern zu stehen, der Klimarahmenkonvention und der Konvention zum Erhalt der biologischen Vielfalt. 2010 wurde zum Internationalen Jahr der Biodiversität erklärt und neben den Vorbereitungen der zehnten Vertragsstaatenkonferenz, die im Oktober im japanischen Nagoya stattfinden wird, ist die internationale Umweltpolitik derzeit vor allem mit der Wiederbelebung der internationalen Klimaverhandlungen beschäftigt, die seit der gescheiterten Klimakonferenz von Kopenhagen in einer Sackgasse stecken.

Dabei sind die Wechselwirkungen zwischen den Herausforderungen des Klimawandels und dem Erhalt biologischer Vielfalt in kaum einem Ökosystem enger mit den entwicklungspolitischen Schlüsselfragen der Armutsbekämpfung und der Ernährungssicherung verbunden als in den Trockengebieten, die auf rund 40 Prozent der Erdoberfläche mehr als zwei Milliarden Menschen beheimaten. Deren Entwicklungschancen hängen maßgeblich von effizientem Wassermanagement, angepasster Bodennutzung, der Erhaltung traditioneller Nutzpflanzen und Tierrassen und den allgemeinen Ökosystemleistungen ab.

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Nachhaltiges Ressourcenmanagement in den Trockengebieten der Entwicklungsländer Afrikas, Asiens und Lateinamerikas kann deshalb gleichzeitig wichtige Beiträge zum Erhalt von Biodiversität, zur Anpassung an den Klimawandel und damit auch zur Armutsminderung leisten. Speziell die Sicherung von Ökosystemleistungen, deren Bedeutung über den Artenschutz weit hinaus reicht, erfordert eine nachhaltige Landnutzung. Diese sind nicht nur für die lokale Ernährungssicherung von hoher Relevanz, sondern auch für die landwirtschaftliche, medizinische und biotechnologische Forschung.

Das Beispiel der Artenvielfalt in der Landwirtschaft, der sogenannten Agrobiodiversität, verdeutlicht dies. Gerade für die ländliche Bevölkerung und vor allem die armen Kleinbauern ist der Erhalt pflanzen- und tiergenetischer Vielfalt unabdingbar, um die eigene Anpassungsfähigkeit zu bewahren. Angesichts der in Trockengebieten ohnehin widrigen klimatischen Bedingungen, gilt dies unabhängig von ihrem Problembewusstsein gegenüber den Risiken eines zukünftigen Klimawandels. Die auch von Agrobiodiversität abhängende Funktionstüchtigkeit der Ökosysteme ist für die lokale Ernährungssicherung schlichtweg unverzichtbar.

Dies gilt besonders für die Verfügbarkeit dürreresistenten Saatguts. Zudem gewinnen Sorten an Bedeutung, die einen kurzen Anbauzyklus haben, da die Variabilität der knappen Niederschläge in Folge des Klimawandels wahrscheinlich zunehmen wird. Traditionelles lokales Wissen ist für die Auswahl geeigneter Sorten und die Weiterentwicklung vorhandenen Saatguts zentral. So konnten beispielsweise indische Kleinbauern im Hochland von Dekkan durch den Anbau der trockenresistenten Kolben-Borstenhirse Dürreperioden gut überstehen und trotz karger Niederschläge Mensch und Vieh das Überleben sichern.

Ähnliches gilt für das Weidemanagement, wo etwa die Zusammensetzung der bewirtschafteten Viehbestände über das Ausmaß von Bodendegradierung entscheidet. Die mobile Weidewirtschaft hat sich weltweit als am besten an trockene Umweltbedingungen angepasste Form der Tierhaltung bewährt. In Ostafrika zum Beispiel wurden über Generationen hinweg ausgeklügelte Nutzungssysteme entwickelt, um die knappen Ressourcen Boden, Vegetation und Wasser nachhaltig zu nutzen. Dieses Wissen ist zentral für die Erhaltung der Ökosysteme der Trockengebiete mit ihren einzigartigen Pflanzen- und Tierarten und den entsprechenden genetischen Ressourcen. Die damit unmittelbar verbundenen Fragen des geistigen Eigentums sind politisch wie wirtschaftlich von großer Bedeutung. So sind etwa kenianische Massai-Schafe auch für die industrielle Nutzung geeignet. Ein gerechter Vorteilsausgleich ist hier notwendig, um den Beitrag traditioneller Ressourcennutzer zum langfristigen Erhalt der Agrobiodiversität zu honorieren.

Ökonomisch schien der Erhalt trockenresistenter und traditioneller Sorten und Rassen bisher uninteressant. Die Notwendigkeit, sich in Folge des Klimawandels zukünftig an häufigere und längere Dürreperioden anzupassen, dürfte dies grundsätzlich ändern. Als Grundlage einer nachhaltigen Landnutzung in Trockengebieten und deren Bedeutung für die globale Ernährungssicherung wird auch Agrobiodiversität an Aufmerksamkeit gewinnen.

Leserkommentare
  1. ...Motorradreisen durch die Wüsten der Erde: Sie vermitteln einen großartigen Eindruck davon. Unbedingt sehenswert seine Vorträge in ganz Deutschland.

    • TDU
    • 15. Juni 2010 14:29 Uhr

    Verstehe ich ihn richtig, heisst das für mich, dass auch die Ausbreitng und das Bestehen von Wüsten dem Know How der Menschen Chancen bietet, den Folgen des Klimawandels zu begegnen und der Wüste selbst nicht nur Lebensfeindlichkeit unterstellt. (Vielleicht ist ja mal die letzte Zuflucht um die frische Luft des Geistes zu atmen, die hierzulande durch Klischees, politische Correctness und Beschwörung aller möglichen Katastrophen vernebelt wird)

    Das gilt m. E. für alle Regionen der Welt, wenn man sich nicht auf die Rösser der apokalytischen Reiter setzt, nur Steuereinnhamen gerieren will, sondern Fachleuten, Kundigen und beharrlichen Arbeitern im Wesentlichen die auch mit Liebe zu Sujet versehene Arbeit überlässt.

  2. Betriebsberater aus Sinkktanks verbreiten halt Betriebsberater-Blahblah. Die über Jahrhunderte stabilen
    lokalen Nahrungserzeugungssysteme sind bestens angepasst!
    Aber Montesano und Konzerne wollen halt auch ins Geschäft kommen.Das sind die Spezialisten für Monokulturen, nicht
    die lokalen Kleinbauern.Und immer dabei, die Klimalüge!
    Wie jeder nachprüfen kann nehmen die Wüsten ab, obwohl die
    CO2-Propheten das Gegenteil vorausgesagt haben.Ihre Modelle sind einfach schlecht.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Umweltpolitik | GTZ | Klimawandel | Lateinamerika | Nicholas Stern | Asien
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