"Märtyrer des Ausnahmezustands" heißt er auf Facebook. Mehr als 178.000 Unterstützer hat die Seite " Meine Name ist Khaled Mohammed Said " inzwischen – und es werden täglich mehr. Tausende ägyptische Internetnutzer äußern ihren Abscheu, seit das entsetzliche Foto des Verstümmelten online zu sehen ist. "Weg mit der Folter" und "Nieder mit Mubarak", skandierten aufgebrachte Demonstranten in den vergangenen Tagen auch auf den Straßen Alexandrias und Kairos, bevor sie mit Schlagstöcken auseinander getrieben wurden.

In Polizeiverliesen sind Folter und Prügel im Reiseland Ägypten an der Tagesordnung. Khaled Mohammed Said aber wurde auf offener, belebter Straße totgeprügelt von zwei Zivilbeamten.

Das Ausnahmerecht gibt Polizei und Justiz nahezu unbeschränkte Macht. Seit fast drei Jahrzehnten in Kraft, wurde es erst im Mai um zwei weitere Jahre verlängert. Jeder kann in Ägypten ohne Grund verhaftet, misshandelt und beliebig lange hinter Gitter kommen. Menschenrechtler schätzen, dass 12.000 bis 14.000 Bürger ohne Anklage in den Gefängnissen sitzen.

Der Chef des kleinen Internetcafes im Stadtteil Kleopatra von Alexandria kann es immer noch nicht fassen, was sich in jener Nacht zugetragen hat. Khaled Mohammed Said habe an einem der Computer gesessen, als plötzlich zwei Polizisten in Zivil hereinstürmten, berichtet er. Sie beschimpften den 28-Jährigen, drehten ihm die Arme auf den Rücken und hämmerten seinen Kopf auf eine Marmortischplatte, bevor sie ihn ins Freie zerrten. Am Rande der viel befahrenen Straße hieben sie seinen Kopf gegen eine Hauswand und traten wie Furien auf den Bewusstlosen ein. "Hört auf, der Mann stirbt", versuchten zwei Passanten sie abzuhalten.

"Der simuliert nur", bekamen sie als Antwort. Dann warfen sie den reglosen Körper in einen Wagen und fuhren zur nahe gelegenen Polizeiwache Sidigaber. Eine Viertelstunde später kehrte das Fahrzeug zurück, die Leiche wurde vor dem Internetcafe abgekippt. Der Brustkorb war eingedrückt, Schädel und Zähne eingeschlagen, das Gesicht verstümmelt – die schrecklichen Aufnahmen des Getöteten zirkulieren im Internet.

"Diese Fotos bieten einen seltenen Einblick in den alltäglichen Gebrauch brutaler Gewalt durch ägyptische Sicherheitskräfte. Ihr Mitglieder gehen davon aus, dass sie völlig unbehelligt bleiben und niemand später irgendwelche Fragen stellt", urteilt Amnesty International und fordert eine unabhängige Untersuchung der Bluttat. Denn die Empörung am Nil ist inzwischen ähnlich groß wie 2007, als das Video von dem Minibusfahrer Emad al-Kabir, der auf einer Wache mit einem Knüppel vergewaltigt worden war, im Internet auftauchte. Erst durch den öffentlichen Druck wurden die Täter damals zu je drei Jahren Haft verurteilt.

Die Polizei in Alexandria dagegen bestreitet bislang jede Verantwortung. Der 28-Jährige sei ein Drogenkonsument gewesen und an seinen Haschisch-Zigaretten erstickt, die er in Panik herunterschluckte, als man seine Personalien habe überprüfen wollen, heißt es in einer Erklärung. Einen Vorwurf, den die Familie des Opfers vehement bestreitet. Vielmehr habe Khaled Said einen Handyfilm gedreht, der die beiden Schläger zeigt, wie sie sich den Profit eines Rauschgiftdeals teilten. "Das war deren Rache", sagt sein Bruder.

Auch die amerikanische Regierung zweifelt offenbar an der offiziellen Version. "Wir mahnen die ägyptischen Behörden dringend, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen", forderte Außenamtssprecher Philip Crowley. Daraufhin setzte sich die ägyptische Justiz erstmals ein wenig in Bewegung. Und der Generalstaatsanwalt in Kairo ordnete eine neue Autopsie des Getöteten an.

Erschienen imTagesspiegel.