Belgien Flamen und Wallonen wählen neues Parlament
Die Wahl in Belgien ist ein Kräftemessen zwischen Flamen und Wallonen. Erste Umfrageergebnisse lassen einen Erfolg der Separatisten erwarten.
©getty/Georges Gobet

Wahlplakate der belgischen N-VA am Straßenrand. Der Partei wird bei der Wahl der größte Erfolg voraus gesagt. Sie fordert ein autonomes Flandern
In Belgien wählen rund 7,7 Millionen Bürger ein neues Parlament. Beobachter sprechen dabei von einer "Schicksalswahl". Sie wird zeigen, ob die Niederländisch sprechenden Flamen und die Französisch sprechenden Wallonen noch weiter in einem Staat zusammenleben wollen. Die Abstimmung musste vorgezogen werden, weil die Regierungskoalition im April zerbrochen war. Grund war ein Streit um die Stellung der beiden Sprachgruppen.
Für die 150 Sitze in der Abgeordnetenkammer gilt im größten Landesteil Flandern die Neue Flämische Allianz (N-VA) mit Spitzenkandidat Bart De Wever als Favorit. Sie kämpft für eine weitgehende Autonomie Flanderns, die die meisten französischsprachigen Belgier verhindern wollen. Bei den Frankophonen lagen die Sozialisten unter Elio Di Rupo vorn. Großer Verlierer dürften die Christdemokraten sein, die Partei des ehemaligen Premiers Yves Leterme.
Der erwartete Linksrutsch in der Wallonie dürfte in Kombination mit dem Rechtsruck in Flandern nach Ansicht von Wahlbeobachtern die anschließende Regierungsbildung zusätzlich erschweren. Schon nach den letzten Wahlen 2007 hatte Leterme geschlagene neun Monate gebraucht, bis er eine Fünf-Parteien-Koalition aus Christdemokraten und Liberalen beider Landesteile sowie den wallonischen Sozialisten zustande brachte.
Die Wahllokale schlossen bereits um 15.00 Uhr. Wegen des komplizierten Wahlsystems mit regional getrennter Auszählung ist aber erst gegen Abend mit verlässlichen Zahlen zu rechnen. Das amtliche Endergebnis wird erst am Montag verkündet.
Auch nach der Wahl dürften die Staatsreform und die Auseinandersetzung um die Zukunft des Wahl- und Gerichtsbezirks Brüssel-Halle-Vilvoorde kaum einfacher zu lösen sein. Er liegt um die Hauptstadt Brüssel herum und ist der einzige zweisprachige Wahlkreis des Landes. Der frankophone Anteil der Bevölkerung fordert dort mehr politische Mitsprache. Die Reform des Wahlrechts in diesem Wahlkreis ist seit Jahren ein Anlass zum Streit zwischen den Parteien.
Belgien ist seit 1994 ein in drei Regionen unterteilter Bundesstaat. Die Flamen machen mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung von 10,4 Millionen aus, die Wallonen stellen knapp ein Drittel. Rund zehn Prozent gelten als zweisprachig. Dazu kommen etwa 74.000 Angehörige der deutschsprachigen Gemeinschaft im Osten der Wallonie.
Bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts schwelt der Streit zwischen den Bevölkerungsgruppen des Königreichs. Zunächst ging es vor allem um die Gleichberechtigung der niederländischen Sprache und Kultur mit dem bis nach 1945 dominierenden Französisch.
Später vertiefte die wirtschaftliche Entwicklung die Kluft. Die Wallonie war bis zur Stahlkrise und dem Niedergang der Kohleförderung in den 1950er Jahren das wirtschaftliche und politische Zentrum. Heute steht Flandern wirtschaftlich besser da als das französischsprachige "Armenhaus" und zahlt Schätzungen zufolge jedes Jahr sieben Milliarden Euro in den ärmeren Süden.
- Datum 13.06.2010 - 15:52 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa
- Kommentare 6
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Asterix meinte lakonisch: die spinnen die Belgier, aber ganz so einfach ist es nicht. Was heute zwischen den beiden Landesteilen abgeht, kocht schon lange und ist immer wieder angebrannt. Ursprünglich haben die Wallonen dafür gesorgt, dass Belgien richtig prosper wurde. Die Kohle- und Stahlindustrie in der Wallonie bescherten Leopold II. so viel Geld, dass er sich im Alleingang den Kongo kaufen konnte, den er in beispielloser Weise ausgebeutet hat. Leopold wiederum war ein deutscher Spross aus Sachsen-Gotha, ein Schelm der Böses dabei denkt. Nachdem aber keine Asche mehr mit Kohle zu verdienen war und auch andere Industrieprodukte aus Belgien auf der Halde landeten, kam die Stunde der Flamen, Bauern und Fischern, die mit ihren Produkten reich wurden. In Brüssel, der zweisprachigen Stadt ging es seit eh und je international zu, heute ist Brüssel dank EU-Sitz einer der polyglottesten Städte Europas. Die Wallonen ereilte der soziale Abstieg und die Flamen gebärdeten sich immer nationalistischer. Der berüchtigte Flaamse Block spricht eine sehr eindeutige Sprache. Die wunderbaren kulturellen Schätze Belgiens, die in Brüssel überall sichtbar sind, sind zum großen Teil französisch geprägt und werden so im Ausland auch wahrgenommen. Der Dauerstreit in Belgien, auch Sprachenstreit genannt, ist ein handfester Streit wirtschaftlicher Interessen. Moules frittes sollte Konsens sein, ist aber inzwischen unverdaulich. Magritte und Merxx sind eben wie Feuer und Wasser.
W. Neisser
"Leopold wiederum war ein deutscher Spross aus Sachsen-Gotha, ein Schelm der Böses dabei denkt."
Den haben die Briten ausgesucht, es gab da wohl eine dynastische Verbindung oder eine Symphatie.
"Nachdem aber keine Asche mehr mit Kohle zu verdienen war und auch andere Industrieprodukte aus Belgien auf der Halde landeten, kam die Stunde der Flamen, Bauern und Fischern, die mit ihren Produkten reich wurden."
Die haben ihren heutigen Wohlstand aber nicht mit landwirtschaftlicher Produkten und nassem Wild erwirtschaftet.
Nichts für Ungut, mir ist der flämische Separatismus auch nicht geheuer. Inzwischen kann ihn aber niemand mehr ignorieren. Vielleicht ist ein Ende mit Schrecken doch besser als ein Schrecken ohne Ende. Die Zentralregierung kommt seit Jahren nicht vom Fleck und lähmt alle Teile des Landes.
"Leopold wiederum war ein deutscher Spross aus Sachsen-Gotha, ein Schelm der Böses dabei denkt."
Den haben die Briten ausgesucht, es gab da wohl eine dynastische Verbindung oder eine Symphatie.
"Nachdem aber keine Asche mehr mit Kohle zu verdienen war und auch andere Industrieprodukte aus Belgien auf der Halde landeten, kam die Stunde der Flamen, Bauern und Fischern, die mit ihren Produkten reich wurden."
Die haben ihren heutigen Wohlstand aber nicht mit landwirtschaftlicher Produkten und nassem Wild erwirtschaftet.
Nichts für Ungut, mir ist der flämische Separatismus auch nicht geheuer. Inzwischen kann ihn aber niemand mehr ignorieren. Vielleicht ist ein Ende mit Schrecken doch besser als ein Schrecken ohne Ende. Die Zentralregierung kommt seit Jahren nicht vom Fleck und lähmt alle Teile des Landes.
Separatismus hat in Europa heute einen durchweg negativen Touch.
Wie passt das zum europäischen Einigungsprozess und zur
vielgeforderten Solidarität zwischen den Menschen ?
Ist das nicht nur Ausdruck von Egoismus ?
Vielleicht. Aber man muss auch akzeptieren, dass Interessen
einfach nicht vereinbar sind oder dass die gegenseitige
Identifikation nicht ausreicht, um in einer Gemeinschaft
zusammenzuleben. Dann ist Trennung der richtige Weg,
vielleicht auch, um Schlimmeres zu verhindern.
Ich glaube Probleme dieser Art werden an verschiedenen Stellen
in Europa aufbrechen, sei es wegen der Sprache oder unter-
schiedlicher (Gesellschafts-)Ideologien. Ich hoffe man versucht
dann nicht zu lange zu große Unterschiede unter einen
Hut zu bringen.
Im Artikel steht:
"Die Flamen machen mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung von 10,4 Millionen aus, die Wallonen stellen knapp ein Drittel. Rund zehn Prozent gelten als zweisprachig."
Das ist nicht richtig. Sie beziehen sich anscheinend auf die Einwohnerzahlen der Regionen. In Flandern wohnen knapp 60% der Belgier, in der Wallonie gut 30%. In der zweisprachigen Region Brüssel-Hauptstadt wohnen die übrigen gut 10%, von denen sind aber etwa 85% frankophon und 15% niederländischsprachig (Erstsprache). Zusammengerechnet sind etwa 60% der Belgier Flamen, etwa 40% frankophon. Zweisprachig nach Fähigkeit dürften weit mehr als 10% sein, ein zweisprachiges Selbstverständnis wird dagegen kaum jemand haben.
Die Zahlen 60% Flamen und 40% Wallonen beziehen sich auf eine Erhebung von 1962. Das ist 50 Jahre her, wie sich Belgien aktuell aufteilt, weiß man gar nicht, aber es ist auch unerheblich in dieser Auseinandersetzung, wenn man davon ausgeht, dass es im Prinzip weder um Sprache, noch um kulturelle Eigenheiten geht. Es geht um finanzielle und wirtschaftliche Interessen, es geht um Migranten, es geht um Sozialschwache, es geht um Armut - die vor allem im wallonischen Teil Belgiens und teilweise in Brüssel wahrzunehmen sind. In Brüssel gibt es Stadtbezirke, die bis zu 80% weder flämisch, noch wallonisch bevölkert sind. Das sind die ärmeren Viertel, in den reicheren Bezirken Nordbrüssel ist es genau das Gegenteil, da wohnen die reicheren Flamen und die reicheren EU-Beamten.
Nicht zu vergessen ist die deutschsprachige Minderheit in Ostbelgien, die zwar nur etwa 1% der Gesamtbevölkerung ausmachen, aber auch Belgier sind. Ihre Stimmen haben aber nichts mit der Balance in Belgien zu tun. Der Süden Belgiens, das ehemalige Industrierevier um Lüttich, Bastogne oder Namur ist traditionell eher links einzuordnen, während der flämische Norden als sehr konservativ oder neoliberal einzustufen ist.
Es ist ein Paradoxon, dass die Kapitale Belgiens und Europas in einer Zeit, wo mehr Konsens und Einigkeit gefragt ist, in einer Dauerfehde lebt. Kein gutes Zeichen für Europa.
Eine Frittenwand durch Belgien, das lässt für Europas Einheit tief blicken.
W. Neisser
Die Zahlen 60% Flamen und 40% Wallonen beziehen sich auf eine Erhebung von 1962. Das ist 50 Jahre her, wie sich Belgien aktuell aufteilt, weiß man gar nicht, aber es ist auch unerheblich in dieser Auseinandersetzung, wenn man davon ausgeht, dass es im Prinzip weder um Sprache, noch um kulturelle Eigenheiten geht. Es geht um finanzielle und wirtschaftliche Interessen, es geht um Migranten, es geht um Sozialschwache, es geht um Armut - die vor allem im wallonischen Teil Belgiens und teilweise in Brüssel wahrzunehmen sind. In Brüssel gibt es Stadtbezirke, die bis zu 80% weder flämisch, noch wallonisch bevölkert sind. Das sind die ärmeren Viertel, in den reicheren Bezirken Nordbrüssel ist es genau das Gegenteil, da wohnen die reicheren Flamen und die reicheren EU-Beamten.
Nicht zu vergessen ist die deutschsprachige Minderheit in Ostbelgien, die zwar nur etwa 1% der Gesamtbevölkerung ausmachen, aber auch Belgier sind. Ihre Stimmen haben aber nichts mit der Balance in Belgien zu tun. Der Süden Belgiens, das ehemalige Industrierevier um Lüttich, Bastogne oder Namur ist traditionell eher links einzuordnen, während der flämische Norden als sehr konservativ oder neoliberal einzustufen ist.
Es ist ein Paradoxon, dass die Kapitale Belgiens und Europas in einer Zeit, wo mehr Konsens und Einigkeit gefragt ist, in einer Dauerfehde lebt. Kein gutes Zeichen für Europa.
Eine Frittenwand durch Belgien, das lässt für Europas Einheit tief blicken.
W. Neisser
"Leopold wiederum war ein deutscher Spross aus Sachsen-Gotha, ein Schelm der Böses dabei denkt."
Den haben die Briten ausgesucht, es gab da wohl eine dynastische Verbindung oder eine Symphatie.
"Nachdem aber keine Asche mehr mit Kohle zu verdienen war und auch andere Industrieprodukte aus Belgien auf der Halde landeten, kam die Stunde der Flamen, Bauern und Fischern, die mit ihren Produkten reich wurden."
Die haben ihren heutigen Wohlstand aber nicht mit landwirtschaftlicher Produkten und nassem Wild erwirtschaftet.
Nichts für Ungut, mir ist der flämische Separatismus auch nicht geheuer. Inzwischen kann ihn aber niemand mehr ignorieren. Vielleicht ist ein Ende mit Schrecken doch besser als ein Schrecken ohne Ende. Die Zentralregierung kommt seit Jahren nicht vom Fleck und lähmt alle Teile des Landes.
Die Zahlen 60% Flamen und 40% Wallonen beziehen sich auf eine Erhebung von 1962. Das ist 50 Jahre her, wie sich Belgien aktuell aufteilt, weiß man gar nicht, aber es ist auch unerheblich in dieser Auseinandersetzung, wenn man davon ausgeht, dass es im Prinzip weder um Sprache, noch um kulturelle Eigenheiten geht. Es geht um finanzielle und wirtschaftliche Interessen, es geht um Migranten, es geht um Sozialschwache, es geht um Armut - die vor allem im wallonischen Teil Belgiens und teilweise in Brüssel wahrzunehmen sind. In Brüssel gibt es Stadtbezirke, die bis zu 80% weder flämisch, noch wallonisch bevölkert sind. Das sind die ärmeren Viertel, in den reicheren Bezirken Nordbrüssel ist es genau das Gegenteil, da wohnen die reicheren Flamen und die reicheren EU-Beamten.
Nicht zu vergessen ist die deutschsprachige Minderheit in Ostbelgien, die zwar nur etwa 1% der Gesamtbevölkerung ausmachen, aber auch Belgier sind. Ihre Stimmen haben aber nichts mit der Balance in Belgien zu tun. Der Süden Belgiens, das ehemalige Industrierevier um Lüttich, Bastogne oder Namur ist traditionell eher links einzuordnen, während der flämische Norden als sehr konservativ oder neoliberal einzustufen ist.
Es ist ein Paradoxon, dass die Kapitale Belgiens und Europas in einer Zeit, wo mehr Konsens und Einigkeit gefragt ist, in einer Dauerfehde lebt. Kein gutes Zeichen für Europa.
Eine Frittenwand durch Belgien, das lässt für Europas Einheit tief blicken.
W. Neisser
Meine 60%/40% habe ich aus den Einwohnerzahlen der Regionen abgeleitet, aber für Brüssel differenziert. Sie decken sich nur zufällig mit dem Ergebnis von 1962. Die Ausländer und die Staatsbürger mit Migrationshintergrund habe ich nach ihrer mutmaßlichen Identifikation (frankophon in der Wallonie und in Brüssel, flämisch in Flandern) einsortiert. Das ist natürlich alles statistisch unsauber, aber wenigstens erfinde ich keine neue Bevölkerungsgruppe. Die Zahlen im Artikel geben einfach die Einwohnerzahlen der Regionen wieder, und das ist irreführend, wenn es als ethnische Zugehörigkeit deklariert wird (10% Zweisprachige). Die Deutschsprachigen habe ich nicht vergessen, sondern einfach nicht weiter kommentiert.
Meine 60%/40% habe ich aus den Einwohnerzahlen der Regionen abgeleitet, aber für Brüssel differenziert. Sie decken sich nur zufällig mit dem Ergebnis von 1962. Die Ausländer und die Staatsbürger mit Migrationshintergrund habe ich nach ihrer mutmaßlichen Identifikation (frankophon in der Wallonie und in Brüssel, flämisch in Flandern) einsortiert. Das ist natürlich alles statistisch unsauber, aber wenigstens erfinde ich keine neue Bevölkerungsgruppe. Die Zahlen im Artikel geben einfach die Einwohnerzahlen der Regionen wieder, und das ist irreführend, wenn es als ethnische Zugehörigkeit deklariert wird (10% Zweisprachige). Die Deutschsprachigen habe ich nicht vergessen, sondern einfach nicht weiter kommentiert.
Meine 60%/40% habe ich aus den Einwohnerzahlen der Regionen abgeleitet, aber für Brüssel differenziert. Sie decken sich nur zufällig mit dem Ergebnis von 1962. Die Ausländer und die Staatsbürger mit Migrationshintergrund habe ich nach ihrer mutmaßlichen Identifikation (frankophon in der Wallonie und in Brüssel, flämisch in Flandern) einsortiert. Das ist natürlich alles statistisch unsauber, aber wenigstens erfinde ich keine neue Bevölkerungsgruppe. Die Zahlen im Artikel geben einfach die Einwohnerzahlen der Regionen wieder, und das ist irreführend, wenn es als ethnische Zugehörigkeit deklariert wird (10% Zweisprachige). Die Deutschsprachigen habe ich nicht vergessen, sondern einfach nicht weiter kommentiert.
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