Nordirland-Konflikt "Bloody Sunday"-Bericht beschuldigt erstmals Militär

Für die Armee ist es eine Blamage: Ein britischer Bericht macht erstmals das Militär für die Toten von 1972 verantwortlich. Premier Cameron hat sich nun entschuldigt.

Sie alle mussten sterben: Demonstranten tragen Plakate mit dem Antlitz der damals 14 Getöteten durch die Straßen von Londonderry

Sie alle mussten sterben: Demonstranten tragen Plakate mit dem Antlitz der damals 14 Getöteten durch die Straßen von Londonderry

Er war der Auftakt zum Bürgerkrieg zwischen Katholiken und Protestanten in Nordirland : Der "Bloody Sunday" von Londonderry. Damals, am 30. Januar 1972, starben 14 Menschen, nachdem britische Fallschirmjäger auf Teilnehmer einer nicht genehmigten Demonstration gegen die Internierungspolitik der britischen Regierung geschossen hatten. Fast 40 Jahre lang mussten Angehörige und Opferverbände auf eine Entschuldigung der britischen Regierung warten – nun war es soweit.

Großbritanniens Premierminister David Cameron entschuldigte sich nun für die tödlichen Schüsse der Soldaten. "Ich bedauere die Rolle der britischen Armee bei der Gewalt vor 38 Jahren zutiefst", sagte er bei der Vorstellung eines 5000-seitigen Untersuchungsberichts im Parlament. "Die Regierung ist letzten Endes für das Verhalten des Militärs verantwortlich. Im Namen der Regierung und des Landes sage ich: Es tut mir zutiefst Leid." Als Cameron diese Worte sprach – als erster britischer Premier überhaupt – brandete in Londonderry lauter Jubel aus. In der Stadt verfolgten Tausende Menschen die Szene vor einer Großbildleinwand.

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Der sogenannte Saville-Report ist die teuerste und längste Untersuchung in der britischen Geschichte. Zwölf Jahre lang recherchierte eine Kommission unter dem Vorsitz des Juristen Lord Saville die Ereignisse des "Bloody Sunday"; sie sammelten 2500 Zeugenaussagen. Die Erforschung eines der düstersten Kapitel des Nordirland-Konflikts kostete die Regierung in London umgerechnet 230 Millionen Euro.

Dieser Mammut-Bericht stellt nun erstmals offiziell klar: Die 14 Opfer in Londonderry waren unschuldig, Schuld tragen allein die Soldaten. Die Soldaten seien bei dem Bürgerrechtsmarsch – entgegen ihren bisherigen Behauptungen – nicht zuerst beschossen worden. Einige Soldaten des Fallschirmjägerbataillons hätten die Selbstkontrolle verloren, sie hätten "ungerechtfertigt und unvertretbar" gehandelt, so der Tory-Politiker. Die Armee feuerte zuerst, daran sei nicht zu rütteln. Die Opfer hätten keine Gefahr für die Soldaten dargestellt, auch wenn einige Demonstranten mit Sprengkörpern und Waffen hantierten. Einige Soldaten hätten bewusst gelogen. "Was am Bloody Sunday geschah, war falsch."

Die Details, die der Saville-Report zusammengetragen hat, sind erschreckend: Ein Mensch wurde erschossen, als er "vor den Soldaten davon kroch" und ein anderer, als er "schon tödlich verwundet am Boden lag". Ein Vater sei beschossen und verletzt worden, als er sich um seinen Sohn kümmern wollte.

Nun wird sogar die Staatsanwaltschaft eingeschaltet: Sie muss prüfen, ob den damals Verantwortlichen in Militär und Politik der Prozess gemacht wird. Die Entscheidung darüber dürfte allerdings nicht sehr bald fallen. Zudem sprach Cameron vieldeutig davon, die Vergangenheit nun hinter sich zu lassen.

So oder so – für die Armee ist dieses Ergebnis eine Blamage, für die Familien der Opfer dagegen eine Genugtuung. Sie hatten die offizielle Version des Tathergangs seit jeher angezweifelt. Demnach hätten die Soldaten in Notwehr gehandelt, da sie zuerst beschossen worden waren. Diese Version wurde in einem ersten Untersuchungsbericht von 1972 bestätigt. Die Armee wurde von aller Schuld befreit. Angehörige und auch Politiker brandmarkten den sogenannten Widgery-Bericht jedoch als "Schönfärberei". In der Folge wuchs der Druck auf die britische Regierung, sodass der damalige Premier Tony Blair 1998 eine neue Prüfung in Auftrag gab.

Auch mit der Veröffentlichung des Untersuchungsergebnisses sowie der Entschuldigung des Premiers haben die Betroffenen mit dem Kapitel "Bloody Sunday" keineswegs abgeschlossen. "Wenn der Staat seine Bürger tötet, dann ist es im Interesse aller, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden", forderte Tony Doherty, dessen Vater in Londonderry getötet worden war.

 
Leser-Kommentare
  1. Inzwischen werden "Sicherheitskräfte" gelernt haben, dafür zu sorgen, daß in vergleichbaren Fällen gekaufte Agenten tatsächlich aus der Demonstration heraus gewalttätig werden.

    Wer Gewalt will, und wohlgesonnene Massenmedien zur Seite hat, kann es immer so drehen, daß der Feind angeblich angefangen hat.

    Immerhin ehrt es die britische Regierung, daß sie die Lügen nicht weiter aufrechterhält.

  2. 2. Befehl

    Was ist, wenn die Soldaten nicht die Selbstkontrolle verloren haben, was ist wenn sie den Befehl hatten, den Iren zu zeigen, wer "Herr im Haus" ist und dazu den Segen der britischen Regierung hatten.
    Sie hatten die Katholiken über Jahrhunderte wie den letzten Dreck behandelt, warum sollte es an diesem Tag anders gewesen sein. Ob es nun Inder oder Iren waren, da hatten die Briten niemals einen Unterschied gemacht. Wer hat denn diesen Bericht angefertigt? Hoppla, die Briten!

    • tower
    • 16.06.2010 um 0:11 Uhr

    der Bericht kommt leider zu spät, 38 Jahre Vertuschung seitens der brit.Machthaber verhindern ,daß die wirklich Schuldigen kaum noch belangt werden können.

    • Merlyn
    • 16.06.2010 um 7:55 Uhr

    der er aber auch Taten folgen lassen muss.
    Aber in erster Linie freue ich mich für die Irische Bevölkerung dass dass Unrecht von Derry endlich als solches aufgeklärt wurde.
    Den Toten kann das vielleicht nicht mehr helfen, aber ihren Verwandten und Angehörigen hilft es sicher, dass die Warheit nach all den Jahren doch noch ans Licht kam.

  3. Als wir z.Z. Willy Brandt in der Schule seine Sätze:"Mehr Demokrati wagen!" 1972 interpretieren mussten und Eduard Heath Groß Britanmien/UK in die damalige EG führte passierte der Bloody Sunday während eines Sprachaufenthaltes in Scotland.
    England war für uns die Musterdemokratie in jeglicher Beziehung und jetzt??
    Alles faul im Staate Dänemark!!
    Alles schöner Schein!
    Die Urdemokratie ließ gnadenlos ihre eigenen Bürger 1972 in Derry zusammenschießen, die demonstrierend auf der Straße waren. Dieser Staatsterrorismus GB/UK löste dann den Bürgerkrieg in Ulster-Nordirland/UK aus und Initiator dieses bestialischen Krieges war der Staat und die Konservative Regierung mit 3.300 Toten selbst!!
    Der Westen hat wirklich gar kein moralisches Recht, diese Staatsform mit Gewalt in der Welt - wie die Kriege der letzten 100 Jahre beweisen - zu verbreiten.
    Es ist gut, dass die Tage des Westens als Dominanz zuende gehen.
    China mit seinem modernisierten Kommunismus/Kapitalismus hat außerhalb seiner Grenzen keine Kriege zum Verbreiten seiner Staatsform vollzogen.
    China ist im Gegensatz zu den anglo-ami. Demokratien geradezu friedlich zu nennen!!
    Der Islam schläfert die Gier im Menschen ein und das Chinesisches Modell ist wachstumsexpansiv ohne Kriege zu brauchen wie der Westen!
    Der Westen hat alle moralischen Berechtigungen für Einsatz in der Welt verloren, denn sie sind/waren nur Mittel zum Herrschen und Ausbeuten!

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