Finanzkrise EZB-Chef macht Berlin und Paris für Eurokrise mitverantwortlich

Das jahrelange Ignorieren des europäischen Stabilitätspaktes sei Mitschuld an der Finanzkrise, sagt Trichet. Und kritisierte auch die Banken - für ihre Gier.

Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet

Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet

Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, hat Deutschland und Frankreich für die Schuldenkrise in einigen Euro-Ländern mitverantwortlich gemacht. Die dramatische Staatsfinanzierungskrise sei eingeleitet worden, als Deutschland und Frankreich vor sechs Jahren gegen den Stabilitäts- und Wachstumspakt verstoßen hätten, sagte Trichet der Welt am Sonntag . Die Regierungen in Berlin und Paris seien "extrem unzuverlässig über Monate und Jahre hinweg" gewesen.

"Ich wünschte, die deutsche Öffentlichkeit hätte mit der gleichen Empörung auf den Bruch des europäischen Stabilitätspaktes 2004 reagiert" wie auf die EZB-Entscheidung Anfang Mai, zur Stützung des Euro erstmals Staatsanleihen von hoch verschuldeten Euro-Ländern zu kaufen, fügte Trichet hinzu. "Die Situation war zu dramatisch. Europa war in diesem Moment das Epizentrum der Krise," begründete er das Vorgehen.

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Dass es gerade in Deutschland scharfe Kritik an dieser Entscheidung gab, führte der oberste Währungshüter der Euro-Zone auch auf Unterschiede zwischen den Sichtweisen von Deutschen und anderen Europäern zurück: "In Deutschland wird einiges anders interpretiert", sagte Trichet .

Die sogenannte No-Bail-out-Klausel heiße, dass es in der Euro-Zone keine Verpflichtung zu Subventionen und Transfers für andere Mitglieder gebe. "Aber sie heißt nicht, dass in außergewöhnlichen Umständen ein Land einem anderen Land keinen Beistand gewähren darf", hob Trichet hervor. Dass Griechenland, Spanien oder Portugal eines Tages ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen könnten, schloss er aus: "Das werden wir nicht zulassen."

Trichet übte auch Kritik an den Banken. "Die wären alle weg, wenn wir sie nicht gerettet hätten, das hatten wir vor Augen", sagte er. Es sei ihm daher völlig unverständlich, dass Bankmanager nun wieder so weitermachten wie vor der Lehman-Pleite im Herbst 2008.

Exzessive Vergütungen und Bonuspakete sowie rein kurzfristig erzielte Gewinne, die keinen Bezug zur Realwirtschaft hätten, seien unhaltbar. "Das ist mit unseren bestehenden demokratischen Grundwerten nicht vereinbar", sagte Trichet.

 
Leser-Kommentare
  1. "Die Regierungen ... seien "unzuverlässig ... gewesen."

    So ist das halt in einem System, welches Wohlstand nur für wenige schafft, die Kosten dafür aber der breiten Masse aufbürden will. Das geht in der Realpolitik oftmals nicht so leicht umzusetzen wie Sie sich das wünschen, lieber Herr Trichet. Aber ist ja nochmal gut gegangen, die Wespe hat ja jetzt doch noch die Kurve gekriegt und auch G, S usw. hungern schon kräftig ihre ärmsten Landsleute aus, auf dass die Wirtschaft bald wieder in nie gekannten Ausmaße prosperiere.

    "zwischen den Sichtweisen ... "In D wird einiges anders interpretiert"

    Ach wirklich *lol*?
    Das ist jetzt aber was ganz neues, dass es in der EU verschiedene Mentalitäten gibt und jeder zu seinem Nutzen interpretiert ;-) Ein gutes Argument gegen eine solche Union, nicht wahr Herr Trichet?

    "Dass G, S oder P ... ihre Schulden nicht mehr ... : "Das werden wir nicht zulassen."

    Also die die verschlüsselte Aussage: wir werden weiter Anleihen kaufen? Gut so, mir solls recht sein. Ich fand es ohnehin Schwachsinn, dass die Privatbanken sich an Staatsschulden bereichern. Die EZB zahlt Gewinne wenigstens wieder an die Staaten aus. Und mehr Keynesianismus und auch Inflation bringt uns sicher nicht um.

    "Es ... völlig unverständlich, dass Bankmanager ... so weitermachten"

    Sie denken zu wenig systemisch, Herr Trichet. Investoren haben ein extrem schlechtes Gedächtnis, wenn Profite locken. Auch hier ist letztlich die Politik gefragt, nicht moralinsaures Gejammere.

    • lepkeb
    • 20.06.2010 um 9:44 Uhr

    mit ihrem privaten Vermögen sind also die Retter der Banken.
    "Die wären alle weg, wenn wir sie nicht gerettet hätten, das hatten wir vor Augen"

    Da muss die Vergütung da ja exorbitant sein.

    Sehr aussagekräftig sind auch die Aussagen zur den PSG und das diese ihre Schulden bedienen oder es die EZB tun wird. Da weiss man wohin die Reise geht. Obwohl diese Sichtweise nicht verwundert, Stichwort Group of Thirty.

    "In Deutschland wird einiges anders interpretiert" Er sagt leider nicht von wem, aber wahrscheinlich spielt wohl die unterschwellige Angst mit, dass D-land aufhört der Zahlmeister zu sein, wenn auch in der Vergangenheit wahltaktische Gründe die Kanzlerin dazu veranlasst hatten, verstärkt nationale Interessen zu vertreten.
    Herrn Trichet wird wohl nicht klar sein, wie politisch angespannt die Lage in D-land ist und was passiert, wenn die Deutschen ihre Angst abstreifen und es aufgrund der angespannten Lage (soziale Verwerfungen) zu einem Systemwechsel kommt. Wobei die Richtung offen ist.

  2. SPD ung DIE GRÜNEN zum Vorhalt des Herrn Trichet!

    2004: Kabinett Schröder!!

  3. "EZB-Chef macht Berlin und Paris für Eurokrise mitverantwortlich"
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    Ich erwarte eine Korrektur des Artikels mit dem Hinweis auf die Regierungsverantwortung Berlins und Paris im Jahr 2004!

    Der Titel ist irreführend, da er unterschwellig die jetzigen Regierungen Berlins und Paris in die Verantwortung der damaligen Entscheidungen nimmt!

    Es ist Ihrer journalistischer Verantwortung geschuldet, solch irreführende Betitelung zu unterlassen!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Sehr geehrter Hräswelger,

    so ganz verstehen kann ich Ihren Ärger nicht, geht es in dem Text doch an keiner Stelle um irgendwelche partei- oder koalitionspolitischen Erwägungen. Berlin und Paris stehen für die Länder und generell für deren Politik. Wer die zu dieser Zeit verantwortete, ist dabei herzlich egal. Trichet sagt vor allem, er hätte sich damals eine solche Empörung gewünscht wie heute - nicht der Regierenden sondern der Regierten.

    Beste Grüße
    Kai Biermann
    Redakteur vom Dienst

    Redaktion

    Sehr geehrter Hräswelger,

    so ganz verstehen kann ich Ihren Ärger nicht, geht es in dem Text doch an keiner Stelle um irgendwelche partei- oder koalitionspolitischen Erwägungen. Berlin und Paris stehen für die Länder und generell für deren Politik. Wer die zu dieser Zeit verantwortete, ist dabei herzlich egal. Trichet sagt vor allem, er hätte sich damals eine solche Empörung gewünscht wie heute - nicht der Regierenden sondern der Regierten.

    Beste Grüße
    Kai Biermann
    Redakteur vom Dienst

  4. Ignoriert wurde hier schon noch etwas mehr als nur eine Stabilitätsregelung, die von einem Eingeweihten wie Trichet nun als Wundertüte präsentiert wird, obwohl er besser wissen müsste, das die Gier von Menschen, die sich ins Zocken verennen, auf keine rationale "Bremse" mehr anspricht. Und er weiss ja nur zu gut, wie wenig sich dieses Geld so wunderbar "vermehren" kann, als wäre es gleichzeitig zeugungs- und gebährfähig.
    Das von ihm jetzt in Gang gesetzte, "Haltet-den-Dieb" - Spiel ist ja wohl auch eher für die dummen Zaungäste gedacht, die den Schaden wirklich haben und nicht merken, daß nach wie vor mit ihrem Geld und ihrer Zukubft gepokert wird - nur inzwischen mit virtuellen Schulden, die erst nach der Geburt unserer Enkel reale Gestalt annehmen.

  5. http://www.zeit.de/2010/2...

    Das Geld der EZB sind auch nur Schulden.

  6. ... anders reagiert.

    Die letzten Monate fanden die Boulevard-Meinungsbestimmer es lustiger die Griechen auf verschiedentliche Weise verbal in den Staub zu treten. Einmal sollten die griechischen Kapitalismus-Versager aus der EU geschmissen werden, dann sollten sie so mannhaft sein, selber auszutreten. Dann sollten sie finanziell ausgehungert werden, bis der letzte Groschen zurückgezahlt ist. Dann wollte man sie wieder rausschmeißen.

    Beim Aufweichen des Stabilitätspaktes 2004 hatte die Rot-Grüne-Regierung gerade die ganzen Sozial- und Kapitalmarkt-Reformen zur beschleunigten Umverteilung von unten nach oben ins Werk gesetzt. Auch der Staat wurde wieder etwas mehr ausgehungert. Da wettern die Boulevard-Einflüsterer natürlich nicht in erster Linie gegen Europa, sondern gucken mal, was noch passiert, wenn man auf die ausgediente Rot-Grüne-Regierung einklopft. Schließlich musste auch die Stimmung für die nächste Wahl vorbereitet werden. Am Ende konnte man die Wahl sogar vorziehen.

    Im Grunde weiß Herr Trichet doch, wie Politik funktioniert.

  7. Durch das Handeln der EZB im Jahre 2004 und 2010 hat sie ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Es ist nicht dem Volk vorzuwerfen, dass es nicht auf die Straße gegangen ist, es ist den verantwortlichen Politikern und Beamten vorzuwerfen, dass sie sich nicht an Gesetze, Verordnungen und Regeln gehalten haben.

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