Istanbul am 1. Juni: Thema Nummer eins ist die Attacke auf die Gaza-Hilfsflottille © MUSTAFA OZER/AFP/Getty Images

Eine zugeparkte Nebenstraße in Fatih, dem Istanbuler Viertel der Gläubigen und Züchtigen. Hier ein Buchladen, da ein Nussverkäufer, viele Bäume vor alten Häusern, es riecht nach Frühlingsblüte und den Köftegrills aus der Seitenstraße. In dem gelben zweistöckigen Haus gegenüber wurde der Anlass dieser Weltkrise ersonnen. Die IHH, die Stiftung für Menschenrechte und Freiheit, liegt unweit der großen ehrwürdigen Fatih-Moschee. Gleich neben dem Eingang kann man die Spenden einreichen. Vorbei an einer Glasvitrine mit Auszeichnungen für Hilfsprojekte in Asien und Afrika. Zwei Frauen in weitem schwarzem Gewand sitzen vor dem Rechnungsführer und schieben 150 Lira (80 Euro) über den Tisch. Der nickt und dankt mit einem religiösen Spruch.

Wir befinden uns im Hauptquartier jenes türkischen Vereins, der das mächtige Israel herausgefordert hat. Hier wurde der Hilfskonvoi zusammengestellt, der im Frühjahr Gaza erreichte. In diesen Büros wurde die Hilfsflotille von einer Handvoll Schiffen geplant, die nun von der israelischen Kriegsmarine aufgebracht wurden.

Wahrscheinlich über zehn Tote, drei Dutzend Verletzte und eine Weltkrise bis hin zum UN-Sicherheitsrat sind das Ergebnis. Nicht nur Türken waren im Visier der Israelis. Auch Angehörige von über dreißig Nationen, Muslime, Christen, Atheisten. Darunter auch zwei Bundestagsabgeordnete von den Linken. Sie alle wollten die dreijährige israelische Blockade von Gaza durchbrechen und Hilfsgüter bringen. Doch wer ist die Stiftung für Menschenrechte und Freiheit IHH? Radikale Islamisten, wie Israel behauptet, oder harmlose Helfer, wie die Türken sagen?

Die IHH sieht kaum nach dem Sturm aus, den sie in der Welt ausgelöst hat. Die Eingangshalle ist voller Menschen. Angehörige fragen nach ihren Verwandten, Helfern auf den drei Schiffen, die IHH Richtung Gaza geschickt hat. Ein großer Fernseher ist aufgestellt, unaufhörlich flimmern Bilder vom Sturm der israelischen Marine auf dem Hauptschiff in einer Endlosschleife, dazu aufgeregte Kommentare von Journalisten, Politikern. Mutmaßungen, Beschuldigungen, Verdächtigungen. Keiner weiß Genaues von den aufgebrachten Schiffen. Israel hat eine Nachrichtenblockade verhängt.

Die IHH hat weder Mittel noch Erfahrung, Informationen wirksam zu verbreiten. Es gibt ein Pressebüro, aber das ist ausgerechnet heute nicht erreichbar. Im Hauptquartier Fatih reiht sich Büro an Büro, im Nebengebäude ist ein Waisenhaus eingerichtet. 130 Menschen arbeiten hier, die meisten Männer, dreißig Frauen. Viele sind "im Feld", wie die IHH-Leute sagen. Draußen in der Welt in Bosnien, Sudan, Somalia, Jemen, Pakistan, Irak, Niger. Sie bauen Hütten und Schulen in Konfliktgebieten, bohren Brunnen, betreiben mobile Kliniken, verteilen Wasser, Lebensmittel, Decken und Zelte in Flüchtlingslagern. Die humanitäre Organisation begann ihre Arbeit in Bosnien, sie bekam vor drei Jahren den "Ehrenpreis" des türkischen Parlaments. Mit einem gleichnamigen Hilfsverein von Türken in Deutschland will IHH Istanbul nichts zu tun haben. Sie sind vor Jahren getrennte Wege gegangen.

In Gaza arbeitet die Organisation seit dem Beginn der Blockade durch Israel im Jahr 2007. Dieses Jahr ist schon ein Hilfskonvoi über Ägypten nach Gaza gekommen. Nun also der gescheiterte Versuch übers Mittelmeer. Ein Himmelfahrtskommando? Man wollte auf die "riesige menschliche Tragödie" in Gaza aufmerksam machen, sagte der IHH-Vorsitzende Bülent Yildirim, bevor die Schiffe vom türkischen Mittelmeerhafen Mersin in See stachen.

Sind wir hier also bei von Hamas ferngesteuerten "Radikalislamisten"? Murat Uyar empfängt uns, ein Leiter der weltweiten Hilfsprogramme, kurzgeschorener Bart, kurzärmliges Hemd, sichtlich mitten aus der Arbeit gerissen. Gläubig ist man hier allemal, das zeigt schon der zusammengerollte Gebetsteppich auf dem Schreibtisch, die vielen vollbärtigen Männer, die Kopftuchfrauen. Und überhaupt: das hier ist Fatih, Istanbul. "Wir sind alle Muslime", sagt Uyar. Und von der Hamas gesteuert? "Absurd", sagt der 33-jährige Uyar. IHH arbeite seit Mitte der neunziger Jahre in insgesamt über hundert Ländern, die mit Hamas nichts zu tun hätten. Für Projekte in Gaza müsse man natürlich mit Hamas sprechen, "schließlich regieren die da". Vergangenes Jahr sei eine Hamas-Delegation hier in Fatih gewesen, die sei anschließend nach Ankara zu Gesprächen mit der Regierung weitergereist. Keine Konspiration. Alles durchsichtig, betont er.