ZEIT ONLINE: Frau Amar-Dahl, Sie haben ein Buch über den israelischen Präsidenten Schimon Peres geschrieben. Welches Bild hatten Sie von ihm, als Sie mit ihrer Dissertation begonnen haben?

Tamar Amar-Dahl: Ich war linkszionistisch orientiert und habe Peres daher als Friedenspolitiker gesehen. Erst als ich mich mit seiner Politik und seinen Texten auseinandergesetzt habe, kam ich zu einem neuen, differenzierteren Bild.

ZEIT ONLINE: Der Titel ihres Buches ist Shimon Peres –Friedenspolitiker und Nationalist. Spiegelt das ihr jetziges Bild wider?

Amar-Dahl: Das kann man so sagen. Peres ist allerdings kein erfolgreicher Friedenspolitiker, gerade weil er Nationalist ist. Er war die ganze Zeit daran interessiert, einen Judenstaat aufzubauen und zwar in ganz Palästina – sein Ziel war Eretz Israel, das Land der Urväter. Das ist mit ein Grund, weshalb der Frieden mit den Palästinensern nicht möglich ist.

ZEIT ONLINE: Warum wird er dann, wie ja auch in Deutschland, als Friedenspolitiker gesehen?

Amar-Dahl: Ich glaube, Peres hat dieses Image, weil er sich tatsächlich so sieht und sich auch so vermarktet. Es gibt einige Friedenszentren, die seinen Namen tragen. Er hat auch 1994 den Friedensnobelpreis bekommen und führt den Frieden stets im Mund.

ZEIT ONLINE: Aber reicht das, um dieses Image zu kreieren?

Amar-Dahl: Peres kann die harte Realität, die er mitgestaltet hat, mit blumigen Worten verkleiden. Das ist seine Gabe. Er tritt als besonnener und rationaler Staatsmann auf, als Gegenpol zu den Rechtsradikalen wie Außenminister Liebermann. Aber er hat genauso wenig wie seine Kollegen aus dem rechten Lager eine Lösung der Palästinenserfrage. Dieses Problem ist, auch für ihn, ein militärisches.

ZEIT ONLINE: Das heißt, Peres befürwortet Krieg zur Lösung politischer Probleme?

Amar-Dahl: Paradoxerweise versteht er Krieg als etwas Positives, da er für ihn der Verteidigung beziehungsweise der Sicherheit des Landes dient. Kritisiert wird dann höchstens die Umsetzung. Die Notwendigkeit des Krieges wird dadurch aber nicht in Frage gestellt. Er gilt als ein Muss. Und Krieg ist immer das gewesen, womit Israel seine Ziele erreicht hat: Land sollte nicht nur erobert und besiedelt, sondern als Besitz auch immer wieder gesichert werden. Somit ist Krieg für Peres gleichbedeutend mit unanfechtbarer Selbstverteidigung.

ZEIT ONLINE: Was hat er dann für ein Friedensverständnis, wenn er Krieg als unausweichlich ansieht?

Amar-Dahl: Peres ist fest davon überzeugt, dass Frieden eintreten kann, wenn sich die Araber, einschließlich der Palästinenser, mit der Existenz Israel abgefunden haben. Jetzt ist die Frage: Welches Israel und in welchen Grenzen? Und vor allem: Welcher Status soll den Palästinensern im Kernland und in den besetzten Gebieten zugewiesen werden? Das sind Fragen, die die politische Führung inklusive Peres nicht offen klären wollte oder konnte. Eins wird daraus aber deutlich: Die Palästinenserfrage wird entpolitisiert.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie mit entpolitisiert?

Amar-Dahl: Die Palästinenserfrage zu entpolitisieren bedeutet, sie ausschließlich militärisch zu begreifen. Der Diskurs über die Palästinenser dreht sich nicht um ihre Rechte, sondern um die Frage, wie gefährlich sie für Israel sind. Die Palästinenser werden als Feind und daher als Sicherheitsproblem gesehen. Alles andere kommt gar nicht infrage. Das ist die Tragik des Zionismus.